Schulerfolg und Gleichstellung der Geschlechter

Schulerfolg und Gleichstellung der Geschlechter
Im amerikanischen Schulwesen tut sich etwas. Nach langjährigen Versuchen an öffentlichen und privaten Schulen, Grundschulen und High Schools in verschiedenen US-Bundesstaaten setzt sich dort mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass mono-edukative Klassen bestimmte Vorteile haben und dass sie den koedukativen Klassen zumindest ebenbürtig, vielfach aber ihnen überlegen sind.
von Martin Eberts
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Zusammenfassung von Martin Eberts eines Artikels aus „educational Horizons", Volume 87, Nr. 4, Sommer 2009
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Durch Rücksichtnahme auf die spezifischen Bedürfnisse und Voraussetzungen von Mädchen und Jungen gelingt es, den Lernerfolg von Kindern zu verbessern, die Schulversagerquote signifikant zu senken und zugleich den Anforderungen der Gleichstellungspolitik gerecht zu werden. Voraussetzung für diesen Erfolg ist freilich das Ernstnehmen der vorliegenden Forschungsergebnisse und eine daran orientierte Lehrer-Fortbildung.
Amerikanisches Bildungsministerium reagiert auf empirische Forschungen

In einem Artikel der amerikanischen Fachpublikation “educational horizons” stellen Michael Gurian, der Mitgründer des renommierten Gurian Institute und seine Ko-Autoren Kathy Stevens und Peggy Daniels die Ergebnisse langjähriger Forschungs- und Fortbildungsarbeit anhand aussagekräftiger Beispiel dar (Michael Gurian, Kathy Stevens, and Peggy Daniels, Successful Single-Sex Classrooms: A Practical Guide to Teaching Boys & Girls Separately (Jossey-Bass Teacher) San Francisco 2009). Das in Colorado Springs ansässige Institut (www.gurianinstitute.com) hat über einen Zeitraum von zehn Jahren über vierzigtausend Lehrer in tausenden Schulen unterschiedlichen Typs in verschiedenen U.S.-Bundesstaaten fortgebildet. Die Ergebnisse sprechen eine so deutliche Sprache, dass immer mehr Schulen dazu übergehen, das Experiment mit reinen Mädchen- und Jungen-Klassen zu machen - praktisch immer mit Erfolg. Die von Gurian, Stevens und Daniels vorgestellten Beispiele sprechen eine klare Sprache.
Aufgrund verschiedener erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisse hat das U.S. Bildungsministerium bereits im Oktober 2006 seine Richtlinien geändert, um die Möglichkeit zu mono-edukativem Unterricht zu erweitern (www.ed.gov). Vor 2006 gab es an öffentlichen Schulen in den USA reine Jungen- und Mädchengruppen praktisch nur im Sportunterricht und bei der Sexualkunde. Mit der Veränderung der Regularien erhielten alle öffentlichen Schulen die Möglichkeit zu pädagogischen Experimenten mit “single-sex classrooms”.
Erfolgsmeldungen von Jungen- und von Mädchenklassen

Was sind nun die Ursachen für diese bei uns kaum beachtete leise Revolution im amerikanischen Bildungswesen? Nicht die bloße Trennung der Geschlechter im Unterricht ist das Entscheidende, sondern das in monoedukativen Klassen mögliche gezielte Eingehen auf spezifische “Herausforderungen und Stressoren” von Mädchen und Jungen. Dass Jungen und Mädchen verschieden lernen, ist eine Binsenwahrheit; dass sie in jeweils eigenen Klassen besser lernen, ist das Ergebnis der Forschungen auch des Gurian Institute.
So wurde in einer Public School in Atlanta mit der Einführung monoedukativer Elemente die Lesefähigkeit von Jungen signifikant verbessert; in den Mädchenklassen wiederum gab es einen ausgeprägten Anstieg des Interesses an technologiebezogenem Unterricht und Fortschritte beim Umgang mit Technik. Besonders auffällig war der drastische und schnelle Rückgang der in dieser Schule hochproblematischen Schulversagerquote.
Von der Woodward Elementary Grundschule in Florida, über die Wolfe Middle School in Michigan bis zur Hope High School in Arkansas: die vorgestellten Ergebnisse sind vielversprechend und ermutigend. Schulen in sozialen Problembezirken mit einem hohen Anteil an schwierigen Lebensumständen profitieren demnach ebenso von den Versuchen, wie erfahrene Privatschulen mit traditionell guten sozialen und pädagogischen Voraussetzungen.
Laut Gurian, Stevens und Daniels ist durchgängig festzustellen, dass
  • Lernerfolg und Freude am Lernen steigen,
  • größerer Zusammenhalt entsteht unter den Schülerinnen und Schülern und im Verhältnis zu den Lehrern,
  • sozialer und emotionaler Druck abnimmt und Disziplin sich verbessert,
  • neue Erkenntnisse über geschlechterspezifisches Lernen erzielt werden.

Alle diese Ergebnisse wurden durch gemeinsame Anstrengungen von Forschern, Lehrern und Eltern möglich, die Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse vorurteilsfrei zur Kenntnis genommen und daraus Konsequenzen gezogen haben.
Dabei kam die Frage der Gleichstellung der Geschlechter in keiner Weise zu kurz. Dem Artikel vorangestellt ist ein geradezu programmatisch klingendes Zitat der Journalistin Karen Stabiner: “Pädagogen an monoedukativen Schulen haben es schon begriffen: Gleichstellung ist das Ziel und es dürfte mehr als einen Weg zum Ziel geben”.
Im Bundesstaat South Carolina wurde 2007 eine flächendeckende Initiative zum gezielten Einsatz von monoedukativen Klassen gestartet. Besonders großes Gewicht wird dabei wieder auf die Fortbildung der Lehrer gelegt, aber auch auf die Einbeziehung der Eltern. South Carolina könnte eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung des Ansatzes zukommen.
Die in dem Artikel aufgeführten Beispiele und “testimonials” sprechen auch für deutsche Leser eine klare Sprache: Mädchen haben weniger Scheu sich zu melden und entwickeln mehr Interesse an “Jungenthemen”, Jungen haben weniger Furcht, sich vor den Mädchen zu blamieren und zeigen Leistungssteigerungen besonders im sprachlichen Bereich. Engagierte Lehrer berichten von schnellen und beeindruckenden Verbesserungen des Schulalltags, des Lernerfolgs und der sozialen Situation in den Schulen. Monoedukativer Unterricht auf wissenschaftlich fundierter Grundlage scheint demnach ein klassischer Fall dessen zu sein, was man eine “win-win”-Situation nennt.

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