Politiker sollten individuelle Neigungen bei der Ausbildung fördern

Politiker sollten individuelle Neigungen bei der Ausbildung fördern
Bei vielen Sonntagsreden von Politikern zum Thema Schulbildung bemängelt der Erziehungswissenschaftler Sir Kenneth Robinson, dass die Notwendigkeit zur Förderung individueller Fähigkeiten von Schülern glatt ausgeblendet wird.
von Don Graham - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Die meisten Politiker meinen in diesen Tagen, über Bildung reden zu müssen. Präsident Obama erläuterte einige Gedanken zum Ende der Schulferien, als er die Kinder mit der Botschaft „Seid verantwortungsbewusst“ begrüßte. Eines seiner Themen war, dass alle Kinder Talente haben, die sie entwickeln sollten. „Jeder Einzelne von euch kann etwas besonders gut“, sagte er. „Jeder Einzelne hat etwas beizutragen, und jeder hat die Verpflichtung, Fähigkeiten bei sich zu entdecken. Dazu kann die Schulausbildung eine Gelegenheit bieten.“
Der Präsident hätte dies ebenso aus einem Beitrag des Erziehungswissenschaftlers Sir Kenneth Robinson vorlesen können, der sich seit Jahren dafür einsetzt, dass Lehrer ihre Schüler ermutigen, studieren zu einer „Leidenschaft“ zu entwickeln.
Anlässlich eines Interviews im Australischen Fernsehen erläuterte Sir Kenneth seine Vorstellungen und sagte, dass Menschen das, was sie tun, lieben sollten. „Sehr viele Menschen, die nach Abschluss der Schule im Beruf erfolgreich wurden, waren durchaus schlechte Schüler.“ Er brachte das Beispiel einer Musikklasse in Liverpool, in der die Hälfte der Beatles waren, auch Paul McCartney und George Harrison, deren Begabungen damals niemand erkannte.
„Wenn bei einem Menschen Talent und Leidenschaft zusammen kommen“, sagt er, „dann ist für ihn Arbeit keine Last mehr. Unsere Bildungssysteme sind jedoch leider nicht darauf angelegt, Studenten bei der Suche nach der eigenen Begabung zu helfen. Viele Menschen durchlaufen die Bildungseinrichtungen und finden nie heraus, was ihre besondere Stärke ist.“
Sir Kenneth stellte sein neuestes Buch, The Element: How Finding Your Passion Changes Everything [Die Entdeckung der eigenen Stärken ändert alles] (Viking Verlag), vor, das die Lebensläufe einiger erfolgreicher Menschen behandelt, deren Begabungen in der Schule unbemerkt blieben.
Diese Leute wurden nicht als Berühmtheiten geboren. „Sie wurden der Öffentlichkeit erst bekannt, als sie ihr Talent mit Leidenschaft weiterentwickelten“, so Sir Kenneth, „und ich bin überzeugt, dass wir alle solche Möglichkeiten haben. Der Mensch erreicht im Leben am Besten seine Ziele, wenn er seine natürlichen Fähigkeiten erkennt und auf diesen aufbaut. Viele Personen, die ich befragte, waren keine Musiker, sie waren Mathematiker, Geschäftsführer, Lehrer, Fernsehproduzenten; alle haben zu dem gefunden, was sie ganz und gar erfüllt.“
Sir Kenneth weiß besser, als viele andere, wie Talente auszuschöpfen sind. In seinen Fernsehbeiträgen macht er eine starke, beeindruckende Figur. Nur wenn man ihn über eine Bühne zum Rednerpult schlurfen sieht, erkennt man, dass er wegen Kinderlähmung stark behindert ist. Obwohl kaum in der Lage zu laufen, ist Sir Kenneth heute einer der einflussreichsten Erziehungswissenschaftler mit weltweiter Anerkennung. Seine Auszeichnungen würden leicht das Volumen dieses Beitrags sprengen. Er war Präsident einiger einflussreicher Wissenschafts-Gesellschaften für Erziehungsfragen und sein Rat wird von Regierungen und Konzernen eingeholt. Er erarbeitete Berichte für die britische Regierung, das europäische Parlament und Behörden in den USA. Sein klarer Verstand und sein Esprit machen ihn zu einem gefragten Redner.
