Raum (Room)

von José García
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Der kleine Jack (Jacob Tremblay) feiert seinen fünften Geburtstag. Für seine Mutter Joy (Brie Larson) ist dies der Anlass, Jack über die Welt „draußen“ aufzuklären. Denn Jack hält bislang nur für „echt“, was sich innerhalb seiner kleinen Welt abspielt. Wie diese aussieht, zeigt die Kamera von Danny Cohen im Spielfilm „Raum“ von Lenny Abrahamson (Regisseur) und Emma Donoghue (Drehbuch- und Autorin des Romans, auf dem der Film basiert) in zunächst sehr fragmentarischen Bildern: ein Bett, ein Tisch, ein Fernseher, ein Schrank, ein Waschbecken... Nach und nach setzt sich der titelgebende „Raum“ zusammen: Neun Quadratmeter ohne Fenster – lediglich ein kleines Oberlicht lässt etwas Tageslicht in den Raum hineinscheinen und einen Ausschnitt Himmel frei.
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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Lenny Abrahamson
Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Tom McCamus
Land, Jahr: USA 2015
Laufzeit: 118 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: --
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Die Welt außerhalb dieses Raumes kennt Jack nur aus dem Fernsehen, weshalb sie für ihn „nicht echt“ ist. Bald liefert „Raum“ die Erklärung: Joy wurde vor sieben Jahren als 17-Jährige entführt. Seitdem wird sie von ihrem Peiniger in diesem kleinen Raum, einem Gartenhäuschen, festgehalten. Zu ihm gibt es einen einzigen Zugang, eine mit einem Code gesicherte, gepanzerte Tür. Hin und wieder öffnet sich die Tür. Der Mann, der sie entführte, und den sie „Old Nick” (Sean Bridgers) nennt, bringt Lebensmittel oder Kleidung mit, wenn er sie wieder missbraucht. Dann wird Jack in den Schrank eingeschlossen, und der Zuschauer übernimmt seine Sicht, weshalb „Old Nick“ kaum zu sehen ist.

Im Gegensatz zur üblichen Dramaturgie setzten Emma Donoghue und Lenny Abrahamson keine Rückblenden ein. Die Filmemacher setzen vielmehr darauf, Joys Geschichte aus der Gegenwart verständlich zu machen. So wird etwa schnell deutlich, wer Jacks Vater ist. Später wird sich Joy vehement dagegen aussprechen, „Old Nick“ als Vater ihres Sohnes anzusehen: „Jakob hat keinen Vater“. Die unbedingte Liebe zu ihrem Sohn, ihre Bemühungen, ihm in diesen ungemein schwierigen Umständen eine möglichst „normale“ Kindheit zu ermöglichen, liefert nebenbei auch einen beredten Kommentar zum Thema Abtreibung nach einer Vergewaltigung.

Mit Jacks fünftem Geburtstag hält die Mutter den Augenblick für gekommen, ihm die Wahrheit beizubringen. Obwohl sich der Junge zunächst dagegen sträubt, die Welt „draußen“ als real anzusehen, gelingt es der Mutter nach und nach, ihn davon zu überzeugen. Joys Hintergedanke dabei: Nur mit Jacks Hilfe kann sie einen riskanten Fluchtversuch wagen.
Bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“ urteilt die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW über Lenny Abrahamsons Film: „Sein leises und dennoch unglaublich intensives Drama ist voller Interesse und Zärtlichkeit für die beiden tapferen Protagonisten, die um ihren Platz in der Welt kämpfen. Unterstützt von einem exzellenten Drehbuch, zwei herausragend agierenden Hauptdarstellern, einer trotz der Enge der RAUMverhältnisse überaus flexiblen Kamera und einer überaus variablen und einfühlsamen Filmmusik gelingt ihm ein echtes, stets überraschendes und niemals auch nur eine Sekunde langweiliges Meisterwerk, das auf ganzer Linie begeistert und das durch unendlich viele Feinheiten und Nuancen überzeugt.“

Besonders hervorzuheben ist zunächst einmal die Dramaturgie, die den Film zweiteilt. In der ersten Hälfte überwiegt eine den besonderen Verhältnissen geschuldete Enge, die dem Film eine kammerspielartige Anmutung verleiht: Eine Erwachsene und ein Kind auf kleinstem Raum. Besonders nah bleibt die Kamera an Jack, aus dessen Sicht der Zuschauer diese außergewöhnliche Situation erlebt. Sie verhindert aber gleichzeitig, die schreckliche Lage der Mutter in all ihrer Grausamkeit oder gar voyeuristisch auszubreiten. Nicht die furchtbaren Lebensverhältnisse der Mutter stehen im Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie sich das Kind unter solch außergewöhnlichen Bedingungen die Welt erschließt. Für ihn existiert nur der „Raum“, in dem er sich eingerichtet hat und so etwas wie eine glückliche Kindheit erlebt hat. Um Jacks Selbstbewusstsein anzuregen, hat sie ihm beispielsweise erklärt, seine langen Haare würden ihm besondere Stärke verleihen. „Ich möchte wieder vier Jahre alt sein“, wird Jack einmal dieses Gefühl der Geborgenheit bei seiner Mutter ausdrücken.

Die Sicht weitet sich in der zweiten Filmhälfte zwar ein wenig, aber im Grunde bleibt „Raum“ ein auf wenige Schauplätze beschränkter Film, selbst wenn weitere Figuren hinzukommen, insbesondere Joys Mutter Nancy (Joan Allen). Der Umgang mit der neuen Situation fällt Jack zunächst nicht einfach. Nach einer ersten Umstellungszeit kommt das Kind allerdings mit der Wirklichkeit besser als seine Mutter zurecht. Sie muss nicht nur die Veränderungen in der Familie, sondern insbesondere aber ihre eigene Stellung verarbeiten, nachdem sie sich fünf Jahre lang durch nichts anderes als durch das Muttersein definiert hat.

Bestens unterstützt von der extrem beweglichen Kamera und von einer unaufdringlichen Filmmusik sowie von hervorragenden Darstellern in den Nebenrollen, überzeugt insbesondere das Spiel der zwei Hauptfiguren. Jakob Tremblay stellt seinen Jack mit entwaffnender Natürlichkeit dar, etwa wenn es darum geht, „seine“ Welt zu beschreiben. Die weitestgehend unbekannte Brie Larson spielt auf einer breiten Klaviatur der Gefühle, ohne je ins Gefühlige zu kippen. Für ihre Rolle der Mutter in „Raum“ erhielt sie unter anderen Auszeichnungen den Golden Globe, den Preis des US-amerikanischen Schauspielerverbands sowie den Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“.