Die UN Agenda für nachhaltige Entwicklung und die Familie

von Ignacio Socias - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Die Familie bleibt fundamentaler Bestandteil aller Entwicklungen. --- Anfang Oktober d.J. nahm die Generalversammlung der UN auf ihrem Meeting in New York einstimmig die 2030 Agenda for Sustainable Development und die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (SDGs) an. Anders als die sog. Millennium-Entwicklungs-Ziele, die Leitlinien für die UN in den vergangenen 15 Jahre waren, wurde die Agenda 2030 nach Anhörung vieler Institutionen und Zivilgesellschaften formuliert.

Eine dieser NGOs ist die in Madrid beheimatete International Federation for Family Development (IFFD), die in diesem Monat in Mexico City zusammentritt. Im folgenden Interview spricht Ignacio Socías, Direktor für internationale Beziehungen der IFFD, über die Rolle der Familie bei der nachhaltigen Entwicklung und inwieweit dies ihren Niederschlag in den SDGs, den Sustainable Development Goals findet.

MercatorNet: Sie haben hart daran gearbeitet, die Rolle der Familie in den SDGs zu verankern, doch der Begriff „Familie“ erscheint dort nur selten und eher nebenbei. Sind sie zufrieden mit diesem Ergebnis?

Ignacio Socias: Ich denke, dass das Schlussdokument -ein Ergebnis langer Verhandlungen- eine Reihe ambitionierter, doch realistischer Ziele, zum Wohl der ganzen Menschheit und ihrer Nachkommen beinhaltet. Anders als bei der Formulierung der Millenniums-Ziele hat die UN das umfassendste Anhörungsprogramm ihrer Geschichte durchgeführt, um abzuklären, was in den SDGs enthalten sein sollte. Die Ergebnisse zeigen, dass wir bis 2030 die Armut beenden, die Lebensbedingungen umgestalten können und dennoch Wege finden können, unsere Erde nachhaltig zu schützen.

Obwohl das Konzept von Familie nicht explizit in den SDGs erwähnt ist, ist es dennoch Teil der meisten Einzelziele und einige Targets beziehen sich direkt oder indirekt darauf. Die SDGs sollen Barrieren entfernen helfen, die der aktiven Teilhabe von Familien an der Gesellschaft entgegenstehen, insbesondere bei Entscheidungen über Investitionen im Gesundheitswesen, Wohnungsbau, Armutsbekämpfung und Bildung. Sie sollen auch die sozialen und ökonomischen Beiträge, die Familien zum Wohl der Gesellschaft durch Zeit, Aufwand und finanzielle Unterstützung ihrer Mitglieder -Kindern, Heranwachsenden, Älteren und Behinderten- erbringen, würdigen. Es ist nicht allein eine Frage der Gleichstellung, denn Familien sind bereits Teil jeder Gesellschaft unter vielen Gesichtspunkten und alle Belange der Gesellschaft haben Bezug zu Familien und deren Bedürfnissen, direkt oder indirekt.

Man muss aber auch wissen, wie solche Ziele formuliert werden. Das „High-Level Panel“ ausgewählter Personen erarbeitete das erste Konzept nach der SMART-Regel: specific, measurable, attainable, relevant and time-bound (spezifisch, erreichbar, relevant und mit klaren zeitlichen Zielen). So gesehen ist Familie nicht als Ziel zu sehen, doch sind in diesem Umfeld alle Aspekte eingeschlossen.

Natürlich bedeutet Konsens, dass nicht alle Punkte, die jeder gern berücksichtigt gesehen hätte, eingeschlossen sein können. So hätten wir z.B. gern eine explizitere Erwähnung der Bedeutung von Familien gesehen, die wir auch vorgeschlagen haben und die es bis in den Entwurf der Präambel geschafft hat: (Der Gradmesser für den Erfolg der neuen Agenda wird sein, inwieweit sie dazu beiträgt, alle Familien zu stärken und zu schützen), doch wurde dieser Satz nicht in das Abschlussdokument aufgenommen.

Unterm Strich können wir jedoch mit dem Erreichten zufrieden sein.

Gab es viele Diskussionen / Dissens über die Familie bei der Formulierung der Ziele?

Jemand, der bei allen Verhandlungen zugegen war, erzählte mir, dass Familie eines der wichtigsten Themen war. Doch müssen wir auch verstehen, dass die schiere Größe der UN zu Kompromissen zwingt. Es ist schwierig, einen Konsens bei der Definition von Familie zu erzielen, weil zum einen deren ganzer Reichtum schwer zu beschreiben ist und zum anderen, weil nicht jedes vertretene Land die gleichen Regularien akzeptiert. Die UN repräsentiert die Menschheitsfamilie und wie in jeder Familie, so wird auch dort oft heftig und kontrovers diskutiert. Doch hört man einander zu, findet Kompromisse und schließlich ein gemeinsames Fundament. Dieses bedeutet, dass die Generalversammlung wiederholt in ihren Resolutionen anerkannt hat, dass „der Familie die grundlegende Verantwortung für Erziehung und Schutz von Kindern zukommt und dass die Kinder, zur vollen und harmonischen Entwicklung ihrer Persönlichkeit, in ihrer Familie in einer Atmosphäre von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen sollten.“

Warum ist die Familie für den Entwicklungsprozess und besonders für die neuen SDGs so wichtig?

