Psychologie des Alltags (6): Der Leib

 Der Leib
Die sogenannte Sex-Welle, die mit all ihrer Zurschaustellung des menschlichen Leibes unsere heutige Existenz überreizt, erweckt den Anschein, daß wir in einem Zeitalter des Körperkultes leben. Trotzdem hat Camus an die Menschheit seinen weltbekannten Appell gerichtet: „Rettet die Leiber!“
von Johannes B. Torelló
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In der Tat wurde der Leib des Menschen kaum je zuvor so wild gemartert wie in unserem zivilisierten und erotisierten Jahrhundert: Die grenzenlose Grausamkeit der Konzentrationslager mit den „wissenschaftlichen“ Forschungen in vivo und mit der industriellen Ausnützung der organischen Reste der vergasten Häftlinge, die Massenmorde durch Luftangriffe, die politischen Deportationen sind - neben der erniedrigenden Werbung für jede Art von Konsumgütern mittels der Ausbeutung des körperlichen Reizes - beredte Beweise dafür.
Obwohl sich so viele unserer Zeitgenossen in neurotischer Weise um ihre Gesundheit kümmern, mißachten sie die Würde und den Wert des Leibes: Seine Forderungen werden mit Hilfe weniger gekaufter Wollüste gestillt, und seine Leiden mit Betäubungs- und Beruhigungsmitteln vertrieben.
Entweder man ertrinkt in gröbster Lust und unterliegt ruppig dem Leibe, oder man fühlt ihn als etwas Häßliches und Feindliches in der Stunde des Leidens.
Die Beziehungen zum eigenen Leib und zu dem des anderen sind allmählich unmenschlich geworden, womit die rationalistische Planung unserer Zeit das Wort Valérys verwirklicht hat: „Es scheint, daß die Vernunft das Seelenvermögen ist, das vom Leibe nichts versteht.“
Sexualforscher und Soziologen bestätigen die erotische Schwachheit eines Zeitalters, das vom Sex überflutet ist. Der Untergang der verstaubten Prüderie viktorianischer Sitten und Gebräuche hat keineswegs das Verständnis und die notwendige Wertschätzung des Leibes erleichtert.
Nach dem Rausch der großen Idealisten im vorigen Jahrhundert schenkte eine Elite von Psychologen, Philosophen und Theologen dem Leibe neue und tiefere Achtung, und eine Menge von Forschungsberichten über die menschliche Leiblichkeit wurde veröffentlicht.
Noch im 14. Jahrhundert studierten die Mediziner ausschließlich die Anatomie der Tiere, und die „Anatomia porci“ (Anatomie des Schweines) bildete die Grundlage ihrer Kenntnisse über die Struktur des menschlichen Körpers; später, in der Ära naturwissenschaftlicher Methodik, vollzog sich die umwälzende Verdeutlichung anatomischer Strukturen - alles Faktoren, auf denen die weit verbreitete Auffassung des Leibes als eines bloßen Gegenstandes basiert.
Leib und Geist - untrennbare Einheit

Erst in den letzten Jahrzehnten haben die Ärzte die Realität des lebendigen und nicht mechanischen, sondern „gelebten“ Leibes erkannt. Der Leib ist weder Objekt, noch Ding oder Maschine. Er ist auch „etwas wesentlich anderes als ein tierischer Organismus“ (Heidegger).
Er ist auch nicht etwas, das man ohne weiteres „hat“. Der Mensch ist Körper und er ist Geist. Die Leiblichkeit gehört zum Wesen des menschlichen Daseins: Wir sind da nur kraft unseres Leibes, vermöge des Leibes kann ich die Welt berühren, und die Welt tritt mit mir in Kontakt. Nur dank meiner Leiblichkeit bin ich, was ich bin, kann ich mich ausdrücken und gegenwärtig sein, kann ich das Gute oder das Böse tun.
Als ein Mensch eines Tages - so erzählt Stevenson in einem berühmten Roman - auf seiner Haut ein Symptom des Aussatzes feststellt, vollzieht sich in ihm plötzlich eine totale Änderung seiner Existenz und seiner Welt, aber nicht in der Art, als hätte er bloß eine Beschädigung seiner Hülle, seiner Karosserie oder seines Kleides wahrgenommen.
