Psychologie des Alltags (10): Mittelmäßigkeit

 Mittelmäßigkeit
Schwärmerische Geister kritisieren pausenlos und mit großen - manchmal auch mit groben - Worten die allgemeine Mittelmäßigkeit der Menschen, deren Durchschnittlichkeit sie nicht ertragen können. Sie haben sich den Erfolg gesichert, weil sie eine kaum verfehlbare Scheibe treffen. Harte Wörter von männlichem Klang, klare Luft, breiter Horizont, gewürzt mit einer Prise Sadismus oder Masochismus, die die überraschten Leser und Hörer zumindest kitzelt und eine gewisse emotionelle Betroffenheit verursacht.
von Johannes B. Torelló
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Die „apokalyptischen Propheten“, die unbarmherzigen Sittenkritiker rennen nur eine offene Tür ein: die Tür zur Nichtigkeit des Geschöpfes, zur Erfahrung der gefallenen Menschennatur. Aber sie lindern unsere Angst und unsere Schmerzen nicht. Sie erwecken Erregung, aber nicht Liebe, stiften Unruhe, aber nicht Vertrauen. Sie fördern die illusorischen Titanismen des Selbstbesitzens und der Selbstüberwindung und lassen die Papierdrachen paranoider Idealitäten emporsteigen. Sie bekämpfen unerbittlich alles, was beim Menschen unrein oder bloß gemischt erscheint; sie wandeln düster und trüb auf unserer Welt, wo der Weizen immer zusammen mit dem Unkraut wächst.
Drastisches „Entweder-Oder“ führen sie stets im Munde. Sie schreien, spotten, peitschen, höhnen ... Sie entlarven überall Heucheleien, entblößen falsche Gebärden, wühlen die Nachtseite jeder Seele auf und riechen bei Hoch und Niedrig die Fäulnis der durchschnittlichen Tugenden. Léon Bloy in Frankreich, Giovanni Papini in Italien sind vielleicht die letzten großen Schriftsteller dieser Art. Aber ein Heinrich Böll, ein Francois Mauriac, ein Julien Green, ein Graham Greene rutschen oft auch heute noch auf demselben Glatteis, gleich säkularisierten Savonarolas, um gar nicht zu reden von einer ziemlich großen Zahl von Verfassern „geistlicher“ Bücher. Leute dieses Gemüts spielen von Zeit zu Zeit bedeutsame Rollen in der Sittengeschichte, aber ihre Grundhaltung ist keineswegs zu empfehlen, weil sie menschlich - im vollsten Sinne des Wortes - nichtig ist. Ihre rasende Wut wirkt ermüdend, theatralisch, langweilig, leer ... und letzten Endes unfruchtbar, wenn nicht zweckwidrig.
Die Menschen aller Zeiten brauchen ganz dringend Ermunterung und Trost, Vertrauen und Liebe gerade im Rahmen ihrer unvermeidlichen Mittelmäßigkeit.
Unbemerkt kommt, was Dauer haben wird

Die echten großen Geister dagegen lieben die großen Worte nicht. Auch nicht die großen Taten, und sie haben das Grandiose immer in Verdacht gehabt. Sie scheuen sich vor leiblosen Ideen, die sich von der Erde lösen und wie feurige Kometen über unsere Köpfe fliegen. Sie lieben die umfangreichste Wirklichkeit, den ganzen Akker, wo - wie Christus sagte - immer wieder bei Nacht das Böse gesät wird. Sie nehmen nie Anstoß daran, daß es in uns und unter uns weder absolutes Weiß noch absolutes Schwarz gibt. „Gott allein ist gut (Mk 10,18)!“ Wir alle sind grau und streben mühevoll nach dem Reinen und Weißen. Und je bunter der Acker scheint, desto größer wird die Verwirrung der „empfindlichen Spiritualisten“, deren Kritik nie aufhört, während die Gewaltigsten und die Ungeduldigsten zu Kreuzzügen aufrufen und die ganze Welt schwer bedrohen werden. Der echte große Geist mag solchen Eifer nicht: Er wartet, wartet ohne Hast und ohne Nervenfieber, schmiegt sich liebevoll in das Alltägliche und Gewöhnliche, und führt alles zum stillen Sieg des Guten.
„Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Gut und das echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden, lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glücks und unechter Schönheit“ (Wilhelm Raabe). „Der heilige Mensch - weist ab das Ungemeine - weist ab das Vermessene - weist ab das Grandiose“ (Lao-Tse). In das Himmelreich - das einem unter der Erde begrabenen Schatz ähnlich ist - werden allein die Kinder eintreten; und die Kinder leben im Kleinen, atmen das Kleine, und, mit kleinen Dingen spielend, entfalten sie ihre Geistesmöglichkeiten.
Gefahr aller Gefahren ist der Geistesstolz. Gefährlicher als jede Mittelmäßigkeit. Von diesem Babelturm steigen selten Menschen herunter, zur Ebene der Wirklichkeit; viele aber fallen in den Abgrund der künstlich abgetrennten Fleischlichkeit; von einer Illusion zur anderen, kraft eines tristen und bekannten Kurzschlusses. „Gib dich nicht dem Gelüste deiner Seele hin. Sonst wird geplündert deine Seele wie ein Weinberg“ (Sir 6,2). „Seid nicht stolzen Sinnes, vielmehr befaßt euch mit niedrigeren Diensten“ (Röm 12,16).
Im Gegenteil, aus einer nicht dramatisierten Mittelmäßigkeit und sogar Niedrigkeit ist jede Menschengröße - auch die der Heiligen - entsprungen, wie Lao-Tse rührend erklärte:
„Auch der gewaltigste Baum
 war als Keimling fein wie Flaum.
Ein Turm von neun Stockwerken
stieg aus einem Häufchen Erde hinan;
eine Reise von tausend Meilen
fängt unter deinem Fuße an.“
Die Perle der Alltäglichkeit

Alles bei unserem menschlich-göttlichen Milieu ist klein. Und das Kleine muß als klein betrachtet werden. Jeder Idealismus - und vergessen wir nicht, daß der Materialismus eine typische Frucht und Erscheinung des Idealismus ist - versucht, unsere Natur zu überspringen. Dadurch aber entstellt er sie und macht uns unglücklich. Realismus dagegen bedeutet, das Große im Kleinen zu erleben, den goldenen Schatz unter der Erde flimmern zu sehen, die kostbare Perle der Alltäglichkeit nicht den Säuen vorzuwerfen. Liebe zur Welt drückt sich ausschließlich durch Pflege des Kleinen aus, durch „Sachlichkeit“, die Aufmerksamkeit, zärtliche Genauigkeit und sorgfältige Vollendung der geringsten Werke ist, ohne sich zu verkleinern, ohne die Dinge und die gewöhnlichsten Vorgänge unserer unerheblichen Existenz zu vergötzen. Deshalb kennt die rettende Liebe zur Welt auch den Glanz der Prosa, den Wert des Verborgenen, die Tiefe der Einfalt.
Die erhabenste Liebe stirbt fast immer auf dieser Welt der Realität und der Zeitlichkeit aus, und zwar aus Mangel an demütiger und sogar niedriger Speise, und man darf eine Liebe nicht als „mittelmäßig“, oberflächlich oder nur als sinnlich bezeichnen, weil sie Liebkosungen, Blumen, Pünktlichkeit oder kleine Geschenke braucht, um sich zu äußern und zu ernähren (G. Thibon). Wer unsere weltliche Bedingtheit und Beschränkung nicht ertragen kann, wer die naturgemäße Mischung unserer Gefühle entsetzt ablehnt, der erhebt sich keinesfalls, sondern neigt zu einem verdächtigen, unchristlichen „Aristokratentum des Geistes“. Fénelon stellt dieses in einem berühmten Brief an eine Nonne dar, die zwar eine Frau von großem Geist und zähestem Willen war, aber von Natur aus hochmütig und voll Verachtung für den Durchschnitt, die es nötig hatte, zu lernen, sich an und für den Durchschnitt zu verlieren. Wenn Gott den Menschen liebt, so liebt er den Durchschnitt, die arme kleine Tugend, die arme kleine Einsicht (Von Hügel).
