Gebt Acht! – Wie G8 die Schulkultur verändert

Gebt Acht! – Wie G8 die Schulkultur verändert
In nicht mehr ganz zwei Jahren beginnt für den so genannten „Doppeljahrgang“ in NRW schon die heiße Abiturphase. Was danach folgt, scheint vielen Glaskugel-Kritikern des verkürzten Bildungsganges am Gymnasium längst klar zu sein: Unis, die aus allen Nähten platzen, ein nie gesehenes Gerangel und Gezänke um die wenigen Ausbildungsplätze, purer Überlebenskampf und erbarmungslos-neokonservative Selektion. Und vor dem ganzen Schlamassel auch noch schlechtere Abiturnoten der jüngeren Absolventen, Stress pur und überforderte Lehrer.
von Heinrich Mellein
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Wenn Eltern mit diesen Sorgen und Zukunftsvisionen berechtigterweise das Gespräch suchen, sollte die Botschaft immer die gleiche sein: Erstens wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird, und zweitens wird alles, was politisch ein Erfolg sein muss, am Ende auch erfolgreich sein. So war es zuletzt bei der Einführung des Zentralabiturs. Wer sich mit dem Glück konfrontiert sah, als erster das neue NRW-Zentralabitur schreiben zu dürfen, konnte mit einer wesentlich besseren Durchschnittsnote rechnen als seine Vorgänger. Außerdem stellt man wie auch sonst fest: Die, die sich nun über G8 beschweren, beschweren sich auch sonst immer über alles mögliche. Der eigentliche Grund dafür ist nicht im „System“ zu suchen, sondern im Schüler (oder bei den Eltern) selbst.
Doch reden wir nicht von morgen, sondern vom Jetzt. Denn nur darüber können wir verlässliche Aussagen treffen. Seit gut einem halben Jahr lernen die Schüler des Doppeljahrgangs zusammen. An nahezu allen Schulen hat dies zu erheblichen organisatorischen und materiellen Ausnahmeanstrengungen geführt, die mit keinem anderen Wort als „erfolgreich“ bezeichnet werden können. Natürlich gibt es wie immer einzelne Leidtragende, doch die gibt es immer, egal wie die Umständen sind. Die ersten Zeugniskonferenzen dieses besonderen Jahrgangs sind ebenfalls Geschichte und siehe da, an der ein oder anderen Schule stellt man verblüfft fest, dass die Jüngeren des Doppeljahrgangs mitnichten die schlechteren Zensuren erreichen. Man munkelt sogar, es sei hier und da schon einmal vorgekommen, dass diese sogar besser abschneiden würden als ihre vermeintlich besser (weil länger) gebildeten Stufenkameraden. Erstaunlich, wie die Realität manchmal ist!
Ein ganz anderes Problem wird in der öffentlichen Debatte kaum wahrgenommen: Jedes Gymnasium wird im übernächsten Jahr zwei ganze Stufen verabschieden und um eben diese Anzahl Schüler schrumpfen. Alle Gymnasien in NRW werden auf einen Schlag deutlich kleiner. Machen wir uns das an einem kleinen Rechenbeispiel klar: Eine Schule mit bislang 1000 Schülern (davon machen für gewöhnlich ca. 100 Abitur) entlässt gleich zwei Jahrgänge. Sie verkleinert sich also auf zunächst 800 Schüler. Anmelden werden sich wieder um die 100, macht aber einen „Verlust“ von knapp 100 Schülern. Das sind immerhin 10%. Große Schulzentren und Gymnasien werden damit keine Schwierigkeiten haben. Doch rechnen wir das einmal mit kleineren Schulen durch, z.B. in ländlichen Gebieten. Der ein oder andere Schulleiter wird dann sicherlich zumindest eine kurze Sekunde darüber nachdenken, wie er mehr Kinder an seine Schule bekommt – sein Gehalt hängt ja auch davon ab. Die neue Landesregierung hat da die ein oder andere Lösung in Aussicht gestellt. Die Versuchung ist sicher nicht klein, zumal es sich in zwei Jahren um eine im wahrsten Sinne einmalige Gelegenheit handelt.
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