Psychologie des Alltags (24): Der Tod

 Der Tod
Der November ist traditionell der Monat, in dem man auf die Friedhöfe geht, um die Gräber der verstorbenen Angehörigen zu besuchen. In der heutigen Zeit ist der Tod zwar "virtuell" stets gegenwärtig: in Film und Fernsehen, in Computerspielen - aber der "reale" Tod gerät oft aus dem Blick. In unserer Serie über wichtige Lebensthemen geht es heute um diese Wirklichkeit, der wir alle eines Tages begegnen werden. Wichtig ist es zudem, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen. Wir hoffen, dass Sie aus der Lektüre des Artikels einige Anregungen für solche Gespräche gewinnen können.
von Johannes B. Torelló
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„Nach Abschluss meiner Studien verließ ich meinen Geburtsort und erst beinahe 20 Jahre später habe ich - auf Grund des Todes meiner Mutter - meine Stadt, in der immer noch alle meine Verwandten, Schulkameraden, Freunde und Kollegen leben, wiedergesehen. Drei Tage allein, aber ein erlebnisreicher Film, ein finsteres Karussell geliebter Gesichter, die mir durch ihr bloßes Auftauchen aus der Vergangenheit nur eines - ohne Worte, aber mit der Unmißverständlichkeit der Leibessprache - gesagt haben: Der Tod nutzt uns alle allmählich ab, er frißt an uns erbarmungslos von innen her. Gewiß wirkte dabei der unbeschreibliche und doch als schmerzliche Tatsache empfundene Bodenverlust oder eine Art schwindelerregende Entwurzelung, die - weit fern von jeder Rhetorik - der Tod der Mutter hinterläßt, aber die Grimasse der Mundwinkel, die trockene Haut der Wangen, die Form der Schultern, die Schwere der Fettleibigkeit, der matte Klang der Stimmen und eine beunruhigende Vertiefung der Augen bei Menschen, von denen ich als frischgebackener Akademiker Abschied genommen hatte, bildeten eine einzige Erscheinung: Der Tod ist da, unter uns, und wächst. ‘Es wird nicht davonkommen’, wie Augustinus über ein neugeborenes Kind sagte. Weder das wiedergefundene, längst ersehnte, friedliche, helle Meer, noch die roten Felsen der Mittelmeerküste, noch die bekannte Musik der alten Wälder, noch der zauberhafte Geruch des Unterholzes, der meine Kindheit plötzlich vor mir erstehen ließ und meine fleischliche Zugehörigkeit zu dieser ganz kleinen Erdfläche reizvoll und eindeutiger als jedes andere Zeugnis offenbarte, konnte die Begegnung mit unserem Tod aus meinem Bewußtsein löschen“ (aus dem Tagebuch eines zeitgenössischen Schriftstellers).
November ist da. Man geht auf die Friedhöfe, und unterwegs sind wir alle gleich: Wir haben Angst, Angst im Grunde allein vor dem Tode, und wir alle erwecken Mitleid, wenn wir durch die Blume, mit unzähligen Gemeinplätzen und mit unerträglichen erhabenen Phrasen „darüber“ sprechen, da der Tod in unsere Herzen kriecht und unsere Augen trübt.
Man hat keine Ruhe. Man hat keine Vernunft. Man versucht, „das einzig gewisse Vorkommnis“ dadurch zu verniedlichen, daß daran nicht gedacht werden muß: Die ganze Struktur der heutigen Gesellschaft verbannt die Todesgedanken aus dem Bewußtsein der von Geburt an zu „Streben nach Wohlstand“ bestimmten Menschen, und in den modernsten Bestattungsinstituten, deren eigentliches „Geschäft“ eben der Tod ist, werden durch präzise Sprachregelungen das Wort „Tod“ und alle anderen mit ihm verbundenen Vokabeln ausgemerzt.
Man weiß darüber genau Bescheid, und die zeitgenössischen Schriftsteller, Filmregisseure, Psychologen und Philosophen haben sich bei der Beschreibung dieses Lebens als „Lauf zum Tode“, als „Erwartung des Todes“ kein Blatt vor den Mund genommen. Der Tod erscheint überall - bei Camus und Sartre, Malraux, Musil, Bernanos, bei Theologen wie Guardini, Volk und Cullmann - einmal wie bei Rilke als reifende Frucht im Baum eines jeden persönlichen Lebens, einmal als Plünderer, Würger oder Sensenmann, der uns jeden Augenblick überfallen kann, einmal als „Naturbetrug“.
