‘Sicherer Sex’ ist für Teenager durchaus riskant

von Carolyn Moynihan - ins Deutsch übertragen von Horst Niederehe
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Für Teens, die neugierig auf ihren ersten Sex sind, sich jedoch schwach daran erinnern, mal gehört zu haben, dass man dabei auch schwanger werden oder sich eine Krankheit zuziehen könne, hat die Website des Familienplanungs-Instituts von New South Wales beruhigende Neuigkeiten. Dort heißt es: Ein altersgerechter Safe Sex Pack fördert sichereres Sexualverhalten zur Vermeidung von STI’s (Sexually Transmitted Infections, also durch Sex-Kontakte übertragene Infektionen) und ungeplante Schwangerschaft

Speziell entwickelt von Family Planning NSW, den Experten für reproduktive und sexuelle Gesundheit, enthält jedes Päckchen:

Ein Kondom

* Eine Tube Gleitcreme
* Eine einfache Anleitung zur korrekten Verwendung des Kondoms, und
* Kontaktdaten zu FPNSW für Informationen zur Unterstützung sexueller Gesundheit.

Alles kommt in einer unauffälligen, schlanken Packung, die man leicht mit sich führen kann.

In der Anleitung heißt es tatsächlich einmal „sichererer Sex“, aber dann liest der Jugendliche gleich zweimal „sicherer Sex“ und das ist der Begriff, den der neugierige Teenager behalten wird, besonders wenn er unter dem Link „Keep It Safe, Keep It Sexy“ all das findet, was er ohnehin schon immer gerne wissen wollte.

Aber, welche Sicherheit bietet eigentlich ein Kondom? „98% sofern es korrekt angewandt wird“, was sich ganz gut anhört, doch auf „85% bei typischer Anwendung“ reduziert, was schon ein wenig riskanter klingt, wobei sich die Frage stellt, welche Prozentzahl ein durchschnittlicher Teenager erreichen mag.

„Safe Sex“ ist eine der größten Irreführungen der heutigen Zeit. Sie spricht Bände über die gängige Sexualphilosophie -oder besser, den Mangel an dieser-, doch lässt sie die technischen Aspekte so gut wie unberücksichtigt. Deshalb hat dieser Slogan vielen Heranwachsenden das Gefühl vermittelt, schon früh sexuelle Erfahrungen machen zu sollen, womit sie das Risiko von Schwangerschaft und STI’s, ja sogar den Erwerb von HIV, deutlich erhöhen.

Dies wurde nun durch Wissenschaftler der Universität von Navarra in Spanien belegt. Im Rahmen des Projekts YOURLIFE, einer internationalen Querschnittsstudie über Erwartungen Jugendlicher in Schwellenländern an Beziehungen, Liebe und Sex, wurden 9000 Schüler im Alter zwischen 13 und 18 Jahren zum HIV-Infektions-Risiko befragt, wenn ein Kondom beim Sex benutzt wurde.

Die von Jokin de Irala -einem Fachmann für Volksgesundheit- geleitete Studie ermittelte, dass einer von sieben Jugendlichen überzeugt war, dass Kondome 100% Schutz bieten. Es ergab sich auch, dass diese Gruppe zu 82% eher Sexkontakte pflegten, als die, die darin ein Risiko sehen, obwohl fast alle bei ihrem ersten Sexkontakt kein Kondom benutzten.

Hier wird das Phänomen der „Risiko-Kompensation“, das in Kreisen der Gesundheitsfürsorge vielfältig bekannt ist, deutlich. In BMJ Open vom April 2015 führen die Autoren Beispiele für Risiko-Kompensation an: so (ver)führt die Gurtpflicht im Auto oft zu einer Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit, Empfehlungen zum UV-Schutz am Strand wiegen Sonnenhungrige in Sicherheit, länger in der Sonne braten zu können. Die Studie zeigt aber auch, dass manche Teens von der Wirksamkeit des Kondoms so überzeugt sind, dass sie nie eines benutzen.

Die befragten Jugendlichen leben in Ländern mit katholischer Mehrheit, den Philippinen, El Salvador und Peru, wo HIV-Infektionsraten bei 1% der Gesamtbevölkerung liegen und noch niedriger bei jungen Menschen auftreten. Ein bedeutender Anteil der Bevölkerung hat jedoch schon im Teenager-Alter Sex, was das Risiko für STI’s und HIV erhöht. In jedem Fall ist die Zahl der Jugendlichen, die Kondome nutzen, von den empfohlenen 100% weit entfernt, so die Autoren.

