Psychologie des Alltags (27): Angst vor dem Kind

 Angst vor dem Kind
Bedingung der Unentgeltlichkeit menschlicher Liebe zwischen Mann und Frau ist die Aufnahme des Wagnisses, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Die „Ekstase zu zweit“ blüht allein in romantischen Phantastereien, da die „Wirheit“ (Binswanger), die die Liebe stiftet, nicht eine von Geschichte und Gesellschaft abgetrennte Glücksinsel ist, sondern eine Offenheit zum Sein, eine höchst schöpferische, aufgeschlossene Bejahung des realen menschlichen Lebens.
von Johannes B. Torelló
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Jede Verschlossenheit des Paares, genauso wie jedes Leben, das sich im Gehäuse der individuellen Ichhaftigkeit verschanzt, führt zum Überdruß, zur Erstikkung, zur Neurose. Das Kind - direkt gewünscht oder wenigstens offenherzig angenommen - bricht den Teufelskreis des als Endziel betrachteten Einswerdungsaugenblicks und öffnet ihn auf die zum Wesen des Menschlichen gehörende unvorhersehbare Geschichte hin (Jeanniére).
Wenn die Liebe nicht auf den Ekstase-Augenblick abzielt, sondern auf eine wahre Entwicklung, so verlangt sie in der Tiefe der Mann-Frau-Intimität die Annahme des Kindes - als „Risiko“. „Risiko“ heißt hier nicht Gefährdung einer heimlichen Liebesaffäre oder der körperlichen Lust als Selbstzweck, sondern Mut zu einem Akt, dessen Folgen nicht Resultat einer biologischen Mechanik und eines Willens sind.
Das Kind erscheint, bereits in seiner bloßen Möglichkeit, als Subjekt: weder als Ziel noch als Effekt der Liebesvereinigung, oder doch nur auf sehr relative und bedingte Weise. Subjekt, das, als solches, das absolut Unvorhersehbare und Unberechenbare mit sich bringt und darum auch allein fähig ist, die uneingeschränkte Unentgeltlichkeit und Kontinuität, die unwiderrufliche Endgültigkeit der Liebes-Hingabe zu gewährleisten.
Zweifaches Risiko

Die Menschen zeigen heute überall Angst vor dem Kind, da sie vor dem Wagnis des geschichtlichen Menschendaseins, vor allem des menschlichen Mitdaseins, am ganzen Leibe zittern. Von der Kindheit an wurden sie in ein Sicherheitssystem eingegliedert, in ein „establishment“, wo Subjekte allmählich zu starren Objekten werden, um alles, was unerwartet, unternehmungslustig, spielerisch und schöpferisch ist, als Störung der „gesunden“, geplanten Ordnung von vornherein verbannen zu können. Die sich immer mehr verbreitende Angst vor dem Kind faßt auf diesem Boden des steifen Gefüges unserer durchaus technisierten Welt ihre verzweifelten Wurzeln. Daher auch die Zerbrechlichkeit der ehelichen Liebe.
Naive Sänger der „ekstatischen Liebe“ und vom Rausch der hedonistischen Flut oberflächlich gewordene Psychologen möchten das Kind vom Band der Liebesgemeinschaft absondern. Sie übersehen in ihrem Empfängnisverhütungseifer die untrennbare Verbundenheit der beiden Risiken, die das zeitliche Menschenleben kennzeichnet: Risiko der Liebe und Risiko des Kindes.
Verwöhnung ist anstrengend