Heute sind der idealistische „Kunstbegriff des Lebens“ und das „Eingehen in den Äther“ (Goethe) in Mißkredit gekommen, vielleicht weil das gräßliche Antlitz des Todes - durch zwei grausame Weltkriege und durch allerlei Vernichtungslager - wie nie zuvor genau photographiert und verbreitet werden konnte. „Unter allen menschlichen Übeln ist das schlimmste der Tod“; er ist „das Äußerste allen menschlichen Leides“; durch ihn wird dem Menschen „das am meisten Liebenswerte geraubt: Leben und Sein“: Diese keineswegs verharmlosende Art, vom Tode zu sprechen, stammt nicht von „Materialisten“ des 20. Jahrhunderts, sondern vom alten realistischen Mystiker und Theologen Thomas von Aquin.
Allen Sprüchen und Erfahrungen zum Trotz, nach denen alles, was geboren wird, selbstverständlicherweise wieder vergehen und sterben muß, bleibt der Tod „nicht so sehr etwas Erschreckendes, als vielmehr etwas Unverständliches ... eine Vergewaltigung, eine Beleidigung, ein Ärgernis“ (Jacques Maritain). Er ist etwas nicht einfachhin „Natürliches“. Freud sagt drastisch: Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod. Und wir alle versuchen zu leben, „als ob“ der eigene Tod nur theoretisch annehmbar wäre.
Man schreitet mitten in Mühen und Lieben, unter Freunden und Konkurrenten fort, den großen Marsch nach dem Erfolg, der Sicherheit, der Selbstgenügsamkeit, der Selbsterfüllung. Plötzlich aber durchschneiden die subtilen, grellen Töne der Todesflöte die Luft, und das Unmögliche wird zur Wirklichkeit: Ein geliebter Mensch fällt neben uns nieder, und all unsere Liebe, unsere Wissenschaft und unsere Fürsorge erscheinen als sinnlos und ohnmächtig. Wir versuchen, uns Mut zu machen, wir laufen wieder und schreien und handeln und toben ... Aber eine kleine Angst regt sich im Herzen, daß eines Tages der Klang der alten Trauerflöten wieder zu hören sein wird, und wir wissen nicht, für wen sie diesmal ertönen werden. Die Liebe allein enthüllt die unwiderstehliche Grausamkeit des Todes.
Man hat gesagt: Es stirbt der Leib allein, nicht der Mensch. Aber wir wissen im Grunde, daß gerade das Gegenteil wahr ist: Der ganze Mensch, in Leib und Seele, stirbt, und keine hochgespielte aufklärerische „Unsterblichkeit der Seele“ ist imstande, uns irgendwie zu trösten. Da die platonistische, cartesische und schließlich idealistische Vorstellung einer „Seele, die den Leib als Werkzeug gebraucht“, die - denkend, ohne Körper - der eigentliche Mensch ist, sowohl nach der christlichen Überlieferung als auch nach der von der Scholastik und von der modernsten Anthropologie entwickelten Lehre unvertretbar ist, stellen Ausdrücke, die die Erhabenheit des menschlichen Geistes preisen und aus dessen eigener Kraft ein fortgesetztes Weiterleben vermuten, wenn die Seele durch den Tod „von einem unvollkommenen, sinnlosen Leben zu einem vollkommenen, immer-währenden, geistigen erhoben wird“ (Kant), die „große Lüge“ (Nietzsche) des zentralen Dogmas der Aufklärung dar, die völlig unberechtigt mit der christlichen Überlieferungslehre in Zusammenhang gebracht worden ist. Hier finden wir, in einer von der Absolutheit der menschlichen Autonomie berauschten Ideologie, so verschiedene Gestalten wie Mendelsohn, Tiedge, Robespierre, Schopenhauer, Kant und Fichte eng vereint.
Das Wort von der Seele als der „Form des Leibes“ will sagen, daß die Seele bestimmt ist, zusammen mit dem Leib zu existieren, daß sie ihre Vollkommenheit allein zusammen mit dem Leib erreichen kann und daß der entseelte Leib nicht mehr Leib ist (noch weniger Mensch!), sondern allein „Knochen und Fleisch“. Diese scharfen Formulierungen, die wir wörtlich bei Thomas von Aquin finden, besagen, daß der Tod als „Befreiung der im Leibe eingekerkerten Seele“ - dieser Seele, die „der eigentliche Mensch ist“ - nicht der reale Tod ist, sondern eine rein gedankliche Konstruktion, ein „Scheintod“.
Dem bekannten Satz Schopenhauers „Der Mensch, wenn er stirbt, bleibt im Grunde unbeteiligt“ muß erwidert werden: Der ganze leibseelische Mensch ist es, der den Tod erleidet; er ist betroffen und beteiligt, mit Leib und Seele. Nach dem Tode ist der Mensch nicht mehr, da die „abgetrennte, unzerstörbare Seele“ (von „Unsterblichkeit“ ist sowohl in der Bibel wie in der thomistischen Lehre kaum einmal die Rede!) nicht als Person bezeichnet werden darf.
