Die Lernkultur der Zukunft

Die Lernkultur der Zukunft
Zu den Höhepunkten im Leben eines Rezensenten gehören jene Momente des Glücks, in denen sich eine Publikation, die zur Begutachtung übergeben wurde, in einen Baum der Erkenntnis verwandelt. Die Rezeption gleicht dann einem Wunder: Gedanken, Einsichten und Ideen von großer substantieller Dichte initiieren, kaum dass sie geerntet wurden, einen Prozess des Umdenkens. Ein neues Weltbild entsteht. So führen uns die 25 filmischen Diskurse des Filmemachers und Journalisten Reinhard Kahl, die nun als DVD (inklusive Begleitbuch) im Handel erhältlich sind, von Skandinavien nach Kanada und zurück in die Schweiz und schließlich nach Deutschland an Orte, an denen Schule vollkommen neu definiert wird und auf eine Weise gelingt, von der wir immer geträumt haben. Ein trendsetzender Einbruch in die monotonen Gefilde einer von pädagogischen Sonntagsreden geprägten Diskussionslandschaft.
von Mark Rinasky
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Stille Revolution

Schulen, auch die deutschen, befinden sich im Umbruch. Eine neue Lernkultur entsteht: Individuelle Lehrmethoden sind das Kernstück der inneren Schulreform, auf die viele so lange gewartet haben. Selbstregulierung, nicht Außensteuerung heißt das Leitprinzip. Hierbei geht es nicht allein um eine neue pädagogische Methode, wie der Autor in einem der beiden Essays betont, sondern um eine andere Lernkultur; aus Belehrung wird kooperatives Lernen, Freizeit und Arbeit werden ineinander verwoben, Herausforderung und Leidenschaft und nicht mehr Drill und Ernüchterung sollen den Schulalltag bestimmen, was auch in einer neuen Begrifflichkeit zum Ausdruck kommt: der Raum als «dritter Pädagoge». Das Klassenzimmer avanciert zur Lernwerkstatt, zum Atelier, Schreib- und Lesestudio. Die Schule: ein Gasthaus. Dass es sich hierbei nicht nur um Worte handelt, davon zeugt das dreistündige Filmmaterial.
Von der Industrie- zur Ideen- und Wissensgesellschaft

Schule kann immer nur auf die Gesellschaft vorbereiten, die sie umgibt. Außensteuerung, Ausführen und Disziplinierung – der Dreiklang des Industriezeitalters. «Lernen geriet in die Nähe von Fronarbeit.» Mochte die «Schule, die das eigene Leben auf eine ferne Zukunft vertröstete», auch der deutschen Wirtschaft an die Weltspitze verhelfen, im Übergang zur Wissensgesellschaft, wo eintönige Arbeit an Maschinen delegiert wird, sind neue Losungen gefragt. Kreativität und Problemlösungskompetenz stehen ganz oben auf der Agenda. «Weniger Angst und mehr Zutrauen.» Dies entspricht dem neuen Entwicklungspfad der Menschheit.
Die neue Choreographie des Lernens

Lernen im 21. Jahrhundert, argumentiert der Züricher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, sei nicht mehr als Einwirkung, sondern als Wechselwirkung zu verstehen. «Lernen wurde zu lange als die passive Seite von Belehrung verstanden, nicht als konstruktive Leistung aktiver Individuen» (Reinhard Kahl); es gelte, Abschied zu nehmen von der «pädagogischen Kolonne, die, um den Lehrplan zu erfüllen, im Gleichschritt durch die Schuljahre zieht – erst noch ganz froh, dann immer müder ... auf eine verzweifelte Weise ‹motiviert›». Gehirnforscher Wolf Singer: «Das Gehirn muss in den entscheidenden Reifungsprozessen die Initiative haben.» Wird der Eigensinn der Schüler nicht respektiert und als Quelle möglicher Störungen im Keim erstickt, sind chronische Scharmützel vorprogrammiert. Vielleicht wurde Schule gerade deshalb in den letzten Jahren zunehmend zum Kampfplatz, da die Choreographie des Lernens nicht den Gegebenheiten angepasst wurde und die Schule das in der Gesellschaft übliche Zivilisationsniveau nicht widerzuspiegeln vermochte.
«Forschen und Zuhören, Lernen und Spielen – diese Elemente steigern sich im Wechselspiel.» So fördert die neue Schule den Eigensinn jenseits von Vereinzelung und Egoismus bei gleichzeitiger Steigerung des Gemeinsinns, denn je mehr Individualität (Bestimmung des Lerntempos, Selbstgestaltung u.v.a.m.) sie zulässt, desto mehr kann das Gefühl für Verbundenheit gestärkt werden. Ein nur scheinbares Paradox, das sich bei Betrachtung der filmischen Beiträge, in denen nicht nur zahlreiche Akteure und Lernwissenschaftler, sondern vor allem die Schüler selbst zu Wort kommen, rasch auflöst.
Logik des Gelingens: «So früh das Lernen beginnt, so lange hält sich der Ernst des Spiels»

In den Schulen, die Reinhard Kahl begleitet, bilden nicht nur Individualisierung und Zusammenleben das Yin und Yang der Bildung im modernen Verständnis, auch Lust und Leistung verhalten sich, von der Feuer-Wasser-Polarität befreit, wie zwei Elemente, die erst in ihrer Ergänzung zur Vollendung finden. Dies ist die kopernikanische Wende in der Pädagogik, deren mögliche Realisierung im Zentrum fast sämtlicher Beiträge steht. Dass Kinder nur dann mitmachen, wenn sie sich in der Schule wohlfühlen, «wenn man ihnen nicht mit dem späteren Leben droht und damit ihre Gegenwart angreift» – das erfährt die alte Schule (in der Krise) und die neue (im Aufbruch), in der auch Verschiedenheit nicht mehr als Handicap betrachtet wird. «Altersgemischte Gruppen sollen die Unterschiede sogar noch verstärken, denn darin werden Lern- und Entwicklungsanreize gesehen.» Tatsächlich scheint die Anerkennung der Mannigfaltigkeit, wie etliche Filmbeispiele eindrucksvoll belegen, die Schüler zu stimulieren und ihre soziale Kompetenz tiefgreifend zu fördern.
Lehrer: der gute Geist im Raum

Der Selbstverständlichkeit Rechnung tragend, dass jeder Mensch sein eigenes Lerntempo hat, können die Schüler oftmals zwischen Wiederholung und Erweiterung wählen und, die Eigenzeit kultivierend, ihre spezifischen Interessen in der Gemeinschaft ausbilden, während sich der Lehrer darauf «beschränkt», Autor und Regisseur des Unterrichts zu sein, den Gesamtablauf dirigierend. Ein Gastgeber, ein Trainer, ein Arrangeur – ein Geburtshelfer. Utopia? Oder die sinnstiftende Neuorientierung schulischer Prozesse, die bereits die Gegenwart erfasst hat? Fragezeichen, die von den Essays, den Statements der Betroffenen und nicht zuletzt von jenen Bildern und Szenen, die für sich selbst sprechen, gelöscht werden.
Offene Architektur des Lernens

«Man sieht, dass vieles, was manch einer bisher nur hoffte und andere gar nicht für möglich hielten, tatsächlich geht und vielerorts sogar schon Alltag geworden ist»: Plötzlich wird Schule zu einem Ort, nach dem sich Schüler sehnen, wenn sie mal krank sind! Die Hingabe der Schüler hält, das Auskühlen der Interessen bleibt aus. «Kinder wollen immer! Nur nicht immer dasselbe wie die Erwachsenen. Und nicht immer zur selben Zeit.»
Der Abschied vom pädagogischen Einzelkämpfer, einer weit verbreiteten Vorstellung von «Individualisierung», die «tatsächlich auf Isolierung und Überforderung hinausläuft», ist der erste Schritt zur Veränderung der Schulkultur. Lehrer arbeiten in Teams zusammen, sie lassen sich in die Karten schauen und entdecken auch an sich selbst Stärken und Schwächen. «Das gehörte bisher nicht zu ihrer professionellen Tradition.» Nun erfahren sie, «wie mit der Ausweitung der Zusammenarbeit die Schärfung ihrer Besonderheiten einhergeht» und dass sich Arbeitsteilung und Teamarbeit gegenseitig bedingen, wovon nicht zuletzt die Schüler profitieren. Die Arbeit der Pädagogen gewinnt an Qualität. «Lehrerteams entlasten. Außerdem sind kooperierende Lehrer ein ganz anderes Vorbild für Schüler als Einzelkämpfer.»
Die fünfte Disziplin

