So sind Mütter …

von Helen Helmes - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Nach zwanzig Jahren Hausunterricht für meine elf Kinder dachte ich einmal über all das nach, was in den Jahren geschehen war. Ich denke, die meisten Mütter teilen mit mir die Frustration über Durcheinander, Chaos, Unordnung und die mühsamen Versuche, die Verursacher zu finden und sie zu bewegen, aufzuräumen.

Irgendwann habe ich dann begriffen, wieso es zu solchem Durcheinander kommen kann.

Eines Tages vor dem Abendessen kam meine 10jährige, die den Tisch decken sollte, in die Küche, warf das Besteck in die Schublade und maulte: „Ich decke keinen Tisch, wo so viel Mist drauf liegt“. So ging ich und sah mir den Tatort an.

Meine Tochter hatte Recht. Von der Tischfläche war nichts mehr zu sehen, sie war mit allem möglichen Krimskrams bedeckt. Ich setzte mich dazu. Das Abendessen war fertig, der Tag ging zur Neige und die Nerven lagen blank. Ich wusste nicht, ob ich schreien oder heulen sollte. Dann schaute ich mir das Chaos auf dem Tisch an.

An einem Ende wurden Hausaufgaben gemacht, dort lagen Bücher, Hefte, Taschenrechner und Stifte. Daneben hatte jemand Papierpuppen gebastelt, unschwer an den Schnipseln von Tonpapier, Schere, Kleber und Buntstiften zu erkennen. Gegenüber, ein Lego Projekt, von denen die Jungs einige in Arbeit hatten.

Neben mir waren einige der Mädchen mit der Herstellung von Flechtarmbändern und Stickarbeiten in unterschiedlichen Farben beschäftigt, wobei die Lego-Steine sich irgendwie darin verirrt hatten. Den Rest des Tisches bedeckte ein Poster-Projekt für die Schule, mit Bildern, die noch ausgeschnitten werden mussten.

Sie waren alle so bei ihrer Sache gewesen, dass sie nicht an das Abendessen dachten.

Als mir das alles bewusst wurde, war der Tisch plötzlich für mich kein unordentlicher, chaotischer Arbeitsplatz mehr. Ich sah Kinder am Tisch, die fleißig, kreativ, ihre Zeit nutzend, in gutem Geist vereint, ihre Aufgaben machten. So sagte ich ihnen, sie sollten aufräumen, damit wir essen konnten. Natürlich kam das Abendessen später auf den Tisch, aber ich war nicht mehr ärgerlich. Ich war in dem Moment einfach glücklich, Mutter zu sein, die mit den Leben ihrer Kinder gesegnet wurde.

Helen Helmers

Im Rausch der Jahre

Wenn ich an die 36 Jahre, seitdem ich Mutter wurde, zurückdenke, sind mir immer die Gefühle von Wunder und Ehrfurcht präsent, die ich bei der ersten und den folgenden neun Geburten meiner Kinder empfand, aber auch Trauer vermischt mit Freude, dass eines unserer Kinder sehr früh starb.

Die Jahre gingen ins Land, angefüllt mit Aufregung, Chaos, Glück, Sorgen…das ganze Programm mit allen guten und schlechten Emotionen. Darunter: Blessuren, Gips-Arme und -Beine, Trophäen, Lachen, Spiele, Sommerferien mit Familie und Freunden, hervorragende und weniger gute Zeugnisse, verlorene Zähne, Kindergarten, Grundschulabschluss, Gymnasium, College oder Uni, Protokolle fürs Falschparken, Beulen im Familienauto, medizinische Notfälle, chronische Erkrankungen, Liebeskummer, neue Beziehungen, Hochzeiten und schließlich Enkelchen.

Ich hätte nie geträumt, dass sich mein Leben so wunderbar entfalten würde. Ich bereue keinen Augenblick und danke Gott für jeden neuen Tag und die Kinder, die er uns geschenkt hat. Sie haben mich zu der gemacht, die ich bin: eine Mutter, die immer noch auf dem Weg ist. Natürlich konnte ich dies nicht allein, sondern nur mit einem liebevollen und unterstützenden Ehemann, der mit mir alle Freuden und Mühen teilte, eine so wunderbare Familie heranzuziehen.

Die tiefste Erfahrung für Mutterliebe fand ich aber bei den Besuchen meiner jetzt 100jährigen Mutter. In ihre Augen zu schauen, sie lächeln zu sehen, ihre schlichten Fragen zu beantworten, ihr beim Gehen zu helfen, ihre Nägel zu pflegen, mit ihr zu beten, all dies hat mich reich beschenkt; ich empfand ihre tiefe und innige Liebe, ein Spiegel ihres Lebens, das sie selbst in mütterlicher Zuwendung an andere verschenkt hat.

DeeDi McKernan

Mutterliebe

Wie lässt sich nur die Verrücktheit beschreiben, zu der Mutterliebe fähig ist? Sie ist einfach grenzenlos und ruht nicht, um ihrem Kind den richtigen Weg zu weisen. Vielleicht hilft diese kleine Geschichte, ein Mutterherz zu begreifen:

Es gab in Japan in einer Bergregion vor einigen hundert Jahren ein Dorf, in dem Menschen, die das 70. Lebensjahr erreicht hatten, ausgesetzt wurden, um sie dem Tod zu überlassen. Ein Mann begleitete einst seine alte Mutter dorthin und bemerkte, dass sie entlang ihres einsamen Weges immer wieder Zweige abknickte.

Er fragte: „Mutter, warum brichst Du die Zweige“?

„Weil, mein Sohn“, so ihre Antwort, „ich nicht möchte, dass Du den Weg verfehlst, wenn Du wieder nach Hause zurückgehst.“

So denken Mütter! Ich habe selbst fünf Kinder und elf Enkel. Wenn ich auf all die Jahre zurückblicke, erinnere ich mich natürlich auch an Herausforderungen und sogar Tränen. Doch ich habe auch erfahren, dass Mutterliebe oft Dinge zum Guten wendet, viel häufiger, als man zählen kann.

Doch die Geschichte der japanischen Mutter ist noch nicht zu Ende erzählt:

Tief bewegt brach der Sohn in Tränen aus. Er nahm die Mutter auf seine Arme und trug sie nach Hause zurück. Seine Tat führte zum Ende der Sitte, die alten Eltern auszusetzen. (aus: Eternal Answers for an Anxious Age, by John A. O’Brien, pp 162-163)