Via Crucis - eine spirituelle Entdeckungsreise (9)

von Martin Eberts
---

VIII. Triumph des Pragmatischen

Die Soldaten nehmen Jesus seine Kleider ab. Wie selbstverständlich verteilen sie die wenigen Habseligkeiten des Verurteilten unter sich. Dabei eine seltsame Sorgsamkeit: Sie wollen das Übergewand, quasi den Mantel, nicht zerschneiden. Auftrennen und verteilen lässt er sich nicht, weil er aus einem Stück gewoben ist. Zerschneiden kommt nicht in Frage; wäre doch schade… Deshalb wird gewürfelt, wer ihn nehmen darf. Die Gefühllosigkeit des abgebrühten Hinrichtungskommandos kontrastiert mit der Sorgfalt gegenüber materiellen Dingen. Ein Fall von pervertiertem Denken. Aber ist uns das wirklich so fremd? Wird nicht auch in unseren Gesellschaften ständig Sorgsamkeit gegenüber Materiellem gezeigt, auf Kosten des Lebens? Auf Kosten des Lebens Unschuldiger, Hilfloser, Ungeborener, Kranker… Und war nicht der Sold dieser Soldaten ohnehin zu niedrig? Da blieb ihnen gar nichts anderes übrig, da mussten sie nehmen, was sie kriegen konnten. Für so etwas haben wir irgendwie Verständnis.

Zur körperlichen Qual Jesu kommt noch die Erniedrigung hinzu. Schon im Prätorium hatten sie ihn verspottet, sein Königtum, das nicht von dieser Welt ist, mit einer Dornenkrone verhöhnt. Und am Kreuz folgt dann noch Spott von Passanten: Wenn er Wunder wirken kann, warum hilft er sich nicht selbst? Wo er doch anderen so schön geholfen hat! Ähnliches denken viele vielleicht heute noch - nur dass sie das mit den Wundern nicht mehr ernst nehmen; sie waren ja damals nicht dabei und wissen daher, dass das gar nicht sein konnte. Sie fragen sich eher: Warum hat er es überhaupt so weit kommen lassen? Musste er so übertreiben? Wäre doch nicht notwendig gewesen… Aber das ist genau der Punkt: Not-wendig war sein Leiden, es wendete die Not des Menschen für alle Zeiten. Und dass er das alles freiwillig auf sich nahm, daran lässt der Text des Neuen Testaments keinen Zweifel.

IX. Kruzifixus

Was geschieht da?

Die Nägel sind lang und grob geschmiedet, werden durch die Füße und die Handwurzeln geschlagen. Die Schmerzen sind furchtbar und werden wegen des nicht nachlassenden Drucks auf die Wunden immer schlimmer. Der Todeskampf kann sich über viele Stunden hinziehen. Mehr muss man eigentlich nicht wissen über den Tod am Kreuz.

Warum geschieht das?

Ein harmloser Prediger, der für alles Verständnis hat und alles billigt, gerät irgendwie dennoch unter die Räder und wird dann so hingerichtet? Wohl kaum (14). Ein gescheiterter Revolutionär, der zwar nie eine Revolution ausgerufen hat, wird doch irgendwie missverstanden und schafft es nicht, sich da heraus zu winden? Sicher nicht. Beides entspricht modischen, kurzschlüssigen Vorstellungen davon, wer dieser Jesus gewesen ist; das hat nicht einmal entfernte Ähnlichkeit mit dem im Neuen Testament beschriebenen Geschehen. Oder doch ein Menschenopfer, das ein unheimlicher Richtergott verlangt, um seine beleidigte Ehre wiederherzustellen? Das widerspricht nun total dem Gottesbild der Bibel, des Alten und Neuen Testaments.

Die Antwort geht über unsere üblichen Begriffe von Logik oder Recht hinaus. Gott wurde Mensch und litt als Mensch. Also kein Menschenopfer, sondern ein Opfer, das der Mensch gewordenen Gott selbst bringt. Da verstummt auch der Ingrimm der Frage nach dem „warum“ - warum es Leiden überhaupt gibt. Die Frage wird nicht beantwortet, verliert aber ihre Relevanz (15). Nur zum Vergleich: Warum opfert sich eine Mutter für ihr Kind? Sie hätte es ja gar nicht zur Welt bringen müssen, dann wäre ihr das erspart geblieben… Was bleibt ist eine wahrhaft göttliche Liebe, die den Tod und das Böse überwindet. Deshalb ist ein Kruzifix immer ein Zeichen der Hoffnung.

