Das Ende der monoedukativen Colleges

von Kelsey Paff - ins Deutsche übertragen von Simone Rüssel
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Wenn man die Williston Memorial Bücherei der Mount Holyoke Hochschule betritt – ein 1905 erbautes und von der Westminster Hall inspiriertes Gebäude –, ist man von der Architektur beeindruckt: dicke Holzbalken, senkrechte gotische Glasfenster, steinerne Kapitelle. Berühmte Frauen studierten hier: Emily Dickinson, Frances Perkins, Dr. Virginia Apgar.

In den Vereinigten Staaten nimmt die Zahl der reinen Frauencolleges immer mehr ab. Die verbliebenen Hochschulen – wie Mount Holyoke, Smith, Wellesley, Bryn Mawr und Barnard – rühmen sich ihres Versprechens, die führenden weiblichen Köpfe der Zukunft auszubilden. Eben diese Exklusivität machte den Unterschied zwischen Mount Hoyoke und den anderen Hochschulen für Frauen zu den koedukativen Hochschulen der freien Künste aus.

Nun kündigte im September 2014 die Hochschule Mount Holyoke an, außer weiblichen Bewerbern und Transmännern, also Frauen, die sich zum Mann haben umwandeln lassen, nun auch Transfrauen aufzunehmen (also Männer, die eine Geschlechtsumwandlung zur Frau durchgeführt haben).

Folgende Personen können sich also nun bewerben:

- Personen, die als Frau geboren wurden und sich als Frauen fühlen
- Personen, die als Frau geboren wurden und sich als Mann fühlen
- Personen, die als Frau geboren wurden und sich als anders/sie (pl.) oder es fühlen
- Personen, die als Frau geboren wurden und sich weder als Mann noch als Frau fühlen
- Personen, die als Mann geboren wurden und sich als Frau fühlen
- Personen, die als Mann geboren wurden und sich als anders/sie (pl.) oder es fühlen und die Identität als „andere/sie“ Frauen mit einschließt
- Personen, die mit beiden Geschlechtern geboren wurden (Zwitter) und sich als Frauen fühlen

Die einzigen Bewerber, die nicht zugelassen werden, sind jene, die als Mann geboren wurden und sich auch als Mann fühlen.

Andere Frauencolleges haben nach und nach diese Praxis übernommen. Das Barnard Colleges kündigte jedoch erst dann an, ab 2020 auch Transfrauen aufzunehmen - also Frauen, die biologisch Männer waren - als Bruce Jenner zu „Caitly“ wurde (US-amerikanische TV-Persönlichkeit). Barnard ist das letzte der „Seven Sisters Colleges“, das diese Zugangsregelungen ändern wird.

Wofür standen Frauencolleges?

Ursprünglich verwirklichten Frauencolleges die grundlegende Idee, dass eine höhere Bildung nicht nur für Männer sei. Höhere Bildung ist vielmehr ein Grundrecht sowohl von Männern als von Frauen. Frauencolleges sollten Frauen befähigen und darin bestärken, ihren Intellekt zu nutzen und sie sollten Frauen helfen, gegen diese Andersartigkeit mit Würde aufzustehen, und vor allem Frauen gleiche Chancen für eine höhere Bildung zu ermöglichen. Insbesondere die „Seven Sisters Colleges“ wollten das Prestige der Ivy League imitieren, wie Irene Harwarth, Mindi Maline und Elizabeth DeBra in ihrem Buch „Frauencolleges in den USA: Geschichte, Probleme und Herausforderungen“ hervorheben. In der Tat war die räumliche Nähe von Barnard und Radcliffe zu Columbia und Harvard mit ausschlaggebend für ihren Erfolg.

Diese Frauencolleges ebneten nicht nur den Weg für zukünftige Generationen von Frauen; sie setzten auch neue Standards für das Denken über Frauen in Bezug auf Veränderungen, Vielfalt, Gleichheit und Freiheit. Über Jahrzehnte hinweg haben diese Frauencolleges die Förderung alter Geschlechterrollen und die sexuelle Orientierung in Frage gestellt und neue gefördert. Nun haben diese Colleges kürzlich die eigentliche Definition von „Frau“ in Frage gestellt –, was die Frage nach sich zieht, wie das Zugangsverfahren für die Schule in Zukunft aussehen soll. Frauencolleges befinden sich jetzt an einer Weggabelung: sie müssen Regelungen finden, die den Zugang limitieren. In diesem Zusammenhang müssen sie entscheiden, wer eine Frau ist und wer nicht. Die Tatsache, dass sie Frauencolleges sind, begrenzt die Aufnahme auf Frauen. Werden diese Colleges mit der Aufnahme von Transfrauen nun nicht doch koedukativ?