Dieser unscheinbar kleine Krankheitsherd auf der Haut verändert mit einem Schlag das ganze Leben: das Wesen des Menschen ist tief verwundet worden. Es ist ihm jetzt ganz gleichgültig, reich zu sein, eine schöne Frau zu lieben, Erfolg im Beruf oder Macht in der Politik zu haben ... Er ist ein anderer geworden, und die ganze Welt entpuppt sich als fremd, kalt und stumm.
Der Leib ist eine „Situation“ (Merleau Ponty), er gehört zum „ex-statischen Verhältnis des Menschendaseins zur Welt“ (Boß), das heißt der Leib ist weder eine private Angelegenheit noch ein neutrales Kleid der Seele.
Die Frau, die im Spiegel ihr Gesicht betrachtet, sagt: „Ich bin schön.“
Der Mann vor dem Spiegel denkt: „Ich muß mich rasieren, mich waschen.“
Tatsächlich spricht man so, als ob der Körper und das Ich identisch wären. Wenn eine Mutter ihr krankes Kind liebkost, so ist dies keineswegs eine Zärtlichkeit zur bloßen Hülle eines Menschen, sie liebkost dadurch das Kind selbst; es handelt sich um den Kontakt zwischen zwei Menschen, um die unmittelbare Kommunion zweier Personen.
Infolgedessen sind die außerhalb des Rahmens einer interpersonalen Liebe erlebten geschlechtlichen Erfahrungen keineswegs menschliche Erfahrungen, und deshalb bleibt jedermann davon nicht nur naiv und „unerfahren“, sondern auch mit allerlei falschen Vorstellungen (und Entstellungen) über die Liebe, die Gefühle, die Instinkte und die Menschenleiber belastet. Die einzige menschliche Realität ist die untrennbare Ganzheit von Leib und Geist. Jede andere Deutung ist leerer Wahn.
„Vom Geist getrennt, verwest das Fleisch, aber der Geist ohne das Fleisch verwelkt wie eine abgebrochene Blume und wird zum Gespenst“ (Thibon). Der berühmte Theologe und Mystiker Thomas von Aquin formulierte es drastischer: „Die Seele ist geboren, ihr Sein mit der Materie zu haben“, und weiter: „Die Seele mit dem Körper zusammen ist vollkommener als von ihm getrennt“ und sogar „Gott ähnlicher, als wenn sie (vom Leib) isoliert wäre, obwohl Gott völlig immateriell und einfach ist“.
Hier wird deutlich, wie weit die klassische Theologie von jenen zimperlichen und albernen Spiritualismen entfernt ist, welche sich an die verachtenswerte orientalische Haltung der Materie gegenüber anlehnen und den skrupulösen Rigoristen jansenistischer Prägung ähnlich sind.
Unsterblichkeit des Leibes

Eine echt christliche Spiritualität, das heißt eine auf der Menschwerdung Gottes aufgebaute Spiritualität, muß alle menschlichen Züge vollkommen harmonisch in sich selbst eingliedern können, weil alle zusammen als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen und zur ewigen Glorie bestimmt sind.
„Nirgends in der Heiligen Schrift erscheint der Leib als solcher, das „niedere“ Sinneswesen des Menschen zum Unterschied von der „höheren“ geistigen Schicht, in besonderem Maße als Ort des Widerstandes gegen Gottes Geist und deshalb in einem besonderen Sinne „abzutöten“ oder zu verleugnen, mehr nämlich oder anders als das natürliche Geistesleben“ (Karrer). Sich selber zu lieben, bedeutet Leib und Geist, diesen konkreten Leib und diesen konkreten Geist, zu lieben.
Der Leib ist Weg zur Sünde wie zur Tugend. „Wenn wir dem Leibe zuviel schenken, ernähren wir einen Feind; wenn wir ihm aber zu wenig geben oder ihn zu wenig achten, verlieren wir einen Freund“ (Gregor der Große). Wir sollten dem Körper Würde und wahre Liebe schenken. Wir sollten ihm Unverweslichkeit, Gewandtheit und Verfügbarkeit wünschen und ermöglichen, so daß wir um seine Funktionalität und - warum nicht? - auch um seine Schönheit Sorge tragen.
