Krise der Ehe – Krise der Gesellschaft

Krise der Ehe – Krise der Gesellschaft
Säkularisierung, Individualisierung, Sozialpolitik – der seit Jahrzehnten auf den verschiedensten Ebenen geführte Angriff auf die von der staatlichen Rechtsordnung anerkannte Verbindung eines Mannes und einer Frau zeigt Wirkung, und die starke Zunahme nicht ehelicher Lebensgemeinschaften, eine beständig wachsende Scheidungsrate sowie eine rückläufige Zahl der Eheschließungen bestätigen es: Die Bedrohung der Ehe erreicht eine neue Qualität.
von Markus Rüther
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Nichteheliche Geburten im regionalen Vergleich

Die Ergebnisse einer vom Leibniz-Institut für Länderkunde präsentierten Studie sind schockierend, geben aber auch Anlass zur Hoffnung, denn während in Teilen Ostdeutschlands bis zu 70 Prozent der Kinder unehelich geboren werden, liegt dieser Wert in bestimmten Regionen Bayerns und Baden-Württembergs gerade mal bei 15 Prozent. Im Schnitt ergibt sich für Ostdeutschland ein Wert von 57 Prozent, während die Quote im Westen nur bei 25 Prozent liegt. Damit gehören eheliche Kinder im Osten Deutschlands mittlerweile zu einer Minderheit! «Das heißt auch», schreibt Reiner Andreas Neuschaefer auf der überkonfessionellen Plattform für Religionspädagogik und Religionsunterricht der Evangelischen Kirche in Deutschland (rpi), «dass die Mehrheit der folgenden Generation ohne Eltern aufwachsen wird, die sich als Eheleute darum bemühen, Werte zu leben, die füreinander Dauer und für die gemeinsamen Kinder Verantwortung meinen: Nur Du, ich ganz, für immer!» Die Ehe stellt ein Dauerrechtsverhältnis dar, ein öffentlich abgesegnetes Bekenntnis für einen gemeinsamen Weg, den man tatsächlich ein Leben lang gehen möchte. «Es macht eine Kindheit nicht wirklich leichter und unbeschwerter, auf einen solch sicheren und geschützten Lebensraum verzichten zu müssen.»
Zeichen eines grundlegenden Wandels

Die Autoren der Studie (Klüsener/Kreyenfeld) betonen, dass sich bereits vor 1945 innerhalb der heutigen Grenzen der Bundesrepublik ein von Westen nach Osten ansteigender Gradient beim regionalen Niveau der nichtehelichen Geburten beobachten ließ, was auf konfessionelle Unterschiede, Differenzen bei der Säkularisierung und politische Einflussfaktoren zurückgeführt wird. Die Verstärkung der Unterschiede während der deutschen Teilung sind unter anderem Folge einer andersgearteten Familienpolitik: Während die westdeutsche Politik durch das Steuersystem und eine rechtliche Benachteiligung nichtehelicher Kinder Anreize dafür schuf, Kinder innerhalb einer Ehe zu bekommen, privilegierte die DDR-Familienpolitik zeitweise ledige Mütter gegenüber verheirateten. Klüsener/Kreyenfeld: «Nach der deutschen Einheit wurden die westdeutschen sozialpolitischen Rahmenbedingungen auf Ostdeutschland übertragen. Viele Beobachter waren überrascht, dass in der Folge die Nichtehelichenquote im Osten nicht zurückging, sondern auf hohem Niveau verharrte. Nach der Reform des Kindschaftsrechts im Jahr 1998, welche viele rechtliche Benachteiligungen für nichteheliche Kinder und ledige Elternteile beseitigte, ist in Westdeutschland eine steigende Nichtehelichenquote zu beobachten. Auch Ostdeutschland verzeichnete wieder einen deutlichen Anstieg.» Die Autoren stellen fest, dass Deutschland mit dem Anstieg nichtehelicher Geburtenzahlen einer europäischen Entwicklung folgt, die Mitte der 60iger Jahre einsetzte: «Zeichen eines grundlegenden Wandels der Familienstrukturen.»
Schwankendes Fundament