Man geht auf den Stelzen der Verantwortlichkeit, und das Schwindelgefühl wird noch krankhafter. Hier wirken vor allem Modelle der Kindererziehung, die völlig überholt sind: Das Kind verlangt von den Eltern ungeheure Opfer und allem zuvor unzähl- und unbezahlbare Fürsorgeleistungen und Gefälligkeiten, damit es unter keiner Verdrängung oder Frustration leiden müsse. Man kann sich deshalb nur ein oder höchstens zwei Kinder „leisten“: Eine höhere Kinderzahl würde Erschöpfung der Eltern und Unglück der Kinder bedeuten. Man hat Angst davor.
Ein Kongreß amerikanischer Psychiatrie (Boston, Mai 1968) hat genau bestätigen können, daß die Kinder unserer Gesellschaft nicht nur kaum frustriert, sondern ganz im Gegenteil exzessiv „belohnt“ sind (wie im psychiatrischen Jargon heute die Verwöhnung bezeichnet wird): „Die Gesellschaft ist zugleich wohlhabend und duldsam, und daher werden den Kindern durch ständige Belohnungen die wirklichen Erfahrungen leicht vorenthalten. Man erwartet nicht länger Arbeit oder Mithilfe vom Kind, es ist der Mühen des alltäglichen Lebens enthoben und der Möglichkeit beraubt, Leistungen vorzuweisen, sich dem Wettbewerb zu stellen und mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Entwicklung einer natürlichen Neugier, Aggressivität und Bereitschaft zur Auseinandersetzung kann sich nicht vollziehen, wenn das Kind nach seinen Wünschen belohnt wird“ (Settlage), was bei kinderreichen Familien notwendiger- und glücklicherweise nicht der Fall ist. Der große Vorteil des Kindes in einer vielköpfigen Familie besteht gerade darin - so paradox es klingen mag -, daß es nicht so viel gepflegt werden kann wie das Einzelkind, das später entweder zum Rebell oder zum Schwächling wird.
Zwischen Pop-Psychologie und Budgetstrenge

Der „Wissenschaftsaberglaube“ (Jaspers) unserer Zeit infiziert das Familienleben, in dem zwischen Feuilleton-Psychologie und Budgetstrenge die Angst vor dem Kind gedeiht. Die vergottete und deshalb immer unbefriedigte Eheliebe läßt Eltern, besonders Mütter erscheinen, die die genau berechnete geringe Kinderzahl als Trost (also als Besitz) betrachten und pflegen: Verwöhnung ist immer Selbstverwöhnung; die oft damit verbundene, Wunderkinder fordernde Strenge verrät immer ichhaftige Ambitionen. Großzügige Elternschaft ist dagegen - unter erwachsenen Menschen - Zeichen der Tragweite der Liebe und des vertrauensvollen Respekts vor dem Kind-Subjekt, das nicht „für mich“ ist.
Die aus der ichhaftigen mütterlichen Erziehung abgeleitete „Mutterbindung“, die eine der Ursachen der heutigen „Krise des Mannes“ (Bednarik) ist, veranlaßt das überflutende Auftreten von ichhaftigen Kindern, die später Lust, Bequemlichkeit oder eigene Gewissensstarre zu Götzen machen und angstvoll die Elternschaft verweigern werden.
Kein Platz für Kinder

Dem Idol der Wohlfahrt gemäß arbeiten eifrige Stadtplaner, welche das Kind ignorieren oder es als unentbehrlichen Bestandteil zur Erhaltung der Gesellschaftsstruktur so knapp wie möglich einkalkulieren. Daher die „Unwirtlichkeit“ unserer Städte. Hier soll man angreifen: „Warum werden unsere städtischen Kinder nicht wie Kinder von Menschen behandelt, sondern wie Puppen oder Miniaturerwachsene, von infantilisierten Erwachsenen umgeben, deren städtische Vorerfahrungen sie dermaßen beschädigt haben, daß sie schon gar nicht mehr wissen, was der Mensch bis zum 6., bis zum 14. Lebensjahr für eine Umwelt braucht, um nicht später ein Renten- und Pensionsbettler zu werden?“ (Mitscherlich) In den unter den harten Wirtschaftsgesetzen unmenschlich karierten Städten ist die Zartheit nicht mehr gefragt: Man vernachlässigt das Wohnungs-Heim und kauft einen Wagen um davonzulaufen. Kein Platz für Kinder! Kinderreiche Eltern müssen Helden oder höchst wohlhabende Arrivierte sein.
Und dabei ist es gerade die Wohlfahrtsgesellschaft, die sich auf Grund der oben beschriebenen persönlichen Begierde als äußerst kinderarm erweist. Die Amerikaner möchten der ganze Welt der Armen die „Pille“ als Bedingung für ihre Entwicklungs(!)-Hilfe verschreiben, aber den größten Absatz findet sie bei überernährten US-Familien. Da die Kinder (dank der trefflichen Fortschritte der Chemie) nie mehr unser Budget bedrohen werden, können wir unsere Grünflächen teuer verkaufen, statt Spielplätze daraus zu machen. Und trotzdem sind unsere Parks und Spielplätze fast leer: Dort schlummert eine Menge alter Gestalten, und die Hunde - typisch hysterisch Ersatz für Kinder! - werden „an der Leine“ zum Spielen geführt.
Mutterpflichten - Sklaverei oder Selbsterfüllung?

