Online-Abitur im Königreich

Online-Abitur im Königreich
Ab 2011 dürfen dänische Abiturienten in ihren Abschlussprüfungen das Internet zu Rate ziehen. Obwohl Dänemark in Bildungsfragen eine Vorbildrolle einnimmt und die deutsche Publizistik nach Sensationen giert wie die Motte nach dem Licht, verhauchte die Attraktion dieser Meldung schon mit ihrem Bekanntwerden Ende letzten Jahres. Lediglich das Online-Portal der Süddeutschen griff das Thema auf.
von Markus Rüther
---
Abi mit Google

Die Online-Abfrage soll künftig fester Bestandteil schriftlicher Prüfungen an Gymnasien sein, nachdem die Auswertung mehrjähriger Pilotprojekte an dänischen Schulen zu überraschend positiven Resultaten geführt hatte. «In Prüfungen kann es praktisch sein, Google oder ein Online-Lexikon befragen zu dürfen», schrieb Elmar Jung von sueddeutsche.de. Finden wir auch. Nur zu dumm, dass unsere Schulzeit schon hinter uns liegt. Die Brockhaus-Enzyklopädie durften wir damals jedenfalls nicht benutzen. Doch was hätte uns das auch gebracht? Abgesehen von dem enormen Zeitaufwand, den das Nachschlagen in Anspruch nimmt, stellt sich die Frage, ob nicht durch den Umstand, dass jeder Schüler über diese Möglichkeit verfügt, bezüglich der Endnote alles beim alten bleibt? Beim Internet kommt nun die Schwierigkeit hinzu, dass es viele ungeprüfte Informationen, haltlose Behauptungen und von Interessen geleitete Artikel sowie Fehlmeldungen gibt. Die Auswertung der Meldungen sowie die Abschätzung von Glaubwürdigkeit und Brauchbarkeit erfordert gewisse Kompetenzen, so dass sich im Grunde nur derjenige Wissen aneignen kann, der schon über Wissen verfügt.
Schach den Dänen!

Im Horizont dieser Betrachtung ist die dänische Initiative vielleicht sogar zu begrüßen, da sie, Such- und Beurteilungskompetenzen fördernd, letztlich sogar zur Steigerung des allgemeinen Lernniveaus sowie zum Ausbau der analytischen Fähigkeiten führen könnte. Im Schachspiel gibt es auf Profiebene seit Ende der 90iger Jahre eine Disziplin, die sich «Advanced Chess» nennt. Die gegeneinander antretenden Akteure dürfen bei ihren Zugberechnungen auf Datenbanken zugreifen und die enorme Rechenkapazität modernster Software nutzen. Ergebnis: die gemeinsame Nutzung des Computers führte keineswegs zur Nivellierung der Resultate, auch in der Symbiose Mensch-Maschine gewann der bislang spielstärkere Spieler. Stattdessen konnten sämtliche Schachspieler ihre Spielfähigkeiten noch signifikant steigern bis zu einem Niveau, das zumindest bei der Weltelite die Leistungen des amtierenden Weltmeisters weit übertraf. Aufschlussreich war ferner, wie unterschiedlich die Spieler Varianten aufbauen und überprüfen. Also, vielleicht sollten wir mitziehen und, von den Dänen lernend, die Methoden noch etwas verfeinern, anstatt uns irgendwann mattsetzen zu lassen. Das Motto dieser Kampagne könnte lauten: «Schach den Dänen!»
Taxonomy upgrade extras: