Psychologie des Alltags (29): Manieren

 Manieren
Das gesellschaftliche Leben bildet nicht nur den Rahmen der Erfüllung unserer Daseinsmöglichkeiten, sondern den Stoff dafür. Der Mensch ist keine isolierte „Monade“, die sich ganz unabhängig von den eigenen bestimmenden Beziehungen zur Umwelt entfalten kann. Ein gutes Verhältnis zum Mitmenschen ist zwar nicht die Krönung der persönlichen Vollendung, wohl aber eine besondere Verwirklichung derselben.
von Johannes B. Torelló
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Da aber jedes Kommunikationsmittel unter den Menschen aus fühlbaren Zeichen besteht, darf die Frage der Umgangsformen nicht verharmlost werden. Die sogenannten Formen sind nie bloße Äußerlichkeiten, die man von der inneren Einstellung abtrennen könnte, wie die Farben einer Rose oder eines Gemäldes nicht von der konkreten Schönheit der Blume und des Kunstwerkes abgesondert zu werden vermögen. Sie sind weder die mehr oder weniger kostbare Verpackung des Geistes, noch bloß dessen Zeichen und Ausdruck, sondern dessen Austragung, dessen Verwirklichung.
Man darf wohl mit Masure annehmen, daß jede menschliche Verhaltensform als Geistwerdung des Leibes betrachtet werden kann. Sie ist beim Menschen immer und ausschließlich menschlich, weil sein Geist alles bis zur letzten Zelle des Körpers durchdringt und weil sein Körper etwas ganz anderes ist als eine tierische Struktur. Die Verhaltensformen des Menschen - mit allen ihren Dimensionen, mit ihrer konkreten Geschichte und ihrem spezifischen, sogar persönlichen Tempo - mit jenen der Tiere gleichsetzen zu wollen, stellt eine typisch vereinfachende, ziemlich naive naturwissenschaftliche Einstellung dar, die das Menschliche im selben Augenblick übersieht, in dem sie glaubt, es verstanden zu haben. Sogar beim „primitivsten“ Menschen sind die Gesten als „manual concepts“ zu verstehen (Cassirer). Mit dem Dichter Paul Valéry läßt sich behaupten, daß jedes Verhalten ein „besonders vollendeter Gedanke“ ist.
Idealismus und Materialismus: Verächter der Manieren

Die Pflege der Manieren oder der einst sogenannten „anständigen“ Umgangsformen wird heutzutage jedoch des öfteren verlacht und immer mehr vernachlässigt. Warum?
Zwei Weltauffassungen bedrohen in den Menschen unserer Zeit die Wertschätzung der Manieren:
* Der Idealismus, welcher den Menschen als autonomen Geist betrachtet, als rein geistige Struktur. Der idealistische Mensch verwechselt sich, gelinde gesagt, mit Gott. Aber nicht nur der deutsche Idealismus mit seiner aufklärerischen Glorifizierung der unsterblichen Seele, sondern auch eine nicht geringe Dosis des alten, in die christlich-abendländische Kultur eingedrungenen Neuplatonismus sind im zeitgenössischen europäischen Bewußtsein noch tief verankert. Die „Seele“ wird völlig atomisiert, vom Leibe entfernt, wenn nicht leibfeindlich. Eine solche totale Selbstgenügsamkeit des Geistes gibt es aber in Wirklichkeit nicht: Der Geist existiert allein leibhaftig, geschichtlich und gesellschaftlich. „Der Mensch muß Erde unter seinen Füßen haben, sonst verdorrt ihm das Herz“ (G. von Le Fort).
* Der Materialismus, der die Materie nur als Material für die Arbeit begreift. Das Stoffliche verliert jede Symbolik, es wird zu einem ganz undurchsichtigen Fremdkörper, und der menschliche Leib ist nicht mehr Austragungsfeld des Geistes. Diese Herabsetzung des Körperlichen, des Formalen, des Fühlbaren, der sogenannten „Äußerlichkeiten“ ist in Wirklichkeit auch eine „idealistische Mystifizierung“, eine künstliche Operation des Geistes, der die Materie ausbeuten möchte, indem er ihre Andeutungsausstrahlung vermißt. Die Materie, die nur Materie ist, ist ein Spätprodukt des entfesselten Rationalismus unserer Väter aus dem letzten Jahrhundert. Einfache Menschen wie feinste Dichter und Mystiker haben die Materie der Welt und besonders die menschlichen Leiber nie als „Dinge“ betrachtet und behandelt, sondern als Erscheinungen, Spuren, Zeichen und Bilder, die uns in das Mysterium der Schöpfung hineinführen und deshalb großer Verehrung wert sind. Der Mensch, der liebt, erlebt diese Transparenz der Welt der Materie und versteht die chiffrierte Sprache der Körper. Moderne Psychologen und Mediziner wissen um die Wirklichkeit solcher Anschauungen gut Bescheid. Die Manieren des Menschen offenbaren wie die Bewegungen eines Tänzers den Reichtum einer einheitlichen, „beseelten“ Welt. Der Ton macht die Musik: jene Musik, die „allein die Wahrheit sagt“ (G. Marcel).
