Pornographie wissenschaftlich betrachtet (2)

von Kevin Majeres - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
---

Dopamin und Toleranz

Ich erkläre Ihnen gleich, was beim Klicken passiert, doch zunächst ein Wort zu Dopamin. Dopamin ist das Hormon der Begierde - sieht man ein begehrenswertes Objekt, schüttet das Hirn Dopamin aus und sagt dem Menschen: „Los, geh‘ ran! Tu alles dafür!“ Dopamin fixiert die Aufmerksamkeit auf das Objekt der Begierde und macht fähig, sich darauf zu konzentrieren. Will man etwas Sinnvolles tun, etwas, das Spaß macht, oder worin man wirklich gut ist, liefert Dopamin den Impuls, der sagt: „Tu es“!

Wenn also jemand sich durch Porno-Seiten klickt, denkt sein unterer Kortex, das Bild sei Realität, er müsse das Lustobjekt mit aller Macht für sich gewinnen und so schütten obere Hirnareale Mengen von Dopamin aus, die das Gehirn mit elektrischen Impulsen überfluten.

Die erste Begegnung mit einer neuen Frau als potenzieller Partnerin kam bei unseren Vorfahren nicht allzu häufig vor, vielleicht gar nur einmal im Leben; für das Gehirn war das eine große Angelegenheit. Es hat allerdings nicht verstanden, dass das ganze Spiel heute ein Anderes geworden ist: dass es nämlich nur mehr virtuelle Frauen sind, die es wahrnimmt. Deshalb erzeugt jede neue Frau eine erneute Dopaminflut, ein ums andere Mal, Click für Click, solange er weitermacht. Er gerät in einen Dopamin-Rausch.

Das Hirn kann da nicht mehr mithalten, die Kräfte schwinden, etwas muss geschehen. Hier ein Vergleich: was würden Sie tun, wenn Sie jemand, mit dem Sie telefonieren, auf einmal anbrüllt, so dass Ihre Ohren schmerzen? Sie halten den Hörer weg vom Ohr oder stellen den Lautsprecher leiser. Wenn allerdings Ihr Partner wieder mit normaler Lautstärke spricht, hören Sie nichts mehr.

Das Gehirn reagiert auf die gleiche Weise. Wenn ein Mensch sich mit Dopamin flutet, weil er sich mit Pornos überreizt, wird das Gehirn die Lautstärke reduzieren - die Synapsen des Hirns, seine Schnittstellen, mögen es nämlich NICHT, auf Dauer mit Dopamin überstimuliert zu werden, weshalb sie dazu übergehen, Dopamin-Rezeptoren zu zerstören. So verhindert das Hirn eine dauernde Überreizung. Wenn jedoch der Dopamin-Rausch vorüber ist, bleibt ein Gefühl von Leere, von Allein- und Ausgelaugt-Sein.

Eskalation

Deshalb also verursacht Pornographie einen Circulus Vitiosus. Wenn jemand Pornos konsumiert, wird er vom Dopamin überstimuliert. Sein Hirn reagiert mit der Zerstörung von Dopamin-Rezeptoren. Dies erzeugt Leere, die ihn wieder zum Porno-Konsum verleitet, doch weil die Zahl der Rezeptoren weniger geworden ist, braucht er MEHR, um die gleiche Erregung zu erfahren, was wiederum das Hirn veranlasst, noch mehr Rezeptoren zu vernichten, weshalb immer stärkere Dosen Pornographie zur Stimulation nötig sind.

Wenn der Mensch mit seinem Dopamin-System spielt, wird er bemerken, dass er immer länger Pornos anschauen und mehr Seiten besuchen muss, aber dennoch irgendwann nicht mehr den Kick empfindet, wie am Anfang seiner Karriere. Das ist ein höchst gefährlicher Moment. Allein dies sollte der Hauptgrund sein, niemals mit dem Konsum von Pornographie zu beginnen.

Denn viele wenden nun einen Trick an, um den Stimulus des Dopamins zu verstärken, wenn der Effekt nachlässt. Wer es richtig krachen lassen will, bringt noch Adrenalin in den Mix ein. Wie man das macht?

Man gibt einem weiteren Gefühl Raum: Angst oder Abscheu, Schock oder Überraschung. Bei den Pornos wendet man sich perverseren Darstellungen zu, Dingen, die man eigentlich verabscheut, die sogar Übelkeit erzeugen, und so beginnt man, mit den verschiedenen Angeboten zu experimentieren. Man kann nicht vorhersagen, welche Perversion so schockt, dass es zum Ausstoß von Adrenalin führt, doch wenn es geschieht, sollte man sich vorsehen - die Mischung von Adrenalin und Dopamin ist extrem wirksam. Sie beeinflusst das Hirn zu einer neuen Entwicklungsstufe - sie triggert sog. Neuronale Plastizität, d.h. das Hirn wird neu „verdrahtet“.

Normalerweise sind unsere Hirne am stärksten beeinflussbar, solange wir Kinder unter etwa acht Jahren sind. In diesem Lebensabschnitt können wir Sprachen und Fertigkeiten schnell erwerben. Wir wissen heute, dass Pornographie diesen Status wieder herstellt, sodass umfangreiche „Umverdrahtung“ geschehen kann. Was aber geschieht dabei? Die Bilder und Eindrücke, die den kombinierten Ausstoß von Adrenalin und Dopamin hervorbringen, sind Auslöser. Als „Aufnahmeknopf“, der die Eindrücke im Gehirn speichert, fungiert der Orgasmus, das wirkungsvollste natürliche Belohnungssystem.

Es ist wichtig zu wissen, dass sexuelle Erregung bisweilen stärker auftritt, wenn man Dinge sieht, die schockieren oder Abscheu hervorrufen, weil Adrenalin die Wirkung von Dopamin steigert. Wenn dann der „Aufnahmeknopf“ betätigt wird, ist das Gehirn konditioniert, zukünftig immer danach zu verlangen.

Emotionale Betäubung

Kehren wir noch einmal zum Lautstärke-Problem beim Telefonieren zurück. Wenn der Gesprächspartner schreit und man den Hörer vom Ohr fernhält oder die Lautstärke herunterregelt, wird man nichts hören, wenn er wieder mit normaler Stimme spricht.

Die Überflutung mit Dopamin durch Pornokonsum und die daraus resultierende Zerstörung von Dopamin-Rezeptoren bedeutet, dass nur wenig Dopamin für das tägliche Leben übrig bleibt. Es gibt Anzeichen, die erkennen lassen, dass der Dopamin-Wert niedrig ist: Langeweile, Trägheit; das Gefühl, sich auf nichts konzentrieren zu können; Ruhelosigkeit, Ängstlichkeit oder Reizbarkeit; mangelnde Motivation und das Unvermögen, anderen in die Augen zu schauen. Einige beklagen Gedächtnisstörungen, bis hin zur Furcht, an Alzheimer erkrankt zu sein.

Im Zustand emotionaler Betäubung ist man unfähig, die subtileren Freuden des Lebens zu empfinden: Sport, Studium, Freundschaften oder Gebet. Man neigt dazu, sich abzusondern, verliert das Interesse an Anderen; studieren fällt immer schwerer, weil man sich nur schwer konzentrieren kann; Aufmerksamkeitsstörungen verschlimmern sich, weil eben Dopamin nötig ist, um sich zu konzentrieren. Dem Mangel an Dopamin begegnet man mit stimulierenden Medikamenten, wovon immer höhere Dosen nötig werden, dem chronischen Mangel zu begegnen.

Schließlich sei daran erinnert, dass Dopamin mit Motivation und Willenskraft zu tun hat. Wenn es sich erschöpft, erlischt auch die Willenskraft der Person. Sein unterer Kortex treibt ihn zwar an, seine Dopamin- und Adrenalin-Werte zu steigern, doch sein Dopamin-System wurde durch Pornographie gekapert und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als noch mehr Pornos zu konsumieren. Er bringt immer weniger Willenskraft auf, sich dagegen zu stemmen. Die Falle ist perfekt: während er immer schneller abwärts fährt, stellt er fest, dass ihm die Kraft zu lenken und bremsen fehlt.

Das Leben wird recht düster, wenn man in einem Teufelskreis steckt.