Woher nahm dieses Bürschchen aus Liverpool - eines von sieben Kindern einer Arbeiterfamilie, die kaum über die Runden kam - die Inspiration, die ihn so weit aufsteigen ließ? Er selbst schreibt es seiner Familie zu; sein Vater, der nach einem Arbeitsunfall querschnittsgelähmt war, gab nicht auf, ein „aktives“ Leben zu führen und überzeugte auch seinen Sohn, dass er sich nicht über seine Behinderung definieren dürfe.
Sir Kenneth wurde 1981 durch die University of London promoviert und bekleidete die Position des Projekteiters „Kunst und Schule“ von 1985 bis 1989. 1998 ernannte ihn die britische Regierung zum Leiter des Nationalen Berater-Komitees für kreative und kulturelle Erziehung. In allen Funktionen war das Leitmotiv seiner Bemühungen, die Notwendigkeit der Förderung von Kreativität und Phantasie junger Leute zu betonen.
Dieses Thema hat er in mehreren Büchern ausgearbeitet, u.a. Out of Our Minds: Learning to Be Creative (Wiley & Sons) and The Arts In Schools (Calouste Gulbenkian Foundation).
Sir Kenneth ist überzeugt, dass man nur dann beste Leistungen von einem Schüler erwarten kann, wenn man versteht, wie er denkt und was ihn bewegt. Er ist unglücklich, dass die meisten Bildungssysteme hierarchisch strukturiert sind, mit Mathematik, Wissenschaftsfächern und Sprachen als wichtigste Prioritäten, während Geisteswissenschaften und Kunst irgendwo am Ende rangieren.
Sein Problem ist: wenn das Geld knapp wird und Politiker über „Gürtel enger schnallen“ und „Standards anheben“ philosophieren, sie sich ausschließlich auf die Top-Prioritäten Mathematik, Wissenschaft und Sprachen kaprizieren.
Natürlich ist auch er überzeugt von der Wichtigkeit dieser Fächer, doch hält er Musik, Tanz, Kunst und Poesie, - also Fächer, die Menschen emotional ansprechen – für ebenso wichtig.
„Ich habe nie gegen Wissenschaft und Mathematik argumentiert, aber immer gesagt, dass wir eine Balance brauchen. Einigen Kindern fällt Mathematik sehr leicht, anderen eben nicht. Sie sollten Anspruch darauf haben, in anderen Fächern zu Erfolgserlebnissen zu gelangen. Wir müssen einfach unseren engen Fokus erweitern, … eine nicht geringe Zahl unserer besten Wissenschaftler ist durch Kunst inspiriert worden und ebenso beschäftigen sich eine ganze Reihe von Künstlern mit wissenschaftlichen Fragestellungen.“
Im Zentrum von Sir Kenneth Credo stehen die Anerkennung individueller Talente und Methoden, sie zu inspirieren. Er will Verständnis wecken für das, was Menschen veranlasst, zu lernen und sich Ziele zu setzen.
„Was wir ganz bestimmt über Erziehung aussagen können, ist, dass sie sich auf Individuen, auf konkrete einzelne Menschen bezieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo ein Kind gibt, das morgens aufsteht und sich Gedanken darüber macht, wie man unter seinesgleichen die Lesegewohnheiten verbessern kann. Nein, man muss sie dazu ermuntern. Ich habe den Eindruck, dass Politiker diesen Problemen mit Methoden beikommen wollen, wie man z.B. der Autoindustrie hilft, sich neu zu formieren, oder einen Fertigungsprozess zu reorganisieren. Darum geht es aber nicht! Es geht um die Kultivierung von individuellen Neigungen und Talenten. Wenn wir das nicht zustande bringen, wird es keinen anderen Weg geben.“
„Ich würde mir wünschen, dass Politiker den Lehrern die notwendigen Freiräume bewilligten, den Job zu tun, für den sie bezahlt werden. Leider ist es jedoch so, dass sie die Ausbildung am liebsten Lehrer-unabhängig gestalten und alles Wissen quasi durch Maschinen vermitteln wollen.“
Man darf sich ruhig fragen, ob die heutige Riege der politischen Führer, Obama eingeschlossen, diese Dinge vor Augen haben, wenn sie sich zur Wichtigkeit von Ausbildung äußern. Im Sinne der heranwachsenden Generation kann man das nur inständig hoffen.
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