Psychologie des Alltags (8): Ausdauer oder Treue?

 Ausdauer oder Treue?
Die Lust der Kinder an der Bewegung ist Lust am Leben schlechthin, Freude an Spiel und Wagnis. Deshalb kommt ihnen die altrömische Neigung vieler Eltern und Pädagogen grausam vor, Ausdauer und Beständigkeit für die Achse des Lebens zu halten, die Beharrlichkeit als Fundament aller guten Eigenschaften des Menschen besonders hochzuschätzen und für sie zu werben. Wollen doch die Alten ihre Kräfte sparen, sie nicht vergeuden und deshalb auf Beweglichkeit und die daraus folgende Unbeständigkeit verzichten. Aber was brennt und leuchtet, verzehrt sich unweigerlich.
von Johannes B. Torelló
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Lebenserfahrung ist doch besonders Erfahrung der menschlichen Unbeständigkeit, der Flüchtigkeit unserer Pläne, des Einsturzes unserer Einstellungen und Haltungen, Erfahrung, die uns schnell zum Pessimismus oder zur Leichtfertigkeit führen kann. Wenigen Dingen gelingt es, der Abnützung durch die Zeit zu entgehen: Die Ideen werden wie Kleider abgetragen, sie verlieren Glanz und Zauberkraft, und was uns einst als Ideal begeisterte, finden wir heute naiv oder gar trügerisch. Die Gefühle schmelzen, und jene Sammlung des ganzen Daseins in einem vor Liebe erschütterten Herzen löst sich allmählich auf, entweicht in tausend kraftlose, nichtssagende Nebengefühle oder vertrocknet im Sand einer faulen und schläfrigen Lauheit.
Der Wille, an den wir so fest geglaubt, dem wir so große Aufgaben anvertraut haben, hat uns nicht selten erschreckt durch seine unerwarteten Räusche, seine plötzlichen Lähmungen, seine barschen Richtungsänderungen, sein totales Versagen ... Alles an uns Menschen ist zerbrechlich: der Leib, die Triebe, unsere Empfindungskraft, deren Wendungen unvorhersehbar bleiben - trotz unserer neurotischen Sorgen. Wie Tyrannen zwingen sie uns, ununterbrochen nach der Musik ihrer Launen zu tanzen, ebenso wie das Gedächtnis mit seinen Lücken und Zwangsvorstellungen, mit seinen plötzlichen Stumpfheiten, seinen Zerstreuungen und seinen nebelhaften Ungewißheiten ...
Wir leben das Heute, ohne zu ahnen, was das Morgen uns bringen wird, ohne zu wissen, welchen Gemütsregungen, welchen Leiden und Freuden, welchen Erfahrungen wir begegnen werden. Wir möchten wohl am Steuer unserer Existenz stehen, sicher und fest unser Schiff lenken, dem Ziel entgegen, das wir uns selbst gesteckt haben ..., aber die dahinfließenden Jahre haben uns Skeptik beigebracht, sie haben uns selbst und die anderen in Frage gestellt, das Denken, die Liebe, Politik und Kunst, die Gemeinschaft und die Wissenschaften. Täglich wird uns ins Ohr geflüstert: „Laßt euch nicht täuschen, denn alles geht vorüber, nichts ist sicher und zuverlässig, nichts verdient unser Vertrauen, nichts und niemanden auf der Welt gibt es, bei dem man ausruhen kann.“
Wir gehen weiter durch die Straßen des Lebens: als schlaue Füchse, als verwundete Löwen, als spielende Eichhörnchen: Schlauheit, Entmutigung, Leichtfertigkeit.
Bewegliche Treue statt starrer Ausdauer

