Psychologie des Alltags (25): Charakter

 Charakter
Der Wunsch, die geologische Bauform eines bestimmten Gebietes der Erde zu erforschen, wird von wenigen Bewohnern desselben empfunden, aber eine möglichst genaue Kenntnis des Mitmenschen halten alle für notwendig: Liebende und Kaufleute, Dichter und Hausfrauen, Politiker und Betriebsräte.
von Johannes B. Torelló
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Die Wertschätzung des Charakters spielt eine große Rolle nicht nur im Familienleben, sondern auch im Berufs- und Gesellschaftsleben, und im Grunde ist die Fähigkeit eines Menschen, ein Amt zu bekleiden, einen gewissen Arbeitsplatz zu übernehmen, eine konkrete soziale Verantwortung zu tragen, viel mehr von seinem Charakter abhängig als von allen anderen inneren und äußeren Bedingungen. Daher die Bemühungen jeder wahren Erziehung, die nicht mehr eine vorfabrizierte, schön verpackte Lehre oder Kultur übermitteln möchte, sondern im Dienst am Aufbau der ganzen Persönlichkeit des Lernenden engagiert ist.
Ein so allgemeines und dringliches Bedürfnis einerseits und die von allen Nicht-Naiven erahnte Schwierigkeit dieses Wissens andererseits mußten eine Menge vereinfachender Begriffe und Bilder entstehen lassen, sei es im Bereich des Volkstümlichen, der Volksweisheit, sei es im Bereich der sogenannten Hochkultur.
Das Wort „Charakter“ wird im allgemeinen fast spontan auf den Begriff der Festigkeit des Eigenartigen beim Einzelmenschen bezogen. Es versinnbildlicht unabänderliche Prägung oder individuell vererbtes bzw. zumindest auferlegtes Schicksal. Eine bestimmte Literatur vertritt und verbreitet immer noch die Meinung, daß der Charakter eine bloße Tatsache ist, eine feste Gestalt der Seele, die angesichts der Starre des leiblichen Gefüges und vor den Gesetzen der Vererbung nur resignieren kann. „Das Gegebene siegt immer über das Gewollte“, wird damit gemeint. „Ich weiß es, ich habe einen schlechten Charakter, ich bin so gemacht: ich kann nichts dafür“, so und ähnlich lautet die Entschuldigung nicht weniger undisziplinierter Menschen.
Diese Auffassung, die den Glauben an ein für den einzelnen von Geburt an endgültig geprägtes Menschenbild voraussetzt - es handelt sich tatsächlich um einen puren Glauben! - hat aber trotz ihrer augenscheinlichen Unzulänglichkeit eine nicht geringe Anerkennung in der naturwissenschaftlichen Psychologie gefunden. Sie stellt allerdings, wie man heute besser als im vorigen Jahrhundert versteht, genauso wie das populäre Wissen einen gewissen Grad von Resignation dar, der noch dazu den Vorteil besitzt, die Verantwortung der Person abzuschütteln.
Die Leidenschaft, Tatsachen festzustellen, kennzeichnet die Ambition der naturwissenschaftlichen Psychologie: Von der Lehre der „Eigenschaften“ bis zu jener der „Strukturen“ ist es den Ingenieuren der Seele im Rausch des Tests und der Statistik gelungen, eine Menge Tatsachen, Korrelationen, Gruppierungen und schließlich Typen zu sammeln, welche allem wissenschaftlichen Glanz zum Trotz ihre Künstlichkeit nicht verleugnen können. Man wendet die steife Kausalgesetzlichkeit der alten Physik und die unumschränkte Reduktion aller Vorgänge auf die stoffliche Ebene völlig naiv auf den Bereich des lebendigen Menschenwesens an. Damit genießt man die Sicherheit der Technik im menschlichen Lebensraum, aber das Wissen über den Menschen, besonders die Psychologie, ist nur Anregung zum Schauen und Denken, nie eine fertige bzw. technisch vollständige Erkenntnis der Wirklichkeit.
Wenn wir z.B. die Zugfestigkeit eines Eisenträgers kennen, so wissen wir, daß alle gleichen Träger mit kleinen Abweichungen bei der kritischen Belastung brechen werden. Verschiedene Menschen jedoch reagieren unter ähnlicher Belastung ganz verschieden: Sie brechen zusammen, oder sie werden sogar stärker, was man bei einem Eisenträger noch nie gesehen hat (Knöpfel).
Zwei Erklärungsmodelle

Es ist nicht verwunderlich, daß für diese veraltete, rein biologische Denkungsart der menschliche Charakter - oder dessen elementare Bestandteile, Eigenschaften oder Strukturen - als vererbt betrachtet werden müssen. Das Intelligenzniveau fand, gleich wie die psychischen Krankheiten, eine befriedigende Erklärung durch das allmächtige Erbgut, besonders in europäischen Kulturkreisen. Die Amerikaner dagegen deuteten gewöhnlich dieselben Erscheinungen als Ergebnis entscheidender Milieueinflüsse.