Die Seele lebt nach dem Tode nicht einfach fort oder „existiert weiter“, als ob der Tod sie verschont hätte: Aber trotzdem ist sie „unvergänglich“ oder „unzerstörbar“. Diese Unzerstörbarkeit, auch wenn Freud behauptet, daß „jeder von uns im Unbewußten davon überzeugt ist“, auch wenn zwei Drittel der europäischen Bevölkerung - wie aus einer vor wenigen Jahren herausgegebenen Meinungsumfrage resultiert - daran glauben, ist durch die Naturwissenschaft weder zu widerlegen noch zu beweisen (Portmann). Die Philosophie allein kann gültige Argumente dafür liefern, deren erweisende Kraft darin liegt, „daß wirkliche Wahrheitskenntnis, aller Angewiesenheit auf leibliche Organe zum Trotz, dennoch ein von Natur gegen jeden materiellen Ablauf innerlich unabhängiger Vorgang ist. Dies aber wird faktisch, auf Grund der Nötigung durch die Sache selbst, von schlechterdings jedermann anerkannt, ob er es weiß oder nicht, ja sogar von dem, der es ausdrücklich und formell verneint“ (Pieper). Diese Unvergänglichkeit der Seele aber fordert nach der oben dargelegten Lehre von der Einheit des Menschen die künftige Auferstehung der Leiber, die die christliche Offenbarung verkündet, da sonst der ganze Mensch seine Vollendung nie erreichen würde. über den Zustand der „abgetrennten“ Seele vor der Auferstehung, und über das Wie der zukünftigen menschlichen Existenz besitzen wir kein präzises Wissen.
Indessen aber lassen wir uns auch nicht durch die neuesten Deutungen des Todesphänomens trösten. Man hat versucht, den Tod als positives Ereignis zu erfassen, nicht mehr im heroisch-tragischen Sinn der Meister des Existentialismus, sondern als „Akt“, sogar als „den höchsten Akt“ des Menschen überhaupt, in dem er in voller Freiheit sein Dasein total vollzieht, ja als „die einzige freie, erste und letzte Entscheidungstat“ des irdischen Lebens, so daß das Ende zur Vollendung wird (K. Rahner, L. Boros). Hier taucht das idealistische Bild eines „geistigen“ Menschen wieder auf, das den „Absturz in die Verwesung“ (Balthasar) oder in den alttestamentarischen dunklen Abgrund verharmlost: „Ein numinoser Glanz liegt über dem entfliehenden, schmerzlich verdunkelnden Antlitz eines sterbenden Menschen“, schreibt J.B. Metz; doch handelt es sich dabei um eine rein intellektualistische Entdeckung, die nicht mehr ist als eine neue Fassung des evolutionistischen Optimismus Teilhard de Chardins, für den der Tod nichts anderes ist als „ein notwendiges Funktionsglied im Mechanismus und in der Aufwärtsbewegung des Lebens“.
Auch wenn diese spiritualistische und zugleich pragmatische Auffassung des Todes keiner allgemeinen Erfahrung entspricht, meinen nicht wenige Denker (Glorieux, Pieper, Tresfontaines), daß sie sowohl des Menschen als auch Gottes in höherem Maße würdig wäre. Doch schreibt sie dem Tod gerade das zu, was er tatsächlich zerstört: die Fähigkeit zum Tätigsein. Wie könnte der Tod einerseits „der Höhepunkt der äußersten Verohnmächtigung des Menschen“ und andrerseits „die höchste Tat des Menschen“ (beides Aussagen Rahners) zugleich sein (Gaboriau)?
Dieser letzte romantische Schub in der Betrachtungsweise des Todes möchte die „schreckliche“ Erscheinung des Sterbens verschönern, wie sie Kierkegaard, Kafka, Dostojewski und Simone de Beauvoir mit offenen Augen beschrieben haben, möchte diesen grauenhaften Tod verniedlichen, der sogar die Heiligen erschüttert, wenn er plötzlich den geliebten Mitwanderer überfällt. Aber diese neue Redeweise hat sehr wenig mit dem glücklichen Lächeln begnadeter Gläubiger zu tun, die den Tod als Begegnung mit dem auf Erden immer ersehnten und gesuchten Antlitz Gottes begrüßen.
Gut, daß der Todesgedanke - wie etwa in Frankls Logotherapie - uns richtige zeitliche Entscheidungen treffen hilft, aber kraft des Glaubens an den Herrn, der eines Tages die Todesflöten zum Schweigen brachte und den Tod in ein „Schlafen“ und die Bahre in eine „Wiege“ verwandelt hat, ist es allein dem Christen gegeben, den sich aufbäumenden Protest in eine liebevolle Unterwerfung unter eine im voraus angenommene Reinigung aufzulösen und dem Vers Paveses eine tiefe Bedeutung zu geben: Verrá la morte e avrá i tuoi occhi - Der Tod wird kommen und deine Augen haben.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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