Verbreitete Gedankenkurzschlüsse

Aber nicht nur ideologische Überbleibsel des deutschen Idealismus und des neoplatonischen Spiritualismus sowie westliche und östliche Materialismen wirken heutzutage gegen die als völlig überholt betrachteten „anständigen Umgangsformen“, sondern auch eine Reihe sozusagen soziologischer Vorurteile: Eine bloß gefühlsmäßige Welle von Nonkonformismus, eine Rebellion gegen „etablierte“ Sitten, Strukturen und Systeme bringt eine Menge bedenklicher Gedankenkurzschlüsse hervor.
Man verwechselt Form mit Formalismus, Tradition mit lebloser Steifheit, Feingefühl mit Spitzfindigkeit, Takt mit Heuchelei, Norm mit Tabu, während Schlamperei und Schmutz als Gemütlichkeit, Primitivität und Unerzogenheit als Natürlichkeit und Ehrlichkeit, Schamlosigkeit als Spontaneität verkauft werden. Daß die guten Manieren heutzutage so oft verachtet und verlacht werden, ist eine Folge solcher naiver Kurzschlüsse, im Rahmen der verbreiteten Anbetung einer angeblichen Aufrichtigkeit, die jedes Philistertum ausrotten möchte.
Aber der Begriff der Aufrichtigkeit ist bekanntlich mehrdeutig. Bedeutet die Aufrichtigkeit nichts anderes als die Äußerung des Innerlichen, so müßte man annehmen, alle Menschen - die unverschämtesten Lügner inbegriffen - seien aufrichtig, weil die Lüge genauso wie die Wahrhaftigkeit den inneren Menschen offenbart: Die Lüge trägt das lügnerische Wesen eines konkreten Menschen vollkommen aus. Unbeständigkeit und Schlauheit sind die „Aufrichtigkeit“ des Feiglings und des Intriganten: Ihre Taten offenbaren ihre Geisteshaltung.
Deshalb ist weder die Aufrichtigkeit noch die Lüge das Entscheidende, sondern das Niveau der Aufrichtigkeiten. Alles ist bei uns Menschen aufrichtig, gewollt oder ungewollt, bewußt oder unbewußt, sogar die Maske, denn die Maske ist in Wirklichkeit ein krankhaftes Gesicht (G. Thibon). Die wahre, entscheidende menschliche Frage besteht darin, daß die Aufrichtigkeit auf die Ebene der Menschenwürde erhoben werde, wo die Übereinstimmung zwischen Form und Inhalt, zwischen Verhalten und Einstellung, die höchsten persönlichen Werte und die Würdigung des Nächsten - mit allen seinen unzugänglichen Einzigartigkeiten - Ausdruck finden.
Freilich können die menschlichen Gesellschaftsformen eine Maskerade bilden: Man sagt tausendmal pro Tag „Servus!“, ohne eine Spur dienender Haltung zu haben; man kann laufend „gnädige Frau“ stammeln, ohne die Gnade des anderen zu erkennen und zu ehren; man entzieht sich höflich einer klaren Stellungnahme, eines reinen „Ja, Ja“ oder „Nein, Nein“ - „das Übrige stammt vom Bösen“ (vgl. Mt 5,37) - und verbreitet dadurch Verwirrung und Unwahrheiten, während man sich für besonders takt- und verständnisvoll hält.
Wenn man sich aber bemüht, den Respekt vor dem Geheimnis des anderen in allen Verhältnissen zu bewahren und zu pflegen, wenn man an die Leibwerdung des Geistes sowie gewissermaßen an die Selbständigkeit der menschlichen - leibseelischen - Werte samt allen ihren inneren Gesetzen tatsächlich glaubt, dann ist man imstande, alle Feinheiten der gesellschaftlichen Manieren zu achten, ohne allzu zierlich zu werden.