X. In letzter Minute

Der Evangelist Lukas berichtet (16), dass einer der beiden Verurteilten, die mit Jesus gekreuzigt wurden, eine Bekehrung erfährt - buchstäblich in letzter Minute. Er verteidigt Jesus gegen Spott und Vorwurf, bekennt seine eigene Schuld und bittet Jesus: „…denk an mich, wenn Du in Dein Reich kommst“. Eine demütige Bitte, aus der das Bewusstsein der eigenen Schuld und Unwürdigkeit spricht. Die Antwort Jesu überwältigt auch heute noch jeden Leser: „Heute wirst Du mit mir im Paradies sein“. Dieser bekehrte Verbrecher gehört zu den Menschen, denen in der Begegnung mit Jesus während seines irdischen Wirkens eine besondere Würdigung zuteil wurde - etwas, das es so kein zweites Mal geben kann (17). Und jedes Mal steckt darin etwas Zeichenhaftes, eine besondere Lehre. Für den bekehrten Verbrecher auf dem Kreuzigungshügel nimmt Jesus die Erlösung und Befreiung vorweg, die der Menschheit durch sein Leiden und Sterben gegeben wurde. Für die Zeugen der Kreuzigung muss das überwältigend und ungemein tröstlich gewesen sein. Und bis heute zeigt uns diese Station des Kreuzweges: Es ist nie zu spät zur Umkehr; Verzweiflung ist keine Option!

XI. Ein familiärer Moment

In der Stunde seines Todes tut Jesus etwas Erstaunliches. Er, der eigentlich ganz am Ende zu sein scheint, kümmert sich noch einmal um die Seinen. Die Worte, die er an seine Mutter Maria und den Jünger Johannes richtet (18) sind auch nach zwei Jahrtausenden noch sehr anrührend. Und sie geben uns einen unerwarteten Einblick in das Leben Marias. Offenbar stand sie ohne Jesus ganz allein, hatte keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnte. Sie hatte ihn und seine Jünger ja auch schon längere Zeit begleitet. Nun nimmt Johannes sie als „seine Mutter“ zu sich. Er tritt an die Stelle, die anfangs der Hl. Joseph als ihr Beschützer inne hatte, dann Jesus selbst. Man könnte fast ein wenig neidisch werden auf Johannes; muss man aber nicht, denn über alle Zeiten hinweg ist Maria ja auf besondere Weise auch uns als Mutter nah. In ihr wird auch noch einmal sichtbar, wie wenig äußerliche Macht bedeutet, und welche Kraft im Glauben der scheinbar Schwachen und Schutzlosen stecken kann. Und ohne die Mütter gäbe es keine Familienbande, keine Weitergabe des Lebens und des Glaubens. Das ist eigentlich banal, aber wird ihre Rolle, die nun wirklich der wichtigste „Job“ der Welt ist, in unserer Gesellschaft auch wirklich noch gewürdigt?

XII. Der Anfang

Dass die Menschwerdung Gottes in Jesus kein mythisches Konstrukt ist, dass er weder Halbgott, noch Super- oder Über-Mensch war, sondern richtig und wirklich Mensch, mit allen Konsequenzen, dass zeigt sich nirgends deutlicher als in der Todesstunde, die in den meisten Kreuzwegandachten an der zwölften Station betrachtet wird. Auch in dieser letzten und äußersten Konsequenz teilt er unser Menschengeschick, noch dazu in einer Weise, die ihn mit allen gequälten und leidenden Menschen aller Zeiten vereint. Und über seinem Kopf ist da noch das Schild, auf dem Pilatus ihn - multikulturell-mehrsprachig (19) - als „König der Juden“ identifiziert. Da hat uns der römische Statthalter unwissentlich noch einen Wink gegeben - einen Hinweis auf den Zusammenhang von Altem und Neuem Testament.

Über die letzten Worte Jesu am Kreuz sind viele kluge und tiefsinnige Abhandlungen geschrieben worden; ebenso über die physischen Einzelheiten dieses Todes. Aber eigentlich reicht es völlig aus, auf irgendeine Darstellung des Gekreuzigten zu blicken, um zu wissen: Er hat das durchgemacht, er war wirklich tot. Aber er lebt. Und deshalb werde ich auch leben, obwohl ich irgendwann sterben muss. Christen aller Zeiten haben das gesehen und sehen es auch heute jedes Mal, wenn ihr Blick auf ein Kruzifix fällt. Der Tod Jesu war eben nicht das Ende seiner Geschichte, sondern eigentlich erst der Anfang.

XIII. Hilflose Mühen

Joseph von Arimathäa ist einer aus jener Handvoll Menschen, denen in der Begegnung mit dem „historischen Jesus“ eine kurze, aber einzigartige und unwiederholbare Aufgabe zukam.

