Psychologie des Alltags (16): Müdigkeit

 Müdigkeit
So mancher Dickbäuchige unserer Wohlfahrtszeit gibt sich jovial, gemütswarm und gebefreudig. Dennoch wird er nicht selten müde, weil sein Gewicht allzu groß ist und als Ballast empfunden wird. Wenn man ihn dann näher beobachtet, kann man feststellen, dass Hingabe und Seelengröße kaum den Bereich der Oberflächlichkeiten und der materiellen Interessen überschreiten: die Sphäre wirklich menschlich-geistiger Bezüge steht bei ihm völlig leer, und seine Müdigkeit ist viel mehr seelische Armut als eine Folge körperlichen Gewichtes.
von Johannes B. Torelló
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Rundliche, von unersättlichem Essdrang beherrschte „Geistesarbeiter“ sind zwar keine „müden Seelen“ wie die oben Genannten, ihr Sinnen und Trachten richtet sich aber gleichfalls auf „Irdisches“, da ihre ganze Existenz um den einen Weltbezug kreist: um das Sich-einer-Sache-Bemächtigen. Auch ihre Leiblichkeit wird - in Form von Süßigkeiten - dieser Daseinsweise angeglichen. Auch hier herrscht eine egozentrische „seelische Apathie“.
Vielfach zeigen Depressionen eine Enttäuschung des Liebesbedürfnisses, Hoffnungslosigkeit angesichts der verschiedenen Lebensmöglichkeiten, Aufgabe und Verkleinerung von Idealen, Abbau von Lebensentwürfen. Diese krankhafte Verstimmung engt das Verhältnis zur Welt auf jenen beschränkten Raum der Esssucht ein, auf das Einverleiben von Speisen. Sobald diese Personen aber ihre Existenz entfalten und eine echte, selbsthingebende mitmenschliche Beziehung oder eine geistigen Werten dienende Aufgabe annehmen, fängt ihr Fett an, wie Butter in der Sonne wegzuschmelzen.
Deshalb setzt freilich nicht jede Fettleibigkeit solcherart seelische Einengung voraus, noch kommt jede Müdigkeit aus seelischer Not, Armut oder Apathie. Wohl aber werden heute nicht selten menschliche Unzulänglichkeiten mit dem ehrenvollen Mantel der körperlichen Müdigkeit und der Erschöpfung getarnt.
In der Zeit der Leistung und der Konkurrenz gelten Schüchternheit, Unentschlossenheit, Angst und Schwäche, ja sogar Krankheit als Dinge, deren man sich schämen muss. Die „Erschöpfung“ und die „Müdigkeit“ behalten dagegen immer noch ihre Würde, weil sie im Grunde besagen: „Ich habe viel geleistet!“ Sie rufen Aufmerksamkeit hervor und rechtfertigen das Sichbedienen-Lassen.
„Hysterie“ bedeutet - nach der Meinung vieler - nichts weiter als Komödie, Simulation und Versuch, Aufsehen zu erregen. Die Hysterie wird durchschaut. Wenn man sich hingegen als „erschöpft“ gibt, so kann dies ohne Bedenken geschehen, weil die Welt der Arbeit erbarmungslos, grausam und anstrengend ist, weil alles ernst genommen wird, weil unsere Zeit rastlos und angespannt über uns hinweghastet und weil die verantwortungsbeladenen Menschen unweigerlich einmal zusammenbrechen; man ist Opfer des eigenen Heroismus geworden. „Erschöpfung“ besagt: Der Held ist müde. Hut ab!
Man sollte in der Tat betonen, dass der Mensch der Gegenwart - in einer Klinik hat er das Licht der Welt erblickt, in einer Klinik wird er sterben - eine schlechte Beziehung zu seinem Körper hat. Er wurde von der Mutti gefüttert, mit „gesunden“ Speisen vollgestopft, er fürchtet selbst den geringsten Schmerz, er verlangt von der Medizin Kraft, die er keineswegs zu verwalten weiß, er beseitigt jede Komplikation dadurch, dass er seine elementarsten Triebe befriedigt - Bejahung der Sexualität, Ablehnung der Liebe; Bejahung des Drangs zum Besitz, Ablehnung des Gefühles. Denn dieses verwöhnte Kind muss zugleich ständig Leistungen erbringen, um das eigene Prestige durch Erfolg und Wirksamkeit zu bestätigen und zu vermehren, und es muss Geld anhäufen, um der Konkurrenz die Stirn bieten zu können.
Wie wohl tut es ihm, wenn sich seine „seelische Müdigkeit“ verleiblicht hat und unter dem Titel „Erschöpfung“ damit bestens Staat zu machen ist. Der Arzt spricht von „Überarbeitung“, „Stress“, „Surmenage“ - Worte wie Neurasthenie, Vitalangst und Neurose hat er peinlichst zu meiden - und verschreibt als einzige Therapie: Erholung.
Erholung ist keine echte Therapie: Sie kann höchstens eine provisorische Umstimmung erreichen, sie kann durch einen - sogar verschriebenen - Rückfall in den Narzissmus eine gewisse Betäubung hervorrufen, die Bequemlichkeit, Zerstreuung und Unterhaltung nicht ausschließt. Die krankhafte Lebensart aber und die Grundhaltung des „ermüdeten Daseins“ bleibt dabei völlig unangetastet, medikamentöse Stimulierungen, Diät und Heilbäder hätten dieselben - nämlich keine - Wirkungen.
Eine echt leiblich-seelische Müdigkeit verlangt nach einem ruhigen, regelmäßigen und erholsamen Schlaf und ermöglicht ihn auch. Sie wird durch das Ausruhen am Wochenende und durch den jährlichen Urlaub genügend kuriert. Wenn man aber mit seiner Leistung nicht nur dienen und verdienen, sondern sich Geltung verschaffen will - ich werde euch zeigen, wer ich bin; ihr werdet noch anerkennen müssen, dass ich recht hatte, oder dass ich in Frieden gelassen werden muss, oder dass ihr mich nie verstanden habt -, dann wird die Arbeit zum Dienst am Ich, die Spannung zerfrisst die Innerlichkeit, die Anstrengung wird immer größer, und es kommt eines Tages unweigerlich dazu, dass diese So-viel-Leistenden „müde“ werden und diese Müdigkeit noch als Krone und letzten Beweis des eigenen Wertes betrachten.
Jemand bereitet eine Prüfung vor. Er müsse viel Uninteressantes und für die begehrte Zukunft Unnützes studieren - sagt der emotionell unreife Student, der nur studiert, weil er im Grund sein bedrohliches Minderwertigkeitsgefühl überwinden muss oder es wenigstens nicht wachsen lassen darf, aus egozentrischen, negativen Gründen also. Deshalb wird ihn eine solche Arbeit ermüden. Er sagt sich, er müsse eben um des Zieles willen die Mittel ertragen. Doch gerade dieses Ertragen wird „unerträglich“ werden.
Man sollte sich vor jenen Menschen hüten, die sich immer „hohe Zwecke“ vor Augen halten müssen, um sich Kraft und Mut zu machen, um die verabscheuten Mittel ertragen zu können. Ein Fabrikarbeiter, der eine eintönige, stereotype, mechanische Arbeit verrichtet, darf und kann nicht durch erlesene Gedanken - Wohl der Gesellschaft, Unterhalt der Familie, Dienst an Gott - „getröstet“, „ermuntert“ oder „erquickt“ werden, auf dass er - mittels dieser „Tricks“ - die Eintönigkeit seiner Bewegungen erdulde oder gar nicht mehr empfinde. Auf diese Weise wäre er gespalten, zerstreut, gedopt (Religion = Opium für das Volk).
„Unermüdliche“ Selbstlosigkeit

Die echten hohen Ziele, die reinen Absichten schenken allen Mitteln ihr Licht, und diese werden dann in der Tat nicht mehr als Mittel, sondern als Vorwegnahme des Zieles begriffen. Sie machen jede Bewegung der Hand an sich sinnvoll, heben ihre Eintönigkeit auf (im doppelten Sinne des Wortes), so dass aus der Liebe zum Zweck auch Liebe zu den Mitteln wird, und der Weg gewissermaßen schon Ziel geworden ist.
Alles, was der gute Student leistet - selbst das bescheidenste Gedächtnistraining - wird als Zweck erlebt. Während seiner Arbeit sind Aufmerksamkeit, Phantasie und alle seine Organe unermüdlich auf das Ziel ausgerichtet. Theresia von Avila wäscht das Geschirr nicht mit dem Kopf im Himmel, sondern mit dem Kopf in ihrer Tätigkeit, weil sie Gott in den Töpfen gefunden hat.
