Serie: Rocken im Zeichen des Kreuzes

"Mit Fanta und mit Butterkeks - Ja, wir sind junge Christen unterwegs." singt Funny van Dannen im Lied "Junge Christen" etwas höhnisch und malt damit ein Bild, wie viele Leute es im Kopf haben, wenn sie an moderne christliche Musik denken. Ist es so? Dem will dieser Artikel nachgehen.
von Philipp Giese
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Mal ganz ehrlich: was ist der erste Gedanke, der Ihnen kommt, wenn sie etwas mit dem Begriff „moderne christliche Musik“ assoziieren sollen? Richtig: Cumba Ya, my Lord, Cumba Yah... Klampfenchristentum eben. Nein, christliche Popularmusik hat nicht den besten Ruf. Dass es weitaus mehr als Gitarrengeschrammel gibt, dass Laudato Si und Cumba ya trotzdem ihren Wert haben und meine persönlichen Meinungen, Sorgen und Hoffnungen zum Thema christliche Musik darzustellen, sind die Ziele dieser Artikelserie.
Dabei sei als erstes angemerkt, dass in diesem ersten Artikel generell über die Probleme und Chancen diskutiert wird, während in den folgenden Artikeln konkret bestimmte christliche (sub)Szenen vorgestellt werden.
Warum christliche Musik?
Die erste Frage, der man nachgehen muss, wenn man über moderne christliche Musik redet, ist, was der Sinn des Ganzen ist bzw. mit welchem Sinn die einzelnen Künstler dieses Vorhaben füllen.
- Wenn wir uns in aktueller Populärmusik umsehen, merken wir, dass der christliche Anteil der Texte eher gering ist. Sicher, es gibt Reggae und manche anderen "Black Music"-Szenen, die durchaus spirituell sind, jedoch sind diese, Gospel ausgenommen, nicht christlich. Also kann sicherlich eine Triebfeder sein, sich mit seiner Lieblingsmusik in seiner Religion auszudrücken. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund – also ist christlicher Metal die logische Konsequenz, wenn man als Christ Metal liebt. Dagegen ist an sich keineswegs etwas zu sagen.
- Außerdem kann eine Triebfeder sein, dass man den Anhängern einer bestimmten Szene das Evangelium verkünden will. „Ich kann meine Brüder im Dancehall nicht vergessen“ singt Stitchie im Lied „fast and pray“, er will, dass auch sie von Christus erfahren. Das ist auch nicht unbedingt schlecht.
- Schließlich könnte man sich noch denken, dass die Christen eine christliche Alternative zu einer bestimmten säkularen Musik brauchen würden. Will heißen, es solle auch christlichen Black Metal geben, damit kein Christ in den Gewissenskonflikt komme, Musik mit Texten, die dem eigenen Weltbild widersprechen, hören zu müssen.
- Als letztes gibt es die Musik, die nicht per se zum Bekehren gedacht ist, sondern eher Musik von Christen für Christen ist und ein gewisses „christliches Savoir vivre“ vermittelt. Das ist auch keineswegs verkehrt, man sollte bei allem Eifer, die Nichtchristen zu bekehren, auch nicht vergessen, die Brüder zu stärken.
Alle diese Gründe haben sicherlich etwas für sich, aber ich muss gestehen, sie dürfen keinesfalls überbewertet werden und sollten vor allem sinnvoll umgesetzt werden!
Es ist schön, wenn ein Christ gerne Metal hört und deshalb christlichen Metal macht – wenn er jedoch erstmal den Glauben verkünden will und dann Musik machen will, leidet die Musik darunter und das Ganze wird mittelprächtig. Das war meines Erachtens lange Zeit speziell in der christlichen Metalszene ein Problem.
Ich höre schon entrüsteten Widerspruch: Was soll denn bitteschön hier wichtiger als die Frohe Botschaft sein!?!? Halt, halt... Natürlich soll der Glaube dem einzelnen Musiker das wichtigste, das absolute Fundament seines Lebens sein, aber gerade weil ihm dieser Glaube so wichtig ist und er das der Welt musikalisch mitteilen will, muss die Musik toll gemacht sein! Sie wird dadurch ein Werk für Gott und sollte dementsprechend perfekt sein.
Es ist ein schöner Gedanke, wenn man eine Szene so sehr liebt, dass man sie dem Herrn zuführen will! Ich musste lachen, als ich in einem christlichen Forum mal das Gebetsanliegen las, dass man doch für Nelly Furtados Bekehrung beten sollte, sie würde so schön singen und so gut aussehen.