Pornographie hinter sich lassen

Wie kann man dem Teufelskreis entkommen? Die gute Nachricht ist, dass die meisten Menschen, die sich fest vornehmen, den Konsum von Pornos zu beenden, es auch wirklich schaffen. Sie müssen sich den Schaden und die Gefahren bewusst machen und feste Vorsätze fassen; darüber hinaus sollten sie die Tugend der Reinheit schätzen lernen, indem sie sich Freude, Frieden und Vorteile vor Augen führen, die sie mit sich bringt.

Wenn es uns schwerfällt, unser Suchtverhalten zu stoppen, gibt es drei Bereiche, auf die wir uns konzentrieren können; drei Möglichkeiten, das Bühnenbild vorzubereiten, um Selbstdisziplin zu entwickeln.

Zunächst müssen wir die Herausforderung, von der Sucht loszukommen, als Möglichkeit zum Wachsen begreifen, auf keinen Fall einfach als Bedrohung. Versuchungen als Bedrohung zu sehen, lässt sie uns fürchten. Furcht kann jedoch unseren emotionalen Kortex stimulieren, sodass die Gefahr besteht, automatisch zu reagieren. Eine aufkommende Begierde fürchten, kann deshalb, so paradox es klingt, dazu führen, dass wir der Versuchung erliegen, wenn die Begierde sich meldet. Furcht verträgt sich nicht mit Geduld. Geduld ist nötig, die Anstrengungen als Gelegenheit zu begreifen, Ideale zu leben und dennoch das Unbehagen zu akzeptieren, was eine unbefriedigte Begierde auslöst, bis sie sich verflüchtigt. Das beharrliche Üben, Herausforderungen bewusst als Gelegenheiten und nicht als Bedrohungen zu begreifen nennt man „reframing“, neu ausrichten.

Zum zweiten müssen wir bedacht und gesammelt bleiben, wenn uns eine unbefriedigte Gier packt und Wachsamkeit entwickeln. Wenn wir uns erlauben, das Unbehagen der Versuchung zur Gänze zu spüren, (ein Gefühl von Beklemmung, meist im Brustkorb empfunden), so wird die Versuchung selbst die Wachsamkeit fördern. Wachsamkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, sich nur auf einen Aspekt unserer Erfahrung zu konzentrieren, z.B. die Beklemmung, die man verspürt. Es bedeutet NICHT, dem die Versuchung auslösenden Impuls, (Gedanke, Bild etc.) weitere Gedanken zu widmen. Wenn wir eine Emotion aufmerksam betrachten, ist es, als würden wir der Amygdala, unserem Emotions-Generator, sagen, dass wir die Botschaft klar und deutlich verstanden haben. Sobald die Amygdala weiß, dass die Botschaft zwar verstanden wurde, wir aber NICHT darauf reagiert haben, nimmt sie dies zur Kenntnis und wird bei der nächsten Gelegenheit einen weniger starken Impuls aussenden. Detailliertere Erklärungen und Quellenangaben findet man im „Mindfulness Modul“ auf www.purityispossible.com.

Schließlich geht es darum, sich der Herausforderung zu stellen. Das bedeutet, Prüfungen als Trainingseinheiten anzusehen und sie zu nutzen, die Fähigkeiten zur Selbstkontrolle zu erwerben. So gewinnt man die Überzeugung, wachsen zu können und man sieht, dass die aufgewendete Mühe im Laufe der Zeit wirklich Früchte trägt. Versuchungen, die wir meistern, verstärken unser Tugendleben. Die härtesten Prüfungen stehen immer am Anfang, doch nach und nach bildet sich die Gewohnheit stärker aus und es fällt immer leichter, die Tugend zu leben.

Egal, durch welche Tiefen ein Mensch gegangen sein mag, die Tugend der Reinheit zu leben ist jedem möglich.

---
Kevin Majeres ist Psychiater und Spezialist für kognitive Verhaltenstherapie. Er ist Mitglied der Fakultät der Harvard Medical School, an der er selber Psychiater in kognitiver Verhaltenstherapie ausbildet. Der Beitrag wurde ursprünglich auf purityispossible.come publiziert. Hier der originale Artikel