Wenn die Aufnahmekriterien für Transmänner eher darauf basiert, dass der Bewerber biologisch als Frau zur Welt kam als die Tatsache, dass sie sich als Mann fühlt, dann folgt daraus, dass diese Colleges entweder Transfrauen den Zugang verwehrt (denn sie wurden als Mann geboren) oder dass sie sowohl Männern als auch Frauen die Zulassung geben. Warum können nur einige als Mann geborene Bewerber zugelassen werden und andere nicht?

Die Unfähigkeit der Frauencolleges zu definieren, was ein Frauencollege ist oder nicht ist, hat sie der Möglichkeit beraubt die nächste Generation von – ausschließlich – weiblichen Führungskräften zu unterrichten; jetzt unterrichten sie jeden, außer den Männern, die sich auch als Mann fühlen. Wenn sich ein Mann zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht länger als Mann fühlt, werden ihn Colleges wie Barnard, Mount Holyoke und Smith mit offenen Armen empfangen. Und da die neuesten Änderungen in der Aufnahmepolitik bei Barnard – Transfrauen zu akzeptieren - auf große Zustimmung in unserer politisch korrekten Zeit treffen wird, ist die Integrität Barnards als Frauencollege für immer verloren.

Wenn die Biologie hintangestellt wird

Wenn wir die Biologie aus der Definition von Mann und Frau herauslassen, geht die Fähigkeit verloren, zwischen den beiden zu unterscheiden. Laut Gendertheoretikerin Sandra Bem ist die Alternative, dass die Menschen zu einem Geschlecht finden, während sie in der Gesellschaft aufwachsen. Solche Vorschläge werden ernsthaft verbreitet. Das Menschrechtsgericht von British Columbia z. B. diskutiert derzeit, ob es diskriminierend ist, wenn das Geschlecht eines Babies schon bei der Geburt eingetragen wird, da es „falsche Informationen zu der Person enthalten und den Menschen in falscher Weise charakterisieren würde“; soweit Morgan Oger, Vorsitzende der Trans Alliance Society.

Unsere Gesellschaft will nicht nur biologische Unterschiede der Geschlechter immer weniger anerkennen, sondern auch die Realität, dass die menschliche Natur eine Einheit aus Körper und Seele ist. Diese Tendenzen unterstellen, dass jemand mit dem Körper eines Mädchens aber mit der Seele eines Jungen geboren werden könnte –, dass also keine innere Verbindung bestünde. Jenners jüngster Aufruf, „die Seele und das Gehirn einer Frau“ zu haben, ist vielleicht ein Paradigma dafür, könnte aber nicht weiter entfernt sein vom allgemeinen Denken. Jenner behält das Gehirn, das er hatte als er geboren wurde und Untersuchungen bestätigen, dass es grundlegende Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gibt.

France R. Spielhaben richtet in ihrem Beitrag in der Ausgabe „Debating Single-Sex Education“ (Monoedukative Erziehung in der Diskussion) die Aufmerksamkeit auf bildgebende Untersuchungen des Gehirns von Dr. Joseph Lurito an der Indiana School of Medicine. Die Untersuchung brachte folgende Ergebnisse:

- die Mehrheit der Männer nutzt die linke Hirnhälfte für das Zuhören
- die Mehrheit der Frauen nutzt beide Hirnhälften zur Verarbeitung des Gehörten

Das heißt, wenn Männer und Frauen bestimmte Übungen zum Zuhören und Lesen machen, nutzen sie deutlich unterscheidbare Hirnareale. Dies ist nur ein Beispiel aus der immer weiter fortschreitenden Forschung, die verdeutlicht, dass beide Geschlechter unterschiedlich lernen und sogar unterschiedlich sehen und hören.

Ein Grund, warum Frauencolleges bis heute florieren, könnte darin liegen, dass - da Frauen anders lernen als Männer – eine Umgebung, die sich ganz auf ihr Geschlecht einstellt, den Frauen den größtmöglichen Vorteil des Voneinanderlernens ermöglicht. In koedukativen Schulen können die Unterschiede beim Lernen von Mann und Frau zu unterschiedlichem Nutzen führen – Männer und Frauen fassen Ideen unterschiedlich und auf verschiedenen Wegen auf, so dass sie auch von der unterschiedlichen Herangehensweise im Unterricht profitieren können. Darin liegt ein Argument zur Beibehaltung der bisherigen Aufnahmestandards an den Frauencolleges. Diese Colleges haben es sich auf die Fahne geschrieben, die nächste Generation weiblicher Führungskräfte heranzubilden und ihr Erfolg hängt von ihrer Fähigkeit ab, sich ganz auf die Lernbedürfnisse der Frauen einstellen zu können. Es mag sein, dass man sich als ein anderes Geschlecht fühlt als das, welches man von Geburt an hat, aber die chemischen Prozesse im Gehirn zur Informationsverarbeitung bleiben unverändert.