Will man unter diesem Gesichtspunkt der Flüchtigkeit und Unbeständigkeit den Wert menschlicher Tugenden und Eigenschaften mit dem Maße der Ausdauer messen, die Tugend als bloße Gradheit, als unverfrorenes Ausharren klassifizieren, will man das Wertvolle an menschlichen Taten im Widerstand gegen allerlei Schwächen und Wendungen erblicken, so muß man entmutigt innehalten, muß von Anfang an verzichten auf jede Bemühung um das Gute und Rechte.
Vielleicht haben eben deshalb die Worte „Ausdauer“, „Ausharren“, „Aushalten“, „Beharren“ heute ihren Ruhm verloren. Sie spielen auf inhaltslose Anstrengung an, auf unbewegliche Starrheit, hartnäckige Steifheit, langweilige Einförmigkeit. Ausharren kann immer etwas Mechanisches, Lebloses und Unmenschliches sein.
Und tatsächlich: Dauer und Standhaftigkeit sind nicht die höchsten Werte. Kein Ding kann deshalb als wertvoll erachtet werden, weil es dauerhaft ist, kein Leben wird durch seine Verlängerung sinnvoller. Es gibt, von ihrer inneren Reinheit verzehrt, verkürzte Existenzen. Der Stein ist von Dauer, nicht die Rose; die anmaßende Hartnäckigkeit behauptet sich, die Sanftmut dagegen ist biegsam; die Starre des Dummen ist verkrampft, und die Intelligenz des Weisen ist höchst beweglich; klebrig ist die Langeweile, nur einen Augenblick lang funkelt die Genialität des Geistes, urplötzlich zeigt sich die mystische Verzückung der Heiligen, die Inspiration der Künstler, die Bezauberung der menschlichen und der göttlichen Liebe.
Deswegen spiegelt sich die von allen Menschen ersehnte Ewigkeit besser und deutlicher im vergänglichen, lebhaften Augenblick als in der zeitlichen Dauer, die wesentlich relativ und sterblich ist.
Im Gefolge von Buddha oder Lao-Tse?

Max Scheler hat in einer seiner berühmten „Abhandlungen und Aufsätze“ „zwei Wege einer Kultur der Seele“ gezeigt: „Der eine Weg ist der Weg der Anspannung des Geistes und Willens, der Konzentration, der selbstgewählten Entfremdung von den Dingen und von sich selbst.“ Und wirklich ist dies ein sehr verbreitetes Richtmaß, das im absoluten Selbstbesitz, in der totalen Selbstentsagung die menschliche Vollkommenheit erblickt. So bekennt der buddhistische „Vollendete“ mit fast dämonischem Stolz von sich:
„Der Höchste bin ich in der Welt,

der Hehrste bin ich in der Welt,

der Erste bin ich in der Welt,

der Letzte bin ich in der Welt.“
Die römische Ethik der „Männlichkeit“ (virtus = Tugend, von vir = der Mann), die Unerschütterlichkeit der Stoiker, die als „Rekordleistung“ begriffene Tugend des 18. und 19. Jahrhunderts - heute das Ideal des Sports und der „harten Männer“ unserer Wirtschaftskultur, das Ideal vieler Psychologien und Psychotherapien, die nach „Selbstbefreiung“ streben - sie alle haben Gautama Buddha zum gestrengen Urmeister. Die übermäßige Angespanntheit des gegen die Bewegungen und Einwirkungen des Kosmos „gepanzerten Herzens“ sollte - nach Meinung vieler Zeitgenossen wie nach Ansicht der im 7. vorchristlichen Jahrhundert verkündeten Lehre Buddhas - „die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichgültig einsichtig vollkommenen Ruhe“ erreichen.
Die als Rekordleistung angesehene Tugend hatte großen Erfolg - sogar bei christlichen Jugendbewegungen mit ihren siegreichen Sportmannschaften, ihren Sportler-Seelsorgern und ihren getauften Mythologien, die immer wieder überall auftauchen, heute vielleicht unter der Maske des James Bond: Leistung, Härte, Beherrschung.
„Der andere Weg ist der Weg der Entspannung des Geistes und Willens, ... der Weg der Vermählung mit den Dingen und Gott“ (M. Scheler). Es handelt sich um nichts anderes als um die altchinesische Erkenntnis, die die menschliche Vollkommenheit als Elastizität in und mit dem Rhythmus des Kosmos betrachtet. Die Vollkommenheit ist nicht Tauglichkeit oder Tüchtigkeit, die die Natur totschlagen möchte, sondern unerforschbares Mysterium des Sich-der-Welt-Schenkens, das Lao-Tse beschrieb:
„Der Vollendete, entschwindend, offenbart sich, sich verschwendend, erwirbt endloses Sein, selbstverloren, einzigt sich“ (7. Spruch).
„Schaffen und Nichtbesitzen - Wirken und Nichtgewinnen - Überwachen und nicht Überwältigen“ (10. Spruch).
Wahre, schwingende Lebenskunst im kosmischen Einklang! Ebenso die aristotelische Tugendlehre, die keineswegs rationalistisch geprägt ist, da sie in Wirklichkeit eine einzige Tugend bekennt: die schwingende Mitte zwischen den Extremen eines Zuviel und eines Zuwenig, die ein Glücksbogenschuß ins Zentrum ist, weder zu weit nach rechts noch zu weit nach links. Sie setzt Lebenssinn voraus, ein geöffnetes Herz. Max Scheler definiert diese Kunst als das eigentlich Christliche christlicher Tugend: „Ein stetes inneres Pulsen von geistiger Dienstbereitschaft gegen alle Dinge, die guten und die bösen, die schönen und die häßlichen, die lebendigen und die toten ... freie, kühne, angstlose Bewegung eines Geistes, dessen selbstverständliche Fülle ihm selbst den Begriff einer Selbstverschwendung unfaßlich macht, der sich nichts vergeben kann, da er selbst nur quellendes Geben ist.“
Treu sein: Leben im Rhythmus Gottes