Es ist wichtig, sich dafür einzusetzen, in einer Szene die christliche Botschaft zu verbreiten. Nur fällt mir manchmal auf, dass manche Bands da zu penetrant werden. Und außerdem fällt auf, dass manche Bands die Musik dann nur als Mittel zum Zweck betrachten, worunter dann die Musik leidet. Ich will hier keine Werbung machen, aber hier kann man sehr gut verstehen, was der Heilige Josemaria Escriva mit der Heiligung der Arbeit in diesem Zusammenhang meinen kann: Euer christlicher Reggae soll musikalisch perfekt sein, damit man so missionieren kann! Er muss den weltlichen Standards nicht nur entsprechen, er muss das Ziel haben, neue zu setzen, so dass die Männer und Frauen von Welt von der Musik der Christen beeindruckt sind.
Was den dritten und den vierten oben angeführten Punkt (christliche Musik für Christen zu machen) angeht, muss das sinnvolle Maß eingehalten werden: Wenn man christlichen Metal macht und den weltlichen Metal verteufelt, ist man unglaubwürdig; schließlich hat man sich an weltlichen Bands orientiert. Das sollte auch der an christlichen Pendants säkularer Musik interessierte Konsument im Hinterkopf haben: Nur nach Musik, die Gott oder gar Christus erwähnt zu suchen, kann recht ernüchternd enden, wie ich selbst erfahren musste: Da freut man sich erstmal, dass in der Reggaeszene Begriffe wie Gott, Zion, ja, teilweise Christus vorkommen – nur um dann zu erfahren, dass recht viele in der katholischen Kirche die Hure Babylon sehen, Textphrasen wie „fire pon Rome“ „fire burn a white Jesus Christ“ etc. keine Seltenheit sind. Ähnliches lässt sich über recht viele christliche Subgenres sagen, die oft fest in der Hand der Freikirchen sind – und in diesen Freikirchen gibt es teilweise recht antikatholische Strömungen, so dass die Texte eher antikatholisch denn prochristlich sind.
Man kann also festhalten:
- Einem christlichen Musiker sollte es um dasselbe gehen wie einem weltlichen Musiker: Tolle Musik zu machen (natürlich beim Christen mit einem anderen Hintergrund, omnia ad maiorem Dei gloriam).
- Es gibt wirklich mehr als einen Grund für christliche Musik, und das sollte man auch im Hinterkopf behalten, wenn man Musik machen will: Für wen will ich vom Evangelium primär erzählen? Soll meine Musik aufrütteln oder zum Gebet animieren? Das sind essentielle Fragen, die schon bei der Komposition der Musik, nicht erst bei dem Schreiben der Texte zu beachten sind.
- Christlich ist auch nicht gleich christlich: Wenn ein Katholik über die herausragende Stellung der Kirche singt, über die Gegenreformation etc., dann werden Protestanten, Orthodoxe und Freikirchler mit dieser Musik vielleicht nicht so viel anfangen können. Das sollte kein Hinderungsgrund sein, es sollte einem nur bewusst sein.
Probleme bei der Umsetzung christlicher Musik
Ich glaube, neben den oben angegebenen Herausforderungen ist das Hauptproblem christlicher moderner Musik die Diskrepanz zwischen Text und Musik. Ich muss sagen, dass ein rotziger Punk etwas an Glaubwürdigkeit verliert, wenn der Text Lobpreis der Form „Jesus, du lässt mich nie allein, deshalb liebe ich Dich“ ist. Wäre es nicht auch eher seltsam, wenn ein Schmusestück von Haß, Mord und Totschlag singt? Oder wäre es nicht komisch, wenn in einem Liebesfilm die romantische Kussszene mit extremen Black Metal á al Darkthrone unterlegt werden würde?
Ich denke auch, dass das ein wirklich großes Problem bei dem Vorhaben, christliche Adaptionen weltlicher Musikgenres zu kreieren, ist: Sicherlich können wir Christen auch über andere Dinge als Liebe, Liebe, Liebe singen, die Bibel und die Kirchengeschichte ist voll von Geschichten, die kraftvoll genug sind, um sie mit lauten Gitarren zu unterlegen! Aber wir sollten nicht vergessen, wie der heilige Vater es mit dem Apostel Johannes uns sagte: Gott ist die Liebe. Diese Liebe ist der essentielle Inhalt unseres Glaubens und nicht der Widerstand gegen die Welt!
Im Gegensatz dazu ist die moderne Musik nicht nur von den Instrumenten her laut, auch die Botschaften, die in den Texten dargestellt werden, werden laut in die Welt hinausgeschrieen: Kein Punk würde singen, dass er mit dieser und jener Sache im Staate Deutschland nicht ganz zufrieden ist, nein, man sch*** sofort auf Deutschland, wie auch kein Rasta Babylon etwas freundlich und konstruktiv vorschlagen würde, er wirft lieber Feuer auf Babylon. Uns muss klar sein, dass wir bei bestimmten Musikrichtungen unsere Sprache vielleicht etwas den Umständen in dieser Szene anpassen müssen und man über Themen singen muss, die in dieser Szene nicht ganz unverständlich sind.
So kann eine christliche Punkband durchaus über den Raubtierkapitalismus singen, dass das hamstern von Vorräten widergöttlich ist und die christliche Soziallehre dem entgegenhalten. In späteren Artikeln werde ich positive Beispiele aus verschiedenen Genres darstellen. Dieser Punkt gilt natürlich nicht für Lobpreismusik, die ja für das Gebet, für Gott und für die Christen da sein soll. Da stellt sich eher die Frage, ob man mit jeder Musik wirklich Gott loben kann – ich kann mir persönlich keinen Industrial-Lobpreisgottesdienst vorstellen.
Ein weiteres Problem ist, dass viele Nichtchristen in den jeweiligen Szenen die christlichen Versuche, sich in diesen Szenen zu etablieren als eine Art Eindringen ansehen. An sich ist das natürlich vollkommen idiotisch, die Welt proklamiert doch immer die vollkommene Freiheit, dass man doch tun kann, was man will – was ist also dagegen zu sagen, wenn man halt über Gott singt? Man muß jedoch der Fairness halber auch sagen, dass die Christen sich da teilweise nicht mit Ruhm bekleckern: Wenn jemand christlichen Metal macht, aber nichts mit Metal an sich zu tun haben will, wirkt das unehrlich und elitär. Einmal sagte jemand, Metal sei, auch wenn von Nichtchristen entdeckt, in Wirklichkeit eine christliche Musik, denn von Gott komme alles Gute, während der Teufel nur nachmachen kann. Das mag zwar sein, ist jedoch in diesem Zuammenhang eine Frechheit, denn auch wir Christen müssen akzeptieren, dass manche Sachen, die uns gefallen, nicht von Christen erfunden wurden. Wenn nun also ein Christ eine bestimmte Musik macht, sollte er sich demütig als Teil der jeweiligen Szene sehen. Es mag immer noch sein, dass er von den Nichtchristen innerhalb dieser Szene nicht akzeptiert wird, aber er streckt ihnen die Hand entgegen.
Als letztes sei noch ein weiteres Problem erwähnt: Das Problem mit den Mitchristen. Nicht unbedingt alle Christen meinen, dass beispielsweise so etwas wie christlicher Metal möglich sei. Da reichen die Argumente vom Sinnvollen bis ins Sinnlose: Während manche meinen, mit so auf laut und extrem getrimmter Musik könne man den Herrn nicht ehren (was durchaus nicht ganz von der Hand zu weisen ist), gibt es andere, die auf hohe Frequenzen im Ultraschallbereich, die zum Wahnsinn verführen, manische Rhythmen, die zum Morden anregen und was weiß ich nicht alles, hinweisen. Letzteres halte ich für vollkommenen Blödsinn und es wäre vielleicht mal einen Artikel wert, sich gerade mit der Metalszene auseinanderzusetzen, was und in welcher Hinsicht diese Szene vielleicht nicht der richtige Umgang ist. Solche Gründe sollte man nicht allzu ernst nehmen: Geschmäcker sind unterschiedlich. Man sollte sich auch daran erinnern, dass die Kirche nie die fremden Kulturen assimilieren wollte, sondern sie nur christianisieren; die einzelnen fremden Kulturen wurden als solche respektiert. So sollte man auch hier denken: Die für normale Ohren laute oder einfache Musik sollte man nicht vernichten wollen, nur die schlechten lyrischen Inhalte!
Man darf aber auch nicht den Umkehrschluss ziehen, dass man meint, man müsse nun die Christen zu einer bestimmten Musikrichtung bekehren. Wenn jemand meint, dass Industrial seiner Beziehung mit Gott schadet, dann soll man ihn nicht dazu zwingen, Industrial zu hören (vgl 1 Kor 8)!
Ich persönlich würde mir wünschen, dass sich, wie Reggae für Rastafari, eine wirklich eigene christliche Musikrichtung im Potpourri der modernen Musikrichtungen bilden würde, eine, die so gut klingt, dass die Welt davon begeistert ist! Ob und wo man solche Entwicklungen sehen kann, werde ich in den nächsten Artikeln darstellen.

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