Es ist ja nur natürlich...

Es ist ja nur natürlich...
Die erbittertsten Diskussionen werden heute über die Frage geführt, was denn „natürlich“ sei. Chinesische Weise haben hierzu einiges gesagt. - Ein immer wiederkehrendes Argument gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften ist, dass sie „unnatürlich“ seien. Doch ohne nähere Begründung macht solch ein Argument wenig Sinn. Was meinen Menschen, wenn sie etwas „unnatürlich“ finden? Meinen sie „ungewöhnlich“, „anormal“ oder „igitt, das mag ich nicht“?
von Zac Alstin - ind Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Als Ethiker beziehe ich mich auf das Naturgesetz, das in seinen Grundzügen bereits von Aristoteles formuliert, später von Thomas von Aquin weiterentwickelt, in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance erlebte und einer Neuinterpretation unterzogen wurde. Deshalb wende ich die Begriffe „natürlich“ und „Natur“ auf ethische Themen an. Leider ist die Verwirrung über die Begriffe so groß geworden, dass viele Menschen das Naturgesetz für absurd halten. (So dachte ich auch.)
Was kann ein Naturgesetz mit Ethik zu tun haben? Ist es nicht so, dass die Freiheit des menschlichen Willens allen Naturgesetzen trotzt? Gäbe es in der Tat ein Naturgesetz, das ethisches Verhalten vorschreibt, hätten wir doch wohl keine andere Wahl, als uns entsprechend zu verhalten.
Die Weisheit der Chinesen

Lassen Sie mich die Missverständnisse aus dem Weg räumen. Ich lade Sie ein, aufmerksam die folgenden Sätze zu lesen:
Wie unermesslich ist Gott, der Lenker des niederen Menschengeschlechts!
Wie furchterregend ist Gott, viele seiner Anordnungen sind unverständlich!
Der Himmel gebar unzählige Menschen, doch ihrer Natur ist nicht zu trauen.
Alle Menschen sind gut am Anfang, nur wenige sind es am Ende.

Können Sie die Quelle des Zitats erraten? Es steht nicht in der Bibel, stammt weder aus dem Judentum noch aus dem mittleren Osten, sondern aus Fernost. Man findet den Text im chinesischen Buch der Oden, einer Sammlung von 311 Gedichten, die zwischen 1000 und 476 vor Christus entstanden sind. Der Abschnitt vermittelt eine Anmutung von Gott, (Shang Di: Oberster Regent), die durchaus mit westlicher Auffassung übereinstimmt. Der Begriff „Natur“ hingegen ist in diesem Zusammenhang weniger geläufig. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hat die chinesische Auffassung, wie folgt, verdeutlicht:
Der Mensch ist vom Himmel her mit einer guten Natur ausgestattet, die ihm auf allen Wegen Richtschnur sein soll. Zeigt er sich dem göttlichen Geist in seinem Innersten zugewandt, so bewahrt er seine Unschuld, die ihn dazu führt, das Rechte mit instinktiver Sicherheit zu tun, ohne darüber hinaus an Belohnung und persönlichen Vorteil zu denken. Diese instinktive Sicherheit führt ihn zu höchsten Erfolgen und fördert seine Ausdauer.
Doch nicht jede instinktive Handlung steht im Einklang mit der Natur in ihrer tieferen Bedeutung, sondern nur das Tun, welches richtig und in Übereinstimmung mit dem himmlischen Willen geschieht. Ohne das Merkmal des Richtigseins bringen unreflektierte, instinktive Handlungen nur Unglück. Konfuzius sagt hierzu:
Was geschieht mit dem, der seine Unschuld aufgibt? Der Wille des Himmels und sein Segen begleiten seine Taten nicht mehr.
Notwendige Begriffsklärung