Ich möchte hierzu einen der jüngsten Berichte des UN Generalsekretärs zitieren: „Familien sind grundlegender und maßgeblicher Baustein der Gesellschaft und haben deshalb eine wesentliche Bedeutung für die soziale Entwicklung. Sie tragen die erste Verantwortung für Erziehung und Sozialisation der Kinder, wie auch die Vermittlung von Werten, wie Bürgersinn und das Bewusstsein, zur Gesellschaft zu gehören. Es sind die Familien, die materiell und nicht-materiell für ihre Mitglieder sorgen, angefangen von den Kindern, bis zu den Alten und Kranken und sie vor aller Not und Elend zu beschützen trachten.“

In der Tat sind viele Experten zum Schluss gekommen, dass die Familie das leistungsfähigste, humanste und darüber hinaus ökonomischste System zum Aufbau von Kompetenz und Charakter guter Bürger und verantwortlicher Arbeitskräfte darstellt. Deshalb können wir zu Recht feststellen, dass die Familie nicht allein der Grundbaustein der Gesellschaft, sondern auch unverzichtbarer Akteur einer nachhaltigen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung ist.

Ziel Nr. 10: Reduktion von Ungleichheit. Photo: Slum in Hanoi. UN Photo/Kibae Park

Im Juli d. J. waren Vertreter von Familien-Verbänden glücklich zu erfahren, dass der Menschenrechtsrat der UN eine Resolution angenommen hat, wonach die Familie den besonderen Schutz von Staat und Gesellschaft genießt und die Rolle der Familie zur Ausrottung von Armut und für nachhaltige Entwicklung hervorgehoben wird. Eine Reihe von Staaten hat sich gegen die Resolution gestellt. Warum?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mitgliedsland dagegen sein könnte, die Familie als wichtigen Akteur bei der Bekämpfung von Armut und als Triebkraft für gesellschaftliche Entwicklung zu sehen, was auch durch mehrere Resolutionen der Generalversammlung hervorgehoben wurde, sogar noch vor kurzer Zeit. Dissens gab es allerdings bei der Bewertung unterschiedlicher sozialer familiärer Gegebenheiten, unterschiedlicher Definition von Familie, oder bei der Frage, welche Familien als besonders verletzlich gelten und deshalb besonders schutzbedürftig seien.

Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel nennen. Nicht jede Regierung hat die gleiche Haltung zu Immigranten und inwieweit sie diesen ein Recht auf Familiennachzug einräumen sollten. Da spielen ideologische Gründe, aber auch Traditionen und ökonomische Verhältnisse des Landes eine Rolle, weshalb viele Länder Zuzugs-Bedingungen aufstellen oder Aufnahme-Verpflichtungen ablehnen. Hier entscheidet nicht die UN, sondern die Mehrheit der Regierungen der Mitgliedsländer. Was die Generalversammlung beschließt, spiegelt die Mehrheitsmeinung der Länder wider. Doch seien Sie sicher, dass diese Mehrheit die Bedeutung der Familie ernst nimmt.

Im Übrigen: Die Generalversammlung ist das wichtigste Entscheidungsorgan der UN. Meinungsäußerungen untergeordneter Organe muss man deshalb nicht genauso wichtig nehmen.

Viele sind skeptisch, was den Einfluss der UN angeht. Wie steht Ihre Organisation zu Themen, wie Gender Diversität und dem „Recht“ auf Abtreibung, das immer wieder von einigen Gruppen gefordert wird?

Man muss die 70 Jahre seit Gründung der UN betrachten, um ihren Einfluss auf Frieden, Entwicklung und Menschenrechte, den drei Säulen, auf denen das ganze System aufgebaut ist, würdigen zu können. Was in dieser Woche dort geschah, ist bemerkenswert. Die meisten Staatslenker der Welt kamen nach New York, um das Dokument zu unterzeichnen, in dem sie sich verpflichten, die New Development Goals zu erfüllen. Keine andere Institution war je in der Lage, ein ähnlich wichtiges Vertragswerk zu produzieren.

Was Ihre Frage betrifft, so finde ich Begriffe, wie „Gender Diversität“ und „Recht auf Abtreibung“ nirgends in dem Dokument erwähnt. Unsere Arbeit konzentriert sich auf die Eltern, als Ersterzieher ihrer Kinder, mit vollem Respekt vor der individuellen Freiheit und den Einzigartigkeiten jedes der 66 Länder, in denen wir tätig sind, wo wir die Bedeutung der Familie als bestmögliches Umfeld für persönliches Wohlergehen und soziale Entwicklung betonen.

In wenigen Tagen werden wir unseren 19. Welt-Kongress in Mexico City, mit über 1.800 Delegierten aus der ganzen Welt abhalten und Entschließungen und Empfehlungen für unsere Arbeit in internationalen Organisationen verabschieden. Wir werden weiterhin internationale Projekte initiieren, um die Sicht auf die Familie bei Regierungen und internationalen Körperschaften weiter zu fördern.

