Moon

Moon
Nachdem im Bereich der „Präimplantationsdiagnostik (PID)“ genannten vorgeburtlichen Selektion durch das Urteil des Bundesgerichtshof vom 06.07.2010 der Damm gebrochen ist, werden Zukunftsszenarien in Fragen der gesamten umstrittenen Handlungsfelder der Biomedizin wieder ganz aktuell. Das Kino bemüht sie jedenfalls zurzeit in verstärktem Maße. Standen die Folgen menschlicher Eingriffe in die Genetik in den Science-Fiction-Filmen „Splice – Das Genexperiment“ (siehe Filmarchiv) und „Repo Men“ (siehe Filmarchiv) eher im Schatten einer actiongeladenen Sensationslust, behandelte sie Jaco von Dormaels „Mr. Nobody“ (siehe Filmarchiv) lediglich am Rande, so kommt mit Duncan Jones’ „Moon“ ein Science-Fiction-Film in die Kinos, der solche Fragen ganz in den Mittelpunkt stellt.
Filmische Qualität: 4,5 von 5 Punkten
Regie: Duncan Jones
Darsteller: Sam Rockwell, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart, Adrienne Shaw, Rosie Shaw, Matt Berry, Robin Chalk
Land, Jahr: Großbritannien 2009
Laufzeit: 97 Minuten
Genre: Science-Fiction
Publikum: Jugendliche (FSK: ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: Szenen mit offensichtlich erotisierender Absicht

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Ein Werbefilm der Firma „Lunar“ führt den Zuschauer in die Vorgeschichte von „Moon“ ein: In einer nicht näher bestimmten, aber nicht allzu weit entfernten Zukunft ist das Energieproblem der Erde dadurch gelöst, dass das auf der Mondoberfläche gewonnene Helium-3 als Brennstoff genutzt wird. Für dessen Abbau wird ein einziger Astronaut benötigt: Sam Bell (Sam Rockwell) überwacht die automatisierten Arbeiten auf der dunklen Seite des Mondes mit Hilfe des Stationsroboters Gerty (im Original gesprochen von Kevin Spacey) von der Station „Sarang“ aus. Seitdem der Nachrichtensatellit defekt ist, kann Sam allerdings nicht direkt mit der Erde kommunizieren. Die einzige Kontaktmöglichkeit besteht darin, Mitteilungen aufzunehmen und an seine Familie oder auch zur Bodenstation zu verschicken. Als direkter Ansprechpartner bleibt ihm in der Einsamkeit des Mondes allein der sprechende Roboter Gerty, der nicht unbeabsichtigt an den Bordcomputer HAL aus Stanley Kubricks „2001- Odyssee im Weltraum“ (1968) erinnert.
Der Dreijahres-Vertrag mit „Lunar Industries“ neigt sich seinem Ende zu, als Sam eine plötzliche Verschlechterung seiner Gesundheit feststellt. Die Beeinträchtigung des Sehvermögens führt zu einem Unfall, als Sam eine Routineinspektion der Anlage durchführt. Nach dem Unfall wacht er im Krankenzimmer der Mondstation auf – wie er dorthin gekommen ist, kann sich weder er noch der Zuschauer erklären. Ebenfalls nicht verstehen kann Sam, warum Gerty die Anweisung erhalten hat, ihn unter Quarantäne zu stellen und nicht ins Freie zu lassen. Plötzlich taucht eine zweite, jüngere und kräftigere Version seiner selbst auf. Allmählich gelangt Sam zu der Überzeugung, diese jüngere Version sei ein Klon. Allerdings beanspruchen beide für sich, der Original-Mensch zu sein: „Ich bin kein Klon. Du bist der Klon“. Gemeinsam versuchen der „erste“ und der „zweite“ Sam herauszufinden, was auf der Mondstation vor sich geht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn von der Erde wird ein bemanntes Raumschiff auf den Mond losgeschickt, um nach den Rechten zu sehen.
In den unendlichen Weiten des Weltalls bietet „Moon“ ein Kammerspiel, ein Drei-Personen-Stück mit nur einem Schauspieler. Die minuziös durchkomponierten Bilder von Kameramann Gary Shaw beeindrucken durch den Kontrast zwischen dem blendenden Sonnenlicht und der schwarz-weißen Anmutung auf der dunklen Seite des Mondes. Das etliche Science-Fiction-Filme zitierende Produktionsdesign von Tony Noble, die atmosphärische Musik von Clint Mansell und insbesondere auch der sorgfältig eingesetzte Schnitt von Nicolas Gastner tragen zu einem bedrückenden Ambiente bei, das ganz im Dienste der Handlung steht.
Wie etwa Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ (1982) stellt auch „Moon“ die Frage nach dem Menschen und seinen Kopien, seien sie nun „Replikanten“ oder „Klone“. Ist ein Klon, der über Gedächtnisimplantate des „ursprünglichen“ Sam verfügt, ein Doppelgänger, eine aufgewertete Version desselben Sam? Was macht eine menschliche Identität aus? Was ist in der Gegenüberstellung mit einer oder mehreren Versionen des eigenen Selbst ein „Du“ und ein „Ich“? In der Firma „Lunar Industries“ zeigt Duncan Jones die Profiteure der Klon-Technik: Sie haben sich für die scheinbar gewinnbringendsten „Lösung“ entschieden: Statt alle drei Jahre einen neuen Ingenieur auf den Mond zu bringen und ihn dort einzuarbeiten, ersetzen sie den ursprünglichen Sam Bell alle drei Jahre durch einen neuen Sam-Klon. Dass dabei der Mensch zu reinem Kostenfaktor degradiert wird, verschweigt „Moon“ nicht, etwa als Sam zum Roboter Gerty sagt: „Wir sind nicht programmiert, wir sind Menschen“. Im Unterschied zu manchen Science-Fiction-Filmen der letzten Zeit legt „Moon“ sein Augenmerk auf die menschenverachtenden Seiten der Gentechnik und dadurch auch auf die ethisch-moralischen Fragen des menschlichen Klonens.

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