Brauchen Schulen wirklich Lehrer?

von Anya Kamenetz - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Sein erstes Projekt von 1999, das er „Hole-in-the-Wall, (Guckloch)“ nannte, erlaubte Schülern in Delhi, sich mit Hilfe von PCs frei im Internet zu bewegen. Sein Vorschlag für den TED Preis, den er „School in the Cloud“ betitelte, bezog sich auf ein Computerlabor für 8 bis 12jährige Kinder in Indien, die via Internet mit freiwilligen Tutoren Kontakt aufnehmen können, deren Funktion weniger in direkter Unterweisung als vielmehr in der Motivation der Schützlinge besteht. Bei anderer Gelegenheit nannte er die Tutoren auch die „Oma-Cloud“.

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Mitra beschreibt das Ideal Technologie-basierten Lernens in seiner reinsten, unverfälschten Form: ein Kind und ein Computer. Nicholas Negroponte, Gründer des „One Laptop Per Child Projekts“, folgt einer ähnlichen Strategie: seine Organisation hat kürzlich Tablet-PCs an Kinder in Äthiopien verteilt, beinahe ohne sie in ihren Gebrauch einzuweisen oder weiter zu unterstützen.

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Einerseits trendigste Technologie wohlbekannter Hersteller, deren Verbindung zu innovativen Protagonisten des Erziehungswesens, wie Sir Ken Robinson und Sal Khan bekannt ist, die sich für das Internet als Komplettlösung für die schulische Ausbildung von Kindern stark machen.

Eine gegenteilige Meinung vertritt das „Bildungsestablishment“, das solche Projekte als verrückt und untauglich ansieht. Eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern kann keinen positiven Lerneffekt ausschließlich durch Computerarbeit erkennen. Im Hinblick auf seine eigenen Erkenntnisse, die auf Experimenten seit 1999 beruhen, findet man auf Mitras Website: „Es wurde wegen der vorläufigen Natur der Ergebnisse nicht viel publiziert.“ Ein unabhängiger Report kommt zu dem Schluss, dass diese Bildungsmethode „nicht sehr effektiv“ sei, da sie nur Lernen auf niedrigem Niveau ermögliche. Einige seiner eigenen Studien über das SOLEs Projekt, gab Mitra zu, wurden von einschlägigen Fachzeitschriften zurückgewiesen.

„SOLEs kann überall, mit oder ohne Lehrer, angewandt werden“, behauptete Mitra vor einigen Wochen in einem Kommentar zu einem Blog über Ausbildung. „In den Händen guter Lehrer sorgt SOLEs für gute Lernergebnisse. Ist kein Lehrer zugegen, werden teilweise erstaunliche Ergebnisse produziert. Deshalb bin ich überzeugt, dass es notwendig ist anzufangen. Schulen können heute nicht ohne Lehrer auskommen, doch gibt es viele Orte, wo überhaupt keine Schule vorhanden ist oder gebaut wird.

Mitra spart nicht mit wohlbegründeter Kritik am traditionellen Erziehungssystem und Ratschlägen, was verändert werden müsse, um mit den Anforderungen des Internet- Zeitalters Schritt zu halten. Sein Insistieren, dass traditionelles Lernen obsolet sei und seiner Alternative des „Minimal Invasiven Lernens“ die Zukunft gehöre, brandmarkt Lehrer als Lernbremse, die der Innovation mehr schaden als sie zu fördern. Natürlich ist Neugierde unabdingbarer Bestandteil des Lernprozesses und mag nicht immer im Schulalltag voll befriedigt werden; die Vorstellung jedoch, dass Kinder, die ihrer eigenen Neugier folgen, diese mit Hilfe digitaler Technologie in sinnvolles Lernen überführen können, hat die Anmutung einer naiven technokratischen Fantasie.

Unterstützer des „drop computers from a helicopter“-Modells argumentieren häufig, dass damit den etwa 100Mio Kindern in der Welt geholfen werden kann, die gar keine Schulbildung erhalten. Kritiker nennen diese Vorgehensweise einen verbrämten Kolonialismus. Der wirkliche Test für Befürworter einer radikalen Vorgehensweise im Bildungsbereich ist nicht, ob diese den ärmsten Kindern dieser Welt zugute käme, sondern ob jemand diese seinen eigenen Kindern zumuten würde.

Anya Kamenetz bloggt für The Hechinger Report. Dieser Beitrag wurde mit ihrer Erlaubnis publiziert.