Längeres Spielen im Freien schützt Kinder vor Kurzsichtigkeit

von Dr. med. Wolfgang Hanuschik (Augenarzt)
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Kurzsichtigkeit (Myopie) stellt die häufigste Fehlentwicklung des Auges in der ersten Lebenshälfte dar. Dabei wächst das Auge zu sehr in die Länge, so dass die Netzhaut ein unscharfes Bild erhält, wenn man in die Ferne blickt. In den Industrienationen sind etwa ein Drittel der Bevölkerung kurzsichtig, in den Großstädten Asiens teilweise über 90 Prozent. In Ländern mit schneller Industrialisierung kam es zu einer dramatischen Zunahme der Kurzsichtigkeit, zum Beispiel zu einer Verdoppelung der Kurzsichtigkeit bei Achtjährigen in Taiwan von 1995 bis 2005.

Nicht umsonst ist die Aufklärung der Ursachen von Kurzsichtigkeit bisher nicht sehr gut gelungen: Es handelt sich um eine komplexe Wechselwirkung von Umwelt und Genetik. Sicher ist, dass die Einflüsse der Umwelt umso klarer zu Tage treten, je unterschiedlicher Kinder leben: Lebten sie immer in Städten, ist deren Kurzsichtigkeit um ein Vielfaches häufiger als in wenig entwickelten ländlichen Gegenden. Umgekehrt zeigt sich der Einfluss der Genetik umso klarer, je ähnlicher die Lebensweisen sind. Wenn beide Eltern kurzsichtig sind steigt das Risiko der Myopieentwicklung bei den Kindern um das dreifache.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt die Beschäftigung mit dem Computer. Der Computer öffnete zwar das Tor zur großen weiten Welt, aber er kann durch die erforderliche Nahfixation die Entstehung der Kurzsichtigkeit fördern. Sein Siegeszug ist daher ein wichtiger Grund dafür, warum sich die Kurzsichtigkeit in den Industrieländern deutlich ausgebreitet hat. Die Erklärung dafür ist diese: Naharbeit verlangt unseren Augen mehr Anstrengung und Energieaufwand ab als das entspannte Sehen aus dem Fenster in die Ferne. Der Muskel, der unsere Augenlinse beim Nahsehen stärker wölbt, muss ständig angespannt werden. Das Auge macht es sich bequemer, indem es in die Länge wächst, weil dadurch die Nähe entspannter zu betrachten ist.

Viele Studien einschließlich der kürzlich erschienenen "Gutenbergstudie" aus Mainz (2015) haben gezeigt, dass Kurzsichtigkeit eng mit dem Ausbildungsstand verknüpft ist. Ausbildung beinhaltet mehr Lesen und mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen. Aber ist es nur das Lesen- oder kommen noch andere Faktoren hinzu?

Eine besondere Rolle nimmt zusätzlich der Faktor Tageslicht ein. "Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass der Aufenthalt im Freien bei Kindern einer Kurzsichtigkeit entgegenwirkt - vermutlich wegen der besseren Lichtverhältnisse", erklärt der DOG-Experte Prof. Dr. Frank Schaeffel von der Universität Tübingen. Denn in Innenräumen werden meist nicht mehr als 500 Lux erreicht, an sonnigen Tagen im Freien dagegen selbst im Schatten etwa 10 000 Lux, wie der Wissenschaftsjournalist Elie Dolgin unter Berufung auf australische Forschungsergebnisse im Wissenschaftsjournal “Nature“ vom 19. März 2015 schreibt. Demnach schätzt Morgan, dass Kurzsichtigkeit bei Kindern verhindert werden kann, wenn sie täglich etwa drei Stunden lang mindestens 10 000 Lux ausgesetzt sind.

Empfehlung für Eltern

Der Fehlsichtigkeit lässt sich womöglich relativ einfach vorbeugen oder entgegenwirken: Mehrere Studien haben ergeben, dass Kinder umso seltener eine Kurzsichtigkeit entwickeln, je häufiger und länger sie sich im Freien aufhalten. Helles Licht fördert nämlich die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut und verhindert somit das unphysiologische Längenwachstum des Augapfels, erklären die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) anlässlich eines Fachartikels in „Nature“ 2015. Lassen Sie also Ihre Kinder genügend im Freien spielen, joggen, Fußballspielen, Fahrradfahren oder- im Garten mitarbeiten. Noch ein Tipp: ein eigenes kleines Beet ist für sie oft spannender als der Sandkasten.