Was tun bei Facebook – Mobbing?

Europäische Forschung belegt, dass Eltern den Schlüssel zum sicheren Umgang ihrer Kinder mit sozialen Medien in Händen halten -- Wir spazierten im Sonnenschein an einem Feiertag in Sydney's Centennial Park, als wir eine Szene beobachteten, die Lebensgefühl und Beziehungen in der heutigen Zeit perfekt illustriert: ein Junge und ein Mädchen lagen nebeneinander am Seeufer, ihre Hände bewegten sich in beinahe perfekter Synchronisation, jeder starrte angespannt auf sein Tablet.

von ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Im Kampf zwischen realer und virtueller Welt

Es war wieder so ein „wie weit sind wir nur gekommen?“ - Erlebnis, das mir immer öfter begegnet, je älter ich werde. Wahrscheinlich ist die sog. vernetzte Generation doch nicht so gut vernetzt; wenn ich mit 18 am Seeufer lag, hatte ich andere Dinge im Kopf.
Für junge Leute ist das Smartphone zum Körperteil mutiert, auf dem sie selbst dann noch selbstvergessen rauf und runter scrollen, wenn man mit ihnen zu reden versucht. Entweder ignorieren sie dich und kommunizieren mit einem nicht anwesenden Partner oder sind kaum bei der Sache, weil sie nebenbei nach neuen Nachrichten suchen.
Reale und virtuelle Lebenswelten verschwimmen, was Eltern von Teenagern und jungen Erwachsenen erst wirklich im Verlauf der letzten zehn Jahre bewusst geworden ist und worauf sie sich nur mühsam einstellen können. Für die meisten Eltern ist dies eine Quelle der Besorgnis, denn sie fühlen, dass sie im Kampf zwischen realer und virtueller Welt wohl den Kürzeren ziehen.
Das soziale Netzwerk „Facebook“ hat eine Art geheimes, drittes Auge installiert, das immer und überall zuschaut, doch dem, der mitmacht, kaum Positives zu bieten hat. Facebook ist die Plattform zu einer Welt bizarrer Infantilität, aggressiven Mobbings und unglaublichem Schwachsinn.
Es gibt wenig seriöse Anwendungen auf Facebook, auch wenn es immer behauptet wird. Man erfährt z. B. so Wichtiges, dass die Website der australischen Wahlkommission schon mehr als 15.000 „likes“ bekommen hat, ein bedeutender Zuwachs von den 5000 „likes“ vor Beginn der Wahl. Unmittelbar nach der Wahl wurde auf Facebook eine Seite eingerichtet, die sich speziell durch Mobbing und Beleidigungen der Töchter des neuen Premier-Ministers Abbott hervortut. Innerhalb der ersten beiden Tage wurde die Seite 76.000mal aufgerufen. Der Inhalt ist erbärmlich, voll widerwärtiger, abscheulicher Unterstellungen über Töchter und Vater. Dass Menschen so etwas nur zum Spaß ins Netz stellen, ist schlimm genug. Wirklich schockierend ist auch nicht, dass irgendein politisch motivierter Querkopf dahintersteht, sondern dass diese Seite nicht abgeschaltet wurde und weiter die Neugierigen und Beeinflussbaren anlocken kann.
Ein „Herr der Fliegen“ im Cyberspace

Reynaldo Rivera ist Manager eines Projekts von InterMedia Consulting in Rom. Er hat sich der Herausforderung gestellt, Bildungsprogramme zur Verhinderung von Gewalt in der brutalen Welt sozialer Netzwerke zu entwickeln.
Man weiß, dass Kinder sich schon sehr früh mit Kommunikationstechniken beschäftigen und zwischen 11 und 13 Jahren die sozialen Netzwerke, wie Facebook, für sich entdecken. Zwischen 13 und 15 sind sie dann voll ins „Networking“ eingebunden. Die Zeit, die sie dort verbringen, ist jedoch nicht exzessiv. In Italien und Spanien, wo die mobile Durchdringung sehr hoch ist, verbringen nur 19% der Vierzehnjährigen mehr als sieben Stunden von Montag bis Freitag in sozialen Netzwerken, dabei arbeiten sie an ihrem Profil, posten und chatten.
An Wochenenden sieht es ähnlich aus: 48% der Befragten verbringen weniger als drei Stunden und 27% weniger als sechs Stunden in ihren Netzwerken. Laut Rivera sind soziale Netzwerke reale Begegnungsorte im täglichen Leben der Heranwachsenden, in denen sie nicht ihre ganze Freizeit verbringen. So ist es wohl eine zu negative Sicht, hier Suchtgefahr oder Isolation zu fürchten.
Was jedoch Besorgnis erregt, sind die Online Angebote, die sie nutzen, denn diese haben direkte Auswirkungen auf ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Etwa 17% konsumieren Pornographie, lesen Artikel oder laden Videos hoch; ca. 7% praktizieren „Sexting“. Schlimmer noch: 19% machten bedrohliche Bekanntschaften, 32% würden vor Gewalt nicht zurückschrecken, um durchzusetzen, was sie für „ihr Recht“ halten, 27% würden ihre Freunde beschimpfen, wenn sie sich durch diese provoziert fühlen und 10% wären bereit, über andere erniedrigende Witze zu reißen.
Rivera’s Untersuchungen zeigen, dass es für 37% geradezu logisch ist, neue und aufregende Möglichkeiten auszuprobieren, wie Sexting oder Mobbing, ohne sich überhaupt Gedanken zu machen, dass dies beleidigend oder gar illegal sein könnte. Es fehlt meist jedes Gefühl dafür, inwieweit solche Handlungen andere verletzen können. Hinzu kommt die Anonymität im Netz: man kann leicht seine Scherze treiben, oder gar jemanden ernsthaft verletzen, wenn man seinem „Opfer“ nicht gegenüber steht. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die „Täter“ emotional immer noch Kinder sind.
Was also kann man tun?

