Der Papst empfiehlt der Kurie eine Liste von Tugenden als Mittel gegen Versuchungen

von Austen Ivereigh - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Am Ende des Jahres 2015, in dem sein Bemühen, den Vatikan zu reformieren, mit hartnäckigem, ja teils erbittertem Widerstand begegnet wurde, nutzte Papst Franziskus seine dritte Ansprache an die Kurie, eine umfassende Liste von „Antibiotika“ zur Bekämpfung der „Krankheiten“, die er in seiner Ansprache des vergangenen Jahres ausgemacht hatte, zu „verordnen“. Obwohl seine Ansprache an die Mitglieder der Kurie gerichtet war, machte der Papst klar, dass die Tugenden für jede Organisation gelten, innerhalb der Kirche ebenso, wie außerhalb.

Franziskus machte deutlich, dass er sich von seinem Ziel, die Kultur der Kurie so zu ändern, dass sie der Sendung des Papstes und den Bedürfnissen der Kirche diene, nicht abhalten lasse. „Diese Reform ist fest beschlossen und wird zielstrebig umgesetzt“, sagte er und fügte noch die traditionelle Formel hinzu: Ecclesia semper reformanda, die Kirche hat es immer nötig, sich zu erneuern. Er fügte hinzu, dass einige der Krankheiten, oder Versuchungen, die er in seiner letztjährigen Ansprache erwähnte, sich 2015 manifestierten und so „der gesamten Kirche große Schmerzen zugefügt und die Skandale viele Gläubigen verletzt haben“.

Es gibt mindestens zwei Vorkommnisse, auf die man seine Worte beziehen kann: Das Bekenntnis eines Vatikanbeamten, schwul zu sein, das er mit seinem Freund am Vorabend der Synode medienwirksam inszenierte, sowie die Publikation zweier Sensationsbücher, die sich auf durchgesickerte, vertrauliche Dokumente der päpstlichen Reform-Kommission stützen. (Das Verfahren gegen fünf Beteiligte, zwei Journalisten und drei ehemalige Angestellte des Vatikans ist eingeleitet).

In seiner Ansprache erinnerte Papst Franziskus an den sel. Paul VI., der 1963 die Kurie aufforderte, „Beispiel zu geben“ und „Skandale zu vermeiden, die Seelen verletzen und die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses beschädigen“. Doch stellte Franziskus, anders als im vergangenen Jahr, die gute Arbeit der römischen Kurie besonders heraus.

„Mängel und selbst Skandale können die Effizienz der Dienste der römischen Kurie für den Papst und die ganze Kirche nicht verdunkeln“, sagte er und fügte hinzu, dass „die großen Anstrengungen, Verantwortung, Einsatz und Hingabe“ seiner Mitarbeiter für ihn „eine Quelle wirklichen Trostes“ war.

„Es wäre eine große Ungerechtigkeit gegenüber all den anständigen und gewissenhaften Personen, die in der Kurie mit unermüdlichem Einsatz, Ergebenheit, Treue und Professionalität arbeiten, nicht tief empfundenen Dank und gebührende Ermutigung zum Ausdruck zu bringen – sie schenken der Kirche und dem Nachfolger Petri den Trost ihrer Solidarität und ihres Gehorsams, ganz zu schweigen von ihren großherzigen Gebeten.“

„Überdies“, so fuhr er fort, „sind die Widerstände, die Mühen und das Fallen der Menschen und der Amtsträger auch Belehrungen und Chancen für Wachstum, aber niemals Anlass zur Entmutigung“.

In einem Statement zur Tradition kirchlicher Reformen, die auf Wiederherstellung von Verlorenem abzielen, bzw. die zentralen Aufgaben der Kirche wieder in den Blick nehmen, sagte Franziskus, Widerstand und Scheitern sind „Gelegenheiten, sich auf das Wesentliche zu besinnen, das heißt zu überprüfen, wie weit wir uns im Klaren sind über uns selbst, über Gott, über den Nächsten, über den Sensus Ecclesiae und über den Sensus Fidei.“

Er legte dann eine Liste von 12 Doppel-Tugenden vor, deren Anfangsbuchstaben das lateinische (auch spanische und italienische) Wort für Barmherzigkeit bilden:
M-I-S-E-R-I-C-O-R-D-I-A. Diesen „Katalog dringend notwendiger Tugenden“ sieht er als „Antibiotikum”, um den „Erkrankungen der Kurie“ zu begegnen.

• Missionarietà e pastoralità – Missionsgeist und pastorale Grundhaltung
• Idoneità e sagacità – Eignung und Scharfsinn
• Spiritualità e umanità – Spiritualität und Menschlichkeit
• Esemplarità e fedeltà – Vorbildlichkeit und Treue
• Razionalità e amabilità – Vernünftigkeit und Liebenswürdigkeit
• Innocuità e determinazione – wohlwollende Besonnenheit und Entschiedenheit
• Carità e verità – Liebe und Wahrheit
• Onestà e maturità – Ehrlichkeit und Reife
• Rispettosità e umiltà – Achtung und Demut
• Doviziosità* e attenzione – Großherzigkeit und Aufmerksamkeit
• Impavidità e prontezza – Unerschrockenheit und Regsamkeit
• Affidabilità e sobrietà – Vertrauenswürdigkeit und Nüchternheit

(* zu -Doviziosità- bemerkte der Papst: „Ich habe das Laster der sprachlichen Neubildungen.“)

Im Wesentlichen ermunterte er also die Kurie, in ihrem Dienst missionarisch, pastoral, weise, urteilsfähig, von tiefer Spiritualität, ausgeglichen, glaubensstark, beispielhaft, vernünftig und liebenswürdig, entschlossen - aber demütig, klar und wahrhaftig, offen und gereift, respektvoll, sorgfältig, aufmerksam, unerschütterlich, wachsam, berechenbar und nüchtern zu sein.

Nach der Verlesung der Liste legte Franziskus den Anwesenden nochmals ans Herz, dass Barmherzigkeit der Schlüssel zu all ihrem Tun und Handeln sein solle:

So möge also die Barmherzigkeit unsere Schritte lenken, unsere Reformen inspirieren und unsere Entscheidungen erleuchten. Möge sie die tragende Säule unseres Wirkens sein. Möge sie uns lehren, wann wir vorangehen und wann wir einen Schritt zurück tun müssen. Möge sie es sein, die uns die Geringfügigkeit unserer Handlungen im großen Heilsplan Gottes und in der Erhabenheit und geheimnisvollen Wirklichkeit seines Werkes verstehen lässt.

Er schloss mit einem Gebet zum sel. Oscar Romero, welches seine Zuhörer dazu einlud, sich nicht als Baumeister, sondern als Arbeiter zu verstehen, deren Aufgabe es ist, „Fundamente für einen Bau zu legen, der nach und nach Realität wird“.