Psychologie des Alltags (14): Dienen

 Dienen
„Servus!“ grüßt man ständig und höflich in meinem Land Österreich und in einer Gesellschaft, in der niemand eine echte Haltung des Dienstes einnehmen möchte. Wir stehen vor einer Gefahr, deren Ausmaß sich noch nicht übersehen lässt. Einige Berufe, deren Eigenart das Dienen besonders in den Vordergrund rückt - Krankenschwester, Dienstmädchen -, verschwinden allmählich; und dieses langsame Aussterben bedroht wesentliche Elemente unseres gesellschaftlichen Lebens.
von Johannes B. Torelló
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Der Mensch - in der jugendlich-stürmischen Rebellion unseres Jahrhunderts befangen - sträubt sich gegen jede Haltung des Dienens, weil er sich dadurch erniedrigt fühlt, weil er Dienst und Sklaverei miteinander verwechselt und weil er ein bestimmtes Bild idealer Freiheit vergöttert.
Der Mensch ist wesentlich Herr und Diener zugleich: Niemand kann nur die eine der beiden Rollen übernehmen und die andere verweigern, weil sich beide nicht nur in der Einheit der Person ergänzen, sondern weil die eine in der anderen aufgeht. Die größten Gestalten der Menschheit sind Dienergestalten. Dienst war ein Wort des alten Adels: Der Edelmann erblickte in seinem Leben einen Dienst an der Majestät. „Minister“ bedeutet genau genommen „Diener“, Diener des Staates, Diener des Kultes. Der Papst gilt als „Diener der Gottesdiener“, die Seliggesprochenen wurden seit jeher „Diener Gottes“ genannt, und die Engel selbst heißen „Diener“ oder „Boten“ der „königlichen Hoheit“.
Und der menschgewordene Sohn Gottes hat den Sinn seines Lebens ganz klar erklärt: „Ich bin nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.“ (vgl. Mt 20,28) Damit wurde auch der Sinn des Lebens aller Menschen geoffenbart: Es ist Dienst, Dienst an Gott und Dienst am Mitmenschen.
Sträubt man sich gegen den Dienst, so fällt man der Sinnlosigkeit anheim, hat sich von der Wirklichkeit entfernt, hat einen Weg betreten, der zur Unsicherheit und zur Neurose führt. Nur dienende Menschen kosten die Wahrheit und die Tiefe der Existenz aus. Im Welttheater der Menschheitsgeschichte wie in allen großen Theaterstücken, von der Commedia de ll’Arte angefangen, über Shakespeare zu Nestroy, sind die Diener die echten Philosophen und Lebenskenner, während die Herren häufig als Sklaven der Machtgier und einer zimperlichen Eitelkeit auftreten. Auch in düsteren Tragödien spricht aus dem Mund des Dieners meist die Lebensfreude zu uns.
Im Grunde ist jeder Beruf nichts anderes als ein Dienst, ein Dienst an der Gesellschaft, ein Dienst am Nächsten, und gerade daraus erwächst jeder beruflichen Tätigkeit ihre spezifische Würde und Güte. Sogar der bescheidenste aller Berufe, der Beruf des Soldaten, dessen Funktion sich auf die Ausübung von Gewalt als letzter Verteidigungsmöglichkeit der Gemeinschaft beschränkt, dessen Einfältigkeit sich mit allerlei Mythologien umgibt und sich hinter einer Liturgie verzierender Feierlichkeiten verschanzt, um ihr Prestige unter geistigen Wesen zu wahren, hat letzten Endes den Wert des Dienstes, des einfachsten - wenn man so will -, aber eines in unserer unterentwickelten Kultur noch notwendigen Dienstes.
Man kann diesen Beruf seines obligaten Stolzes und seiner organisierten Arroganz entkleiden, aber vergessen wir nicht, daß auch er Würde hat, weil er uns dient, wie uns die Rauchfangkehrer dienen, die von vielen Pazifisten als Glücksbringer geachtet sind, obgleich sie höchst einfache Arbeiten verrichten.
Inmitten ihrer Kulturrevolution haben sich die Rotchinesen der Bedeutung und Würde des Berufes der Dienstmädchen in den Privatfamilien besonnen; die alte morgenländische Tradition der guten Haushaltsführung überwindet sogar im extrem kommunistischen Staat die „demokratischen“ Vorurteile des Abendlandes diesem Beruf gegenüber.
