Globale ethische Herausforderungen für 2016

von Michael Cook - ins Deutsche übertragen von Hrost Niederehe
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Migration, Homo-„Ehe“, Euthanasie und Kriegsdienstverweigerung werden die Hauptthemen sein - Die dänische Zeitung Kristeligt Dagblad bat MercatorNet, eine Prognose auf ethische Fragen bzw. Themen die in 2016 zur Diskussion stehen werden, zu erstellen. Hier eine gekürzte Version unseres Beitrags.

Welche ethischen Auseinandersetzungen werden die Titelseiten 2016 dominieren?

Das hängt natürlich davon ab, wo man lebt und welche ethischen Werte dort wichtig sind. MercatorNet publiziert von Australien und Neuseeland und wir nehmen die Würde des Menschen in den Blick, indem wir ihn bei allen medialen Debatten über Kultur, Familie, Sexualität, Bioethik, Religion und Rechtsfragen in den Mittelpunkt stellen. Deshalb verfolgen wir Presse- und Medientrends mit diesem Kontext. Dies ist zu beachten, wenn man unsere Prognosen liest.

Auf globaler Ebene wird wohl Migration zum bedeutendsten ethischen Problem im Jahr 2016 werden. Selbst im entfernten Australien, das 2015-2016 etwa 26.000 Flüchtlinge aufnehmen will, ein Tropfen Wasser im Eimer im Vergleich mit Europa, löst das Thema Migration leidenschaftliche Diskussionen aus. Man muss wohl heftige Kontroversen über jeden Aspekt der Zuwanderung und der Integration tausender Flüchtlinge, von denen die meisten Muslime sind, erwarten.

Nach Angaben des Hohen Kommissars für Flüchtlinge der UN gab es 2014 fast 60 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene. Hier lässt sich wohl ein verborgenes ethisches Problem ausmachen, welches Papst Franziskus als „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ bezeichnet hat. Europa ist zweifellos erschüttert durch die Invasion von einer Mio. Flüchtlingen aus dem mittleren Osten und darüber hinaus, doch wie steht es um die übrigen 59 Mio.? Wer kümmert sich darum?

In Australien wird wohl die heftigste Debatte des Jahres über die „Ehe“ zwischen Gleichgeschlechtlichen geführt werden. Australien ist das letzte Land im englischen Sprachraum, in dem Ehe immer noch als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau definiert wird. Australien bereitet sich auf eine intensive Diskussion vor, ob der Staat die Macht habe, eine naturgegebene Institution neu zu definieren.

Doch wird die „Homo-Ehe“ auch in den USA noch einmal ein Riesen-Thema werden, wo sie im vergangenen Jahr durch den obersten Gerichtshof legalisiert wurde. Da das eigentliche Ziel der LGBT-Gemeinde jedoch nicht eine trauliche Ehe ist, sondern die Gleichstellung ihrer Lebensform zur Ehe zwischen Mann und Frau, bin ich überzeugt, dass wir bald überall im Land Konflikte sehen werden, wenn gleichgeschlechtliche Paare der Meinung sind, in ihren Rechten beschnitten zu werden. (Sie werden wohl ihre Augen von den ernsten ethischen Konsequenzen abwenden, die die Zunahme von Leihmutterschaften mit sich bringt, denn Kinderwunsch muss outgesourced werden - meist zu bettelarmen Frauen in armen Gesellschaften.)

Ein weiteres Thema wurde nach der Durchsetzung der „Homo-Ehe“ losgetreten: die Transgender-Rechte. Unmittelbar nach Entscheidung des obersten Gerichtshofs avancierten Transgender Aktivisten, wie Caitlyn Jenner zu Lieblingen der Medien. Der ethische Knackpunkt reicht hier von der Sexualität in die Bereiche von Erziehung und Politik hinein: sind wir ermächtigt, die eigene geschlechtliche Identität nach Belieben selbst festzulegen? Obwohl es nur einen winzigen Teil der Bevölkerung wirklich betrifft, wird die Befriedigung ihrer „Bedürfnisse“ verbittert diskutiert. Sollte ein 8 Jahre alter Knabe einer Hormontherapie unterzogen werden, weil er „glaubt“, im falschen Körper zu stecken und eigentlich ein Mädchen zu sein? Sollte die Gesellschaft respektieren, dass ein 52 Jahre alter Mann, (Vater von 7 Kindern-[AdÜ]) zum 6 jährigen Mädchen „mutiert“, sich in die „Obhut“ liebevoller Adoptiveltern begeben hat?

Ablehnung aus Gewissensgründen ist auch ein Thema, das seinen Niederschlag in den Titelzeilen der Presse finden wird. Das Tempo, mit dem neue Gesetze verabschiedet werden ist so hoch, dass sich viele Menschen mit ihren „antiquierten Ethikvorstellungen“ verlassen vorkommen. Werden die Regierungen weiterhin loyal zu tief empfundenen traditionellen Prinzipien stehen? In Kanada können Ärzte z.B. gezwungen werden, an Euthanasie mitzuwirken.

Die Grundfrage ist, wie wir Moral definieren. Es mutet schon wie ein schlechter Scherz an, dass die Wahl jeder noch so absurden „Identität“ von Transgender Aktivisten akzeptiert wird, während Ärzten, die Wert auf ihre christliche „Identität“ legen, dieselbe abgesprochen wird. Dieser Zusammenstoß von Weltanschauungen wird zu interessanten Auseinandersetzungen führen.

Auf technologischer Ebene fordern Wissenschaftler dringend einen ethischen Diskurs über das eugenische Potenzial von CRISPR, einer neuen Manipulationsmethode von Genen auf, die es ermöglichen soll, das menschliche Genom schnell, präzise, effizient und billig zu modifizieren. Das Zeitalter genetischen Engineerings dämmert herauf. Wenn auch die Produktion klügerer und besserer Kinder wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen wird, können wir aber sicher damit rechnen, dass clevere Unternehmer bald mit der Vermarktung garantiert krankheitsfreier Embryonen beginnen werden.

Ein weiteres, wichtiges Thema ist das Recht auf Privatsphäre und die Datenerfassung, bzw. -überwachung durch Firmen und Behörden. Wir sind einerseits zu Recht schockiert, wenn Geheimdienste über jeden Bürger massive Datenbestände ansammeln, indem sie Informationen aus sozialen Medien, Internetnutzung und von Behörden zusammentragen. Doch andererseits kooperieren wir mit dem System, indem wir unsere Daten bereitwillig gegen kostenlose Dienste, oder einfach nur so, den Facebooks, Twitters, Googles etc. anvertrauen. Wenige Menschen machen sich darüber Gedanken, bis wieder ein Edward Snowden sie daran erinnert. Doch so werden Sitte und Anstand ausgehöhlt und der Schutz der Intimität verschwindet immer mehr.

Schließlich möchte ich - ohne alarmistisch zu werden, das Thema Euthanasie nennen. Kanada und Kalifornien legalisierten den Tod auf Verlangen im letzten Jahr und die Befürworter marschieren weiter. Ohne die vielen schlimmen Probleme in Ländern, wie den Niederlanden und Belgien auch nur zur Kenntnis nehmen zu wollen, verfechten sie den Standpunkt, dass der Mensch ein Recht habe, nicht zu leiden. Euthanasie wurde ursprünglich als „Therapie“ für unheilbar Kranke mit unerträglichen Schmerzen ins Gespräch gebracht, doch möchte man heute auch psychisch Kranken, Dementen, Gefangenen, ja sogar Kindern den „Segen dieser Therapie“ nicht vorenthalten. Dies wird auf jeden Fall weiter kontrovers diskutiert werden und jede Menge Titelzeilen produzieren.

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Es ist interessant, diese Vorausschau mit Prognosen, die ich 1966 formuliert hätte, zu vergleichen. Die herausragenden öffentlichen Kontroversen zu jener Zeit waren politischer Natur. Es gab leidenschaftliche Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene über das Wohl der Gesellschaft und wie es zu erreichen sei. In den USA bewegten der Kampf gegen die Armut und gegen die Ausbreitung des Kommunismus in Südost-Asien, die nukleare Aufrüstung und die Bürgerrechte für Afro-Amerikaner alle Gemüter.

Heutzutage beobachten wir einen Perspektivwechsel in der Ethik, weg von politischen Belangen, hin zu individuellen Wünschen. Debatten werden immer egozentrischer, wobei am lautesten über die Befriedigung meiner persönlichen Bedürfnisse, nicht aber über das Recht der Anderen gestritten wird, auch am Gemeinwohl teilzuhaben.

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Der Trend ist klar: Wir sind auf dem Weg von einer Kultur sozialer Bindung in eine Kultur persönlicher Befriedigung. Michael Cook ist Herausgeber von MercatorNet.