Micmacs – Uns gehört Paris

Micmacs – Uns gehört Paris
Manche Kinofilm-Drehbücher verknüpfen die erzählte Story mit der Lebensgeschichte der Hauptperson dadurch, dass ein in der Vergangenheit zurückliegendes, für die Entwicklung der Figur aber entscheidendes Ereignis in einer Art Prolog dargestellt wird. Dieses Prinzip wenden auch Drehbuchautor und Regisseur Jean-Pierre Jeunet und sein Mitautor Guillaume Laurant in ihrem Spielfilm „Micmacs – Uns gehört Paris“ an.
Filmische Qualität: 4,5 von 5 Punkten
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Darsteller: Dany Boon, Dominique Pinon, André Dussollier, Yolande Moreau, Jean-Pierre Marielle, Julie Ferrier
Land, Jahr: Frankreich 2009
Laufzeit: 104 Minuten
Genre: Komödie
Publikum: Jugendliche (FSK: ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: --

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Nordafrika in den 1970er Jahren: Eine Landmine tötet einen Soldaten, woraufhin in Frankreich der kleine Bazil Halbwaise wird. Die Mutter verkraftet den Schlag nicht und wird in eine Anstalt eingeliefert. Der Junge kommt in ein Heim. Mehr als zwanzig Jahre später arbeitet Bazil (Dany Boon) in einer Pariser Videothek. Offensichtlich zum wiederholten Mal schaut er sich „Tote schlafen fest“ („The Big Sleep“, Howard Hawks 1946, mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall) an, denn er spricht die Dialoge mit. Plötzlich hört Bazil Reifen quietschen. Als er neugierig herausläuft, fliegt eine Pistole durch die Luft. Ein Schuss löst sich und trifft Bazil direkt zwischen die Augen. Bazil ist zum zweiten Mal in seinem Leben Opfer der Waffenindustrie geworden. Die Ärzte befinden sich in einem Dilemma: Wird die Kugel entfernt, könnte der Patient „zu Gemüse werden“. Bleibt sie in Bazils Kopf, so könnte er jeden Augenblick tot umfallen. Eine Münze wird geworfen: „Kopf“ – die Kugel bleibt drin. Allerdings steht Bazil nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus buchstäblich auf der Straße. Denn seine Arbeit ist weg, die Wohnung wurde geräumt und all seine Habe „verteilt“. Der junge Mann mit der Kugel im Kopf muss sich auf der Straße mit kleinen Tricks durchschlagen, bis er den Straßenhändler Canaille (Jean Pierre Marielle) kennenlernt, der ihn in eine wundersame Welt von Außenseitern einführt, die in einer selbstgebauten Höhle unter einer riesigen Schrotthalde mitten in Paris leben.
Wenn nun die eigentliche Geschichte von „Micmacs“ beginnt, weiß der Zuschauer bereits, dass es Bazil mit Hilfe seiner neuen Freunde darum geht, der Waffenlobby das Handwerk zu legen. Dafür fingieren sie einen Deal mit einem afrikanischen Diktator, den sie den Waffenhändlern Francois Marconi (Nicolas Marié) und seinem Erzfeind Nicolas Thibault de Fenouillet (André Dussolier) anbieten.
„Micmacs“ lebt zum größten Teil von seinen wunderbar skurrilen Figuren. Als da wären insbesondere die Schlangenfrau Mademoiselle Kautschuk (Julie Ferrier), die sich in kleinste Schachteln hineinzwängen kann, Calculette (Marie Julie Baup), die alles in Sekundenschnelle berechnet und vermisst, oder Bicabrac (Dominique Pinon), der den Weltrekord als lebende Kanonenkugel hält, und natürlich Madame Cassoulet (Yolande Moreau), die als kochende Mutter der Kompanie die zusammen gewürfelte „Familie“ zusammenhält. Ohne seine Figuren, etwa auch die der Waffenhändler, über Gebühr zu karikieren, zeigt „Micmacs“ auf kindlich-naive Weise, wie die kleinen Leute, wahre Randexistenzen, Helden werden, die das Böse bestrafen.
Weil sich aber der Zuschauer in einem Jeunet-Film befindet, und Jean-Pierre Jeunet seit „Delicatessen“ (1991) seine eigene Kinorealität erschafft, entführt ihn „Micmacs – Uns gehört Paris“ in eine nicht minder fabelhafte Welt als „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001), der wohl bekannteste Film von Jean-Pierre Jeunet. Obwohl das Paris von „Micmacs“ mit Amélies Paris gar nichts gemeinsam hat, zeichnet es sich durch eine Mischung aus Wirklichkeit und Fantasie aus, durch die Gegensätze zwischen den modernsten und den baufälligsten Gebäuden, zwischen schnellsten Verkehrsmitteln und uralten Dreirädern etwa. Dass die Straßen stets menschenleer sind, verstärkt den Kulissen-Charakter eines Paris, das es wohl nur in Jeunets Fantasie gibt. Ein Paris, das Szenenbildnerin Aline Bonetto – wie bereits das der „Amélie“ – kongenial ausgestattet hat und von Tatsuo Nagata in den schönsten Bildern fotografiert wurde.
In „Micmacs“ geht Jean-Pierre Jeunet allerdings insofern einen Schritt weiter, als er an manchen Stellen den Attrappen-Charakter des Filmes nonchalant zum Vorschein kommen lässt, so etwa als am Straßenrand gleich mehrfach ein Plakat steht, der für den Film „Micmacs“ wirbt, oder als er für ein paar Sekunden ein Symphonieorchester ins Bild setzt – als augenzwinkernde Antwort auf die Frage, woher in manchen Spielfilmen die Musik wohl stammen mag. Und natürlich auch in der fabelhaften, dank YouTube in Sekundenschnelle rund um den Globus verbreiteten Schlüsselsequenz. Gerade durch die Enthüllung des inszenierten Charakters dieser Szene erweist sich Jean-Pierre Jeunet als großer Zauberer, der dem Zuschauer einen Einblick in seine Geheimnisse gewährt – um ihm im nächsten Augenblick klarzumachen, dass sich die Welt der Magie nicht durch ein paar Tricks entzaubern lässt.

Taxonomy upgrade extras: