Zu viel, zu früh

Zu viel, zu früh
Mit dem wohl letzten Gesetz der Legislaturperiode will British Labour Sexualerziehung in England zur Pflicht machen - Allein der Begriff ruft Unbehagen hervor. In den 50er Jahren, als Schwangerschaften bei Schulmädchen äußerst selten waren, wäre jeder, der Kindern Kontrazeptiva gegeben und sie ermutigt hätte, „Safe Sex“ zu praktizieren, verhaftet worden. Das sieht heute ganz anders aus.
von Joanna Bogle - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Man fühlte damals wohl, dass mit der Einführung des Fernsehens und einem wachsenden Wohlstand, mit Heranwachsenden, die größere Freiheiten genossen, als sie jemals vorher hatten, Veränderungen der sozialen Strukturen und des Lebensgefühls einhergingen, die es angeraten erscheinen ließen, Jugendliche umfassend über sexuelle Gegebenheiten aufzuklären.
Gute Aufklärung, so wurde angenommen, würde verhindern, dass die größeren Freiheitsräume missbraucht würden; durch Aufklärung, gepaart mit moralisch guter Erziehung, könnten Heranwachsende gute Freundschaften pflegen und verstehen, warum sexuelle Zurückhaltung wichtig ist.
Es war damals allgemeine Überzeugung, dass junge Leute aus Unwissen mit ihrer Sexualität experimentierten: sie wussten oft nicht, wie Babys entstehen und waren zu scheu, oder schämten sich, mit ihren Eltern darüber zu reden. Dies galt es zu ändern; Beamte im Gesundheitsdienst entwickelten Pläne. Alle waren sich über das Ziel einig: Aufklärung über Sexualität und Reproduktion müsse im Kontext klarer moralischer Grundsätze vermittelt werden, und so sollte das Vorhaben in der Tat umgesetzt werden.
Traurige Bilanz nach 50 Jahren Sexual-Aufklärung

Aber die Entwicklung lief anders, als geplant. Kommerz und Ideologie bemächtigten sich des Themas und nun, im Jahr 2010 sehen die Ergebnisse ziemlich schlimm aus. Die Jugendlichen werden seit Jahrzehnten massiver Propaganda für sexuelle Themen ausgesetzt. Schulen bieten Gesprächsrunden, Broschüren, Videos und Demonstrationen zu Verhütung und Abtreibung an, etablieren Kooperationen mit Abtreibungs-Dienstleistern und vermitteln Kontakte zu Ärzten und Kliniken, die Kindern die „Pille“ verschreiben, ohne dass Eltern es wissen oder um ihre Einwilligung gefragt werden.
Werbung bedrängt Heranwachsende, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie nicht vielleicht lesbisch oder homosexuell veranlagt sind, und wie man glücklich werden kann, wenn man entscheidet, dass man es ist.
Was ist dabei herausgekommen? Die Zahl der Teenage-Schwangerschaften ist emporgeschnellt und die Probleme mit Infektionen durch Sexualkontakte bei Jugendlichen haben so bedrohliche Ausmaße angenommen, dass sich Gesundheitsämter und Schulen mit Supermarktketten und Jugendeinrichtungen verbünden, um Informationen über ärztliche Hilfsangebote bei solch potenziell tödlich verlaufenden Erkrankungen möglichst breit zu streuen.
Hinzu kommt, dass immer weniger junge Leute heiraten. Von denen, die es dennoch tun, lassen sich viele bald wieder scheiden, besonders dann, wenn sie schon vorher längere Zeit mit ihrem Partner zusammengelebt haben. Viele junge Erwachsene in ihren Zwanzigern, die sich zu einer Ehe entschließen, hatten bereits mehrere Sexualpartner; bei den jungen Frauen haben viele schon mehr als nur eine Abtreibung hinter sich ... inklusive den damit einhergehenden physischen und psychischen Folgeschäden. Mittlerweile sind ca. 50% aller Geburten außerehelich. Kinder aus ungebundenen Partnerschaften haben äußerst geringe Chancen, im Kontakt zu beiden Elternteilen die Pubertät zu erreichen, da die große Mehrheit solcher Beziehungen bis dahin zerbrochen ist.
Verpflichtende Sexualerziehung in England geplant

Und als ob dieses Szenario nicht schon das Scheitern der staatlich verordneten Aufklärung belegte, will die Regierung nun noch mehr Sexualerziehung durchsetzen. Im Parlament steht eine Gesetzesinitiative, die Children Schools and Families Bill, zur Abstimmung an, nach der Sexual- und Beziehungs-Erziehung zum verpflichtenden Lehrstoff des gesetzlich vorgeschriebenen Nationalen Curriculums werden soll. Es wird zwar den Eltern zugestanden, ihre Kinder von diesem Unterricht fernzuhalten, doch gilt dies nur bis zum 15. Lebensjahr. Danach wird die Teilnahme am Unterricht verpflichtend, in dem die Schüler lernen, wie und wo sie Information über Gesundheit und Sexualberatung erhalten, d. h. den Kontakt zur lokalen Familienplanungs- bzw. Abtreibungs-Klinik. So soll sichergestellt werden, dass sie mindestens ein Jahr lang einer durchaus unmoralischen und utilitaristischen Sexualerziehung ausgesetzt sind, bevor sie der Schulpflicht entwachsen.
Für Schulen wird es keine Möglichkeit geben, das Curriculum nicht umzusetzen. Bekenntnisschulen, die immerhin ein Drittel der englischen Schulen ausmachen, sind verpflichtet, mit 5-jährigen über körperliche Unterschiede zu sprechen, ab dem 7. Lebensjahr werden „Beziehungen“ thematisiert, von denen die Ehe nur eine von gleichwertigen anderen Verbindungen sei; ab dem 11. Lebensjahr wird über homosexuelle Beziehungen, Verhütung und Abtreibung aufgeklärt.
Es formiert sich Widerstand