Keine Arbeit soll bloß erduldet werden, weil sie zu hart oder unangepasst und deshalb ermüdend ist. Wer selbstlos arbeitet, kann sich auch gut ausruhen, kann gut schlafen, weil er im Grunde immer das tut, was ihm gefällt. Der egozentrische Mensch muss sich hingegen immer beherrschen und gleicht - wie Fritz Künkel sagte - einem Offizier, der fremde Soldaten führt: er fürchtet immer, dass sie fliehen oder Verrat üben könnten. Wer hingegen Ziel und Mittel liebt, gleicht einem Offizier, der sein Heer zur Verteidigung des Vaterlandes befehligt. Er kann sich auf seine Leute verlassen. Er schläft gut.
Die Schlaflosigkeit der „Ermüdeten“ gründet vielfach auf einem Misstrauen der eigenen Natur und jener der anderen gegenüber. Die ständige Beherrschung verhindert eine Entspannung der Muskeln, das Ausruhen der Gedanken und den normalen Rhythmus des Herzens. Kein Wunder dann, wenn der Schlaf so leicht wird, dass ihn das kleinste Geräusch unterbricht und daß der so über-gespannte Mensch in der Früh todmüde aufsteht. Seine Grundhaltung war nämlich nicht Ruhe, sondern Alarm. Die Arbeit zu ändern ist hier völlig sinnlos, zu ändern ist allein die egozentrische Grundhaltung.
Das Schlaf-Minimum ist von Person zu Person verschieden, jedenfalls ist aber nicht das Wie viel, sondern das Wie des Schlafes entscheidend. Seine Qualität ist Ergebnis des Zusammenspiels zwischen Tiefe und Dauer, wobei die Tiefe je nach Individuum in ganz verschiedenen Phasen des Schlafes ihren Höhepunkt aufweist. Die Intellektuellen erreichen beispielsweise ihre größte Schlaftiefe - wie merkwürdigerweise auch bestimmte Neurotiker - erst bei Tagesanbruch. Wenn diese Menschen nur eine Stunde Schlaf in dieser Zeitspanne verlieren, haben sie das Gefühl, sie hätten überhaupt nicht geschlafen. Andere tragen da keinerlei Schaden davon, weil sie schon vor Mitternacht ihre wesentliche Schlafdosis hinter sich gebracht haben. Im allgemeinen aber kann man annehmen, dass jeder Mensch imstande ist, sich die notwendige Zeit des Schlafes zu verschaffen. Jede Spannung muß freilich beseitigt werden.
Angst ermüdet

Müdigkeit besagt oft Lebensangst, Entmutigung, Ekel, Langeweile oder Ungeduld, das heißt Spannungen aus egozentrischen Gründen, vermöge einer existentiellen Daseins-Einengung, die die Nichterfüllung der eigenen Lebensmöglichkeiten zum Urgrund hat, insbesondere eine Nichterfüllung der Liebe - zu sich, zur Welt, zu den Mitmenschen, zur Arbeit selbst.
Wenn man zum Beispiel einen verschwommenen Lebensstil lebt, wenn die eigene Existenz Mangel an eindeutiger Form aufweist, und - sei es in Gedanken, sei es in der äußeren Tätigkeit - alles als undurchsichtig, unbestimmt und zusammenhanglos begriffen wird, dann erlebt man das ganze Leben und dessen einzelne Augenblicke als lästig und klebrig, und diese Klebrigkeit erregt Ekel, Abscheu, Widerwillen, und man fühlt sich müde.
Wenn der Lebensstil hingegen eine präzise Form angenommen hat und starr kariert gestaltet wird, das Herz aber weit davon entfernt und von anderem angezogen ist, scheint alles inhaltslos, leer, monoton. Die Langeweile überschwemmt das ganze Leben, jede Bewegung, jede kleine Leistung fordert eine außerordentliche Anstrengung, und die Übermüdung erreicht nach und nach jeden Lebensbereich: Die Vitalität wird gestaut, weil der Geist - gerade in der krampfhaften Bewahrung der Formen - völlig abwesend ist.
Dies ist die alte „Acidia“ der geistlosen Mönche, die sie auch als „Athumia“ (Dämon der Traurigkeit) bezeichnet haben, und die sich - nach der heiligen Theresia von Avila - als besonders ermüdend präsentiert. Ähnliche Müdigkeit bildet die „Empfindlichkeit“ bei Rousseau, der „Überdruss“ bei Byron, „Mal du siècle“ bei Lamartine, „Pessimismus“ bei Flaubert, „Neurasthenie“ bei Ibsen und Tolstoi, „Melancholie“ bei Chateaubriand ..., die nach einem Wort von Jules Lemaitre „une parade contre la douleur“, einen Schirm gegen das Leid darstellen.
Damit sind wir bei jener Angst angelangt, die eigentlich das ganze Sein der Müdigkeit durchdringt, und zwar als Lebensangst, das heißt als Angst vor dem Leben.
Jede Tätigkeit, vor der wir aus verschiedenen Gründen Angst empfinden, ruft ein Gefühl der Anstrengung, der Müdigkeit, ja der Erschöpfung hervor. Dass solche Erschöpfung ihren Grund nicht in körperlicher Schwäche hat, kann medizinisch fast immer genau bewiesen werden, gleichzeitig lässt sich aber feststellen, dass die Angst manche innere und äußere Funktionen - auch die Arbeit - beeinträchtigt und sich so „verleiblicht“ und „verwirklicht“.
Nun ist ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Angst - gestörte Funktion - größere Angst - usw., das Ganze wird als Erschöpfung erlebt. Der Grad der Bewusstwerdung eines solchen Zustandes ist freilich verschieden, oft hindert das Ehrgefühl den Menschen, dass er die Situation durchschaut, und er gibt sich mit der „noblen“ Erschöpfung zufrieden, manchmal sogar bloß mit dem Appell an das Mitleid, das sein entgleistes Liebesbedürfnis provisorisch befriedigen kann: „Ihr müsst mich lieben, weil ich schwach und hilflos bin.“ Wie die berühmte Psychotherapeutin Karen Homey richtig bemerkt hat, wird das Leiden zur Begründung des Rechtes herangezogen, übermäßige Anforderungen stellen zu dürfen: die Schwäche triumphiert!
In dieser Angst vor dem Leben hat Kierkegaard eine Mischung von Anziehungskraft und Ablehnung festgestellt, die er als sympathetische Antipathie beziehungsweise als antipathetische Sympathie bezeichnete, eine Entmutigung vor dem geliebten Lebensziel oder die nicht eingestandene Ablehnung einer unecht (weil egozentrisch) angestrebten Lebensaufgabe.
Die Apathie, die Faulheit, die Ungeduld, die Erwartungsangst, die Müdigkeit, die Entmutigung - nicht selten untereinander verbunden - bieten dem Menschen die Ausrede, Entscheidungen zu vermeiden, die seinen Stolz vielleicht verletzen könnten (die Studien ernst zu betreiben, eine Prüfung abzulegen, eine Arbeit zu verrichten, zu heiraten). Er setzt zwischen das angebetete Ich und seine unentbehrlichen Entscheidungen einen großen Abstand - wie einen Misthaufen, meinte Alfred Adler -: damit entfernt er sich von der Front seines Lebens.
Wenn der Student zum Beispiel trotz allem seine Prüfung ablegt und sie besteht, wird er als Held gefeiert, fällt er durch, hat er seine Ausrede schon zur Hand: Er war „überarbeitet“. Könnten die Studenten ohne Angst studieren, würden sie nie „erschöpft“ sein. Denn nicht die Arbeit ist ein Lebensfeind, sondern die Angst.
Nur die Läuterung der inneren Einstellung, eine wirklichkeitsorientierte neue Beziehung zum Dienst am anderen vermag die eigenen Lebensmöglichkeiten zu entdecken und zu erfüllen und damit jede Müdigkeit aufzulösen. Oder, um nochmals den Gründer der Individualpsychologie zu zitieren: „Ganz anders (als die des Entmutigten) ist die Stimmung des Sich-Schenkenden, desjenigen, der mehr an die anderen als an sich denkt, und der deshalb ein vollkommenes psychisches Gleichgewicht genießt.“
Er hat Lust am Leben, er fühlt sich nie unter Druck, seine Arbeit macht ihm Freude. Er wird genau so sterben wie die anderen, aber er wird seine Müdigkeit nicht zur Schau stellen, ja er wird sie gar nicht empfinden. In seiner Widmung für die anderen hat er das Warten ohne Fieber gelernt, die Geduld bei jeder Aufgabe, die gesunde Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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