Das „Mutti-Bild“ wird heute nicht selten heftig als Mythos, als „die letzte heilige Kuh“ unserer Kultur angegriffen, als Haupthindernis gegen die volle Emanzipation der durch die tabuisierte Mutterliebe versklavten Frau. Kinder stoppen den glänzenden Prozeß zur Befreiung der schon geistig ungebundenen Frauen dieser prophetischen Stunde. Tatsache ist, daß „gesunde, fröhliche, aufrechte, selbständige, vernünftige, gebildete, verantwortungsbereite, gemeinschafts- und liebesfähige Menschen in die Welt zu entlassen, Kinder aufzuziehen, ein ganztägiger Beruf ist“, ein anstrengender, aufopferungsvoller Beruf, der von der Frau ein entschlossenes Engagement fordert, kein Jammern nach anderen, angeblich versäumten Berufen erträgt, in dem die Mutter aber „ebensoviel und ebensowenig Sklavin wie in jedem anderen Beruf ist, wie die Arbeiterin am Fließband, wie die Kinderärztin, wenn sie in der Nacht mehrmals aus dem Schlaf geklingelt wird, wie die Staatsanwältin, wenn sie endlose Verhandlungen absitzen und die schönsten Verabredungen absagen muß, wie die Journalistin, die das Manuskript abliefern muß, auch wenn sie die Nacht bis früh um sechs am Schreibtisch verbringt“ (W. Metzger).
Bei den „Mutterpflichten“ - wie bei allen anderen - fühlt man sich nur in dem Maß als Sklave, als man sich nicht bewußt und bereitwillig eingesetzt hat. Nicht die Tätigkeit, sondern die freie Liebe zu dieser konkreten Tätigkeit führt zur Selbsterfüllung.
Drei Phasen im Berufsleben der Mutter

Der obenzitierte bekannte Psychologe an der Univers tät Münster bemerkt darüberhinaus mit Recht, daß das Berufsleben einer Mutter drei Phasen aufweist: „Erst die Ausbildung für eine Erwerbstätigkeit (und der Beginn ihrer Ausübung), dann der Übergang zum Mutterberuf, endlich, wenn die Jüngsten groß genug sind, die Rückkehr zu der ersten oder das Fortschreiten zu einer neuen Tätigkeit. Die oft schwierige Umstellung in den vierziger Jahren hat die Mutter mit einer Reihe anderer Berufe gemeinsam, z.B. dem des Bergmanns, des Seemanns, des Unteroffiziers, des Sportlers und der Tänzerin. Sie hat aber vor diesen Leidensgefährten den Vorteil, für ihren Altersberuf schon eine Grundausbildung zu besitzen.“ Dessen sollten sich Frauen, die heiraten, ganz bewußt sein, um dem Kind nicht Angst oder „Opfer“ zu bieten, sondern Liebe.
Liebe und Pädagogik

Nicht die Gesellschaft hat die Mutterliebe für „obligatorisch“ erklärt, sondern das Kind kann sie nicht entbehren. Mutterliebe, die, allen marcusischen Spekulationen zum Trotz, durch keine „praktische Fürsorge“ ersetzt werden kann, wie vor allem R. Spitz - großer österreichischer Kinderpsychiater, der in den USA weltbekannt geworden ist - unwiderlegbar nachweisen konnte. Mutterliebe, die, allen Verhaltensforschern zum Trotz, keine „Affenliebe“ ist, wohl aber eine Liebe, die Mut zum selbständigen, kühnen Leben schenkt, die nicht ängstliche und entmutigende Sorge um den „eigenen Schatz“ bedeutet und deren karikiertes Vorbild jenes Muttilein sein könnte, das dem Kind - einem Piloten der Luftwaffe - riet: „Vorsicht, mein Kind! Fliege nieder und langsam!“ Menschen, die in kinderreichen Familien aufwachsen, zeigen Vitalität, Hilfsbereitschaft, Initiative, Stärke, Einfühlungsvermögen und Selbstlosigkeit - Eigenschaften, die keine wissenschaftliche Pädagogik jemals erreichen kann.
Ehrenwerte Leute

„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“ (Mt 10,39) und die unzählige Menge der Ungeborenen weiter zunehmen lassen. Niemand wird diese Klugen anklagen. Sie und ihre in allerhand Talare gehüllten Anwälte setzen damit kaum ihren Ruf aufs Spiel. „Sie sind ehrenwerte Leute“, wie Shakespeares Mark Anton sagen würde.
Sie sprechen große Worte aus: Gewissen, Verantwortlichkeit, Triumph der Vernunft über die Biologie, Sieg über barbarische Übervölkerung. Man sollte sie nicht anklagen: Sie sind ehrenwerte Leute.
Die Frage nach dem Leben ist von Alchimisten der Sittenlehre auf eine Methodenfrage herabgesetzt worden, sogar auf ein „Theologumenon“, das keiner Aufregung mehr wert ist: Sie sind ehrenwerte Leute!
Das ungeborene Kind sollte sich darüber freuen, daß seine möglichen Eltern beruflich erfolgreich, gut etabliert leben können. Sie haben Auto, Ferienhaus, allerlei Hausgeräte, Urlaub im Ausland und üppige Sparbücher, da das Ungeborene im Reich des Nichts geblieben ist: Sie sind ehrenwerte Eltern!
Sie verwöhnen die vom Haushalt zugelassenen Kinder, die Leid und Glück auf egozentrische Weise erleben: Nur das Ungeborene, das kein Leid und kein Glück kennen wird, hätte die kleine Familie von neurotisierender Ichhaftigkeit befreien können. Aber sie ist eine ehrenwerte Familie!
Der angebetete, emanzipierte Sexus triumphiert - weder Vernunft, noch Wille! - und die besungene „ekstatische Liebe“ ohne „Belastung“ und ohne Angst löst sich auf in unvergängliche Lust, die „Selbsterfüllung“ genannt wird: „Genieße dein süßes Leben, Mutter (ich hätte so gut mit menschlicher Stimme „1 i e b e Mutter“ zu dir sagen können!) Ich versinke, eurem ungetrübten Wohl zuliebe, in den Abgrund der Ungeborenen: Ihr seid ehrenwerte Leute!“
Wiegenlieder der Weihnacht

Abgesehen von jeglichem Pathos (das aber zumindest eine tragische, oft nicht betrachtete Seite dieser Problematik andeutet) könnte man sich - wenn die Angst vor dem Kind weiter zunimmt und die „Ekstase zu zweit“ weiter gepriesen wird - das Ende der Menschheit als die orgiastische, selbstzerstörerische Apotheose der Vermählung von Eros und Thanatos vorstellen, in der eine kleine Gruppe erhabener Weiser den Begriff „Natur“ unermüdlich und geistreich erforscht.
Die unbegreifliche, immer noch sinnvolle „Natur“ wird sich durchsetzen, und es ist zu hoffen, daß sich Menschen erheben werden, denen es gelingt, eine Gesellschaft im Dienst des Lebens aufzubauen, in der das Kreuz den wahren Ort der Liebe darstellen wird, da die Sünde eben eine Wirklichkeit ist und das Kind unserer Weihnachten keinen anderen Sieg als den des Kreuzes hinterlassen hat.
Die Wiegenlieder der Weihnacht bringen Zartheit in unsere Familien, die, um das Kind gesammelt, die verleiblichte, reinste und großzügigste Liebe ohne Angst betrachten können. Die Wiegenlieder der Weihnacht mögen uns alle besänftigen.
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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