Psychologie des Alltags (28): Modelle

 Modelle
Die Erstellung von Modellen, die die menschliche Existenz zu verdeutlichen suchen, um die Lebensmöglichkeiten aufzuzeigen und uns zu ihrer Erfüllung und Entfaltung zu ermuntern, ist ein dem menschlichen Wesen entsprechender Kulturvorgang. Die Wissenschaft verschafft sich ihre Modelle in der Absicht, damit die Menschen manipulieren zu können. Sie ist und war immer jenes geschickte, aktive, unbefangene Denken, jener bewußte Entschluß, alles Seiende als „allgemeinen Gegenstand“ zu behandeln - als ob es mit uns gar nichts zu tun hätte und doch gleichzeitig für unsere Macht bestimmt wäre (Merleau Ponty).
von Johannes B. Torelló
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Dabei übersieht sie die lebendige innermenschliche Verbindung und die Verwobenheit des Menschen mit der Welt: Eine durch das Modell erzwungene Manipulierfähigkeit ersetzt die wahre Kenntnis der menschlichen und weltlichen Realität.
Die Naturwissenschaften, die den Menschen zu deuten versuchen - vor allem die Physiologie und die offizielle Medizin -, verwenden die Sprache und die Modelle der Physik, die auf zwei Grundbegriffen aufbauen: Materie und Energie. Und sie bemühen sich, alle Erscheinungen auf Umsetzungen von Materie und Energie zurückzuführen.
Die Maschinen, die die Technik konstruiert, haben allein die Aufgabe, Materie und Energie umzusetzen. Die naturwissenschaftliche Physiologie und Medizin kennen keinen anderen Menschen als den Maschinenmenschen; und dennoch hat sich gerade die Benützung dieser technischen Modellvorstellungen als äußerst erfolgreich erwiesen, weil sie den Körper - als künstlich abgetrennten Teil der menschlichen Wirklichkeit - erfassen und erstaunlich sicher beherrschen.
Aber die Lücke zwischen technischen Modellen und lebendigem, geistigem Dasein ist so groß, und die Unfähigkeit, damit das eigentlich Menschliche - mit all seinen Wünschen, Träumen, Idealen, Belastungen und Werten - zu verdeutlichen und zu regieren, so augenscheinlich, daß sich die Psychologie und besonders die selbsternannte Tiefenpsychologie, nachdem man das Versa- gen der Modelle bei den „psychischen“ Krankheiten oft und oft schmerzlich erfahren hatte, anschickte, diese andere Seite der Persönlichkeit zu erforschen und zu erklären.
Verallgemeinerte Maschinenmodelle