Das knapp 130 Seiten starke Booklet, das der DVD beiliegt, räumt mit manchen Vorurteilen auf und wirft ein neues Licht auf vertraute, zum Teil verschüttete Ideen. Filmmaterial und Texte gehen Hand in Hand, und doch ist es mehr als ein gewöhnliches Begleitbuch. Die aufwendige Gestaltung überzeugt ebenso wie die Bündelung einer Vielzahl von Informationen zum Thema quer durch alle Disziplinen (Gehirnforschung, Philosophie, Ökonomie); immer wieder überraschen die Texte den Leser gerade dort, wo Theorie und Praxis zur Deckung kommen.
So erfahren wir, dass Peter Senge vom MIT (Massachusetts Institute of Technologie) 1990 das «Konzept der Ganzheit durch systemisches Denken» in seinem Buch «Die fünfte Disziplin» entwickelte. Senge geht davon aus, dass Organisationen wie Schulen nicht mehr vermögen, als Individuen zu verbinden. Eine nicht zu unterschätzende Leistung. «Sie schaffen ein Milieu für Kreativität und Zusammenarbeit.» Eine Basissicherheit. Gelingt dieser Prozess, fühlen sich Kinder angenommen und Zuhause. Spielräume werden zurückgewonnen, denn vom Zusammenleben gehen wichtige Impulse aus. Im Clip Nr. 10, der sich einem der angesehensten Gymnasien in Schweden widmet, wird diese These durch eine Lehrerin gestützt, die freimütig zu Protokoll gibt: Wir arbeiten zusammen, wir leben zusammen, wir sind den ganzen Tag hier. «Der Innenraum der Schule wird gedehnt. Das Lernen wird nachhaltiger.»
Höheres Niveau der Kommunikationsprozesse

Immer wieder staunen Besucher der Schulen «über den Ernst, die Gewissenhaftigkeit und die Arbeitshaltung der Kinder», die auf ihre Verantwortung, nicht auf ihre Freiheit angesprochen werden. «Alle arbeiten auf unterschiedlichem Niveau und in wechselnden Konstellationen zusammen» – konzentriert, ausdauernd, gelassen. Freudig und entspannt. Wie beglückend diese Erfahrung für sämtliche am Prozess Beteiligten ist, wird nicht nur auf eindrucksvolle Weise dokumentiert, die herausragenden Ergebnisse, die diese Schulen vorweisen können, bringen auch die Skeptiker zum verstummen. «Förderung der Breite und Steigerung der Leistungsspitze schließen sich offenbar nicht aus.»
Ansteckende Gesundheit

Im Verlauf der Filmsequenzen wird allerdings deutlich, dass der Wandel von der alten zur neuen Schule ein außerordentlicher Prozess ist, der nur dann gelingt, wenn Mut und fester Entschluss vorhanden sind. Was sich auf natürliche Weise reguliert, verlangt nicht nur ein hohes Maß an Vorbereitung, sondern eine Erneuerung der Schulen von innen, ein komplettes Umdenken. Und Einsatz. «Eine Schule, die viel verlangt, muss viel geben.» Schulleiter bestätigen, dass Gesetze nichts bewirken können, denn die Wirkung muss von der Schule ausgehen. «Dann werden die Gesetze angepasst. Nicht umgekehrt!» Tatsächlich arbeiten in der Schweiz Pionierschulen so erfolgreich, dass inzwischen das Schulgesetz modifiziert wurde. Aber auch andernorts bauen immer mehr Schulen «ihr Schulsystem einfach um, denn die alte Schule der Industriegesellschaft kann nicht die Schule der Zukunft sein».
Lernen – das größte Projekt des Lebens