Das Bestehen von typisch klugen und typisch dummen Familien würden die ersten für einen Beweis der Vererbung halten, während die zweiten etwa folgendermaßen argumentiert hätten: Kluge Eltern vermitteln ihren Kindern eine viel intensivere Anregung zur geistigen Tätigkeit und fördern so, ohne es bewußt zu wollen, die jedem Menschen mögliche Intelligenzentwicklung; dumme Eltern werden im Gegenteil diesen Einfluß in geringerem Grade ausüben. Darum bleiben Kinder dummer Eltern dümmer als solche aus klugen Familien. Erfahrungen mit Pflege- und Adoptivkindern aus „dummen“ Familien, welche von kultivierten Menschen aufgenommen wurden, scheinen der amerikanischen Ansicht Recht zu geben.
Vielleicht gibt es keinen anderen Wissenschaftsgegenstand, der vom Menschenbild einer Epoche oder Kultur so stark beeinflußt wird wie die Charakterkunde. Die Psychologen entdecken im Menschen gerade das, was sie von ihm bereits vorausgesetzt haben: gestern „Vermögen“, später „Erbgüter und Veranlagung“, heute Triebe, Komplexe ...
Die Psychologie darf sich weniger als jede andere Wissenschaft für „ganz objektiv“ halten. Die Person des Forschers trifft hier auf eine andere Person, und was man glaubt zu sein oder was man sein will, möchte man notwendigerweise auch in der Person des anderen entdecken. Daher hat jedes Zeitalter eine eigene Charakterkunde hervorgebracht, je nach dem Menschenbild, das die betreffende Kultur beherrscht hat.
Man sollte aber erkennen, daß die ganze Diskussion um Erbgut und Umgebungswirkung auf falschen Voraussetzungen aufgebaut wurde, nämlich auf der unmöglichen Annahme, daß Ererbtes und Erworbenes sicher getrennt werden können, während sie sich in Wirklichkeit als untrennbares Geflecht darstellen (M. Bleuler). Diese Streitigkeiten haben jedoch sehr positive Folgen gehabt. Man hat gelernt, daß menschliches Schicksal nicht automatisch abläuft, sondern vom Menschen mit-gestaltet wird, und das wurde sogar bei Fällen mit großer „erblicher Belastung“ bestätigt. Das Vererbte bedeutet immer Chance zur Gestaltung seiner selbst, sofern der Mensch dazu bereit ist.
Der Charakter also, die Einzigartigkeit des Individuums, durch die seine Verhaltensweise gekennzeichnet wird, ist weder durch Vererbung noch durch Umgebungswirkung ein für allemal bestimmt. Man bekommt einen Stoff - einen Leib, ein Temperament: emotiv, nervös, phlegmatisch usw. -, aus dem ganz verschiedene Kleider geschnitten werden können, die man im Laufe der Zeit wechseln oder fassonieren kann.
Charakter ist nicht Person

Die Veränderungsmöglichkeiten des Charakters zeigen sich sehr klar bei Konversionen: Franz von Assisi und Ignatius von Loyola demonstrierten vor den Augen von Verwandten und Bekannten nach ihrer Bekehrung eine solche Umwälzung ihrer Charaktere, daß sie von diesen nicht mehr erkannt wurden; einige Züge ihrer Persönlichkeiten blieben, aber das Eigentümliche ihrer Verhaltensweise war ganz anders geworden. Aber auch die Psychotherapie erzielt - nach Auffassung nicht weniger Schulen - eine Art Konversion.
Einige Krankheiten und sogar manche chirurgische Eingriffe verursachen tiefe Veränderungen des Charakters. Wichtig ist besonders zu unterstreichen, daß die sogenannte Beständigkeit des Charakters nicht mehr vertretbar ist und daß in vielen Fällen die Heilung einer organischen Krankheit mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Charakterform zusammenfällt.
Das sagt uns weiter, daß die Krankheiten nicht den Kern der Person erreichen und daß deshalb der Charakter nicht mit der Person verwechselt werden darf.
Charakter ist, was ich werden kann

Der Charakter eines Menschen offenbart sich durch seine Handlungen. Man kann beobachten, daß alle oder viele Handlungen eines Menschen gewisse Merkmale zeigen, einen Stil, den ein guter Beobachter sogar bei einer einzigen Aktion entdecken könnte, obwohl normalerweise nur die Beobachtung einer ganzen Reihe von verschiedenen Handlungen die Enthüllung des Charakters ermöglicht.
Die Handlung ist ein spezifisches Kennzeichen des Menschen. Sie ist nicht nur eine Bewegung nach außen, die immer eine Modifizierung der Umwelt verursacht, da jede wahre Handlung eine Stellungnahme des Ichs der Welt gegenüber bedeutet und eine konkrete Art und Weise des In-der-Welt-Seins austrägt. Auch innere Bewegungen, Haltungen, Meinungen, Gemütsregungen verändern die Umwelt: Das ist nicht nur wahr, weil die inneren Zustände sich immer in den Leib und ins Verhalten verwirklichen, sondern weil die Umwelt nicht aus Dingen allein, sondern auch aus Menschen, Sozialnormen und Werten besteht, auf die sich jedes Dasein bezieht.
Und da jede Handlung eine gewisse Beziehung zur Welt offenbart und eine gewisse Änderung der Welt erzielt, setzt jede Handlung ein Werturteil voraus. Handeln bedeutet: ich erkenne eine konkrete Situation als unbefriedigend, und ich will sie durch meine Handlung verbessern. Man steht aber nicht als bloß abgesondertes Subjekt vor der Wirklichkeit, sondern als Betroffener, als Herausgeforderter. Die Welt steht vor mir nicht als Gegenstand: Ich berühre sie, und sie berührt mich. In diesem Berühren und Berührt-Sein besteht die Aufforderung zum Handeln, das immer in bezug auf eine Wertskala geschieht, deren Anerkennung und Beachtung die freie Aktion - die den Charakter und die Verhaltensform bestimmen wird - voraussetzt.
Hier zeigt sich der veraltete Optimismus mancher Verhaltensforscher, die am Menschen nicht Handlungen zu erkennen glauben, sondern allein aus den „tierischen Vorfahren“ ererbte Funktionen. Vor Jahren schon hat der große österreichische Psychiater Rudolf Allers geschrieben: „Die physiologischen Erklärungen sind für die Psychologen völlig belanglos. Deshalb erwarten wir kein nützliches Resultat von den Beobachtungen der Psychologie des Tierreiches. Das Verhalten einer in einem Labyrinth eingesperrten Ratte kann uns nichts über die Psychologie des Lernens sagen. Das Verhalten einer Schimpansen-Mutter zum eigenen Kleinen wirft kein Licht auf die Natur der menschlichen Mutter-Liebe. Beobachten wir, wie der Pfau sein prachtvolles Rad der Schwanzfedern vor dem Pfau-Weibchen entfaltet, oder jede Phase der Annäherung eines Löwen zur Löwin, so haben wir kein neues Wissen über die menschliche Sexualität gewonnen.“
Mein Charakter ist nicht, was ich jetzt mit allen meinen fertigen Bestimmungen zusammen bin: Er ist die Form einer auf die Zukunft gerichteten Bewegung, ganz der Entfaltung meiner Daseinsmöglichkeiten gewidmet. Charakter ist, was ich werden kann, meine Verfügbarkeiten, meine noch unversehrten Hoffnungen - nicht meine schon vorhandenen Errungenschaften.
Charakterkenntnis bedeutet, die Verheißungen, die in einem Menschen liegen, kennen und lieben. Deshalb kann diese Erkenntnis nie vollendet werden. Das „Gegebene“ - das eine sogenannte objektive Charakterkunde zu beschreiben versucht - ist, negativ gesehen, der zu überwindende Widerstand, ohne den jedes Geistesleben ausstirbt, und, positiv gesehen, das Talent, das multipliziert werden muß, weil der Mensch sonst ohne Ehre bleiben würde. Charakter ist eine Tat, nicht eine Tatsache (Mounier).
Daher die Betonung des in die Zukunft Gewandten, des Verantwortlichen, des Freien, die die moderne Charakterkunde kennzeichnet, die keine technische Methode beseitigt, zugleich mit der Erkenntnis der Grenzen des systematischen Wissens aber auch die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten, die Ambivalenzen und die dunklen Seiten jeder Lebensgeschichte besser wahrnehmen kann, und damit dem Geheimnis der letzten Wirklichkeit des Menschen die gebührende Beachtung erweist.
So wie die Theologie Gott gegenübersteht, schrieb einmal E. Mounier, steht die Charakterkunde dem Menschen gegenüber. Jene ist ein Wissen, das zwischen dem Erlebnis des Mysteriums und der rationalen Spekulation über die Offenbarung des Mysteriums schwebt. Die positive Charakterkunde, welche als Einführung in das Mysterium der Person Typen und Strukturen darstellt - wie die positive Theologie - benötigt eine Ergänzung: jene des persönlichen Einsatzes im Abenteuer des anderen, eines Einsatzes, der jene weise Unwissenheit schenkt, die allein wahren Kontakt ermöglicht - wie die negative Theologie der Mystiker eine docta ignorantia ist, welche die Gotteserfahrung dennoch am besten widerzuspiegeln vermag.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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