Im Rausch einer positivistischen Ideologie geboren, konnten die Modelle der neuen Tiefenpsychologie, die sie zur Aufwühlung der schattenhaften, ja sogar der unbewußten Schicht des menschlichen Daseins heranzog, auch wieder nur technischer Natur sein. Mit ihnen wurde - trotz allem Klamauk der Psychoanalytiker und der neuen Strukturalisten - kein Schritt vorwärts getan. Vor-und Nachteile der im Bereich des Menschen angewandten Technik sind hier genauso umstritten wie irgendwo anders.
Dabei sollen der Wert dieser technischen Modelle, ihre große Bedeutung für die Kulturgeschichte sowie ihre erzieherische Wirkung keinesfalls geschmälert werden: Sie befreien uns von vagen, unlogischen Vorstellungen und bringen Disziplin in unsere Handlungen. Aber sie sind nur Bruchstücke der Wirklichkeit, Arbeitshypothesen, vereinfachende Reduktionen, welche die unüberschaubare, unbeherrschbare Welt der freien Planung, der Motivationen, der Entwürfe der Phantasie, in denen sich die persönliche und kollektive Geschichte des Menschen entwickelt, außer acht lassen.
Zwar verbürgen ihnen Handlichkeit, Überzeugungskraft und Funktionalität eine glänzende, vielleicht sich nie erschöpfende Zukunft (v. Weizsäcker), ihre Unzulänglichkeit und die Naivität aber, mit der sie sogar von vielen Fachleuten benützt und als absolute Werte betrachtet werden, sind immer wieder Anlaß für eine pausenlos wachsende Unruhe bei den schärfsten Denkern unserer Zeit und geben fortwährend Anregung zu neuen Versuchen.
Die letzten Modelle, die die Technik geschaffen hat - jene der sogenannten Nachrichtentechnik -, stellen einen enormen Fortschritt dar, dessen Tragweite sich die meisten Pragmatiker noch gar nicht bewußt sind. Computer und Elektronengehirne führen in die Geschichte der wissenschaftlichen Modelle humane Elemente ein, die die Prinzipienreiter einer positivistischen Ideologie in der modernen Wissenschaft nicht nur unbeachtet ließen, sondern sogar verachteten: jene. Planmäßigkeit und jene Ordnung, die nicht auf Umsetzungen von Materie und Energie zurückzuführen sind, sondern auf den sozialen Bereich des menschlichen Zusammenlebens. Nachricht ist etwas, das neben Materie und Energie steht (Küpfmüller).
Man hat Rechenautomaten gebaut, die bei der Lösung wissenschaftlicher Fragen eingesetzt werden und die imstande sind, manche Antworten ungemein schneller und richtiger zu finden, als dies dem menschlichen Forscher, der sie konstruiert hat, gelingt. Das sollte uns jedoch nicht beunruhigen, denn „hinter jeder Aufgabe, die dann unter Umständen auch von Rechenmaschinen gelöst werden kann, steht eine Instanz, welche die Aufgabe stellt, und diese Instanz kann nicht von der Rechenmaschine ersetzt werden. Solchen Instanzen begegnen wir in den Stimmungen und Motiven, denen wir auf den verschiedenen Stufen des Lebens unterworfen sind. Sie sind Mächte des Lebens, die sich weder physikalisch noch psychologisch noch nachrichtentechnisch definieren lassen. Nicht sie können mit technischen Modellen abgebildet werden, sondern nur die Programme, nach denen wir ihren Befehlen gehorchen und die Aufgaben lösen, die sie uns stellen ... Die Programme, welche die Aufgaben lösen, und die Stimmungen und Motive, welche die Aufgaben stellen, sind untrennbare Einheiten.“ (Thure v. Uexküll)
Die neuen nachrichtentechnischen Modelle wurden aus dem Menschen abgeleitet, und wir merken nun mit Entsetzen, daß wir Maschinenähnlichkeit haben. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß alle Modelle - auch die Modelle der Nachrichtentechnik - das unüberwindliche Handikap aufweisen, daß sie zwar erklären können, „wie“ etwas zustande kommt, aber nicht, „warum“ es zustande kommt. Auch „Denkmaschinen“, die in der Lage sind zu lernen, d.h. Programme zu verbessern oder neu zu finden, arbeiten im Rahmen von Aufgaben, die ihnen von Menschen gestellt worden sind.
Die Tatsache, daß Motive und Zielsetzungen nicht durch technische Modelle gedeutet werden können, besagt klar, daß ein Teil - und der entscheidende Teil - der Wirklichkeit außerhalb der Erfahrungsmöglichkeiten einer Wissenschaft bleibt, die sich nur auf technische Modelle stützt. Hier erweist sich auch die marktschreierische Verhaltensforschung als eine einseitige und total unzulängliche, im Grunde entstellende Beschreibung der Wirklichkeit nicht nur des Menschen, sondern sogar des Tierreichs.
Menschliche Modelle

Daher die Bestrebungen neuester Richtungen der daseinsanalytischen Forschung über die menschliche Existenz, die allem zuvor die Stimmung bzw. die grundlegende Beziehung des Menschen zu sich selbst und zur Welt, die aus dem eigentlichen Menschenkern quillt, als ihren Hauptgegenstand ansehen. Die daseinsanalytischen Modelle beschreiben die Art und Weise des In-der-Weltsein-Könnens, und dabei spielen die freien Einstellungen und die freie Aufnahme persönlicher Verantwortung eine so entscheidende Rolle, daß der Begriff des Modells selbst ins Wanken gerät. So wird auch das Unbehagen verständlich, das diese neuen Forscher im verkalkten Bezirk des traditionell wissenschaftlichen Denkens hervorrufen.
Die Wissenschaften nach dem klassischen Bilde, das arrivierte Lehrer gegen jeden Aufstand der jungen Generation zu retten versuchen, sind in einen Teufelskreis geraten: Sie entwickelten eine Technik, die so autonom geworden ist, daß jede Wissenschaft - auch die Geisteswissenschaft - auf einen Zusammenhang von Techniken reduziert wurde.
Daher die Wirksamkeit und die wahrscheinlich einzig echte Möglichkeit der menschlichen Modelle. Nur wahre Menschen zeigen, was der Mensch ist und sein kann. Denn der Mensch erkennt sich in menschlichen Modellen und fühlt sich von diesen viel mehr angezogen als von wissenschaftlichen Bildern bzw. von ideologischen oder weltanschaulichen Leitbegriffen.
Ein echt menschliches Modell stellt sich als vitales Schema dar, das auf Grund seiner Nahestellung die Verwandtschaft mit dem Durchschnittsmenschen beweist und kraft seiner Eigenschaften Bewunderung erweckt. Es muß lebendig sein, auch wenn nicht mehr am Leben. Seine Anziehungskraft ist seiner Lebendigkeit zu danken, seiner Lebensfülle, die durch Bejahung, Schwung, Vertrauen zur Welt und zu den Menschen allen Gesten und Worten Ausstrahlungsenergie mitteilt, die nicht verborgen und wirkungslos bleiben kann.
Motive der Modellerzeuger

Das Genie ist zu ideal, zu weit entfernt, es bewegt sich in einem unzugänglichen Himmel und kann deshalb, auch wenn es unsere irdischen Wege erhellt, kein Modell werden. So z.B. einige Heilige, die zu bewundern, aber nicht nachzuahmen sind.
Echte Modelle tauchen immer wieder auf. In ihnen sieht der Mensch einer bestimmten Kultur seine Traumwünsche verwirklicht: John F. Kennedy - Jugend, die die Weltmacht erobert hat, Johannes XXIII. - die bergende Vatergüte -, Nikita Chruschtschow - gezähmter, verhäuslichter Kommunismus -, Margaret von England - die menschliche Liebe der „Götter“ -, die Beatles - sentimentale Rebellion der neuen jugendlichen Welle.
Neben diesen spontanen Modellen wuchern aber immer wieder die künstlichen - Mystifizierungen einer lebenden oder bereits verstorbenen Gestalt, um sie zum Modell zu machen. Diese Herstellung künstlicher Modelle kann zwei einander entgegengesetzte Zwecke verfolgen: die Gesellschaft oder die einzelnen zur Entfaltung zu bewegen, oder aber sie auf ein starres Vitalschema zu fixieren, um alles unverändert zu belassen.
Der erste Fall umfaßt Helden, Patrioten, Politiker und sogar Heilige, deren Image von Anhängern, Nachfolgern oder irgendwelchen Verbündeten idealisiert und tiefgreifend modifiziert wurde - im Dienst von Ideologien oder Gruppeninteressen. Nicht alle Heiligen sind „Modelle“ im modernen Sinne dieses Ausdrucks, weniger noch Modelle für alle, noch Modelle, die keiner Zeitabnutzung unterliegen. Der Versuch, manche von ihnen heutzutage plausibel und annehmbar zu machen, ist - bei allen lobenswerten Absichten, zu „erbauen“ und zum Guten zu ermutigen - des öfteren sinnlos bzw. gehört zu dem oben erwähnten zweiten Fall.
Zu dem zählen jene Unmengen von Modellen, die unsere Kulturindustrie Tag für Tag erzeugt, um das berühmte „Establishment“ vor Behelligungen zu schützen. Traumwünsche werden erweckt und durch die entsprechenden Modelle teilweise befriedigt, teilweise abgeändert, immer zugunsten der Produktion, wenn nicht einer Ideologie. Hier sind die Film-, Schlager-, Mode-, Gesellschafts- und Politikerstars zu nennen - von Brigitte Bardot und James Bond zu Twiggy, Elvis Presley, Soraya, Levi-Strauss und Marcuse. Sie werden durch die Allmacht der Massenmedien zu Leitbildern, die man kritiklos aufnimmt und die unserer Gesellschaft und den Einzelmenschen ihr Siegel aufdrücken.
Sie sind die neuen olympischen Götter (Morin), die aber häufig über sehr wenig persönliche Freiheit verfügen: Sie prägen, aber sie werden zugleich geprägt, werden steif fixiert, müssen in ihrer Pose verharren. Oder sie müssen abtreten. Daher ihre unvermeidlich neurotischen Züge.
An ihren Früchten erkennt man sie

Künstliche Modelle setzen den Menschen immer der Gefahr der Passivität aus. Die fast automatische Nachahmung, die affenartige Wiederholung von Parolen, Gebärden, Verhaltensweisen usw. übersieht oft das Wesentlichste am Modell. Magischer Aberglaube an verstorbene Modelle, Tyrannei bei lebendigen. Wo die Massen einen Namen ausrufen - Hitler, Mao, Dutschke -, da ist die Freiheit in Gefahr: als halb komisch, halb tragisch kann man das Mißverständnis werten, das Italiens Studenten bei verschiedenen Demonstrationen durch den Ruf „Dut-schke, Dut-schke“ hervorriefen. Erschrockene Bürger glaubten, die Wiedererweckung einer nicht allzu fernen innenpolitischen (Du-ce)-Vergangenheit mitzuerleben. Auf Gefahren dieser Art sollte man den 69jährigen Soziologen Marcuse nicht erst gesondert aufmerksam machen müssen.
Ein echtes Modell fördert die Selbstverwirklichung ohne Steifheiten. Das stets einmalige, einzigartige menschliche Dasein kann nur erweckt, ermuntert, gefördert werden, niemals aber nachgeahmt oder übertragen. Die Lebensfülle eines echten Modells schränkt die Existenzmöglichkeiten des Nachfolgers nicht ein, sondern erweckt und erweitert sie in einem Klima der Freiheit, das allein verantwortliche Entscheidungen zur Selbstwerdung ermöglicht - und dies immer im Dienst der Gemeinschaft.
Ein echtes Modell sollte jede einengende Einzelheit turmhoch überragen und doch zugleich jedem Individuum so nahe sein, daß der Mensch weder entfremdend angelockt noch entmutigt werden kann. Vielleicht ist dies aber nur jener Gestalt möglich, die am Anfang unserer Ära als Gott und Mensch zugleich unter uns gewohnt hat...
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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