Serie: "Invert the inverted cross" – Metal für Christus

 "Invert the inverted cross" – Metal für Christus
„TO HELL WITH THE DEVIL!“ sang Stryper schon in den Achtzigern. Bereits vorher machten Bands wie Rainbow oder Petra die Rockszene unsicher, und auch kommerzielle Bands wie Tyrant kokettierten mit dem Christentum. Neben dem nicht ignorierbaren Anteil an unchristlichen bis explizit satanischen Inhalten gab es seit Anfang des Metals immer schon Bands, die zur Ehre des Herrn die Gitarren aufkreischen ließen, auch wenn das sowohl Christen als auch Nichtchristen nicht gerade gefiel. Warum sie das taten und immer noch tun habe ich im ersten Artikel recht ausführlich besprochen, hier will ich mich einzelnen Genres des Metals widmen und sehen, ob es dort eine christliche Subkultur gibt. Dabei werde ich mich auf die eher extremen Spielarten des Metals konzentrieren, weil ich mich dort etwas besser auskenne und damit aufgewachsen bin.
von Philipp Giese
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Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
>Teil2
>Teil4
>Teil5

Soldiers under Command - True Metal christlich
Beginnen wir trotzdem mit True Metal. Erwähnenswert wäre hier sicherlich erst einmal Stryper, die oft als erste White Metal-Band der Geschichte gelten. In alberne Kostüme gekleidet mit hoch geföhnten Mähnen waren sie wirklich noch Kind der NWOBHM (New wave of British Heavy Metal). Man muss ihnen aber lassen, dass sie mit Liedern wie dem oben zitierten "To hell with the devil" oder "Soldiers under Command" echt tolle Hymnen der Welt hinterlassen haben. Ansonsten fallen mir noch Narnia ein, die aber eher schon Power Metal machen, Lightforce, die Band, aus der sich später Mortification entwickeln sollte, eine Progressive Metal Band namens Dream Theater, Harbringer und „The greatest band of the universe“ (Jayson Sherlock, Mortification/Paramaecium) Tourniquet, die wirklich recht guten, leicht technischen Power Metal machen.
GOD RULZ – die Geburt von Mortification
Mit Mortification wurde ein anderes Kapitel in Sachen Metal begonnen. Der Metal war agressiver geworden, die Stimmen waren nicht mehr Marke Farinelli, eine extrem hohe Stimme, sondern die Sänger fingen an zu brüllen, zu grunzen und zu kreischen, was das Zeug hielt. Heavy Metal allein war nicht mehr extrem genug, neues musste her (ja, ich weiß ich vergesse einerseits Venom und andererseits Bathory, aber speziell erstere klangen in ihren Anfangstagen nicht wirklich extrem). Das machte auch vor der christlichen Szene Halt und ein Name muss hier erwähnt werden: Steve Rowe. Nicht nur, weil er der Kopf hinter Mortification (Australien) war und ist, sondern weil er mit Rowe Productions den ersten rein christlichen Metalmailorder auf dem Markt hatte. Man kann sagen, dass mit dem Namen Steve Rowe der christliche Extreme Metal verknüpft ist.
Die ersten zwei, drei Alben (Mortification, Scrolls of the Megilloth und teilweise Post Momentary Affliction) waren echte Brecher! Ich möchte Lieder wie "Satans Doom", "Until the End" und "Terminate Damnation" (selten so tiefe Grunts als Stimme gehört) nicht missen und kann auch dem nichtchristlichen Leser nur sagen, dass speziell mit den Scrolls ein Metal-Meilenstein geschaffen wurde. Die folgenden Alben wurden leider immer softer und nicht unbedingt besser. Steve sagte in einem Interview einmal, er habe wieder in sanftere Metalgefilde gewechselt, weil man damit mehr Leuten das Christentum näher bringen könne. Viele sahen aber darin nur eine Verbeugung vor dem Kommerz. Die Band existiert immer noch – wenn man davon absieht, daß sich das Besetzungskarussel um Steve Rowe ständig weiterdrehte – trotz der Leukämiekrankheit von Steve, wofür man ihm wirklich Respekt zollen muss. Neben Mortification ist in Sachen Deathmetal/Grindcore auf jeden Fall noch Metanoia und Vomitorial Corpulence erwähnenswert, beides Bands aus dem Umfeld von Mortification, Corpse, die jedoch nur ein Album veröffentlichten und Crimson Thorn.
Jayson Sherlock, der nach dem Album „Post Momentary Affliction“ die Band Mortification verließ, schloss sich für einige Zeit der Band Paramaecium an, die erste christliche Death-Doom-Band; will heißen: sie machten langsame, extreme Musik mit traurigem Charakter und tiefem Gegrunze. In diesem Stil gab es außerdem noch Ashen Mortality und Devout, die zudem neben einem extrem blutigen Cover über das Martyrium einen recht experimentierfreudigen Charakter hatten. Wenn ihr noch an das Demotape "Martyrdom" herankommt, dann holt es euch! Aus dem hohen Norden gab es noch Antestor, die damals noch Doom-Death-Metal machten (auf dem Demo Despair), Vitality (die sich später Drottnar nannten – und ihren Stil zu Black Metal änderten), Vital Decision und Pantokrator. Allgemein blühte im Norden Europas eine kleine, aber recht aktive christliche Metalszene auf, die auch immer noch aktiv ist.
Sonrise - Melodic Death
Wenn man über christlichen Metal aus dem Norden spricht, kommt man an einer Band nicht vorbei: Extol. Sie fingen als eine recht unspektakuläre Deathmetal-Band an, und mauserten sich (nicht ganz ohne Hilfe von Ole Borund, der schon vorher mit dem Projekt Schaliach mit dem Album "Sonrise" in Sachen Deathmetal auf sich aumerksam machte) bis zu ihrem Debutalbum zu einer recht guten, vergleichsweise technischen Death Metal Band. Pantokrator wurden auch bei jedem Release immer technischer, ansonsten darf man Deuteronomium (Finnland) nicht vergessen zu erwähnen! Leider gibt es die Band nicht mehr, jedoch haben sie mit "Street Corner Queen" einen recht interessanten Mischmasch durch alle Stile veröffentlicht, um danach ein Death n’ Roll-Album ("Here to stay") zu veröffentlichen. Außerdem gehörten sie neben Nordic Mission aus Norwegen mit Little Rose Productions zur „zweiten Welle“ der Metal-Labels für Christen.
"Crush the bloddied horns" – der Aufstieg christlichen Black Metals
Mitte der Neunziger erschütterten Kirchenbrände, Grabschändungen und auf dem Höhepunkt ein Mord Norwegen: Die skandinawische Metalszene meinte, das, was Venom aus Spaß, um zu schockieren, sangen, in die Tat umsetzen zu müssen. So gründete sich der Inner Circle, dem recht viele Artists verschiedener Black Metal Bands angehörten, der für eine Anzahl von brennenden Stabkirchen verantwortlich war. Dieser Inner Circle wurde zerschlagen, als Christian Vickernes, in der Szene als Count Grishnagh bekannt, Oystein Aarseth (Euronymous) erstach. Danach hat die norwegische Polizei ziemlich hart und mit Erfolg in der norwegischen Metalszene durchgegriffen. Als Antwort darauf gründete sich – zunächst anonym, nun weiß man, daß Jayson Sherlock der geistige Vater davon war – das Black Metal Projekt Horde, das auf Konfrontationskurs ging: Der Titel des Albums war "Hellig Usvart", was als Verhöhnung Dark Thrones’ Label „Unholy Black Metal“ eben "Holy Unblack" bedeutete. Der Mann hinter Horde nannte sich Anonymous, was von vielen als Hohn gegenüber dem ermordeten Euronymous verstanden wurde und die Texte waren eher antisatanisch denn christlich. So wurde in den Lyrics recht höhnisch über den Fall Satans und des Antichristen gesprochen „Goat of blasphemy, satanic symbology – Tear out the eyes, leaving bloody holes!“. In einer Zeit, in der Kirchen brannten, in der schon auf Bands wie Paradise Lost (die nun wirklich nicht christlich waren) Anschläge verübt wurden, in der Black Metal Alben verbrannt wurden, weil die Cover nicht schwarz waren – nun, da sorgte so ein Album natürlich für Aufsehen: Der Chef von Nuclear Blast, der dieses Album veröffentlichte, bekam Morddrohungen, so dass er die Produktion von "Hellig Usvart" einstellte. Später wurde das Album von Rowe Productions neu veröffentlicht, sogar mit einem Bonustrack ("Mine heart doth beseech thee, oh master of Beheadoth"). Doch Morddrohungen konnten nichts daran ändern, dass die Christen auch den Black Metal entdeckten: Bands wie Sanctifica, Antestor, Crimson Moonlight aus dem Norden rückten nach, während im tiefen Süden (Indonesien) Kekal meiner Meinung nach anfing, Musikgeschichte zu schreiben. Ich finde ihre Musik, speziell ihr erstes Demo einzigartig (Also: Kauft euch „Spirits from the ancient days“!). Sie starteten das Label "Todays heavy turbulence" (THT-Prod), das recht extremen, nicht nur christlichen Kram veröffentlichte. Uns würde in diesem Zusammenhang vor allem Bealiah interessieren, die lupenreinen Black Metal machten und Mournphagy, die mit Gangliah und Seven Minutes of Nausea das Krankeste in Sachen Metal machten, das ich je gehört habe. Auch auf der anderen Seite der Welt kamen christliche Black Metal Bands hoch: In Brasilien gründeten sich Ende der neunziger Death Poems und Azbuk, während aus Italien Gethsemani eine eher ruhige Form des Black Metals praktizierten.
Neben dem Black Metal gibt es natürlich Bands, die die Abart dieser Musik, Viking Metal, praktizierten. Da ist vor allem Vaakevandring zu erwähnen, die wirklich lupenreinen Viking Metal machen. Wer solche Musik mag, wird mit Antestors Debutalbum recht glücklich; nur später wechselten sie ihren Stil: sie machen zwar immer noch Black Metal, nun aber technisch ausgereifteren.
"Forgive me father..." - Metalcore
Hier muss ich auf jeden Fall Callous aus Australien erwähnen, woher der Nachfolger Jayson Sherlocks bei Mortification kam, Set Apart, die mit Chalice ein extrem tolles Split-Album veröffentlichten und vor allem Zao, die wirklich gut sind und soweit ich weiß, immer noch existieren: Recht extremen Hardcore mit gekreischten Stimmen machen die Jungs! Embodyment haben meines Wissens nur ein Album veröffentlicht, was in einem ähnlichen Stil war. Ansonsten gibt es aus deutschen Landen noch BrainFAQ, die oft deutsche Lyrics machen.
„The greatest Story ever told“ – Saviour Machine
Besonders erwähnen sollte man Saviour Machine: Sie fingen als recht komplexe – und sehr hübsche! – Hard Rock Band an, um dann mit einer Albentrilogie fortzufahren, die sich um die Apokalypse dreht, eine Trilogie namens "Legend", die Metal, Klassik und Gothic miteinander verband, alles getragen von der Kraftvollen, mir manchmal zu schwülstigen Stimme Eric Claytons.
Und hier in Deutschland?
Wie auch Deutschland im „normalen“ Metal recht wichtig ist, ist auch im christlichen Bereich Deutschland kein unbeschriebenes Blatt mehr: Rowe Productions hat nun eine Deutsche Seite, in Zwickau findet das Fear-Dark-Festival statt, außerdem gibt es das Elements of Rock-Festival... Bis 2004 gab es die Band Noiz, die christlichen Death Metal machte. Ansonsten gab es die Band acoustic torment und, sozusagen als christliches Urgestein die Band Sacrificium. Irgendwie scheint der Death Metal es den Deutschen angetan zu haben... jedenfalls sind alle Death Metal Bands, als einzige Ausnahme fällt mir Seventh Avenue ein.
Wozu das ganze?
Nun, das könnte man sich wirklich fragen! Wird man so viele Metaller zum Christentum bekehren, indem man nun „Jesus, i love you“ kreischt? Kann man sich zu Gitarren, die wie Kreissägen röhren und einem 280 BPM-Schlagzeug ein Gotteslob vorstellen? Ich denke, solche Fragen gehen wirklich an dem Sinn von christlichem Metal vorbei. Ein Christ macht christlichen Metal, weil er Metal liebt, und seine Lyrics sind nun ´mal aus demselben Grund christlich, aus dem ich christliche Musik hier vorstelle: Er ist nun mal Christ! Und ich höre christliche Musik, um Texte mitsingen zu können, hinter denen ich stehe, die einem das Gefühl geben, man ist mit dem Glauben nicht allein auf diesem Planeten bzw. es sind nicht nur alte Mütterchen, die diesen Glauben teilen.
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Zum Abschluß des Artikels noch ein paar Links zur Weiterbildung:
Labels:
Radrockers
- hier gibt es allgemein christliche Musik, aber eben auch Christian Metal
Nordic Mission - Ein Urgestein in Sachen Unblack Metal!
Pleitegeier Records - Deutscher Versand, der sich auf christlichen Kram spezialisiert hat
THT-Productions- Label von den Kekal-Leuten, noch aktiv, auch wenn es keine neuen Releases gibt
Community, Festivals etc.:
Elements of Rock - Ein christliches Metalfestival in der Schweiz
Unblack - Deutsche Community rund um Unblack Metal, mit Shop und dergleichen
Fear Dark - Label und Konzertveranstalter
Freakstock Festival der Jesus Freaks

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Kommentare

Respekt, cooler Artikel. Ich wiederum könnte mir das mit dem Gotteslob gut vorstellen. Muss ja nicht gekreischt sein;-) metal hat da ja ncoh andere möglichkeiten=D