Erfahrungsbericht einer berufstätigen Mutter (2)

Erfahrungsbericht einer berufstätigen Mutter (2)
Das Leben berufstätiger Mütter sieht in der Praxis oft entschieden anders aus, als es uns "Theoretiker" verkaufen wollen. Der Verzicht auf die Erfüllung eigener Wünsche -wenigstens für eine gewisse Zeit-, aber auch das Wachsen der eigenen Persönlichkeit kennzeichnen oft diese Jahre. Es ist eine große Hilfe, von den praktischen Erfahrungen anderer berufstätiger Mütter zu lernen. Wir sind dankbar für weitere Berichte "aus dem realen Leben" , wie der folgende ...
Mobilisierung aller Kräfte: Mit den Aussagen der Verfasserin des Artikels Erfahrungsbericht einer erwerbstätigen Mutter, bin ich voll und ganz einverstanden. In erster Linie ist der Partner wichtig für alle Beteiligten, danach, wenn vorhanden: rüstige Großeltern, sonstige Familie, Freunde und entspr. Einrichtungen, die nicht nur ein „Abstellplatz“ für Kinder sind.
Theorie und Praxis kamen bei mir total durcheinander: Neben meiner damals noch nicht einjährigen Tochter war eine plötzliche Totalpflege meines Vaters für eine kurze Zeit – bevor er starb – vonnöten. Das war aber erst der Anfang. Nach ca. 6 Monaten kam meine Schwiegermutter zur Betreuung ins Haus und nach einem weiteren halben Jahr stieß meine betreuungspflichtige Mutter hinzu. Ohne die Hilfe meines Mannes war dieser neue Vollzeitjob nicht zu schaffen (zum besseren Verständnis: z.B. musste neben allen Hilfestellungen auch jeder Gang außerhalb des Sessels begleitet werden). Mein Mann begann seine berufliche Arbeit morgens zwischen 6 und 7 Uhr und beschloss für ca. 1 Jahr den Tag im Büro nach Möglichkeit um ca. 17.00 Uhr und erledigte später z. T. abends zu Hause Unerledigtes. Für mich war das eine große Erleichterung. Ich konnte ohne meine Tochter schnell einkaufen und das z. T. telefonisch Bestellte abholen (damaliger Ladenschluss war 18.30 Uhr).
Mein Tagesablauf gestaltete sich wie folgt: Spätestens 5.30 Uhr aufstehen, mein Kind versorgen und etwas mit ihm spielen. Um 7 Uhr war die Diabetesspritze für meine Schwiegermutter nötig und wegen dieser Krankheit musste das Frühstück eine halbe Stunde später bereitet sein. Hiernach stand Waschen und Anziehen auf dem Plan, zuerst meine Schwiegermutter, dann meine Mutter. Während ich dann meine Hygiene vornahm frühstückte meine Mutter. Die Vorbereitungen für das Mittagessen um 12.00 oder 12.30 Uhr gestalteten sich größtenteils locker durch Gespräche mit allen Beteiligten. Nach dem Mittagessen hielten meine Mütter den Mittagsschlaf. Während dieser Zeit spielte ich intensiv mit meiner Tochter und räumte auch mit ihrer „Hilfe“ auf. Um ca. 16.00 Uhr war Zeit des Kaffeetrinkens und danach begannen schon die Vorbereitungen zum Abendessen für nun 5 Personen, welches meistens in wirklich entspannter Atmosphäre gegen ca. 18.45 Uhr eingenommen werden konnte. Dazwischen erforderten erfahrungsgemäß noch andere Hausarbeiten meinen Einsatz. Vor 20.00 Uhr war Bettruhe für meine dann müde Tochter, die einen Mittagsschlaf grundsätzlich verschmähte. Nach Tagesschau und Wetterkarte kam dann das „Sandmännchen“ zu meinen Müttern.
Und was hat das alles mit Berufstätigkeit zu tun?