Das „Neue Gebot Christi“, die Agape, bildet die gewagte liebende Bewegung jedes Christen zum anderen hin. Sie wird eingeschlossen in die Bewegung der Liebe Gottes, in den zur Welt und den Menschen herabsteigenden Christus. Diese alles ertragende, alles hoffende, wunderbar schwingende Liebe ist Fundament und Wurzel, ja Mutter aller Tugenden (Thomas von Aquin) und kann deshalb nicht Beständigkeit, kalte und vor Schaden behütende Konstruktion, nicht versteinerte Haltung sein. Sie besteht vielmehr in einer fortgesetzten Geburt, einem immer aktuellen, feierlichen Einsetzen, in einem steten Beginnen und Wieder-Beginnen, einer äußerst lebhaften und abenteuerlichen Bewegtheit, in einer Zwiesprache mit dem Gott, der uns ohne Unterlaß zum Leben ruft.
Es handelt sich tatsächlich um die lebendigste Lebensart: nicht um das Beharren in einer Stellung oder Situation, sondern um eine Liebe, die sich in alle neuen Umstände zu schicken weiß und jener starren Trockenheit ausweicht, die das Greisenalter kennzeichnet.
Wer wegen der unlöslichen Bindung vor der Ehe Angst bekommt, beweist, daß er von der menschlichen Liebe keine Ahnung hat. Ist doch die Liebe eine ganz persönliche Dynamik, immer neu, immer erstaunlich, immer verschieden und bunt. Die Treue in der Liebe besteht eben darin, daß der liebende Mensch täglich die Liebe erfindet, neu beginnt und schafft. Und das eben ist der Begriff, mit dem das Wort „Ausdauer“ zu ersetzen ist: Treue!
Die Treue ist etwas Lebendiges, ein Dialog: Treu ist man allein einer Person gegenüber. Die „Ausdauer“ auf dem Weg des christlichen Lebens ist nichts anderes als Treue: nicht Treue zu Doktrin, Dogma oder Moral, sondern zur lebendigen Person Christi in einem Band der Liebe, das die tiefste Lebendigkeit des Daseins erweckt. Treu sein bedeutet biegsam, folgsam, geduldig zu werden, bedeutet die Geduld der Liebe annehmen, die versucht und tausendmal wieder versucht; die Geduld dessen, der seine Schwäche im Lauf der Zeit entdeckt hat und gerade deshalb das größte, unenttäuschbare Vertrauen auf den lebendigen Gott setzt, der nie versagen kann.
Treu sein heißt Aufnahme und Wertschätzung des Augenblicks, um ihn dem anderen zu schenken, um ihn zu verewigen; einen neuen Augenblick entstehen zu lassen, der ebenso flüchtig ist wie der vorherige, aber ebenso fähig, ewig zu werden. Treue ist Rhythmus, Erneuerung, Wiedergeburt, Hände und Herz aufgeschlossen vor dem Gott, „der alles liebt und nichts haßt, was er geschaffen hat“ (Weish 11,24).
Nächstenliebe und Gebet sind Herzklopfen und Ausatmen dieser Treue. Sie ist - auf der Ebene der Liebe zu Gott und zu den Menschen - keine fortdauernde Haltung, kein ausharrender Schwung erster Liebesentzückung, sondern ein dynamisches Abenteuer zweier lebendiger, beweglicher, unberechenbarer Personen, die ihr Mit-Sein immer neu erfinden und gestalten.
Das „Es geschehe“ der einzig vollkommenen Kreatur, der Jungfrau Maria, die Augustinus als „Tympanistra nostra“ (unsere Paukenschlägerin) bezeichnet, gibt den Takt unserer liebevollen Widmung an, die uns dem geheimnisvollen Rhythmus Gottes treu entsprechen läßt.
Gott und den Menschen, den immer unberechenbaren Liebespartnern, sollen wir keine starre Haltung bieten, sondern jene risikofreudige positive Anpassungsfähigkeit, die in der Liebeserklärung einer österreichischen Dichterin ausgesprochen wird: „Ich werde dich lieben um deiner Treue willen, und ich werde dir treu sein um deiner Liebe willen“ (Ingeborg Bachmann).
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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