Ziel Nr. 13: Kampf gegen Klimawandel. Photo: Arne Hoel / World Bank

Eine Reihe von Kommentatoren äußern Skepsis über die SDGs, und meinen, dass 17 Ziele und 169 Leistungsindikatoren mit weiteren Unterindikatoren einfach zu viele sind. Wie sehen die diese Kritik?

Es ist immer leichter, Kritik zu üben, anstatt Alternativen aufzuzeigen. Ich denke, dass die SDGs einen bemerkenswerten Versuch und eine historische Gelegenheit darstellen, die eine Chance verdienen. Zu ambitiös? Ich hoffe nicht. Die Schwierigkeit wird wohl sein, die begrenzten Ressourcen nach vernünftigen Prioritäten einzusetzen und Synergien zu erreichen. Auch aus diesem Aspekt heraus ist Familie so wichtig, weil die sie betreffenden Maßnahmen und Programme all ihren Mitgliedern zu Gute kommen. Wenn aktive Teilnahme von Familien in der Gesellschaft, speziell bei Investitionen im Gesundheitswesen, im Wohnungsbau und im Schulwesen, gefördert wird, führt dies zu besserer Gesundheit und Bildung, zu mehr Arbeitsplätzen und mehr Gleichberechtigung. Wir sollten auch bedenken, in welchem Maß der Zusammenbruch von Familien zu einer Feminisierung von Armut geführt hat, weshalb die Stärkung von Familienstrukturen dem Kampf gegen Armut, insbesondere der Kinderarmut dient.

Wie werden IFFD und andere NGOs von nun an in die SDGs eingebunden sein?

Wir führen ein globales Projekt für die „Definition von Indikatoren für das Wohlergehen von Familien“ durch, für das Daten und Studien durch Experten von Universitäten aller fünf Kontinente zusammengetragen werden. Unsere Hoffnung ist, „die Integration von Aspekten, die Familien betreffen, in der Politikgestaltung auf nationaler-, regionaler- und internationaler Ebene zu befördern“, was eine der Hauptaktivitäten des „Brennpunkt Familie“ der UN ist. Zur praktischen Umsetzung empfehlen wir die periodische Erstellung eines Familien-Entwicklung -Berichts, um den Einfluss von Politikmaßnahmen auf Familien feststellen zu können. Langfristig planen wir, die Schlüsselindikatoren für solche Einflüsse in unterschiedlichen Situationen und bei unterschiedlichen Zielsetzungen zu ermitteln.

Natürlich werden wir unsere Arbeit im Rahmen des UN-Systems fortführen, an Meetings teilnehmen und die vielfältigen Möglichkeiten nutzen, die die Zivilgesellschaft bietet, an Gestaltungsprozessen mitzuwirken.

Welche Anregungen zur Familie nahmen Sie vom Besuch des Papstes während seiner Reise nach Kuba und den USA auf? Was war seine Botschaft an Institutionen wie die UN und den US Kongress?

Papst Franziskus hat die Fähigkeit, durch Taten auszudrücken, was er sagen möchte, mehr noch, als durch sein Wort. Das macht seine Botschaft so überzeugend. Wir sahen ihn in einem kleinen FIAT inmitten des päpstlichen Konvois, oder dass er anhalten ließ, um ein Kind mit Zerebraler Paralyse zu segnen, oder ein kleines Mädchen zu küssen, die Tochter illegaler Einwanderer ist. Solche einfachen Details sagen uns mehr als manche Reden.

Natürlich hielt er auch Reden. Vor dem US Kongress sagte er: „wie unentbehrlich doch die Familien waren, die dieses Land aufgebaut haben“ und „wie groß die Bedeutung und noch mehr der Reichtum und die Schönheit des Familienlebens sind“.

Was mich jedoch am stärksten bewegt hat, war seine improvisierte Ansprache während des Festival of Families in Philadelphia, wo Künstler, wie Aretha Franklin oder Andrea Bocelli auftraten und er über die Wichtigkeit von Kleinigkeiten im Familienleben, von echten Familien mit realen Problemen sprach. „In der Familie mögen wir uns streiten. In der Familie werfen wir auch mal mit Tellern. Die Kinder bereiten uns oft Kopfschmerzen.“ Worte, zu denen viele Väter und Mütter um mich herum mit ihren Mienen und Gesten bestätigten, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Das war kein vorbereiteter Text, er teilte die Erfahrung vieler Jahre mit uns und zeigte, dass solche Schwierigkeiten den Weg begleiten, auf dem Familien zur Werkstatt von Hoffnung werden, von der Hoffnung auf das Leben.“

In seiner Ansprache vor der UN Generalversammlung gefiel mir besonders, dass er Bildung als notwendige Voraussetzung zur Ertüchtigung und Mittel zur Überwindung von Armut und Ungleichheit bezeichnete: „Diese Männer und Frauen müssen ertüchtigt werden, sich aus ihrer extremen Armut zu befreien und wir müssen ihnen erlauben, würdige Akteure ihres eigenen Geschicks zu sein.“