Nachdem die Regierung ihren Plan im November 2009 ankündigte, reagierte der renommierte Family Education Trust mit einem detaillierten Bericht von vernichtender Kritik betitelt: Too Much,Too Soon. Seitdem melden sich immer mehr Stimmen von Erziehern und Lehrern, die die schrankenlose Sexualisierung mit der wachsenden Zahl von jugendlichen Koma-Säufern, Gewaltbereiten und Selbstmördern in Verbindung bringen. Es ist schon eine herbe Ironie, dass die Regierung vor wenigen Tagen erst einen Bericht herausgab, der die übermäßige Sexualisierung von Kindern beklagt, als ob der Gesetzgeber an der Misere vollkommen unbeteiligt sei.
Als Reaktion auf geharnischte Elternproteste und Reaktionen von Familienverbänden hat Ed Balls, der zuständige Minister für Kinder, Schulen und Familien (ja, diese Regierung scheint wirklich zu glauben, dass sie Autorität über Kinder, Familien und Schulen ausüben kann) darauf verwiesen, dass Bekenntnisschulen weiterhin Sexualaufklärung im Rahmen der eigenen Glaubensüberzeugungen vermitteln können. Letzte Woche wurde eine Gesetzesnovelle im Unterhaus eingebracht, ein Ergebnis von Verhandlungen mit dem Catholic Education Service of England and Wales (CES), die diese als positiven Schritt ansahen. Doch gibt es viele skeptische Kommentare. Die jüdische Kolumnistin Melanie Phillips nennt den Kompromiss absurd. Der Katholik Damian Thompson, der im Telegraph bloggt, verlangt, dass der CES aufgelöst werden soll, während The Catholic Herald insistiert, dass die Katholiken engagiert gegen moralischen Relativismus in Schulen vorgehen sollen.
Die National Secular Society hat die Novelle im Einklang mit vielen Pressestimmen als ein überflüssiges Entgegenkommen bezeichnet und meinte, dass „die Regierung sich wieder einmal dem Druck der katholischen Kirche gebeugt habe, die an den Kindern in Konfessionsschulen Verrat begehe“, die doch ein Recht auf objektive und ausgewogene Sexualerziehung hätten.
Der Minister betonte nochmals, dass das Gesetz nicht verwässert werde: „Es gibt keine Hintertüren für Konfessionsschulen; sie müssen das Curriculum zur Sexualerziehung in seiner ganzen Breite vermitteln. Katholische Schulen können natürlich lehren, dass Verhütung der falsche Weg sei, doch können sie sich nicht von der Wissensvermittlung über Verhütung dispensieren“.
Der CES ist jedenfalls überzeugt, dass der Charakter der Erziehung an katholischen Schulen unverwässert auf hohem ethischen Niveau bleibt: „So wird auch der Sexualkundeunterricht in katholischen Schulen auf der Lehre der Kirche aufbauen, die einen tiefen Respekt vor der Würde aller Menschen lehrt“.
Diese Aussage ist jedoch nicht überzeugend. Schon heute, dies ist bedrückend, fördern manche katholische Schulen Zugang zu Informationen über Abtreibungen und verwenden die Standardbroschüren des Ministeriums, in denen Kinder über Verhütung aufgeklärt werden.
Wie werden die Wähler bei den Parlamentswahlen reagieren?

Bei den in diesem Jahr stattfindenden Parlamentswahlen sollte das Thema im Vordergrund stehen. Was ist zu tun? Gott sei Dank, gibt es immerhin eine klare Stimme, nämlich die des Kardinal Keith Patrick O’Brien, Erzbischof von Edinburgh, der die systematischen und unaufhörlichen Angriffe auf die Familie auf das Schärfste zurückweist. Er brandmarkt die immer weiter steigenden Abtreibungszahlen und den Druck der Regierung auf alle Adoptionsagenturen, Kinder homosexuellen Paaren zuzusprechen, als klare Beispiele einer gegen die Familie gerichteten Politik.
Christen und Nichtchristen und alle, denen der Zustand der modernen englischen Gesellschaft Sorgen bereitet, warten auf klare Worte der Religionsführer. Könnten nicht auch andere ihren Einfluss geltend machen, so wie Kardinal O’Brien? Und schließlich, woher soll ein Catholic Education Service seine Existenzberechtigung nehmen, wenn er nicht katholische Werte in der Schulbildung fördert?
Früher oder später wird es eine Kehrtwende in der Politik der Sexualerziehung geben. Das heute sichtbare, blanke Chaos, Frucht verfehlter Politik vergangener Jahrzehnte, das sich in den kommenden Jahren weiter verschlimmern wird, wird in einem gigantischen Scherbenhaufen enden. Wir müssen diesen Prozess möglichst aufhalten und brauchen dazu überzeugte, glaubensstarke Mitstreiter.
Im Augenblick sieht jedenfalls die Zukunft düster aus.
Joanna Bogle, London.
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