Unsere Schulen sind leistungs- und nicht lernorientiert. Werden Schüler nicht von ihren Potentialen her betrachtet, sondern als Fässer, die gefüllt werden müssen, verlieren sie schnell das Interesse an der Welt und somit auch das Interesse am Lernen. Dann ist Wissen bloßes Mittel zum Zweck, Stoff zum Überleben. Wenn Unterricht nur noch dem «Sammeln von Karrierepunkten» dient, Verschiedenheit verleugnet und unter der Maske antrainierter Gleichheit verschwindet, wird nicht nur wertvolles Potential verschleudert und kulturelle Intelligenz dezimiert, sondern eine bestimmte Haltung eingeübt: Schüler lernen dann nur noch, «wie sie am besten hoch gelegte Latten unterlaufen. Es wird ihnen die Übung vorenthalten, über realistisch aufgestellte zu springen». Schleiermacher, auf den der Autor an anderer Stelle verweist (siehe Link 2), warnte schon vor 200 Jahren davor, die Gegenwart eines Kindes seiner vermeintlichen Zukunft zu opfern.
Das Wunder von Bremen

Wirtschaft, Wissenschaft, Politik – die Verfechter der neuen Lernkultur, das macht die DVD deutlich, sitzen auf allen Ebenen; die enormen Leistungsbilanzen, mit denen die Pionierschulen triumphieren, sind eben ein unschlagbares Argument. Offensichtlich zahlt sich eine gesunde Balance zwischen kognitiver, emotionaler und sozialer Leistungsanforderung aus: «Investitionen in die Räume, in die Atmosphäre und vor allem in die Vorbereitung sowie ein verschwenderischer Umgang mit der Zeit erzeugen hohe Renditen.» Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat die Wirkung der neuen Lehrmethoden an einer Bremer Modellschule im Rahmen eines Sommercamps untersucht. Das Ergebnis versetzte die Forscher in ungläubiges Staunen. Aber zum Schluss blieb auch ihnen nichts anderes übrig, als den Zahlen zu glauben, auch wenn der Direktor des Instituts, der das Ergebnis vor laufender Kamera bestätigte, sichtlich bemüht war, durch Gesten der Untertreibung die Sensation abzumildern. Clip Nr. 23.
Ein Traum von Wirklichkeit

Sich zugehörig fühlen, stolz sein, wirksam werden – das fehlt so vielen Kindern. «Schüler merken, das wirkliche Leben, das, worauf es ankommt, spielt sich außerhalb ab.» Dabei lernen wir nie wieder so intensiv wie als Kind; nie wieder ist die Begeisterung so groß, dass sie dem Gewicht persönlicher Begrenztheiten stets einen Schritt voraus ist. Wird Schule zum Lebensort, die Gegenwart schafft – dann ist alles möglich, und «Schule wird zu einer Werkstatt, wo die Zukunft erfunden wird.» Dieser Blick auf die Zukunft ist es schließlich, der beim Betrachten der 25 Clips am meisten im Gedächtnis haftet. Deshalb empfehlen wir diese Dokumentation nicht nur Lehrern, Schülern und ihren Eltern, sondern im Grunde jedem, der selbst zur Schule gegangen ist. Im Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute wird etwas spürbar, das sich, Erstaunen und Freude freisetzend, der Beschreibung entzieht, weil es neu ist. – – – So fühlt sich Fortschritt an.
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Link 1 (Zu Bestellung/Beltz-Verlag): Individualisierung. Das Geheimnis guter Schulen
Link 2 (Essay WELTonline): Schulen müssen eine Heimat sein
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