Viele Frauencolleges sind der Meinung, dass es ausreicht, das bisherige Vokabular an Frauencolleges beizubehalten, um ihrer Basis als Frauencollege treu zu bleiben, indem sie die Möglichkeiten der Frauen betonen oder die weibliche Schulgeschichte und akademischen Standards, oder die Kameradschaft unter den Frauen. Aber die Integrität eines reinen Frauencolleges hängt davon ab, ob sie sich um die biologisch von Geburt an als Frauen identifizierbare Personen kümmern. Frauencolleges, die davon abweichen, hören auf als solche zu existieren.

Die öffentliche Diskussion voranbringen

Wem soll die Akzeptanz von Transfrauen helfen? Wenn überhaupt, würden wir hoffen, dass sie entweder allen Frauen hilft oder nur Transfrauen. Helfen wir Frauen allgemein ihrer Identität zu vertrauen und in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, indem wir ihnen sagen, dass Transfrauen genauso sind wie sie? Es gibt gute Gründe, dass dem nicht so ist. Wie einige Feministinnen hervorheben, haben Transfrauen oft „männliche Privilegien“; Tatsache ist, dass die bestbezahlte CEO als Mann geboren wurde.

Vielleicht wird es verständlicher, wenn wir Männern, die sich als Frau fühlen, dadurch helfen, dass wir ihnen eine Veränderung des Geschlechts vorschlagen (Operation zur Geschlechtsumwandlung). Aber es gibt gute Gründe auch dies zu bezweifeln. Ist eine Operation die richtige Antwort auf eine falsche Ausrichtung des Designs oder der äußeren Erscheinung? In anderen Fällen würden wir so denken. In einem kürzlich erschienenen Artikel in „Public Discourse“ erzählt Nuriddeen Knight von ihrem flüchtigen Kinderwunsch, weiß zu sein. Sie zieht eine Parallele zwischen ihrer eigenen Erfahrung und der von Pecola, einer Figur aus Toni Morrisons Buch „The bluest eye“. Obwohl Pecola keine blauen Augen hat, möchte sie sie gerne haben und am Ende des Buches hat sie sich selbst davon überzeugt, dass sie sie hat. Aber es ist nicht gerade ein Triumpf für ihre Identität.

Aber was, wenn es wirklich für sie möglich wäre, weiß zu sein, oder für Pecola blaue Augen zu bekommen? Wäre das das Ende der Geschichte – wären sie letztendlich glücklich? Würde die Veränderung unseres äußeren Erscheinungsbildes auf magische Weise all unsere Probleme der mangelnden Selbstachtung und des schwachen Selbstwertes wegwischen?

Nein, natürlich nicht! Die Augen- oder Hautfarbe waren nie das Problem: Rassismus und Missbrauch waren es. Wir würden lediglich ein Pflaster auf das eigentliche Problem kleben.

Genauso kleben Frauencolleges, die Transfrauen akzeptieren, nur ein Pflaster auf die darunterliegenden Probleme, wenn sie das aufgeben, was sie von koedukativen Schulen abhebt – ihre langjährige Identität als Institution, die sich darauf spezialisiert hat, die Ausbildung der Frauen zu fördern und zu bereichern.

Wenn das Glücksgefühl abebbt, auf dem Cover von Vanity Fair zu erscheinen, den ESPY Courage Award bekommen zu haben und der Strom an Glückwünschen und berühmten tweets nachlässt, wird Jenner dann immer noch so begeistert sein, eine Frau zu sein, wie jetzt? Wir sind alle bereit, unsere Ängste, Unsicherheiten und Schmerzen hinter etwas zu verstecken, das uns glücklich macht, aber es ist dieses Phantom hinter der Maske, das unsere Liebe, Sympathie und unser Mitgefühl am meisten braucht.

Am Ende des Tages stehen Amerikas Frauencolleges für mehr als nur die äußere Erscheinungsform: sie stehen für das Vermächtnis akademischer Excellenz zur Förderung der Bildung der Frauen. Für Barnard sollte das heißen, Frauen – und nur Frauen – die Mittel an die Hand zu geben als Frauen erfolgreich zu sein. Denn ohne die Grundannahme, dass Frauencolleges für Frauen sind, stellen sie das Geburtsrecht der Frauen hinter die Entscheidung sich als Frau zu fühlen.

Wir können unsere DNA nicht ändern und wir können nicht unsere Geburt verändern. Erkennen wir lieber unsere Unterschiede an