Das Südkoreanische Bildungssystem steht in hohem Ansehen, doch zahlen müssen dafür die Kinder.

von David Santandreu Calonge - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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In Korea markieren Schulabschlüsse wohl mehr als irgendwo anders auf der Welt den sozioökonomischen Status. Süd-Koreaner betrachten Bildung als treibende Kraft sozialer Mobilität, für sich selbst und ihre Familie. Ultimativer Beleg eines hohen gesellschaftlichen Status ist, den Abschluss an einer Spitzenuniversität zu erlangen, und nur diesem Ziel dient der Leistungsdruck vom Kindergarten an.

Konkurrenzdenken und hartes Studium, um an die Spitze zu kommen, ist in der Psyche koreanischer Studenten tief verwurzelt; das ganze kindliche Umfeld, Eltern, Familie und Lehrer, ist aktiv bemüht, gemeinsam auf ein Ziel hin zu arbeiten: für anstehende Tests zu büffeln und Erfolg zu haben. Schüler haben schon zu Beginn ihres Bildungsweges klare Vorstellungen und klare Ziele vor Augen.

Warum dominieren südkoreanische Studenten immer wieder die Rankings?

Der Bildungsexperte Sir Michael Barber sieht den Schlüssel dazu in der koreanischen Kultur, die „Leistung über ererbte Intelligenz“ stellt und darauf setzt, dass lange Stunden des Studiums und harter Arbeit sich schließlich auszahlen werden.

Es ist belegt, dass diese Haltung und die feste Überzeugung asiatischer Eltern wichtige Faktoren für den akademischen Erfolg ihrer Kinder darstellen. Forscher der Stanford University sagen, dass asiatische Kinder ihre Motivation zum Erfolg aus den elterlichen Erwartungen ableiten.

Australische Kinder mit ostasiatischen Eltern überflügeln ihre australischen Schulkameraden, wobei erstere 15 Stunden/Woche mit Hausarbeiten nach der Schule beschäftigt sind - australische Kinder dagegen nur 9 Stunden- und ein besseres Arbeitsethos und höhere Erwartungen an den Tag legen. (94% beabsichtigen, ein Universitätsstudium aufzunehmen).

Experten und Staatsmänner, von US-Präsident Barack Obama bis hin zur ehemaligen australischen Premier-Ministerin, Julia Gillard, berufen sich oft auf das finnische Schulsystem oder das „asiatische Modell“ als Patentrezept zur Verbesserung der eigenen Schulsysteme.

Die Tatsache, dass amerikanische Kinder über einen Monat weniger Schulzeit haben als südkoreanische Kinder, wird sie, so Obama, „nicht annähernd ausreichend auf das Wirtschaftssystem des 21. Jahrhunderts vorbereiten“. Dieser Glaube scheint immer wieder in den Korridoren der Macht mancher Erziehungsbehörden seinen Nachhall zu finden.

Ist das Südkoreanische Bildungsmodell nachzuahmen?

„Ein südkoreanisches Kind wird nicht geboren, um Freiheit, persönliche Wahl, oder Glück zu erfahren, es soll produktiv sein, Leistung erbringen und gehorchen“, sagt Yale-Professor See-Wong Koo. Dieses Statement lässt sich kaum mit den Reports von Pearson oder der OECD in Einklang bringen, die Südkorea an der Spitze der Bewertungsskalen der Bildungssysteme sehen.

Während das Bildungssystem Finnlands als konkurrenzfrei angesehen wird, wird das südkoreanische oft als sehr stressvoll, autoritär, brutal konkurrierend und leistungsorientiert empfunden. Man übt Druck aus und erwartet Höchstleistungen, insbesondere von den 640.621 Studenten, die sich dem 8 Stunden währenden „suneung“ (dem nationalen Eignungstest für die Aufnahme ins College) im November 2014 unterzogen.

Dieser Eignungstest ist ein kritischer Augenblick im Leben vieler südkoreanischer Familien. Es geht um nicht weniger, als um die Aufnahme in eine der drei angesehensten „SKY“ - Universitäten (Seoul National, Korea und Yonsei) womit der soziale Status praktisch festgeschrieben wird und dem Studiosus ein hochbezahlter Job in einem der „chaebols“ (Unternehmensgruppe in Familienbesitz) schon sicher ist.

