Peter Singer in Köln wegen eines NZZ-Interviews wieder ausgeladen

von Michael Cook - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Der australische utilitaristische Philosoph begann seine Krönungsreise durch Europa eigentlich gut. Ende Mai konnte er frische Ehrendoktorhüte der Universitäten von Athen und Bukarest seiner ausufernden Sammlung von Orden und Ehrenzeichen einverleiben. Von dort reiste er weiter nach Berlin, um den neu geschaffenen „Peter Singer Prize for Strategies to Reduce the Suffering of Animals“ entgegenzunehmen. Er wurde mit enthusiastischen Worten von Maneka Gandhi, der indischen Ministerin für die Entwicklung von Frauen und Kindern, die auch Präsidentin der Gesellschaft „Menschen für Tiere“ in ihrem Land ist, eingeführt. Ein deutscher Politiker erklärte seine Popularität so: „Peter Singer's Ideen sind logisch, frei von religiösem Überbau und leicht zu verstehen“.

Die glühenden Elogen gingen allerdings im lauten Protest einer Demonstration von ca. 250 Menschen unter, die sich vor dem Gebäude versammelt hatten, um gegen seine Einladung zu demonstrieren. Ihre Botschaft: Singer ist der Meinung, dass man Babys töten dürfe.

Dieser Protest hat wohl den Nerv der Organisatoren der phil.Cologne, eines achttägigen (allein in Deutschland) arrangierten Philosophie-Festivals getroffen. Die Einladung an Singer, am 31. Mai einen Vortrag zu halten, wurde zurückgezogen, eine befremdliche Aktion, wurde er doch im Konferenzprogramm als „einer der weltweit einflussreichsten Philosophen gefeiert. „Wie könnt ihr so etwas ein Philosophie-Festival nennen, wenn ihr zu feige seid, Dinge zu diskutieren, die andere Menschen verstören?“ erzählte ein entnervter Singer dem Kölner Stadt-Anzeiger. „War das nicht immer schon seit Sokrates die Aufgabe des Philosophen?“

Was war geschehen?

Den Organisatoren waren Singers krasse Meinungen zu Abtreibung und Euthanasie bekannt, doch hofften sie wohl, dass die Öffentlichkeit ihn eher in seiner Funktion als oberster Theoretiker der Tierschutzbewegung wahrnehmen würde. Der Titel seines Vortrags sollte dann auch lauten: „Werden Veganer die Welt retten?“

Dummerweise publizierte am 26. Mai die Neue Züricher Zeitung ein Interview mit Singer in dem er die offensiven Fragen der Journalistin mit dem ihm eigenen Freimut beantwortete. Was immer man über Peter Singer sagen mag, er steht jedenfalls zu seinen Ideen.

Hier Ausschnitte aus dem Interview, in dem Singer seine Auffassungen zu Abtreibung, assistierter Sterbehilfe und Euthanasie und den relativen Wert menschlichen Lebens darlegt.

(Das ganze Interview ist auf der Website der NZZ, der Neuen Züricher Zeitung nachzulesen)

Neue Zuricher Zeitung: Ein Neugeborenes halten Sie nicht für schützenswerter als einen Embryo. Andererseits sprechen Sie Menschen nicht per se einen höheren Status zu als Tieren.

Peter Singer: Nicht die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch macht es moralisch falsch, ein Lebewesen zu töten. Warum sollten alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens ein Recht auf Leben haben und andere Spezies nicht? Diese Idee entspringt bloß unserem religiösen Erbe. Uns ist jahrhundertelang beigebracht worden, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen wurde, dass Gott uns die Herrschaft über die Tiere gegeben hat und dass wir unsterbliche Seelen haben.

NZZ: Wenn Sie vor einem brennenden Haus stünden, in dem sich 200 Schweine und ein Kind befänden, und Sie könnten entweder die Tiere oder das Kind retten, was täten Sie?

