Philosophie für Kinder. Eine Expedition ins Reich der Gründe und Zwecke

Philosophie für Kinder. Eine Expedition ins Reich der Gründe und Zwecke
Was macht der Wind, wenn er nicht weht? Wo ist die Welt zuende? Warum gibt es Zahnschmerzen? Kinderfragen sind philosophische Fragen. Umgekehrt gilt gleichfalls: Philosophische Fragen sind Kinderfragen. Wie der Philosoph fragt das Kind nach Ursache, Grund, Zweck und Sinn dessen, was zur Kenntnis gelangt. Kinder sind darin sehr gründlich und ausdauernd. Der schier unendliche „Warum“-Regress beim Kleinkind kann nerven. Doch zeigt sich hier deutlich, was schon Vittorio Hösle auffiel: „Kinder sind die wahren Philosophen.“
von Josef Bordat
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Längst hat dies zu einem wahren Boom im Bereich der Philosophie für Kinder geführt. Das Potential der Kleinen soll genutzt werden, um über die Beschäftigung mit philosophischen Fragen vom Kindergartenalter an zu einer Kultur der Solidarität und Reflexivität beizutragen, zur Erhöhung der Urteils- und Kritikfähigkeit, aber auch der Dialogbereitschaft der Erwachsenen von morgen. Insbesondere in den USA und Australien ist diese Form der Erziehung zum mündigen Bürger etabliert. Zum Teil findet die Philosophie für Kinder in den Institutionen selbst statt und kann damit den Unterrichtsstil insgesamt beeinflussen, zum Teil werden spezielle philosophische Clubs außerhalb der Schule organisiert, wenn die Situation an den Lehranstalten eine Einbettung der Philosophiekurse nicht zulässt.
Philosophie für Kinder bzw. mit Kindern hat drei Effekte:
  • 1.ergeben sich aus den Antworten der Kinder für die Philosophie ungewohnte Sichtweisen;
  • 2.befördert die Anleitung zum selbstständigen Denken eine Erziehung zur Mündigkeit und die Bildung moralischer Persönlichkeiten, in Ergänzung zur religiös-konfessionellen Unterweisung (nicht als deren Ersatz!) und
  • 3. ergeben sich neue Impulse für die Didaktik durch die Auflockerung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses, denn Philosophieren ist „gemeinsames Suchen“ und die Philosophiestunde läuft anders ab als der Unterricht in anderen Fächern, die über einen definierten Wissenskanon verfügen.

Man kann die Philosophie für Kinder als Expedition in Denklandschaften begreifen, die das Kind nach und nach entdecken kann. Der Lehrer begleitet die Kinder und kann dabei nach Clinton Golding, einem Experten für Kinderphilosophie, fünf verschiedene Rollen einnehmen[1]:

  • 1. Er kann die Kinder ganz ohne Leitung lassen und in der Gruppe mitgehen. Man bestaunt gemeinsam das Neuland, das man betritt. Entscheidungen, wohin man als nächstes geht, treffen alle gemeinsam.
  • 2. Er kann den Kindern ein Expeditionsbegleiter sein. Man geht mit dem Lehrer mit und orientiert sich an ihm, doch der sieht sich nicht für diese Aufgabe qualifiziert.
  • 3. Er kann die Rolle eines Expeditionsleiters einnehmen. Der Lehrer kennt prinzipiell die Richtung und geht der Gruppe voraus, wobei sich Situationen ergeben können, in denen eine Art „Schicksalsgemeinschaft“ entsteht und man über neue Wege verhandeln muss. Das letzte Wort hat der Lehrer, die Schüler beraten ihn jedoch.
  • 4. Er kann Reiseleiter sein. Der Lehrer kennt den Weg genau und führt die Schüler auf einer klaren Route von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Die Schüler haben kein Mitspracherecht, was die Route angeht, sie bestimmen nur den Grad der Interaktion mit den Sehenswürdigkeiten.
  • 5. Er kann schließlich die Reise absagen und stattdessen einen Diavortrag halten. In diesem handelt der Lehrer die Sehenswürdigkeit nacheinander ab. Die Erfahrung eines gemeinsamen Weges kann nicht gemacht werden.

Während beim Lehrer-Schüler-Verhältnis vom Typ 1 und vom Typ 5 der Lernerfolg durch Unter- bzw. Überforderung gefährdet sei, solle im Rahmen der Philosophie für Kinder, so Goldings Vorschlag, ein Lehrer-Schüler-Verhältnis vom Typ 3 angestrebt werden, da Philosophie eher eine Expedition als eine Reise sei (Abgrenzung zu Typ 4), der Lehrer jedoch aufgrund seiner Erfahrung und Kompetenz die Verantwortung für das Erreichen des Ziels übernehmen müsse (Abgrenzung zu Typ 2), obgleich Philosophieren prinzipiell die gemeinsame Suche nach Lösungen bedeute.
Der Lernerfolg zeige sich an einer Zunahme von Sach- und von Prozesswissen, also von Fakten und Methoden. Dabei müssten auch Methoden als „Sachen“ erlernt werden (daher die Expedition, die Suche nach dem besten Weg) und Fakten der Philosophiegeschichte seien hilfreich bei der Beantwortung systematischer Fragen (daher die Leitung, die wie ein Wegweiser fungiert). Der Philosophielehrer soll als Expeditionsleiter Modell sein für die Schüler und sowohl Sach- wie auch Prozesswissen vermitteln, das in der Philosophie ohnehin eng beieinander liegt und manchmal untrennbar zusammenfließt.
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Anmerkung:
[1] Aus dem Vortrag „The Philosophy Teacher as Guide. Balancing Following the Inquiry Where It Leads with Introducing Philosophical Knowledge“, gehalten auf dem XXII. Weltkongress für Philosophie 2008 in Seoul (Korea) im Rahmen der Sektion „Philosophy for Children“.

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