Er gehörte zu denen, die Jesus gefolgt waren, oder sich ihm zumindest nahe fühlten. Vielleicht hatte er sich nicht deutlicher zu im bekennen wollen, weil es ihn sozial isoliert hätte. Er war schließlich ein wohlhabender und angesehener Mann, der sicher ein gewisses gesellschaftliches Risiko auf sich nahm, als er Pilatus bat, den Leichnam Jesu bergen zu dürfen. Darin immerhin zeigte er Größe und Mut. Sich um einen Hingerichteten zu kümmern, der als Verbrecher rechtskräftig verurteilt war? Wie passt denn das zur hohen gesellschaftlichen Stellung des Mannes? Vielleicht tat es ihm leid, nichts getan zu haben, nichts vermocht zu haben, als Jesus vor Gericht stand. Ähnlich wie die Jünger aus dem engsten Kreis fürchtete er sich sicher, in den Prozess hineingezogen zu werden, oder den Zorn des Mobs auf sich zu ziehen. Die pietätvolle Sorge um den Leichnam wäre dann eine kleine Wiedergutmachung gewesen, wenn auch eine etwas bemühte, hilflose Aktion.

So geht es uns aber auch, manchmal; in kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen. Wir verpassen eine Chance, reagieren nicht richtig, und nachher tut es uns leid. Wir haben gehört, dass unser Nachbar schwer krank war, aber irgendwie sind wir nicht dazu gekommen, ihn zu besuchen. Nun ist er wieder zuhause; na prima. Dann schicken wir jetzt ein paar Blumen - und sind froh, dass wir sie nicht auf sein Grab legen müssen. Wir haben gehört, dass da eine junge Frau zur Abtreibung gedrängt wird, finden das schlimm, kommen aber irgendwie nicht in die Gänge. Wie kann man sich da einmischen? Und dann besuchen wir sie nachher. Zu wenig, zu spät. Joseph von Arimathäa hat immerhin getan was er konnte. Wenigstens das sollten wir uns auch sagen können.

XIV. Schnittstelle zum Transzendenten

Das Grab, in das Jesus gelegt wurde, befand sich ganz in der Nähe der Hinrichtungsstätte. Es wird extra betont, dass es noch neu und unbenutzt war. Offenbar war das keine Selbstverständlichkeit, besonders nicht für einen Hingerichteten. Hier machte sich Joseph von Arimathäa erneut verdient um den Meister; er sorgte für eine würdige Beisetzung. Ein Grab könnte immerhin eine schöne Erinnerungsstätte sein. Wie viele Angehörige von Kriegstoten finden Trost darin, das Grab des Verstorbenen doch noch irgendwann aufzufinden. Ein wenig Trost für Familienangehörige, ja. Ansonsten hat so ein Grab aber etwas Endgültiges, steht für Verlust und Trennung.

Der Gedanke an die „Grabesruhe“ zwischen Tod und Auferstehung Jesu ist kaum zu ertragen; ein letzter und äußerster Beweis der Menschheit Jesu - und seiner Opferbereitschaft. Hinabgestiegen in das Reich des Todes…

Der Kreuzweg endet hier. Kein schnelles Überspringen des Todes, auch wenn wir um die Auferstehung wissen. Es ist gut, das so auszuhalten. Obwohl wir wissen, dass wir selbst - wie Christus - die Auferstehung vom Tode erhoffen dürfen, bleibt uns ja der Blick über den Horizont unseres eigenen Todes verwehrt. Die Perspektive des Kreuzwegs ist die unseres eigenen Lebens. Wir gehen den Kreuzweg betend und meditierend mit Jesus; und er geht unseren - in der Regel unvergleichlich viel leichteren - Weg helfend und ermutigend mit uns (20).

---
Anmerkungen

13) Als „vera icon“, wahres Bild (Christi) wurde der Abdruck des Gesichts eines gefolterten und mit Dornen gekrönten Mannes bezeichnet, der in einem Tuch erhalten blieb und dann als „Schweißtuch der Veronika“ weltweit berühmt wurde.
14) Vgl. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg/Basel/Wien 2006. S. 10 f.
15) Ohne die letzte Antwort, die wir vor dem Jüngsten Tag nicht erhalten werden, abwarten zu müssen, erkennen wir plötzlich - und in der gesamten Religionsgeschichte zum ersten und einzigen Mal - dass Gott das Leiden nicht will, dass er sogar mit-leidet. Und alles für uns!
16) Lk. 23, 40-43.
17) Auf jeweils eigene Weise zählen dazu z.B. Simon von Cyrene, die Frau, die Jesus salbte, die Samaritanerin am Brunnen, oder auch Joseph von Arimathäa (vgl. XII. und XIV. Station).
18) Joh. 19, 26 f.: „Frau, siehe dein Sohn. Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!“
19) „Jesus von Nazareth, König der Juden“, auf Lateinisch (Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, daher die Abkürzung I.N.R.I.), Griechisch und Hebräisch, also in allen damals im Osten des Römischen Reiches und im Hl. Land geläufigen Sprachen bzw. Amtssprachen.
20) Man kann - in Umkehrung eines berühmten „Memento mori“ - sagen: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. Dafür steht das - leere - Grab Jesu.