Die in unserer Zeit so offenkundig unterschätzte Keuschheit stellt eine Form der Liebe zum Leibe dar. Sie will ihn tadellos, gewandt, ruhig und freut sich schon auf die Freiheit seines unsterblichen Schicksals.
Keine Tugend kann des Leibes entbehren. Es gibt keine Nächstenliebe ohne liebevolle Blicke, ohne freundlichen Händedruck, ohne feine Ohren und erschütterte Herzen!
In der Karwoche feiern die Christen das Heil durch das Fleisch, das der Gottessohn wirklich angenommen hat. So wirklich, daß sie noch heute den von Gott verlassenen Leib auf dem Kreuz und im Grab erstaunt als augenscheinlichstes Zeichen der Menschenwerdung betrachten. Und diesen beunruhigenden Leichnam darf man als Gottesleib bezeichnen!
Die österliche Freude blüht auf diesem Grab, das während der Nacht leer geworden ist: die Auferstehung Christi ist die Auferstehung des Fleisches, auf die seine Verewigung „zur Rechten des Vaters“ folgt. Paulus wird deshalb diesen Sieg über den Tod in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens setzen: „Ward Christus nicht erweckt, dann ist unsere Predigt ohne Inhalt, ohne Inhalt ist dann auch euer Glaube ... Wenn nämlich die Toten nicht erweckt werden, dann ward Christus nicht erweckt ... Wenn wir nur für dieses Leben auf Christus hoffen dürften, dann wären wir die bedauernswertesten unter allen Menschen“ (1 Kor 15,14-19).
Die ganze Sakramentenlehre der Kirche und die ganze Liturgie sind auf das vergöttlichte eucharistische Fleisch ausgerichtet; sie bilden gleichermaßen einen „göttlichen Kultus des Fleisches“ (Hl. Torras i Bages).
Tertullian feierte die erreichte Einheit, als er schrieb: „Das Fleisch ist die Säule des Heils. Deshalb verbindet sich der Geist mit Gott, weil das Fleisch gerade die Bindung des Geistes ermöglicht. Die Abwaschung des Fleisches verursacht die Reinheit des Geistes, die Salbung des Fleisches weiht den Geist; die Handauflegung überschattet das Fleisch, damit der Geist vom Heiligen Geist erleuchtet werde; das Fleisch ernährt sich durch den Leib und den Geist Christi, um den Menschengeist von Gott her zu sättigen.“ Ohne eine solche mit der Fleischlichkeit der Sakramente verbundene Mystik kann kein Christentum gültig bleiben.
Man muß sich aber auch vor einer gewissen „Mystik des Leibes“ hüten, die in unserer Zeit einige verspätete Entdecker der Körperwürde zur übertriebenen Lobpreisung des Sexualtriebes verleitet hat, als ob dieser das einzige Zeichen der Zugehörigkeit zur Welt und das Zentrum des Ehelebens wäre.
Eine solche „Ekstatik des Fleisches“ entspricht einer Isolierung des Leibes und bedroht aufs neue die Einheit der Person, sobald sie sich im Leibe auflöst und ihn mythologisiert.
Aus der Natur kommen sowohl Befriedigung der Lüste als auch Schamgefühl und Beherrschung, wie heute viele Anthropologen und Psychologen bestätigen (Max Scheler, Ernst Kretschmer); dagegen steht die Behauptung Freuds, der jede „Sublimation“ und „Enthaltsamkeit“ als krankhaft bezeichnet.
Das Schamgefühl stellt keineswegs ein Hindernis für die Liebe dar. Es ist hingegen, wie Max Scheler sagte, „das Gewissen der Liebe“. Der Sexualtrieb kann nur Ausdruck der interpersonalen Liebe sein. Und die christliche Jungfräulichkeit hat auch nur einen Sinn und Wert als Ausdruck der hochzeitlichen Liebe zur Person Christi. Die Inkarnation wird für Idealisten und Materialisten jeder Spielart immer ein Stein des Anstoßes sein...
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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