Die Befragten kamen von öffentlichen und privaten Schulen aus unterschiedlichen Regionen eines jeden Landes. Alle Schüler zwischen 13 und 18 Jahren waren eingeladen, teilzunehmen. Die, die bereit waren, sich zu äußern, füllten anonym einen vertraulichen Fragebogen aus, der auch Fragen zur sozio-demographischen Herkunft, bevorzugten Freizeitaktivitäten, Meinungen, Informationsquellen und Kommunikation mit den Eltern über Liebe und Sex erfasste. Die Schulen holten die elterliche Zustimmung zur Beantwortung des Fragebogens ein.

20,2%, also jeder fünfte berichtete über sexuelle Erfahrungen, doch betraf dies zum großen Teil die Jugendlichen, die überzeugt waren, dass kein Risiko zur Infektion mit HIV bestehe, wenn ein Kondom benutzt wird. Der Glaube daran war bei Männern verbreiteter als bei Frauen, stärker unter Filipinos und Peruanern als unter Salvadorianern, ebenfalls stärker bei Menschen mit wenig oder ohne religiöse Bindung und unter Schülern öffentlicher und koedukativer Schulen, im Vergleich zu privaten- und monoedukativen Schulen.

Vergleichbare Zusammenhänge gab es beim Glauben an den Schutz vor Schwangerschaft durch Kondome und der Aufnahme von sexueller Aktivität.

Die Kommentare der Autoren:

„ Einige Kampagnen, die den Gebrauch von Kondomen empfehlen, vermitteln anscheinend zuviel Vertrauen in deren Effektivität, bis hin zu dem Punkt, dass sie kompletten Schutz suggerieren. Wiewohl Behörden, wie die WHO, seit Jahren den Begriff „sichererer Sex“, verwenden, wird in Aufklärungsbroschüren lieber die Botschaft „sicherer Sex“ verbreitet. [Beispiele sind angeführt]. Zweideutige Informationen, die nur die Sicherheit von Kondomen herausstreichen, bringen Jugendliche auf den Gedanken, dass nur Sex mit Kondom „sicherer Sex“ ist“.

Weitere Forschung zeigte, dass Kondom-Nutzer wenig Bewusstsein für grundlegende Verhaltensweisen zeigen, wie denen, die sexuelle Initiation hinauszuzögern, Gelegenheits-Sex zu vermeiden oder die Zahl der Sexualpartner zu reduzieren, was den Nutz-Effekt von Kondomen unterminieren oder gar aufheben kann. Dies ist die nächstliegende Interpretation der Angaben von Befragten im Projekt YOURLIFE.

Die Studie ist übrigens die erste, die Zusammenhänge zwischen dem Glauben an „sicheren Sex“ und dem Risiko-Kompensationsverhalten unter Teenagern in drei verschiedenen Schwellenländern feststellt. Die Autoren folgern: „Übergroßes Vertrauen in die Effizienz von Kondomen kann durchaus zu früherer sexueller Initiation Heranwachsender in diesen Ländern beitragen, und diese Ergebnisse sind auch relevant in anderen Milieus.“

Als man sich vor etwa 10 Jahren mit der HIV/AIDS Pandemie konfrontiert sah, publizierten Gesundheitsexperten ein Konsenspapier im Medizinjournal The Lancet und legten Prioritäten für Präventionsmaßnahmen fest:

  • Diejenigen, die noch nicht sexuell aktiv sind, sollen ermutigt werden, noch zu warten.
  • Wer bereits sexuell aktiv ist, sollte enthaltsam leben oder nur mit einem, ebenso treuen, nicht infizierten Partner verkehren.
  • Sexuell Aktive sollten korrekten und durchgängigen Kondomgebrauch pflegen, wodurch „bei konsistenter Anwendung, das Risiko einer HIV-Infektion um 80-90%, sowie das Risiko anderer STI’s und Schwangerschaft reduziert werden kann.“

Die bestehenden Präventionsprogramme sollten im innerschulischen, wie außerschulischen Bereich ausgeweitet werden und „Eltern Unterstützung erfahren, ihren Kindern Werte und Erwartungen zum Sexualverhalten zu vermitteln.“

„Safe Sex“ wurde dabei mit keinem Wort erwähnt. Warum wird dieser irreführende und schädliche Slogan 10 Jahre später Jugendlichen durch Behörden-Werbung so penetrant angedient? Welche dieser Institutionen hält noch zu Enthaltsamkeit und Abwarten an? Betrachtet man den „Glauben an sicheren Sex“ und die Risikobereitschaft unter Teenagern, so ist das Motto „Keep it safe, keep it sexy“ wissenschaftlich und moralisch unvertretbar.

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Carolyn Moynihan is stellvertretende Chefredakteurin von MercatorNet