Das Kleine umarmen

Große Taten, übermäßige Ideale, heroische Leistungen passen nicht zu unserem mühseligen alltäglichen Leben. Man sollte alle Wünsche verdächtigen, die im Gefühl der gewöhnlichen guten Menschen nicht wirkungsvoll sein können, sagte der taktvolle Franz von Sales und brachte als Beispiel das Streben nach einer gewissen Perfektion, die niemand zu verwirklichen vermag. Und er fügte hinzu: Vermeiden wir solches Anhäufen von Wünschen, damit wir uns nicht zufrieden geben mit ihnen und dadurch die Werke vernachlässigen, die nützlicher sind als alles Reden über unerreichbare Wünsche und absolute Perfektion, weil Gott die Treue zu den kleinen Dingen, die er in unsere Macht gegeben hat, mehr schätzt als das Begehren der großen Dinge, die in der Tat nicht von uns abhängen.
Auch Augustinus fürchtete, daß die nach höchsten Werten strebenden Menschen sich so überspannen, daß sie daran zerbrechen. Deswegen schrieb er: „Ich ermahne dich, damit du nicht zugrundegehst („ne forte crepes!“) herunterzusteigen. Gott wird dich besuchen.“
Das ist gerade - gegen jede verblendende Scheinheiligkeit - die Offenbarung des Neuen Bundes: daß Gotteskraft sich kundgebe in menschlicher Schwäche. Werk der göttlichen Liebe zur Welt ist eben die Erniedrigung Gottes und seine Selbstbeschränkung, die in der Fleischwerdung besteht. Gottes Größe, Seine Weisheit und Seine Heiligkeit werden gerade im „Nichts-“, „Narr-“ und sogar „Sündewerden“ sichtbar, wie Paulus ausdrücklich erklärt hat. Die Dynamis (Gewalt) Gottes vollendet sich in Asthenie (Schwäche), also im Gegensatz zu allem scheinbar Großen, Gesunden, schön Gewachsenen, Humanen, Verständlichen (H. Rahner). „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Skandal für Idealisten jeden Gepräges; Trost für unsere allgemeine Mittelmäßigkeit.
Es handelt sich aber weder um eine Glorifizierung des Nichts, noch um einen tragischen Zusammensturz des Himmels, sondern um die Offenbarung des Unendlichen im endlichen kreatürlichen Raum, und dies nicht in der Art und Weise einer Götterdämmerung, sondern in aller Milde und Bescheidenheit, als schlichtes und schweigsames Leben Gottes in einem Menschendorf, als Frohbotschaft zu den Armen.
Weniger donnernde Reden und mehr ermunternd ausgestreckte Hände! Weniger Vorurteile und mehr Trost! Weniger große, erhabene und komplizierte Gedanken und mehr Liebe und Pflege der mittelmäßigen, durchschnittlichen, alltäglichen, kleinen Dinge. Weniger Kritiker und mehr Dichter! (Jener Dichtung nämlich, die allein die gründliche Realität der Menschenwelt erfaßt.)
Üble Mittelmäßigkeit aber, die keine ruhige und doch gewagte Sehnsucht nach Besserung kennt, ist jene, die man als schlechteste österreichische Eigenschaft bezeichnet hat und die sich als Neigung zur Banalisierung und zum Paktismus ausdrückt. Der Sinn für das Reale fördert Respekt vor menschlicher, geistiger Wertskala, und die für die Aufrechterhaltung solchen Sinnes notwendige Entdramatisierung bedeutet keineswegs spießbürgerliches, bequemes, kurzsichtiges und rücksichtsloses Wegräumen oder Abstutzen aller Schwierigkeiten und Probleme. Wir alle sollten uns als klein, als Kinder betrachten, aber nie auf einer geebneten Welt wohnen wollen. Leid und Mühe können wir uns nicht ersparen; Stolpern und Fallen sind für uns alle unvermeidlich; Lebens- und Todesgeheimnisse werden uns immer wieder umlagern; Mittelmäßigkeit wird jahraus jahrein den Menschenraum bestimmen. Keine pathetische Aufregung, aber auch keine verantwortungslose Schläfrigkeit, sowie kein prahlerisches Heldentum, sondern allein Umarmung des Kleinen!
Denn „weil du in wenigem getreu gewesen bist, will Ich dich über vieles setzen“, sagt der Herr.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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