Psychologie des Alltags (1): Courage

 Courage
Der ursprüngliche Mut ist die Annahme der Wirklichkeit. Wenn das Kind aus der Hülle des „magischen Denkens“ herauskommt, um sich der Wirklichkeit mittels der Vernunft zu nähern, ist es bereits entweder vom Mut oder von der Furcht geprägt.
von Johannes B. Torelló
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Das in den ersten Jahren der Welt gegenüber erlebte Erstaunen hat eine vollkommen natürlich zur Tätigkeit antreibende Wirkung. Die Furcht dagegen ist beim Kinde immer etwas Angestecktes, von entmutigenden Milieuwirkungen erweckt. Jede lieblose, sowie auch weiche oder strenge Erziehung verschließt das Kindesdasein in sich selbst und fördert die Flucht aus der Wirklichkeit: nach unten - Zuflucht in den Leib, in die Schwäche, in die Krankheit: Grundlage der alten Neurasthenie; oder nach oben - Zuflucht im aufreizenden, berauschenden Traum: Grundlage der Mythomanie und der Hysterie; oder in die absolute Sicherheit - Grundlage der Zwangsneurose; oder in das absolute Irreale - Zuflucht bei der totalen Weltflucht - pathologischer Autismus, der sich sogar zur Schizophrenie entwickeln kann.
Die vitale Courage ist keineswegs blind. Sie ist primär das „sapere aude!“ (lat. „Wage zu Wissen“ der alten Philosophen), das die Annahme des Selbstentsagungswagnisses mit sich bringt, d.h. des Verlustes der eigenen magischen, verschlossenen Welt, um des Offen-Seins zur ganzen Realität willen. Die oft geringschätzig beurteilte Einbildungskraft bildet an und für sich keine Gefahr für die lebendige Begegnung mit der Wirklichkeit. Ganz im Gegenteil, ohne Einbildungskraft ist kein echter Realismus möglich. Mehr Dinge als das Auge hat die Einbildungskraft entdeckt, und ohne Phantasie würden weder Amerika noch die mathematische Physik entdeckt worden sein. Der ursprüngliche Mut, die elementare Courage, ist deshalb mit dem Wirklichkeitssinn eng verbunden.
Sogar die Klugheit, jene Vernunftsart, die das Risiko auf sich nimmt und alle Vorurteile und abgedroschenen Redensarten (z.B. des „um jeden Preis erkauften Friedens“) überwindet, wird von der bewußten und verantwortlichen Tapferkeit begleitet. Es gibt in der Tat menschliche, soziale, durch Tyrannei gekennzeichnete politische Situationen, in denen die Person ihres höchsten Gutes beraubt ist: der Freiheit. Dann rät die Klugheit, in einem solchen Fall sei es der Mühe wert, einen Friedhofsfrieden aufs Spiel zu setzen, um den Tyrannen zu stürzen. Diese Tat zu unterlassen oder auch nur solche Verhältnisse „pro bono pacis“ (lat. „um des Friedens willen“) zu dulden, verdient zweifellos den Namen der Feigheit, auch wenn man sich hinter fadenscheinigen moralischen Vorwänden versteckt.
Mißbildungen der Courage

Die Mißbildungen der Courage entstehen gerade auf dem Boden der entarteten Aggressionstriebe und der abgedroschenen Redens- und Haltungsarten. Die brillanten Leistungen, die nicht selten den echten Mut begleiten, haben diese menschliche Eigenschaft entwertet und sich als leerer „Divismus“ entpuppt. Die Massen klatschen zur explodierenden Lebendigkeit, zum Triumph des Ichs, zur Vernichtung der drohenden dunklen Mächte, zu jeder Flucht aus dem eintönigen und mittelmäßigen Alltag.
Deshalb wird in vielen Fällen die echte Courage verwechselt mit der Zurschaustellung der physischen Kraft - der niedrigsten Dienerin der Wahrheit. Ihre Leistungen zeigen sich oft als widersinnig, weil der gute Wille und die ritterlichen Rituale, mit denen sie sich bekleidet, ihre angeborene Grobheit nicht zu verbergen vermögen. Der Sieg der Gewalt enthält an und für sich keinen Wert, aber dafür ist er erfaßbar, meßbar, unbestritten. Auf seiner materialistischen Bahn laufen allerlei vernunftlose „Taten der Stärke“, grobe Prahlereien, bockbeinige Hartnäckigkeiten und gedopte Automatismen.
„Der Trommelschlag“, schrieb eines Tages Joubert, „hindert das Denken: deswegen entspricht er ganz genau der Militärmusik!“ Schwärmer, Don Juans, eitle Soldaten, rasende Sportler, „großzügige“ Straßenräuber, unverschämte Halbstarke aller Art spazieren überall herum, ihre falsche Courage zur Schau stellend. Der „Tapfere von Beruf“ hat nicht selten vor den wahren Lebenswerten ein entmutigtes Gemüt, wenn er sie nicht überhaupt vollkommen verkennt.
Unwerte Ziele mißbrauchen den Mut