Bildung auf allen Ebenen und besonders in wissenschaftlichen und Ingenieurs-Disziplinen wird als Schlüssel zu sozialer Aufstiegsfähigkeit in der immer noch stark geschichteten koreanischen Gesellschaft begriffen. Als Konsequenz zeichnet sich seit einigen Jahren ein neues Phänomen ab: die Dwaeji Omma, oder „Schweine-Mütter”.

Die Schweine-Mutter ist ständig auf der Suche und hat immer das ultimative Ziel vor Augen: eine koreanische Spitzenuni für ihr Kind und die „Adoptivkinder“, die zu ihrem Schweine-Mutter-Netzwerk gehören. Sie plant minutiös jeden Schritt ihres Kindes auf seinem Bildungsweg und alle extracurricularen Aktivitäten, nimmt an den Tagen der offenen Tür aller besten Schulen teil, organisiert strategische Planungs-Meetings, nötigt, betreibt Lobbying und besticht sogar Privatschulen und Privatlehrer, beide Augen zuzudrücken, wenn es denn nötig sein sollte.

Sollte Südkoreas System zur Bekämpfung der Bildungsmisere übernommen werden?

Der intensive Erfolgsdruck, egal was es kostet, fordert finanziellen und sozialen Tribut: Da die Zahl der begehrten Studienplätze begrenzt ist, geben die Koreaner über 13,5 Mrd €, d.h. etwa 20% des Haushaltseinkommens für den Nachhilfeunterricht in privaten „Pauk-Schulen“ „ hakwon“ aus. 75% aller Kinder besuchen einen hakwon, hauptsächlich in DaeJi Dong, Seoul’s Studien-Mekka.

Es ist belegt, dass asiatisch-amerikanische Studenten häufiger mit ihren Eltern Konflikte über nicht erfüllte Erwartungen und mehr Probleme mit ihrem Selbstverständnis haben als weiße Studenten.

Im 2014 Youth Happiness Index ist nachzulesen, dass nur 67.6% der koreanischen Jugendlichen angab, mit ihrem Leben zufrieden zu sein (OECD Durchschnitt ist 85.8%), hauptsächlich wegen des Lerndrucks.

Das Ergebnis einer Studie von 2013 war, dass sog. Tiger Parenting (Strikte Erziehungsmethode, die in asiatischen Kulturen häufig vorkommt) weniger effektiv und für alle Seiten belastender ist als hilfreiche elterliche Zuwendung.

Südkorea hat eine der höchsten Suizidraten (28.9%) in der OECD. Der südkoreanische Autor Young Ha Kim schrieb in einem Kommentar für die NY-Times, dass Suizid die Todesursache Nr.1 für Menschen zwischen 10 und 30 Jahren in Südkorea sei.

Südkorea belegt auch die ersten Plätze bei Haushalts-Verschuldung, Depressionen, Scheidungen und Alkohol-Missbrauch. Man sagt, dass das südkoreanische Bildungssystem überqualifizierte Studenten produziert, die einen hohen Preis für Gesundheit und Glück zahlen müssen.

Doch der Fokus auf Zeugnisse, Tests und Eignungsprüfungen allein gibt südkoreanischen Studenten bei weitem nicht die nötigen Fähigkeiten, wie Kreativität und Teamwork, die es braucht, um an der Uni oder in einem immer schwierigeren Job-Markt erfolgreich zu sein.

Wenn auch andere Länder neidvoll auf Südkoreas Ranking in den Bildungstabellen schauen mögen, sollten sie doch die kulturellen Rahmenbedingungen nicht außer Acht lassen, die es schwer machen, das System zu exportieren und sollten es angesichts des offenbaren sozialen Kollateralschadens auch nicht versuchen.

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David Santandreu Calonge ist außerordentlicher Professor an der Sungkyunkwan University. Dieser Artikel wurde zuerst auf The Conversation publiziert.