Merida - Legende der Highlands

Merida - Legende der Highlands
Der dreizehnte Pixar-Animationsfilm „Merida – Legende der Highlands“ („Brave“) beginnt mit den Filmtiteln in keltischer beziehungsweise iro-schottischer Schrift, die von ebenso keltischer Musik unterlegt werden: Im nicht näher definierten Mittelalter lebt die junge schottische Prinzessin Merida am Hofe ihrer Eltern King Fergus und Queen Elinor.
Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman
Darsteller (dt. Stimmen): Nora Tschirner, Monica Bielenstein, Bernd Rumpf, Tilo Schmitz, Marianne Groß
Land, Jahr: USA 2012
Laufzeit: 94 Minuten
Genre: Animation
Publikum: alle (FSK: ab 6 Jahren)
Einschränkungen: --

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Ihre rot-wilde Haarpracht ist lebendiges Symbol für ihr freies Leben. Die begnadete Bogenschützerin liebt das Ausreiten auf dem Rücken ihres Pferdes durch die raue Wildnis der schottischen Highlands. Ihrem Traum von selbstbestimmtem Leben steht allerdings die klare Vorstellung von Königin Elinor entgegen, wie Meridas Zukunft auszusehen hat: Die Prinzessin soll möglichst bald unter die Haube, vermählt werden mit einem der Clan-Söhne aus der Umgebung. Also lädt Elinor den klobigen Lord MacGuffin, den mürrischen Lord Macintosh und den streitsüchtigen Lord Dingwall und ihre Söhne zu Ritterspielen ein, bei denen der Nachwuchs um die Hand von Merida kämpfen soll.
Um keinen der Lord-Kinder heiraten zu müssen, stellt sie Merida beim Bogenschießen bloß. Nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter flüchtet Merida in den Wald, wo sie in den Besitz eines magischen Tranks gelangt, der sich jedoch als unheilvoll erweist. Mutter und Tochter müssen nun gemeinsam ihre Kräfte und ihren Mut einsetzen, um ihre Familie und ihr Königreich zu retten.
Jahrelang stand der Name „Pixar“ für eine äußerst kreative Filmgattung, den Animationsfilm. Seit 1995 der erste „Pixar“-Langspielfilm und damit der erste vollständig im Computer erzeugte abendfüllende Spielfilm „Toy Story“ in die Kinos kam, wurde mit jedem neuen Pixar-Film die Animation perfekter, die Handlung immer komplexer. Vor zwei Jahren ging Produzent John Lasseter sogar das Risiko ein, mit „Toy Story 3“ (Regie: Lee Unkrich) an die animationstechnisch weitaus einfacheren früheren „Toy Story“-Filme anzuknüpfen. „Toy Story 3“ wurde sowohl ein Kritiker- als auch ein überwältigender Kassenerfolg. Als aber „Cars 2“ folgte, erwies sich dieser Film als die erste regelrechte Enttäuschung in der Erfolgsgeschichte von Pixar.
Zwar stellte Pixar in „Cars 2“ weiterhin unter Beweis, dass sie in Sachen Animation der Konkurrenz noch immer weit überlegen ist. Standen indes bei den Pixar-Filmen Animation und Schauwerte bis „Cars 2“ stets im Dienst der Handlung, so hatte sich mit diesem Film eine Wende vollzogen: Die unstimmige Dramaturgie machte die Handlung zweitrangig. Der zweifellos schönen Oberfläche wurde offenkundig mehr Bedeutung als der Charakterzeichnung und -entwicklung beigemessen. „Merida – Legende der Highlands“ kann eine einstweilige Antwort auf die Frage liefern, ob dies etwas Einmaliges war oder aber eine Trendwende nach Pixars Übernahme durch den Walt-Disney-Konzern darstellt.
Im nun anlaufenden Pixar-Film besticht erneut die wieder einmal weiterentwickelte Animation. Sowohl Pflanzen als auch Stoffe, etwa Meridas seidenes Kleid, oder auch menschliche Haare und Tierfelle nehmen sich sehr realistisch aus. Dazu kommt eine ungemeine Tiefe der Hintergründe beispielsweise im Wald, so dass die im Computer erzeugten Landschaften von realen Aufnahmen kaum zu unterscheiden sind. Trotz aller animationstechnischen Fortschritte der Konkurrenz, die sich etwa in „Ice Age 4 – Voll verschoben“ offenbaren, bleibt Pixar weiterhin animationsfilmästhetisch die Nummer eins. Hatten sich bis einschließlich „Toy Story 3“ Pixar-Filme jedoch dadurch ausgezeichnet, dass die Schauwerte stets im Dienste einer originellen Handlung gestanden haben, so enttäuscht diesbezüglich „Merida – Legende der Highlands“ wie bereits „Cars 2“.
Die Abenteuer, die Merida und ihre Mutter erleben, bleiben trotz einzelner hübscher Einfälle vorsehbar, so dass die gesamte Geschichte von der Kreativität früherer Pixar-Filme denkbar entfernt bleibt. Trotz der Auffrischung durch die Emanzipationsgeschichte eines Mädchens erinnert der Mutter-Tochter-Konflikt an unzählige Filme, die von Problemen in der Pubertät handeln – so zuletzt in einem Handlungsnebenstrang von „Ice Age 4 – Voll verschoben“, der den Konflikt zwischen dem Vater und der pubertierenden Tochter thematisierte.
Noch in einer anderen Hinsicht lässt „Merida“ an frühere Disney-Filme denken: Ähnlich „Cars 2“ wird hier eine Botschaft („ Folge Deinem Herzen“) allzu plakativ vermittelt. Zu den Stärken der Pixar-Filmen hatte es bis 2010 gehört, dass sie eine familienfreundliche Grundhaltung besaßen, ohne auf solches Pathos zurückgreifen zu müssen. Man mag darüber spekulieren, ob sich die Kreativität bei Pixar einfach erschöpft hat, oder aber die Kontrolle durch den Disney-Konzern deren Ideenreichtum hemmt. Jedenfalls ist nach „Cars 2“ mit „Merida – Legende der Highlands“ eine Trendwende in der einst so fantasievollen Animationsschmiede festzustellen.
Dass noch Hoffnung auf weitere originelle Geschichten besteht, stellt der Kurzfilm unter Beweis, der vor „Merida“ auf der Leinwand zu sehen ist: „Mondlicht“ („La luna“) bezaubert durch eine überaus poetische Filmsprache und eine großartig märchenhafte Handlung.

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