Der Dienst im Haushalt erweist sich im Zeitalter der Frauenarbeit und der Mechanisierung als ein unentbehrlicher, eine gediegene Ausbildung voraussetzender, höchst spezialisierter Beruf, der außerdem wesentlich mehr menschlich hervorragende Eigenschaften verlangt als so mancher andere. Völlig zu Unrecht wird er gering geschätzt, und daß er im Aussterben begriffen ist, zeigen deutlich das traurige Bild vieler Wohnungen und die Unterbewertung der Kochkunst, die trotz wohlmeinend vorgeschützter „Gemütlichkeit“ nicht durch das Essen „aus dem Papierl“ ersetzt werden kann. Dies stünde zum mindesten in krassem Mißverhältnis zum sonstigen Voranstürmen der Zivilisation.
Unfreie Entscheidungsverweigerer

Abgesehen von der geschichtlich nicht ableugbaren Ausbeutung in Form der Sklaverei, stoßen wir hier mit aller Deutlichkeit auf die Vorurteile gegenüber einer Haltung des Dienens, in denen sich eine Reihe von Mißverständnissen bezüglich der Freiheit des Menschen widerspiegeln. Auf menschlicher Ebene bedeutet „frei sein“ im Grunde unvollkommen sein, leer und arm sein: Man wartet darauf, vervollkommnet, erfüllt, bereichert, entfaltet zu werden. Andererseits aber bringt die Ausübung dieser Freiheit wiederum eine Einschränkung, eine Verarmung mit sich. Man kann jedesmal nur einen einzigen Weg einschlagen, und das bringt den Verzicht auf alle anderen mit sich. Die Erfüllung der einen Möglichkeit schließt fast immer die der anderen aus. Beinahe könnte man sagen, daß die Erfüllung der Freiheit die Freiheit selbst tötet, sie hinwegnimmt. Wer sich entschieden hat, ist von diesem Augenblick an nicht mehr frei, nicht mehr verfügbar.
Das verzweifelte Anhaften an dieser starren Verfügbarkeit - der disponibilité Sartres - bedeutet Verzicht auf die Entscheidungsmöglichkeit und damit Verzicht auf die Freiheit selbst. „Eine Frau zu lieben heißt, auf die unendliche Zahl der anderen zu verzichten“ (André Gide). Um diesen Verzicht „auf die anderen“ zu umgehen, müßte der Mensch überhaupt auf jede Liebesentscheidung verzichten, weil die Liebe - so wie das Glück - „ewig“ sein will. Er müßte auf das Leben selbst verzichten; gäbe es doch kein Handeln, kein Entwerfen, kein Auswählen, keine Erfüllung irgendeiner sich bietenden Möglichkeit mehr, da mit der Erfüllung die Starre der Offenheit, der unbegrenzten Entscheidungsvielfalt verlorengeht. Aber die Freiheit ist etwas, das man opfern muß, sie wurde geboren, um getötet zu werden. Und es hängt alles von der Ebene ab, in der sie stirbt: unten, im Sklaventum oder oben, in der dienenden Liebe (G. Thibon). Man muß sich entscheiden. Nicht nur für den Ehepartner und für den Beruf, auch für Ideen. Denn die Entscheidung gehört zur intellektuellen Redlichkeit, wenn man Freiheit nicht mit Verantwortungslosigkeit verwechseln will (Karl Rahner). Hier findet die Ablehnung der Ideologie ihre menschliche Beschränkung, ihre moralisch negative Seite. Jede echte Freiheit - beim reifen Menschen untrennbar verbunden mit der Verantwortung - ist hingegen Frucht der Entscheidung zum Dienst, der vor allem im Bereich der Weltanschauung, der Liebe, des Glaubens seinen Glanz erhält.
War die Sünde vom Anfang der Schöpfung an Ablehnung des Dienstes - das „Non serviam!“ (vgl. Jer 2,20) des in die Hölle gestoßenen Engels Luzifer, das „Wir wollen wie Gott sein“ (vgl. Gen 3,5) der aus dem Paradies vertriebenen ersten Menschen -, so wurde jede ichbezogene, selbstverherrlichende Haltung, jeder Egoismus Wurzel der aktuellen Sünde, Wurzel neurotischer Einengungen. Dienst aus Liebe aber ist „Seelenheil“ - salus -; hier stimmen Seelenheil-Kunde und Seelen-Heilkunde überein. Die Liebe setzt Freiheit voraus, aber sie zielt auf einen selbstlosen Dienst ab. Wer liebt, nimmt sofort eine dienende Haltung ein, die man oft in einem Doppelsinn als Sklaventum bezeichnet hat: Man versucht keineswegs, sich vom Geliebten frei zu machen, sondern im Gegenteil dem Geliebten zu dienen. Und gerade dieser unersetzliche Liebesdienst ist es, der die höchste und befriedigendste Freiheit hervorruft.
„Sag mir, Narr, was Liebe ist! Und der Narr antwortete: Liebe ist, was die Freien zu Sklaven macht und die Sklaven zu Freien. Und man weiß nicht, worin die Liebe vor allem besteht; in solchem Sklaventum oder in solcher Freiheit“ (Ramón Lull).
Es wird aber immer Menschen geben, die nur Dinge lieben oder vergegenständlichte, zu Dingen reduzierte Menschen. Sie werden dann unvermeidlich zu Sklaven. Sklaven der Materie, Sklaven des Fleisches, Sklaven der eigenen Interessen, Sklaven der Leidenschaft. Und diese Sklaverei zerstört jede Zwiesprache zwischen dem Ich und dem Du, weil das Du zum Es geworden ist (Martin Buber). Es gibt auch Sklaven einer Doktrin, einer Arbeit, einer Partei, Sklaven des Ehrgeizes ..., die alle keine Freiheit gewinnen, gerade weil sie keine Menschen lieben, sondern Dinge oder Abstraktionen.
Dienstbereitschaft: Befreiende Hingabe oder „Bauernfängerei“?

Die wahre Freiheit entsteht allein dort, wo die Liebe zwischen Person und Person herrscht. Und wo die Liebe blüht, nimmt sie unweigerlich die Gestalt des Dienstes an, der zwar als verpflichtend, als verbindlich erscheint, gleichzeitig aber als von Egoismus, Anmaßung und vermessener Selbstherrlichkeit befreit. Das Ich verwirklicht sich allein in der Radikalität der Selbsthingabe im Dienst, die Radikalität der Liebe ist (Przywara). Glorie am Kreuz, wie beim Sohn Gottes, der um der Menschen willen „nicht nur vom Himmel herabstieg, sondern Knechtsgestalt annahm“ und einen skandalösen Kreuzestod starb, um uns von dieser leeren und aufgeblasenen Selbständigkeit zu erlösen. Nur wahre Herren, wahrhaft freie Menschen, können den Wert des Dienens ermessen, und nur ehrliche Diener erleben die wahre menschliche Herrschaft, die wahre menschliche Freiheit.
Eine falsche Haltung aber wäre es, sich als „Diener“ zu geben, um auf diesem Weg das Heft in die Hand zu bekommen. Es gibt ja so viele Arten, die Menschen „in den Sack zu stecken“: Gewalt und Zärtlichkeit, Fügsamkeit und Rebellion, Zuneigung und Gleichgültigkeit, schüchterne Zurückhaltung und draufgängerische Anmaßung, offener Kampf und mitleiderregende Schaustellung der eigenen Schwäche. Sie alle können dasselbe Ziel anstreben, das Du zu fesseln.
Die alte, verderbte Kunst der Befriedigung des Ich kennt tausenderlei Schliche und berechnende Koketterie. In seiner kräftigen, prägnanten Art schrieb Meister Eckehart: „Es gibt Christen, die Gott behandeln, als ob er ihre Milchkuh wäre.“ Diener, die das Herrschen oder wenigstens das Sich-Bedienen-lassen im Sinn haben, wie die traurigen Gestalten der ach so häufigen „christlichen Politiker“, die großes Aufsehen um ihren Kirchendienst machen (der unmittelbar vor den Wahlen besonders gesteigert wird), damit ihnen die ersten Plätze am Tisch der Macht von den Kirchenleuten gesichert werden.
Diese falschen Diener aber werden nie echte Freiheit genießen: Stars sind vom Publikum abhängig, und ohne brausenden Beifall können sie nicht leben, ohne anbetendes Volk sind sie arbeitslos. Sklavenhalter werden unweigerlich selbst zu Sklaven ihrer eigenen Verhaltensweise, ja sogar zu Sklaven ihrer eigenen Untertanen. Man darf sich durch bloße Taten des Dienens nicht täuschen lassen. Geltung und befreienden Wert hat allein der Geist, die innere Dienstbereitschaft. Ein Geist, der - auch wenn er Gegenleistungen nicht hochmütig ablehnt - völlig unabhängig von der Dankbarkeit handelt. Ihm ist jedes Getue, jede lärmende Reklame abhold, ja selbst ein Übermaß des Wohltuns lehnt er ab. Ihm kommt es einzig darauf an, nützlich zu sein, dienen zu können: ob als verborgener Grundstein, als feine, die Stoffe zusammenhaltende Nadel, als tragender Betonpfeiler oder als eleganter Bogen, das ist vollkommen nebensächlich.
Jeder hat seine eigenen, unersetzlichen Möglichkeiten, eine persönliche Aufgabe des Dienstes an der Gemeinschaft. Alle Dienste sind notwendig, alle Dienste sind wertvoll, wenn unsere Absichten nur auf das Gute am anderen abzielen und wenn wir täglich den Ballast der Egozentrik großzügig über Bord werfen. In dieser Lebensfülle und Sinnhaftigkeit werden wir letztlich ein unerwartetes Gottesgeschenk finden: die Freude, das entscheidende Kennzeichen echten Dienens.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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