Die immer größer werdende Zahl unehelicher Kinder gerade in Ostdeutschland dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich hier eine Gesellschaft im «Stadium fortgeschrittener Kirchenferne» befindet. Dass Ehe nach römisch-katholischem Verständnis sogar ein Sakrament sein soll, erscheint vielen in Ostdeutschland im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich. Wie Reiner Andreas Neuschaefer betont, bedeutet die lateinische Wurzel des Wortes «sacer» unverletzlich. Doch welchen Sinn hat die Aufforderung aus den Zehn Geboten noch («Du sollst nicht ehebrechen!»), wenn wir auf einen Punkt zusteuern, an dem es kaum noch Ehen geben wird?
Ferner dürfte die Entwicklung auch die Folge eines allgemeinen, vom Mainstream abgesegneten Werteverfalls sein, der unsere Gesellschaft inzwischen soweit prägt, dass sich fast überall, wo früher Vorbilder agierten (Politik, Showbusiness, Filmindustrie), immer häufiger Egoismus und Individualismus die Hand reichen. So wird der Grundwert moralischer und sittlicher Reife zu einem Ideal herabgestuft, das leer bleibt, weil der verbindliche Appell fehlt. Aus der Mitte einer solchen Gesellschaft gehen schließlich Menschen hervor, die einander nicht mehr vertrauen, weil sie sich selbst nicht trauen.
Der Wert der christlichen Ehe (Worte von Papst Benedikt XVI.):

«Der empfindliche Rückgang der Zahl kirchlicher Trauungen ist eine echte Herausforderung, die zu einer Belastung für die Familie wird, deren richtige Gestaltung ja für die Stabilität der Gesellschaft unersetzlich ist. Die Frage der richtigen Beziehung zwischen Mann und Frau hat ihre Wurzeln im tiefsten Wesen des Menschseins und kann ihre Antwort nur von daher finden. Durch ein frei und für immer zugesagtes ‹Ja› bringen der Mann und die Frau ihre wahre Menschlichkeit und ihre Offenheit zum Ausdruck, neues Leben zu schenken. Die Ehe bedeutet, dem anderen in der Liebe zu folgen und so zu einer einzigen Existenz zu werden, zu einem Fleisch, und daher untrennbar, zu einer neuen Existenz, die aus dieser Liebesgemeinschaft entsteht, die vereint und auf diese Weise auch Zukunft schafft.
Mit der alarmierenden Verminderung der katholischen Ehen wird den Kindern das sichere Umfeld verweigert, das sie für ein richtiges Heranwachsen als Menschen brauchen, und der Gesellschaft werden die stabilen Säulen verweigert, die sie nötig hat, wenn der Zusammenhalt und das moralische Zentrum der Gemeinschaft aufrechterhalten werden sollen. Das Sakrament der Ehe ist keine Erfindung der Kirche, sondern es ist wirklich mit dem Menschen als solchem ‹mitgeschaffen› worden, als Frucht der Dynamik der Liebe, in der Mann und Frau einander finden und so auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat.
Um der Gesellschaft ein wahrhaft menschliches Antlitz zu geben, dürfen die Völker das wertvolle Gut der auf der Ehe gegründeten Familie nicht außer acht lassen: sie ist das Fundament der Familie, Erbe und gemeinsames Gut der Menschheit. Daher muss die Kirche unermüdlich verkünden, dass den Plänen Gottes entsprechend, die Ehe und die Familie unersetzlich sind und keine Alternativen erlauben. Die Unauflöslichkeit der Ehe gehört zum Wesen des ‹mächtigen Bandes, das vom Schöpfer festgelegt wurde› (Johannes Paul II.). Die Partner müssen sich verpflichten, eben weil die Ehe im Schöpfungs- und Erlösungsplan so beschaffen ist. Und die wesentliche rechtliche Natur der Ehe liegt eben in diesem Band, das für den Mann und für die Frau eine Erfordernis der Gerechtigkeit und der Liebe darstellt, der sie sich, zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl aller, nicht entziehen können, ohne im Widerspruch zu dem zu stehen, was Gott selbst an ihnen getan hat. Die Ehe ist eine Institution des Naturrechts, die von Christus zur Würde eines Sakraments erhoben wurde; sie ist ein großes Geschenk, das Gott der Menschheit gemacht hat. Achtet sie, ehrt sie!»
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