Rivera empfiehlt keine „Überwachung“, sondern „positive Anteilnahme“ der Eltern, was bedeutet, mit den Kindern zu reden, lernen, die Cyber-Welt besser zu verstehen und sich selbst sicher darin zu bewegen und natürlich, selbst ein gutes Beispiel beim Konsum von Medieninhalten zu geben, was manchem Erwachsenen vielleicht schwer fallen mag.
Eigenartigerweise tauschen sich nur 29% der Heranwachsenden über politische oder ökonomische Themen aus. Dies lässt auf geringe politische Bildung und ein unterentwickeltes Sozialkapital schließen. Es ist hinreichend belegt, dass eine Vorstellung von Geschichte Teenagern erlaubt, ihren infantilen Egoismus zu überwinden und sich ihrem sozialen Umfeld zu öffnen. So wird Toleranz eingeübt, eine großartige Waffe gegen geistloses Geschwafel im Netz. Rivera konnte nachweisen, dass soziales Networking sich positiv auswirkt auf die Fähigkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Redefreiheit zu üben. Nötig ist jedoch, solchen Austausch mit Dialogen über alle möglichen Themen anzureichern, über Welt, Emotionen und selbst Sexualität. Das häufige Fehlen eines interfamiliären Dialogs über die wichtigen Dinge im Leben führt zu einem wenig ausgeprägten Selbstwertgefühl und zu aktivem Mobbing.
Interessant ist auch, dass viele der Jugendlichen in Rivera’s Testgruppe kaum mehr Beziehungen zu ihren Eltern und Freunden haben. Wenn sie mit ihren Fragen nicht zu den Eltern gehen können, gehen sie vielleicht zu ihren Freunden, doch fanden nur 28% die Hilfe, die sie erwarteten. So liegt es auf der Hand, dass die große Mehrheit sich im Internet umschaut, um dort ihre unerfüllten Bedürfnisse zu stillen.
Hier sind zwei wichtige Lektionen zu beherzigen. Erst kürzlich haben Erziehungsfachleute damit begonnen, die Entwicklung von Sozialkompetenz bei Jugendlichen zu fördern, insbesondere in den Bereichen Entscheidungsfindung, Hinterfragen der Verlässlichkeit von Informationsquellen und aktive Nutzung der zur Verfügung stehenden Informationsquellen. Viel mehr kann aber dort nicht geleistet werden. Die Eltern müssen sich deshalb mit den Erziehern verbünden, um an den Aktivitäten, die die Schulen organisieren, mitzuwirken und nicht zuletzt durch das persönliche Beispiel eines positiven Lebensstils ihren Kindern helfen, eine gesunde Freizeit zu gestalten.
Eltern und Erzieher haben hier eine Schlüsselrolle, können jedoch nicht alles allein schaffen. Deshalb sind Politiker gefragt, geeignete Förderungsprojekte für Familie und Schule zu unterstützen. Die Kinder müssen Fokus der Sozialpolitik sein. Die positive Entwicklung von Kindern sollte Hauptkriterium für das Angebot von Medienprodukten sein und für die Hersteller der Medieninhalte. Was Facebook angeht, so kann man nur hoffen, dass die Nutzer eines Tages der Plattform überdrüssig werden.
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Angela Shanahan ist Kolumnistin des „The Australian newspaper“, wo dieser Beitrag zuerst veröffentlicht wurde. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung.
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