Nur wenn der Geist verlorengegangen ist, wenn die hohe Achtung jeder einzelnen Person durch uniformierende, im Grunde herabsetzende Einschätzung des anderen verflüchtigt wird, dann entwickeln sich die guten Manieren zum sinnlosen, leeren Formalismus. Ein bißchen Zeremoniell ist auch in unserer demokratischen Zeit überall respektiert: im öffentlichen Leben, in der Politik, im Sport, im Heer, in der Kirche, um nichts zu sagen von der Industriewelt, wo Hierarchien und Formen starr und fix festgesetzt sind. Sogar die höchst säkularisierten Volksdemokratien pflegen eine strenge Liturgie.
Darüberhinaus bilden die Gesellschaftsformen ein universales Kulturgut, das jeden anarchistischen Eigensinn als kleinlich verbietet. Echtheit ist keine engstirnige Volkstümlichkeit, auch wenn der Bauer selbstverständlich Bauer bleiben und seine Tracht tragen soll: Von ihm kann niemand verlangen, daß er sich wie ein geckenhafter Hofnarr benimmt. Jeder, der einen gewissen Grad an Kultur erreicht, sollte auf weltweite Kulturgüter nicht verzichten, schon um die Echtheit und Brüderlichkeit des menschlichen Zusammenlebens zu erleichtern.
Eine Echtheit, die die Persönlichkeit nicht verletzen soll. „Persönlichkeit“ muß jedermann haben, ebenso wie eigenen Geschmack, eigene Neigungen, ja sogar eigene Verhaltensweisen, immer aber im Rahmen und unter Respektierung des gesellschaftlichen Zusammenseins.
Unnatürliche Grobiane

Jeder Mensch drückt dem eigenen Temperament gemäß dem anderen die Hand, aber nur wenige Bewohner einer Südseeinsel reiben zum Gruß die Nasen aneinander. Niemand sollte sich aus Bequemlichkeit, aus skeptischen Vorurteilen, aus bewußten oder unbewußten Minderwertigkeitsgefühlen die „Persönlichkeit“ des Grobians, des Antisozialen oder des albernen Nonkonformisten erlauben.
Und hier tauchen schon gewisse psychologische Ursachen dafür auf, daß der Mangel an Manieren und die Verachtung derselben ziemlich häufig anzutreffen sind. Eine Mutter, die ihr Kind allzuoft leidenschaftlich liebkost, die mit ihm jahrelang das Schlafzimmer teilt, dessen Freundschaften streng überwacht, ausliest und beschränkt, es zur Schule begleitet und sich immer wieder in seine Beziehungen zu den Lehrkräften einschaltet, erzieht den heranwachsenden Menschen zu einem unreifen und unselbständigen Verhalten.
Wenn solche beschützende Erziehung zu wohlwollend und gütig ist, wird das Kind seine innerliche, vielleicht unbewußte Rebellion in seinen sozialen Verhältnissen austragen und dem Nächsten gegenüber keinerlei Feingefühl zeigen. Wenn solche überprojektive Erziehung tyrannischer Art ist, wird das Kind gehemmt, isoliert, kontaktarm, und seine „netten“ Umgangsformen entwickeln sich zu nichts weiter als zu einem Köder, um die Protektion des anderen wie bisher genießen zu können. Ein solches Kind wird später auf große Schwierigkeiten im Sozial- und Liebesleben stoßen.
Viele Grobheiten und viele „tadellose“ Umgangsformen verraten dieselbe, aus den übertriebenen Muttersorgen abgeleitete Unfähigkeit, einen wahren, menschlichen Kontakt mit der Umwelt zu finden. Viele Menschen versagen gerade auf jenem Gebiet, das der Mutter am meisten am Herzen gelegen war (McFarlane). Wer sich selbst zu wenig kennt, wird sich daraus seine „Philosophie“ machen, die das eigene hinkende Verhalten zu rechtfertigen sucht: eine letztlich aus Minderwertigkeitsgefühlen stammende, überdemokratische oder skeptisch-mißtrauische Weltanschauung.
Nur eine realistische Annahme des menschlichen Daseins und des eigenen Schicksals - die über das Zeitliche hinausgeht - ist fähig, die Manieren im Gesellschaftsleben zu bewerten und immer wieder zu verfeinern, ohne dabei in irgendwelchen Snobismus zu verfallen. Eine Glaubenshaltung, die das Kind Gottes in jedem Menschen verehrt, wird sich stets die besten Manieren zu eigen machen können. Das Wort „Jede Frömmigkeit ist höflich“ hat schließlich ein großer Mystiker des Abendlandes geschrieben.
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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