Dont haffi dread - Reggae im Zeichen des Kreuzes

Dont haffi dread - Reggae im Zeichen des Kreuzes
Ja, ja, ich hör Euch schon „one love... one heart, lets get together and feel alright“ oder meinetwegen „Buffalo Soldier, Dreadlocked Rasta“ singen. Ok, dass Reggae wirklich weitaus mehr als Bob Marley ist, kann ich entweder mal in einem anderen Artikel schreiben oder Euch, meinen werten Lesern, als Hausaufgabe aufgeben. Hier will ich wieder der Frage nachgehen, ob es christlichen Reggae gibt. Wobei es mir hier nicht nur um Roots Rockers Reggae geht, sondern um die Dancehall-culture Jamaikas und der Welt und, quasi assoziiert damit, der Soca-Kultur von Trinidad & Tobago.
von Philipp Giese
---
Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
>Teil2
>Teil3
>Teil5

„Aber die glauben doch an Gott und die Liebe.“
Als erstes jedoch werde ich ein paar Zähne ziehen müssen. Na, ok, zunächst muss ich Euch, werte Leser, um Verzeihung und Nachsicht mit dem Schreiberling bitten. Lange, lange, war ich durch Probleme im privaten Bereich aufgehalten, habe diesen Artikel immer wieder vor mir hergeschoben... Aber zurück zum Thema: Immer wieder höre ich, speziell von Leuten, die keine Ahnung von Reggae haben, dass ja Reggae schon an sich eine christliche Musik sei, da sie ja über Gott und Liebe singen würden. Wahr ist, dass mir spontan kein jamaikanischer Artist einfällt, der Atheist ist, eigentlich glauben alle an Gott. Aber dazu ist trotzdem zu sagen, dass Rastafari, wenn überhaupt, nur in manchen Bewegungen christlich ist, aber eigentlich Haile Selassie (Ras Taffari Makonnen) als wiedergekehrten Christus bzw. Inkarnation Gottes verehrt wird. Also kann man nicht allgeimen behaupten, Reggae sei christlich – wenn auch einige Roots-Lieder vollständig übernehmbar sind (Love thy neighbour bspw.) Auch dieses Klischee, dass Reggae ja so „one-love“-verliebte Kiff- und Chill-Musik sei, ist so eigentlich gar nicht richtig; nicht umsonst wird Reggae auch als Rebel Music bezeichnet. Und Texte wie „Rudebwoy nah promote no Battyman, dem haffi dead“ (Harte Kerle unterstützen keine Homosexuellen, sie müssen sterben) sprechen eine der Gewalt nicht ganz abgeneigte Sprache. Hier ist aber nun nicht der Platz, über die Reggaemusik im allgemeinen zu reden. Ich wollte das hier nur erwähnen, um einem weit verbreiteten Klischee entgegenzutreten.
„Him ah Jesus dread – humble Natty Natty“ – Die Jesus Dreads, Berührungen zw. Rasta und Christentum
Der Vollständigkeit halber sollte man jedoch schon erwähnen, dass Rasta nicht gleich Rasta ist; es gibt durchaus Strömungen, die man als christlich ansehen kann. Teilweise redet man von den „Jesus Dreads“: manche Rastas sind sogar äthiopisch Orthodox getauft und sehen in Haile Selassie lediglich eine „Ikone Christi“, wie es Messiah Dread mal ausdrückte – ein Katholik würde wahrscheinlich von einem Heiligen reden. Dementsprechend gibt es auch nicht wenige Rastas, die durchaus mit dem Christentum kokettieren – wie Beenie Man, der in manchen Liedern auch Jesus Christus preist, Maxi Priest, der zwischen Rastafari und Christentum keinen Unterschied sieht oder der berühmte Bob Marley, der sich äthiopisch-orthodox auf den Namen Berhane Selassie taufen ließ. Streng genommen muss man auch sagen, dass sie damit wahren Gehorsam gegenüber König Selassie zeigen, der sogar mal öffentlich seine von manchen ihm unterstellte Gottheit dementiert hatte – noch mehr Gehorsam würden sie zeigen, wenn sie seine Sehnsucht nach der Einheit der Christen teilen würden. Haile Selassie hat eigentlich eher selten auf Rom Feuer regnen lassen...