Wie auch die Verfasserin des o.a. Artikels hatte ich einen anspruchsvollen und interessanten Beruf, den ich in Absprache mit meinem Arbeitgeber nach der Geburt in den Bereichen „Personal und Finanzen“ von zu Hause aus für die ersten Lebensjahre meiner Tochter ausüben wollte. Eine Nachfolgerin für diverse Arbeitsbereiche war eingestellt worden. Jetzt erforderte meine veränderte Situation eine neue Vorgehensweise. Ich hatte unglaubliches Glück, einen so verständnisvollen Arbeitgeber zu haben, denn ab sofort fuhr ich zur Besprechung ca. 3 – 4 mal im Monat ins Büro. Alles andere geschah über den Telefon- oder Postverkehr – Computer kamen erst später auf. (Für meine Bürotage nahm mein Mann 1 x im Monat Urlaub, 1 x kam eine Freundin zu mir nach Hause, die auch Erfahrung in der Elternbetreuung hatte und die anderen Male nahm ich meine Tochter mit.) An 4 Tagen in der Woche begann meine „berufliche Arbeitszeit“ jetzt durchgängig gegen ca. 21.30 Uhr bis 1 Uhr, einige dringende Erledigungen fanden auch kurzfristig tagsüber statt.
Alles andere – größere Aufräumarbeiten aber auch Spaziergänge oder Besuche - spielten sich am Wochenende ab, wenn mein Mann dabei war, der aber auch gerne bei der zu erledigenden Gartenarbeit entspannte.
Leichter wurde es für uns alle, als meine Tochter mit knapp 4 Jahren einen Kindergartenplatz bekam und kurz darauf meine Schwiegermutter nach einem Altenheimaufenthalt von knapp 2 Monaten verstarb. Daraufhin hielt es meine Mutter ebenfalls für angebracht, ins Altenheim zu gehen, weil sie mich nicht wie sie sagte: egoistisch den ganzen Tag in Anspruch nehmen wollte. Als „Arbeit“ in den Zeiten des Altenheimaufenthalts ist das Wäschewaschen und der tägliche Besuch meiner beiden Mütter vormittags, wenn meine Tochter im Kindergarten war, übrig geblieben. Den Nachmittag konnte ich ab dieser Zeit entspannter mit meiner Tochter und ihren Freunden sowie mit der Hausarbeit und allem Liegengebliebenen verbringen. Samstage und Sonntage hatte ich nun frei, da meine Geschwister die Mutter besuchten. Nach Einschulung meiner Tochter verstarb meine Mutter kurz darauf. Meine neue Freiheit musste ich erst wieder erlernen!
Fazit: Trotz einer schwierigen Zeit (Pflegedienste waren sehr rar) würde ich alles noch einmal so übernehmen, weil ich auf der einen Seite einen Mann hatte, der mir trotz einem schwierigen und anstrengenden Beruf nach seinen Möglichkeiten geholfen hat, auf der anderen Seite die Mütter und Tochter, die alle relativ „pflegeleicht“ waren. Beide Mütter hatten keinen Befehlston und freuten sich in der Familie zu sein und meine Tochter hatte Menschen um sich, die ihr zuhörten und sie liebten und einen für sie normalen Alltag erleben ließen; sie war und ist ein fröhlicher und zufriedener Mensch. Obwohl so nicht geplant, habe ich meine Mutterschaft + eingeschränkte Berufstätigkeit genossen und ein anderes Verständnis im Umgang miteinander gelernt; und was meine Tochter betrifft: Sie erhielt praktischen Unterricht im Sozialverhalten. Natürlich habe ich einige Bedürfnisse und Freiheiten für diese Jahre zurückgestellt – aber ich konnte etliche neue Erfahrungen sammeln, andere Dinge wieder aufnehmen. Beruflich stieg ich mit Gymnasiumseintritt meiner Tochter ins Berufsleben halbtags wieder ein und nach weiteren 5 Jahren Vollzeit. Meine Tochter stand immer an erster Stelle.
Ausdrücklich erwähnen möchte ich aber, dass nicht alle Mütter ein solches Glück im Beistand ihres Partners und Arbeitgebers haben, um ihrer Erziehungsverantwortung gerecht zu werden. Vielleicht wären hier größere Unternehmen gefordert, einen Kindergarten- oder Kitaplatz zu schaffen, da dann die Mütter entspannter ihrer Tätigkeit – zumindest bis zum Schulbeginn – nachgehen könnten. Für die meisten Erziehungsberechtigten ist ein Kind keine Ware, welches irgendwo „abgestellt“ werden kann; wirkliche bezahlbare Betreuungsplätze sind vonnöten. Hier müssen weiterhin sinnvolle Lösungen, d.h. wirkliche Betreuungsplätze zum Wohle des Kindes geschaffen werden – eine Symbiose zwischen Eltern und Betreuern.
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