Wenn man die Kinder dem Dorfdeppen anvertraut

Wenn man die Kinder dem Dorfdeppen anvertraut
Wer etwas gegen den Kulturverfall tun möchte, sollte weniger fernsehen - Die hier beschriebenen amerikanischen Verhältnisse haben auch uns inzwischen vielerorts erreicht ... Sie hatte mich zu einem Arzttermin begleitet. Das Wartezimmer war ziemlich voll und wir fanden nur noch Platz unter einem großen Fernseher, der auf einen Sender eingestellt war, der mehrfach pro Stunde Nachrichten wiederholte. Begriffe, wie „Überfall“, „Messerstecherei“ und „verhaftet wegen Besitz von Kinderpornographie“ tönten in kurzen Intervallen immer wieder während der anderthalbstündigen Wartezeit aus dem Lautsprecher über uns.
von Erin Manning - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Meine Tochter hielt sich die Ohren zu und fragte schließlich, ob sie Musik von ihrem MP3-Player hören dürfte, den sie kürzlich geschenkt bekommen hatte. Obwohl sie eigentlich nur im Auto und zu Hause hören sollte, sagte ich ja, denn es war die bessere Alternative zur Berieselung von oben.
Gerade dieses meiner Kinder reagiert besonders sensibel auf Fernsehnachrichten. Sie war erst fünf Jahre alt, als wir den 11.September 2001 mit anderen Familienangehörigen in einem Ferienhaus erlebten. Wir Erwachsene hatten uns um den Fernseher versammelt und sahen entsetzt, immer wieder die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers krachen. Leider kam niemand von uns, auch ich nicht, auf den Gedanken, welchen Eindruck diese brutalen Bilder auf das Kind in unserer Mitte haben würde.
Heute denke ich schon darüber nach. Läden, Restaurants, Wartezimmer, Autowerkstätten und viele weitere Bereiche werden heute mehr und mehr mit Flachbildschirmen ausstaffiert, einer wahren Plage, die immer mehr Eltern zur Auseinandersetzung mit dieser kulturellen „Errungenschaft“ zwingt.
Als Hillary Clinton einmal sagte, dass es eines ganzen Dorfes bedürfe, ein Kind aufzuziehen, waren viele Konservative über die Wortwahl erzürnt. Zu Recht, denn viele sind sich sicher, dass Mrs. Clinton mit den Begriffen „Dorf“ einen „ausufernden sozialistisch geprägten Versorgungsstaat“ und mit „aufziehen“ die „Usurpation der Familienfunktion sowie Übernahme der Elternrolle“ durch den Staat im Sinn hat.
Eltern wissen gut, dass es nicht eines ganzen Dorfes bedarf, ein Kind aufzuziehen. Aber Eltern wissen genauso gut, dass es unmöglich ist, Kinder zu erziehen, ohne dass die vorherrschende Kultur der Gesellschaft einen Einfluss hätte. Und gerade da liegt heute das Problem in einer Gesellschaft, deren kulturelle Wurzeln immer mehr vertrocknen.
Beispiele hierfür gibt es überall. Wir sehen Hochglanzmagazine mit spärlich bekleideten Frauen und schlüpfrigen Titelzeilen, die nicht irgendwo in einem Fensterlosen Erotik-Shop angeboten werden, sondern an den Kassen der Supermärkte in Augenhöhe von Schulkindern, die gerade Lesen lernen. In Läden für Haushaltswaren werden wir mit plattem Singsang irgendwelcher Sex-strotzender Schlager dauer-berieselt. Hinzu kommen nun beinahe überall kleinere oder größere Fernsehflächen, deren grelle Bilder im Verbund mit eindringlichem Klang unermüdlich die Arglosigkeit von Kindern attackieren.
Es fällt Erwachsenen schon schwer, die Ströme von Schwachsinn und Unrat, die das Fernsehen bringt, auszublenden. Kinder haben diese Fähigkeit nicht; bewegte Bilder ziehen sie unweigerlich in ihren Bann. Immerhin sind in unserer Pizzeria alle Fernseher auf Sportprogramme eingestellt und die Kommentare nur als Untertitel –ohne Ton- eingeblendet, sodass die Kinder dort relativ wenig abgelenkt sind.
Als wir aber einmal im Restaurant einer Fast-Food-Kette einkehrten, war ich schon negativ gestimmt, eine Situation, wie vorher, beim Arzt anzutreffen: Fernseher an den Wänden, die am laufenden Band ein Nachrichtenprogramm wiederholten. Ich fand es absolut unpassend, in einem Restaurant, dass für Kinder durch seine allseits bekannte Clownfigur und seine Spielecke besonders attraktiv ist, aufregende und brutale Nachrichten, nahtlos gefolgt von seichten Versatzstücken über die „Probleme“ der Reichen und Schönen, geboten zu bekommen. Eigentlich sollten die Betreiber das beliebteste Kindermenu anders benennen, vielleicht „leichtes Depressionsmahl“ („mildly depressed meal“ im Gegensatz zu „Happy meal“ [Anm. des Übersetzers])
Die Lösung des Problems scheint eigentlich ganz einfach: Eltern könnten darum bitten, den Fernseher auf ein Kinderprogramm um-, oder ganz abzuschalten, nicht wahr? Da diese Geräte außer Reichweite, nur per Fernbedienung gesteuert werden können, bedeutet dies, einen Angestellten zu bitten, in Aktion zu treten. Offene Ohren wird man allerdings nicht finden, wenn der Raum voller erwachsener Gäste ist, die alle fernsehen wollen. Ein solches Ansinnen festigt im Übrigen die Wahrnehmung, dass man zu der Sorte Eltern gehört, die ihre Kinder abschotten und ihnen das „kulturell verbriefte Recht“ ungehinderten Zugangs zu jeder Fernsehsendung streitig machen möchte.
Es ist noch schlimmer, wenn das Fernsehen ausgewiesene Kindersendungen bringt. Eltern, die ihre Abneigung gegen vulgäre Trickfilme oder PG-klassifizierte Filme (Parental Guide = unter Anleitung der Eltern zu sehen [Anm. des Übersetzers]), die von Gewaltszenen und unzüchtigen Anspielungen strotzen, zum Ausdruck bringen, werden mit unfreundlichem Befremden angeschaut, als hätten sie soeben gestanden, ohne Elektrizität zu leben und ihre Amish – Kleider nur zu verbergen. Ich habe besorgte christliche Eltern erlebt, die über die Eignung einiger Disney-Produkte, oder die Possen eines würfelförmigen, gelben, anthropomorphen Schwammes für ihre Kinder heftig diskutierten. Die meisten Menschen stehen auf dem Standpunkt, dass es abwegig ist, solche Fragen überhaupt zu diskutieren, anstatt den Kindern zu erlauben, zu sehen, was ihre Freunde auch sehen. Für den Zeitgeist ist jedes Anlegen elterlicher Wertmassstäbe bei den Unterhaltungsangebote für ihre Kinder unzulässig, also sozusagen eine Kultursünde.
Die Familie, die sich entscheidet, ihre kulturelle Beeinflussung sinnvoll zu begrenzen, ist wertorientiert, natürlich, dies aber nur im Bezug auf die Kultur, die den Zeitgeist prägt, nicht jedoch im Bezug auf die Mitmenschen. Es ist überdeutlich, dass unsere Gesellschaft keine gesunde Kultur pflegt; die gemeinsamen moralischen Fundamente sind verschüttet, man entfernt sich vom Glauben und wir sehen einen nicht enden wollenden Karnevalszug unverantwortlicher Individualisten mit unmoralischen Angriffen auf menschliche Beziehungen und Sexualität.
Kulturen, die diesem Weg gehen, können auf keine erfüllte Zukunft hoffen; was wir heute erleben, ist ein massiver Angriff auf einen Lebensstil, der Gott als zentrale Größe anerkennt und der Familie und freudige Zuwendung zu den Anderen höher schätzt, als ungezügelten Individualismus und Sucht nach eigenem Vergnügen.
Eltern, die sich, in Verantwortung vor Gott und ihrer Familie, zu einem Leben gegen den Zeitgeist entschließen, werden aus eben dieser Verantwortung heraus entscheiden, wie viel Fernsehen ihr Kind sehen darf. Alles Andere würde bedeuten, das Kind zwar nicht dem Dorf, aber dem Dorfdeppen anzuvertrauen.
Aber je mehr sich Eltern bemühen, ihre Familie von solchen kulturellen Einflüssen zu verschonen, umso stärker werden diese. Ein ganz normaler Tag mit Besorgungen und Mittagessen außer Haus, wird zur Herausforderung, den Einflüssen zu wehren, denen Kinder auf ihrem Hindernislauf durch zweifelhafte Zeitschriften, seichte Musikberieselung und immer häufiger auch, durch aufdringliche Fernsehbilder ausgesetzt sind. Alle sind eindrückliche Beispiele dafür, was Mama und Papa ihnen zu sehen, zu hören, zu verinnerlichen und von dieser, sie umgebenden Kultur zu lernen, eigentlich ersparen möchten.
Eltern, die die zwanglose Unmoral der Kultur ablehnen, wissen, dass nicht jedes Dorf ein vertrauenswürdiger Partner in der moralischen Erziehung der Kinder ist. Aus unserer Sicht hat das Dorf keinerlei Motivation, die Kinder zu fördern, im Gegenteil, es will sie zerstören.
Dabei sind die Fernsehflächen, die sich überall im öffentlichen Raum vermehren, nur die jüngste Bedrohung und bestätigen erneut unsere Auffassung, dass nämlich längst nicht alles, was man im Fernsehen sehen kann, das Anschauen wert ist.
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Erin Manning ist Schriftstellerin in Fort Worth, Texas. Sie bloggt auf > And Sometimes Tea.
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