Weiterhin darf nicht unerwähnt bleiben, dass es einige Artists gibt, die im Laufe ihrer Karriere Christus entdeckt haben. Einige Artists ist gut; man sollte eher drei der Dancehall-Ikonen der neunziger Jahre sagen:
Ninja Man
„Write your will, cah tonight you get killed“ – Ninja Man, der Original Don Gorgon (der Oberheld sozusagen) ist einer der Clash-Deejays (Dancehall-Analogon zum Battle-MC) schlechthin! In der Hinsicht ist es interessant, dass ein Artist, der eher auf die Masche „Ich bin der Harte im Viertel“ setzte, später dann Christ wurde, wovon vor allem sein Lied „Bible Fulfilling“ eine deutliche Sprache spricht, die nur noch davon getoppt wurde, dass er auf der Bühne alle seine Waffen der Polizei übergab. Man sollte nun auch nicht verleugnen, dass er nicht grad der heiligste schlechthin ist; von der Ehe, von einer Frau pro Mann, scheint er nicht gerade viel zu halten und auch sein Clash-Deejay-Dasein hat er nicht aufgegeben. Aber meiner Meinung nach kann man speziell zu letzterem sagen, dass er damit sich selbst treu blieb; eine Sache, die man bei Konvertiten oft vermisst. Oder wie er es mal in einem Interview in Worte fasste: „Jesus braucht nicht nur Mönche“.
Papa San
Auch einer der Deejays, die, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, niemals unerwähnt bleiben sollten, wenn man über die Early Nineties spricht. Man erinnere sich nur an den fulminanten Clash zwischen ihm und Lt. Stitchie!
Nach seiner Bekehrung wurde er mit Liedern wie „Trodin along“ und „As a christian“ in der christlichen Szene berühmt. Ersteres beschreibt metaphorisch den Weg zu Gott, letzteres ist ein Aufruf an Christen, dass sie den Armen gegenüber sozial sein müssen.
Stitchie
Lt. Stitchie, auch in einem Atemzug mit Ninja Man, Josey Wales, Burro Banton genannt, ist auch einer der Deejays, die Geschichte schrieben. Meiner Meinung nach sind seine Life-Auftritte immer noch Lehrvideos für jeden Dancehall-Deejay.
Außerdem muß ich sagen, dass er von den hier aufgeführten bekehrten Artists der einzige ist, der es schaffte, seine Qualität auch nach der Bekehrung zu halten. Lieder wie „Solid Rock“, „War“ und das absolut großartige „Fast and pray“ zeigen das. Letzteres zeigt außerdem, dass Stitchie weiterhin in der säkularen Dancehall-Szene willkommen ist, kommen doch im Video zum Song illustre Stars wie Ninja Man, Bounty Killer, Lexus, Teile der Scare dem Crew, Beenie Man etc. vor.