Aus dem Hintergrund dieses großen Marionettentheaters erhebt sich - vielleicht ganz unerwartet - die ernste Gestalt Immanuel Kants. Er hat dem menschlichen Willen ein solches Loblied gesungen, daß dieses von tausenden Erziehern gelobte Vermögen eine unendliche Reihe von starren Seelenzuständen, unbeweglichen Charakteren, unerschütterlichen Prinzipien hervorgerufen hat, die jede Realität zu martern gewagt haben. So wollen sie sich aufdrängen, auch wenn oder gerade weil sie die Mannigfaltigkeit des Lebens, die Nuancen des Realen, die Persönlichkeit des einzelnen und den Humor der Geschichte nicht verstehen können. Wir haben geistesgestörte Willensmenschen erlebt, die durch alberne Schlagworte ihr Ich bestätigten, stolz auf ihren unerschrockenen Aufmarsch, mit moralischer Strenge kostümiert, wahre Anbeter jeder Anstrengung. Aber der menschliche Wille ist keine abtrennbare, eigenständige Fähigkeit, sondern sein Akt nimmt den ganzen Menschen in Anspruch, und mehr als in der Anstrengung besteht er in der Entscheidung, im großzügigen Einsatz, in der Offenheit der Selbsthingabe. Die Anstrengung bildet seine fleischlichste Dimension, die nur aus dem Wert, dem sie dient, ihren eigenen Wert schöpft.
Das Risiko, das echte Courage auf sich nimmt, ist menschlich und wertvoll nur um der Person oder Wahrheit willen, auf die sie sich bezieht. Nur zugunsten höherer als der aufs Spiel gesetzten Werte setzt sich der mutige und wackere Mensch der Gefahr - sogar der Lebensgefahr - aus. Entweder ist er vernünftig oder keineswegs mutig. Entweder ist er klug - im richtigen Sinn des Wortes - oder keineswegs tapfer. Die Torheit ist nie tugendhaft. Es ist z.B. töricht, das Leben wegen einer eitlen Klempnerehre aufs Spiel zu setzen. Der Mut, welcher sich nicht für die Liebe und die Gerechtigkeit einsetzt, ist falsch, gefährlich und unbillig. Genauso wird die Intelligenz, die die eigene Begrenzung nicht anerkennt, zur zerstörendsten Weltmacht.
Die „Donnersöhne“ und ihre Erben

Bei den Christen ist es so geschehen: Als Reaktion gegen Nietzsches Bild, das die Christen „kleinköpfig“ und als „arme Vögel“ hinstellte, ist eine gewisse Zahl von „Spiritualitätsheulern“ ans Licht getreten. Sie hatten auch eine geschichtliche Funktion (Léon Bloy, Giovanni Papini usw.), ihre Musik konnte manchmal sogar als schön betrachtet werden, aber sie förderten auch eine Art „Radaukatholizismus“ mit Fahnen, Hymnen und Aufmärschen.
Der Glaube, der dem Märtyrer Mut verleiht, hat mit „Firlefanzheldentaten“ und mit dem „tötend zu sterben“ der „Desperados“ nichts zu tun. Gerade zu den Donnersöhnen, die darum baten, daß Himmelsfeuer über die heidnischen Städte käme, hat Christus gesagt: „Ihr wisset nicht, welch Geistes ihr seid.“ Einige Mitglieder der sogenannten’ jungen Generation“ glaubten, eine „Aushebung der streitenden Kirche“ durchführen zu müssen. Unter „streitender Kirche“ verstanden sie eine schlagfertige Schar „harter Sportler“, „zorniger Schriftsteller“, „schlauer Politiker“ (manchmal auch Diktatoren), die zugleich vor aller Öffentlichkeit musterhafte Frömmigkeit ausüben sollten.
Dieser falsche Humanismus, um ihn nicht als Pelagianismus zu bezeichnen, sollte die „eifrigen Burschen“ begeistern, die die grundsätzliche christliche Wahrheit fast vergessen haben, nach der sich gegen das Geheimnis des Bösen nicht das lächerliche Schwert Petri erhebt, sondern allein das Geheimnis des Kreuzes: Ave Crux, Spes Unica! (lat. „Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung!“) Die ersten Christen haben die Verfolger nicht mit Steinwürfen empfangen ... Übrigens haben wir bereits hinreichende Erfahrungen über das Schicksal der Ohrenabschneider gesammelt: Sie enden nicht selten, von einem geschwätzigen Weib in die Enge gejagt, im Hof der Verleugnungen.
Die christliche Courage - die auf das Kreuz nie verzichtet - bewährt sich mitten im aufdringlichen Massengeist, behält ihre Übernatürlichkeit gegenüber dem bäuerlichen oder kulturell angehauchten Naturalismus, gleichmütig zwischen allerlei Extremen, ohne auf gewagten alltäglichen Einsatz zu verzichten. Der mutige Christ engagiert sich in den Abenteuern der irdischen Stadt, ohne eifrigem Automatismus oder stürmischer Leidenschaft zu verfallen. Engagement und Geduld bilden die menschliche Basis echt christlichen Verhaltens.
Man soll auch Mut zur Wahrheit haben und ihn unter Beweis stellen.
Diese Courage entdeckt die überall zerstreuten „Wahrheitsstücke“ und nimmt sie auf, um die einzige große Wahrheit - die eine Person, Christus, ist - in der gesamten Geschichte glänzen zu lassen. Es handelt sich letzten Endes um die Courage, die Wahrheit und das Gute aus der Ewigkeit in unsere Zeit „hinüberzuholen“ und Fleisch werden zu lassen. Es geht also um den Mut, die tiefe Wirklichkeit der Welt und des menschlichen Werdens anzunehmen.
„Männliche“ und „weibliche“ Courage