PS: Das Leid der Tiere wird irgendwann so groß, dass man sich entscheiden sollte, die Tiere zu befreien und nicht das Kind. Ob dieser Punkt bei 200 oder bei zwei Millionen Tieren erreicht ist, weiß ich nicht. Aber man darf nicht unendlich viele Tiere verbrennen lassen, um das Leben eines Kindes zu retten…

NZZ: In der Schweiz wird darüber diskutiert, ob Hochbetagte Zugang zu einem Sterbemittel bekommen sollten. Was halten Sie davon?

PS: Man sollte nicht unheilbar krank sein müssen, um Hilfe beim Suizid zu erhalten. Wer sein Leben nicht mehr für lebenswert hält und einen vernünftigen Grund hat zu glauben, dass sich das nicht ändert, sollte Zugang bekommen. Das umfasst Leute in höherem Alter mit Beschwerden wie einer schweren Arthritis oder einer beginnenden Demenz, die nicht unmittelbar tödlich sind. Unter solchen Umständen sollten sie ein Rezept für das Sterbemittel erhalten und sterben können, wenn sie das möchten.

NZZ: Wenn ich mit 50 Jahren finde, bis jetzt hatte ich ein tolles Leben, aber man soll eine Party verlassen, wenn sie am besten ist: was dann?

PS: Ich würde Ihnen sagen, dass es auch Gutes im Leben gibt, wenn Sie älter als 50 sind. Wir sollten es Leuten nicht zu leicht machen, Entscheidungen zu treffen, die wahrscheinlich irrational sind. Zumindest können wir ihnen einige Hindernisse in den Weg stellen.

NZZ: Es könnte Druck auf alte Menschen entstehen, sich selbst das Leben zu nehmen.

PS: Das kann passieren. Aber es kann auch hilfreich sein für Leute, die genug haben. Empfindet sich jemand als Belastung für seine Familie, ist es nicht unbedingt unvernünftig, dass er sein Leben beendet. Wenn seine Lebensqualität eher schlecht ist und er sieht, wie seine Tochter viel Zeit aufwendet, um sich um ihn zu kümmern, und dabei ihre Karriere vernachlässigt, dann ist es vernünftig, ihr nicht weiter zur Last fallen zu wollen.

NZZ: Mein Impuls wäre, mich zu fragen, was ich tun kann, damit so jemand wieder gerne lebt.

PS: Vielleicht geht das nicht, weil man nicht beheben kann, was sein Leben nicht mehr lebenswert macht. Und wie viel sollte eine Gesellschaft zahlen, um die Lebensqualität der Bürger zu heben, wenn sie mit dem gleichen Geld das Leben von Menschen in armen Ländern viel stärker verbessern könnte?

NZZ: Und Sie selbst: Sind Sie nützlich genug?

PS: Wenn man meinen Einfluss berücksichtigt, ist meine Berufswahl gerechtfertigt. Ich habe Leute motiviert, darüber nachzudenken, das Leiden von Tieren zu reduzieren und Menschen in extremer Armut zu helfen…

NZZ: Würden Sie so weit gehen, ein Baby zu foltern, wenn es der ganzen Menschheit dauerhaftes Glück verschafft?

PS: Diese Frage stammt aus Dostojewskis «Die Brüder Karamasow»; Iwan stellt sie seinem Bruder Aljoscha. Ich wäre vielleicht nicht in der Lage, das zu tun, weil ich durch meine evolutionär entwickelte Natur Kinder vor Schaden bewahren will. Aber richtig wäre es. Denn wenn ich es nicht täte, würden in der Zukunft Tausende Kinder gequält.

Es geschah nicht zum ersten Mal, dass Singer in Deutschland „ausgeladen“ wurde. Geplante Auftritte in Deutschland, der Schweiz und Österreich (1989, 1990 und 1991) wurden nach vehementen Protesten von Behindertenverbänden gestrichen.

Was meinen Sie: Hatten die Organisatoren Recht, einen Mann „auszuladen“, der als „einflussreichster Philosoph unserer Zeit“ gepriesen wird?

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Michael Cook ist Herausgeber von MercatorNet.