Dieses Verständnis von Natur ist keinesfalls nur in der chinesischen Kultur beheimatet. Das Etymologische Wörterbuch weist aus, dass Natur vom lateinischen natus = geboren, abgeleitet ist; die Natur eines Menschen ist also die Summe der Eigenschaften, mit denen er geboren wurde.
In der mittelalterlichen Philosophie wurde „Natur“ mit Begriffen, wie „wesensgemäße Eigenschaften“ und „angeborene Charakteranlage“ beschrieben. Wenn Leute etwas als „unnatürlich“ bezeichnen, dann meinen sie (oder sollten es zumindest) damit Veranlagungen und Eigenschaften, mit denen wir geboren wurden.
Die Begriffe „natürlich“ oder „unnatürlich“ werden im heutigen kulturellen Umfeld allerdings oft in einen anderen philosophischen Kontext gestellt: „Natur“, als freie Natur, Mutter Natur, kreatürliches Verhalten etc. Diese Auffassung von „Natur“ umschreibt alles, was nicht durch menschliches Streben und Einfallsreichtum verursacht ist.
Ein natürlicher See steht im Gegensatz zu einem künstlich angelegten See. Natürliches Licht ist von künstlichem Licht, als Produkt menschlicher Kunst, zu unterscheiden. Diese ambivalente Auffassung von „Natur“ kann sogar eine quasi-mystische Form von Zustimmung auslösen; indem jedoch etwas als „unnatürlich“ benannt wird, wird es als scheußlich, ekelhaft, gefährlich oder toxisch verdammt.
Wir sehen also drei eng miteinander verwandte Auffassungen von „Natur“:
  • Natur als grundlegende Eigenschaft von Menschen und Dingen
  • Natur als Gegensatz zu menschlichem Handeln
  • Natur als quasi-mystische Kraft oder Naturgesetz

Erstens also haben alle Dinge ihre eigene Natur oder grundlegende Eigenschaften. Zweitens wissen wir, dass Menschen die Fähigkeit haben, ihre Handlungsweisen selbst zu wählen; diese Handlungen können entweder mit den in uns grundgelegten Eigenschaften -unserer Natur-, übereinstimmen oder diesen widersprechen. So weiß man z.B., dass regelmäßiges Inhalieren von Zigarettenrauch ungesund ist, auch wenn es angenehme Gefühle auslöst.
Wir können aber nicht nur zum Schaden unserer eigenen Natur handeln, wir können sogar andere gegen ihre Natur zwingen: wir domestizieren Tiere, stellen aus dem Holz der Bäume Möbel her, kochen Mahlzeiten, um sie besser verdaulich zu machen, usw. Nimmt man es genau, so liegt es sicher nicht in der Natur von Tieren, sich an Menschen anzupassen, von Bäumen, als Tische zu dienen, oder von Lebensmitteln, durch Erhitzen verändert zu werden. Wir unterscheiden also zwischen „natürlich“ als Zustand von Dingen ohne menschliche Einflussnahme und „künstlich“ als Zustand, der durch menschliche Einflüsse entsteht.
Drittens evoziert die Unterscheidung zwischen einer Welt mit oder ohne menschliche Eingriffe moralische, ja quasi-mystische Anmutungen. Wir sind unserer eigenen Tricks überdrüssig geworden und argwöhnisch gegenüber dem Wert unserer Einflussnahme.
Die jüngste Vergangenheit mit ihren vielfältigen, von Menschen verursachten Katastrophen, der Ausfall toxischer, radioaktiver und anderweitig gefährlicher Stoffe, ja sogar die ästhetische Verelendung vieler urbaner Orte haben zu der Auffassung geführt, dass die natürliche Umwelt einer von Menschen gestalteten Umgebung überlegen ist. Naturwunder werden höher geschätzt als geniale Bauten. Natürlichen Prozessen wie Öko-Produktion oder Geburt wird, anders als künstlichen Arbeitsabläufen, eine beinahe spirituelle Qualität zugeschrieben. Ob es nun zutrifft oder nicht, man bevorzugt natürliche Produkte und lehnt synthetische eher ab. Der Natur wollen wir vertrauen, den Menschen hingegen trauen wir nicht.
Menschliche Natur und Freiheit

Wie steht es denn nun um die menschliche Natur, den „wesentlichen Qualitäten“ des Menschen? Aus dem Blickwinkel der chinesischen Philosophen bringt uns die menschliche Natur in eine gefährliche Lage. Unsere eigene Natur hat uns der Himmel verliehen; in der modernen chinesischen Schrift wird der Begriff „Natur“, sofern er in Bezug zum menschlichen Charakter steht, 天性 geschrieben, das erste Zeichen steht für Himmel, das zweite allgemein für Natur. Das zweite Zeichen wird aus den Zeichen = Herz und = Geburt, oder geboren werden, gebildet, was, wie wir sehen konnten, mit der lateinischen Wurzel von „Natur“, also natus = geboren, übereinstimmt. Die menschliche Natur ist also das, was in eines Menschen Herz [ 心 ] seit seiner Geburt [ 生 ] vom Himmel [ 天 ] angelegt wurde.
Dennoch lesen wir im Buch der Oden, dass „der vom Himmel verliehenen Natur nicht zu trauen ist, da zwar alle anfangs gut sind, aber nur wenige noch am Ende gut geblieben sind“. Mit anderen Worten, unbeschadet dessen, dass unsere Natur gut, und uns vom Himmel verliehen ist, endet es für viele schlecht. Dies liegt daran, dass wir einen freien Willen haben: wir können unserer Natur zum Guten folgen oder uns gegen sie wenden.
Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm erklärt: „nicht alle Handlungen des Instinkts sind in einem höheren Sinn natürlich, sondern nur die, die auch in sich gut, mit dem Willen des Himmels übereinstimmen“ .
Wir fühlen uns häufig beunruhigt durch anscheinend natürliche Begierden, die im Konflikt zueinander stehen. Ebenso ersehnen wir manchmal Dinge, von denen wir wissen, dass sie nicht zu unserer Natur gehören. Wir sind also gehalten, in Übereinstimmung mit dem Himmel zu handeln, dem wir unsere Natur zuallererst verdanken.
Wer ein wenig in Theologie bewandert ist, hat bemerkt, dass diese Konzepte weitgehend mit den jüdischen und christlichen Lehren übereinstimmen, nach denen die Menschen durch Gott mit guten Anlagen geschaffen wurden, seinen Geboten jedoch nicht gefolgt und in die Irre gegangen sind.
Doch diese Interpretation des menschlichen Dilemmas gilt als überladen mit jahrhundertealtem religiösem und kulturellem Gepäck. Das religiöse Drama, in dem der Wille des Menschen gegen den Willen Gottes ankämpft, führt zu einer ungebärdig pubertären Haltung, die Gott als tyrannische Vaterfigur wahrnimmt, der zu hassen und zu fürchten ist; jemanden, der mächtiger als wir, unsere Unterwürfigkeit einfordert und unseren individuellen Bedürfnissen im Wege steht.
Um emotional aufgeladene Begriffe, wie „Gebote“, „Ungehorsam“ und „Strafe“ zu vermeiden, wollen wir lieber eine Analogie betrachten: Stellen Sie sich vor, ein begnadeter Entwickler von Robotern zu sein, der einen voll funktionierenden humanoiden Roboter geschaffen hat, der überdies in der Lage ist, sich autonom zu bewegen und eigene Entscheidungen zu treffen.
Sie installieren Programmvorschriften für alle wichtigen Grundvoraussetzungen: er soll regelmäßig seinen Akku aufladen, darf nicht in Wasser eintauchen, nicht hinfallen, keine Befehle ausführen, wenn Sicherheitssysteme beschädigt sind, usw.
Natürlich könnte man solche Instruktionen fest verdrahten, doch widerspräche das einem coolen Programmdesign, das dem Roboter die Entscheidung überlässt, wiederholtes Aufschlagen mit dem Kopf möglichst zu vermeiden.
Unbeschadet dieser Instruktionen ist der Roboter dennoch absolut fähig, sich in den Regen zu stellen, kopfüber vom Dach zu springen oder sich nicht aufzuladen. Wenn er die Anweisungen ignoriert, nimmt er Schaden. Hier werden Begriffe wie „Gebote“, „Ungehorsam“ und „Strafe“ gar nicht herangezogen.
Diese Analogie verdeutlicht die Gemeinsamkeiten von chinesischer und christlich-jüdischer Sicht der menschlichen Natur im Bezug auf die Freiheit, eigene Entscheidungen selbst zu treffen. Wir haben einen freien Willen; wir können ihn gebrauchen, wie es uns gut dünkt. Und doch sind wir eingeengt durch die logischen Grenzen unserer grundlegenden Eigenschaften.
Menschen in meiner Größe sehen sich durch zu niedrige Arbeitsflächen in der Küche eingeschränkt. Kleine Leute sind eingeschränkt durch Hängeschränke in eigentlich normaler Höhe. Ein Mensch kann nicht gleichzeitig kurz oder lang sein. So muss man Dinge wählen, die zu unserer Natur passen.
Ethische „Naturgesetze“

In der Ethik nennt man eine Wahl, die unserer Natur gemäß ist, „Naturgesetz“. Allerdings assoziieren viele den Begriff mit dem Apfel, der auf Sir Isaac Newton’s Kopf fällt, sodass wir in erster Linie „Naturgesetze“ in der Physik und nicht in der Ethik verortet sehen. Doch sollte niemand verwundert sein, wenn er erfährt, dass Menschen ebenso ethischen wie physikalischen Gesetzen unterworfen sind.
Es liegt in der Natur des Menschen, dass sein Körper der Schwerkraft unterliegt: dies ist ein physikalisches Naturgesetz. Es liegt aber ebenso in der Natur des Menschen, sich nicht der Schwerkraft auszuliefern, indem man sich aus großer Höhe herabstürzt, da dies dem Weiterleben nicht dient und keine Zukunftsperspektiven bietet. Dies ist ein ethisches Gesetz der menschlichen Natur.
An dieser Stelle mag der Eine oder Andere argumentieren: Wie kann dies ein ethisches Naturgesetz sein, wenn man es brechen kann? Wir sind ja auch nicht in der Lage, die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben. Doch dieser Einwand missversteht die Substanz des Gesetzes.
Das ethische Gesetz sagt nicht: „Du kannst Dich nicht von einem Gebäude stürzen“, es sagt vielmehr: „Suizid bietet dir keine Zukunft“, womit jedem überlassen ist, sich die Folgen eines Sturzes aus großer Höhe auszumalen.
Deshalb kommen Menschen unfertig in diese Welt. Wir können unser Handeln frei bestimmen, doch müssen wir uns der Grenzen, die unsere eigene Natur uns setzt, unserer grundlegenden Qualitäten, bewusst sein. Stattdessen haben wir Wünsche, die gegen unsere innerste Natur gehen.
Wir nehmen Gewohnheiten und Überzeugungen an, folgen unseren Begierden und Leidenschaften, wir leben ein Leben ohne Bezug zur menschlichen Natur oder dem „himmlischen Weg“. Dies ist das Dilemma des Menschen aus Sicht der chinesischen Philosophen.
Von den chinesischen Weisen lernen

Das chinesische Book of Rites, stellt die Tragödie der menschlichen Existenz unter dem Einfluss unkontrollierter Wunschvorstellungen heraus:
Der Mensch wird durch unzählige Dinge beeinflusst; und wenn er sein Gefallen oder Missfallen an diesen Dingen nicht selbst ordnet, wird er in die Natur der Dinge verwandelt, wie sie ihm begegnen; er unterdrückt die Stimme des himmlischen Prinzips in seinem Innersten und gibt sich ohne Widerstand allen Lüsten hin, von denen Menschen besessen sein mögen. Wir haben eben ein rebellisches und hinterlistiges Herz, das zügellos und verletzend Unordnung stiftet. Die Starken unterdrücken die Schwachen, die Vielen sind grausam zu den Wenigen, die Wissenden verführen die Arglosen, die Dreisten erschweren den Ängstlichen das Leben, die Kranken werden nicht gepflegt, Alte und Junge, Waisen und Witwen werden missachtet, das sind die Folgen der Verwirrung.
Das Gegenmittel findet man ganz am Anfang des Book of Rites, es ist ein einfacher aber inhaltsschwerer Ratschlag:
Hochmut soll man nicht entstehen lassen, Versuchungen soll man nicht nachgeben, dem Willen soll man nicht zur Gänze Genüge tun, Vergnügen soll nicht im Exzess enden.
Auch unsere westliche Kultur kennt diese Ratschläge seit tausenden von Jahren, doch werden in manchen Zeitabschnitten, so auch in der heutigen Zeit, diese Leitlinien missachtet. Unsere moderne Kultur verschmilzt diese Leitlinien mit dem negativen Bild, das unserer religiösen Geschichte anhaftet, und betrachtet sie als repressive und unterdrückende Vorschriften. So werden wir, ohne es wahrzunehmen, ermutigt, unseren Hochmut wachsen zu lassen, Versuchungen nachzugeben, den Willen hemmungslos durchzusetzen und Vergnügen bis zum Exzess auszukosten, immer unter dem Vorwand, gegen religiöse Unterwürfigkeit zu rebellieren.
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Zac Alstin arbeitet am Southern Cross Bioethics Institute in Adelaide, Süd Australien.

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