Die Enzyklika ,Laudato si‘: Ein Aufruf des Papstes, die menschliche Natur zu respektieren

von Robert Z. Cortes - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Papst Franziskus umfassende und schön formulierte Ökologie-Enzyklika mit dem Titel ,Laudato si’ ist vor kurzem erschienen. Die Überschrift nahm er aus der ersten Zeile des sog. Sonnengesangs des hl. Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr“. Von Anfang bis zum Ende ist auch die Enzyklika ein Lobpreis Gottes

The Atlantic schreibt kurz und bündig: „was diese Enzyklika auf keinen Fall ist, ist ein Liebesbrief an Greenpeace. Franziskus nimmt eine Führungsrolle bei Umweltfragen als katholischer Theologe ein, nicht jedoch als liberaler Umweltaktivist.“ Er behandelt das Thema in seinem eigenen Zuständigkeitsbereich, aus Sorge um das Wohlergehen der Menschen, insbesondere der Armen. In der Tat ist seine „Umwelttheologie“ eine Manifestation der vorrangigen Option der Kirche für die Armen. Sie ist auch Weiterentwicklung in Kontinuität zu seinen Vorgängern auf dem Stuhle Petri, von Johannes XXIII. bis zu Benedikt XVI., die er häufig in diesem Dokument zitiert.

Die Enzyklika ist jedenfalls revolutionär. Sie ist die erste, die hauptsächlich die Ökologie thematisiert. Sie hebt sich jedoch radikal von anderen Publikationen zu Umweltfragen ab, da sie die Sünde als Wurzel der Probleme klar benennt, aber auch Lösungswege aufzeigt.

Im ersten Teil behandelt der Papst Umweltverschmutzung, Klimawandel, Wassermangel und den Verlust von Biodiversität. Doch spricht er nicht darüber, um sich dem Zeitgeist anzubiedern, sondern auf die Konsequenzen hinzuweisen, die eine Missachtung der Fragen letztendlich mit sich brächte: Leid der betroffenen Menschen. Der Blick auf sie ist für den Papst unendlich wichtig. So muss man sich nicht wundern, dass der Papst kurz danach von den Umweltproblemen zu den ökonomischen, sozialen und kulturellen Themen wechselt. Doch geht er noch einen Schritt weiter auf die „Ökologie des täglichen Lebens“ ein. Hier verknüpft der Papst die Ökologie mit ihrem tiefsten Sinn und ihrer Wurzel: der menschlichen Person und der Gemeinschaft, in der er lebt. So ist es nur logisch, dass Franziskus an Benedikts XVI. Aussagen erinnert, dass es eine „Ökologie des Menschen gebe und deshalb der Mensch eine Natur besitze, die er respektieren müsse und die er nicht zum eigenen Vergnügen manipulieren dürfe“.

Er lässt dies nochmals in einer Aussage anklingen, die die ganze Enzyklika zusammenfassen könnte: „Eine ganzheitliche Ökologie verlangt Offenheit gegenüber Kategorien, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden.“

Mit anderen Worten: die fundamentalen Antworten auf Umweltfragen gehen tiefer als kluge Überlegungen zu Biodiversität und Wasserknappheit. Sie verlangen eine Rückbesinnung auf Anerkennung und Respekt der menschlichen Natur. Nur dann können Umweltprobleme ernsthaft angegangen werden; anderenfalls gibt es nur kosmetische Korrekturen, die letztlich ineffektiv bleiben. Ein wahrlich radikaler Ansatz, doch zeigt sich bedauerlicherweise, dass die Gesellschaft genau in die entgegengesetzte Richtung marschiert.

Anstatt z. B. die menschliche Person, so wie sie ist, zu akzeptieren und zu respektieren, ihr beizustehen, wo es nötig ist, werden Versuche als „mutig“ und „ehrlich“ begrüßt, die Realität menschlicher Natur zu bagatellisieren, zu beschneiden oder zu zerstören. Hier möchte ich besonders auf Bruce Jenner’s gefeierte Geschlechtsumwandlungs-OP hinweisen und auf den Irrweg, den die Iren in einem Referendum zu beschreiten sich entschlossen haben.

Zu solchen Dingen sagt der Papst in seiner Enzyklika nicht: „Wer bin ich, um zu richten?“ Er sagt vielmehr ganz offen: „Eben deshalb ist die Einstellung dessen nicht gesund, der den Anspruch erhebt, den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil er sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht.“ Er hat recht, denn solche Trends reduzieren die menschliche Person auf Gefühle, subjektive Bedürfnisse oder einfach den Körper.

In einer Zeit, wo ein solch vehementes Bedürfnis nach Wiederherstellung einer unbelasteten Umwelt besteht, ist es unfassbar, dass es Leute gibt, die zu Zerstörung der menschlichen Natur ermuntern. In diesen Wirrungen macht der Papst in seiner Enzyklika klare Aussagen: Förderung des Lebens, Respekt vor der menschlichen Person, Schutz der Familie. „Doch möchte ich hier besonders die zentrale Bedeutung der Familie hervorheben… Im Gegensatz zur sog. Kultur des Todes begründet die Familie den Sitz der Kultur des Lebens.“ Da er in den vergangenen Monaten in seinen Mittwochs-Audienzen ausschließlich über Familie sprach, ist seine Botschaft hier unmissverständlich.

Die Enzyklika kommt genau zur rechten Zeit. Sie kommt, da die Welt an den Folgen des Missbrauchs von Menschen leidet und ihre Moral, sowie ihre Spiritualität durch menschliche Hybris aus der Bahn geworfen wird. Sie kommt, um Regierungen, Internationale Körperschaften und wissenschaftliche Vereinigungen an ihren eigentlichen Daseinszweck zu erinnern: für den Menschen da zu sein und aufrichtig in ihren Bemühungen zu bleiben, eine humane Gesellschaft zu entwickeln.

Aber zu allererst sagt sie aus, dass jede ernsthafte Lösung beim Individuum ihren Anfang hat: „Die ökologische Krise ist ein Aufruf zu einer tiefgreifenden inneren Umkehr.“ Das Wort Individuum muss hervorgehoben werden, denn wir treffen Entscheidungen als Individuen, egal, ob allein oder als Gruppe, für Wohl oder Wehe unserer Umwelt.

In diesem Sinne ist Papst Franziskus wahrhaft radikal, der ernsthaft seine Version einer „grünen Revolution“ vorantreibt. Doch ist sie weniger „grün“ als vielmehr „menschlich“.

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Robert Z. Cortes ist Doktorand für Soziale institutionelle Kommunikation an der Päpstlichen Universität vom hl. Kreuz, Rom. Er erwarb einen Master für Menschenführung an der Columbia University, N.Y.