Wenn man den Mut in obigem Sinn versteht, kann man sagen, daß die Frau mutiger als der Mann ist. Die Frau versteht die Gesamtheit des Realen besser. Sie trinkt das Leben schluckweise, wie aus einer frischen Quelle. Dem Mann dagegen entspricht das nicht selten ungeschickte Kauen der voluntaristischen Kiefer, und daraus kommen fast unvermeidlich krankhafte Blähungen, schwierige Stockungen, wahnsinnige Philosophien, Kriege und Neurosen.
Der Mann besitzt, wie Max Scheler bemerkte, das „Lebensgenie“ der Frau nicht. Die Frau ist Lebenstreue, Nuancensinn. Der Mann zieht die `Bravourstücke“ vor. Der Frau sind die herzliche Bewahrung des Lebendigen, die dem Flußlauf der Existenz unaufhörlich und unermüdlich folgende Gefügigkeit, die mitten in zahlreichen Geschicken milde Festigkeit zu eigen. Diese Elastizität bei allen Wendungen des Lebens bildet eben die größere Tapferkeit der Frau im Vergleich zum Mann.
Nichtsdestoweniger sollte kein empfindliches Gemüt die Behauptung ärgern, daß jede echte Courage – bei Mann oder Frau - eine reichliche Dosis „männlicher“ Aggressivität nötig hat.
Sie taucht bei jeder Lebensbeschreibung großer Männer, sogar Heiliger, auf. Die Triebe sollen nämlich weder durch Fremd- noch durch Selbsterziehung verdrängt oder ausgelöscht, wohl aber in die höheren Personschichten aufgenommen werden. Wer sie ablehnt, wird von ihnen entweder geheim gefesselt, oder sie lassen seine Persönlichkeit ersticken. Die rechte menschliche Erziehung zügelt die Triebe, ohne sie zu verbannen, und damit werden sie eine unersetzliche menschliche Kraft. Deswegen hat Franz von Assisi den Wolf nur gezähmt, nicht in ein Schaf verwandelt. Und der Mystiker von Aquin behauptete, daß die Tugend des Mutes in ihrem Akte den Zorn aufnimmt, d.h. wie Emmanuel Mounier in seinem berühmten „Handbuch des Charakters“ schrieb: „Man muß die Menschen aufrecht und stark machen, damit auf ihre vollendete Menschlichkeit jene hohe Hingabefähigkeit gepfropft werden kann, welche die Liebe verlangt.“
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Die vorliegende Sammlung „Psychologie des Alltags - Modelle für das Leben“ erschien bereits in spanischer (Psicología abierta. Ediciones Rialp. Madrid, 2. Auflage); italienischer (Dalle mura di Gerico. Note di psicologia spirituale. Edizioni Ares. Milano, 2. Auflage) und portugiesi-scher Übersetzung (Psicologia aberta. Quadrante, Sao Paulo).
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(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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