Dancehall Baptism – rein christlicher Reggae
Wenn man über Christlichen Reggae spricht, kommt man an der Band Christafari nicht vorbei. Na gut, an der Band meines Erachtens schon, da ich die Stimme vom Sänger nicht besonders mag, aber Christafari haben ein Label – Lion of Zion Productions – gegründet, ein Label, das für jeden, der sich für christlichen Reggae interessiert, essentiell ist. Bei Lion of Zion gibt es viel zu entdecken, vor allem, ich denke für uns alle das wichtigste: Die Christliche Dancehallszene braucht sich vor der Welt nicht zu schämen. Leider scheint sie sich zu verstecken, jedenfalls sind die Kontakte zur weltlichen Reggae-Szene eher rar gesät. Es ist eben wieder dieses Problem, dass hier eher Christen ihr eigenes Süppchen kochen... Man kann es aber auch positiv sehen: Hier wird Musik von Christen für Christen gemacht! Und wenn ich von Sherwin Gardner „From you dunno, only Jesus Christ me praise“ höre, dann gröhl ich aus vollster Überzeugung mit! Und eben das ist das schöne: Artists wie Moses, Sherwin Gardner (hört unbedingt „Hotta Redda Fyah“, die christliche Antwort auf Sizzla & Capleton fi real!) oder Prodigal Son („Woe to the man who wanna diss God’s authority, woe to the man who wanna bun christianity, woe to the man who wanna tek god fi mockery..“ – Woe ist schon ein Schädelspalter von einem Tune) sind wirklich auch für die weltliche Reggae-Szene ein offenes Ohr wert; sie werden nicht enttäuscht werden. Und passend zum nächsten Faschingsfest mein Tipp für die extreme Ohrbeschallung: Soca Baptism. Dazu sei erstmal gesagt, daß Soca eine aufgepeppte Form der trinidadschen Karnevalsmusik ist, die zwar recht hirnlos, aber unglaublich tanzbar ist. Und diese Tradition wird hier christianisiert. So singen Lions Pride „From you know seh Christ are your shield and your Banner, let me see your one, let me see your han“ und wir können uns wunderschön aus unserem bequemen Stuhl erheben, eine Gelb-Weiße Flagge in die Hand nehmen und kräftig im Takt dazu rumwirbeln. Nebenbei gesagt, merkt man leider auch mal wieder, dass die Mater Ecclesia kaum vertreten ist; keiner dieser „Karnevals“-Songs geht in irgendeiner Hinsicht um Karneval, sind halt einfach christliche Songs auf einem „uffz-uffz“-Rhythmus. Erinnert irgendwie an Mater Krauses „Laudato Si“.
To Jah or not to Jah – die Frage, wie weit man sich anpassen sollte
Wie in allen christlichen Adaptationen weltlicher Musik wartet auf die Artists eine wichtige Frage: Wie weit kann, soll und muss man die Sprache der jeweiligen Szene übernehmen? In der Reggae/Dancehall-Szene lässt sich vieles von dieser Frage am Begriff "Jah" darstellen: Jah, ein biblischer Name für Gott, wird von den Rastas fast ausschließlich für Gott gebraucht; sie reden eher selten von „god“, „the Lord“ etc. Interessant, nebenbei, dass sich nur dieser jüdische Name Gottes bei den Rastas durchsetzte; gibt es doch noch bspw. Elohim, Shaddai el Chai, Eli, Adonai oder ganz pietätlos JHVH, aber das ist ein anderes Thema. Jah ist ein biblisch überlieferter Titel/Name Gottes, also kann man an sich sagen, dass es durchaus legitim ist, statt Gott Jah zu sagen. Machen auch recht viele christliche Reggae-acts, bspw. Jah Pickney oder Messiah Dread. Letzterer geht sogar einen Schritt weiter: Er meint, man solle den authentischen Namen Christi benutzen, redet deshalb nie von Jesus Christus, sondern entweder von Yesos Christos oder Yoshua el Maschiach, da er meint, das würde mehr zum Reggae passen. Doch es gibt auch andere Stimmen: Christafari entschlossen sich vor dem Album Gravity, nicht mehr von Jah, sondern von God bzw. Jesus zu sprechen, geht es ihnen ja darum, Leute zu Christus zu bringen und nicht darum, mit dem nicht-christlichen Reggae anzubiedern. Sherwin Gardner hat hier sogar echtes Stehvermögen bewiesen: Ein Label bot ihm einen Vertrag, wenn er in seinen Liedern lediglich von God singt, da man damit mehr Leute ansprechen würde als mit dem Namen Jesus. Nun, sein nächstes Album (auf einem kleinen Label) hieß nicht umsonst I’d rather Jesus...
Ich persönlich denke, das ist nicht die wichtigste Frage; ich finde es gut, dass beide Meinungen vertreten sind und sich nicht bitter bekämpfen.
--------------
Zum Abschluß des Artikels folgen wie immer ein paar Links:
www.lionofzion.com - christliches Record-Label mit Mp3-Store
www.dubroom.org - Seite von Messiah Dread
www.stitchie.com - Homepage von Stitchie
www.sherwingardner.com - Homepage von Sherwin Gardner
www.papasanministries.com/home.html - Homepage von Papa San

Taxonomy upgrade extras: