Abschied von der Spaßpädagogik! (3)

Abschied von der Spaßpädagogik! (3)
Wo liegen die Gründe, dass Leistungsbereitschaft und ein förderliches soziales Miteinander eine recht geringe und im Gegenzug ein Konglomerat aus Spaß, Genuss und Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft eine so hohe Bedeutung erlangten? Es ist die zu große Sattheit und Versorgtheit vieler Menschen! Denn wenn die Existenzabsicherung als Herausforderung entfällt, konzentriert sich die Sinn-Suche allzu leicht auf eine ständige Glück-Maximierung des eigenen Seins.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
>Teil2
>Teil4

Wenn Ansprüche und Forderungen tragende Werte verdrängen

  • Ein Sitzen im gemachten Nest verhindert die Entstehung von Visionen einer selbst gestalteten Wirklichkeit. (Kindern aus Entwicklungsländern steht oft der ihnen gar nicht bekannte Spruch: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“ auf der Stirn geschrieben).
  • Falsches Helfen und ein verwöhnender Umgang fördern Nichtkönnen bzw. Unvermögen (die stille Botschaft der so agierenden Menschen lautet: „Ich traue es dir nicht zu; – schau her, wie toll ich das kann.“ ).
  • Anstelle einer Ermutigung gegenüber dem Leben wächst so Anspruchsverhalten (jede vorschnelle familiäre oder kollektive Funktionsübernahme bzw. Überversorgung ist kontraproduktiv, weil sie immer Selbstverantwortung ruiniert).
  • Das Schwinden zwischenmenschlicher Werte und Sinnstiftungs-Systeme schafft Leere (wenn der Existenzkampf überwunden ist, benötigen wir Ideale als Handlungs-Ziele. Hier hat die Religion eine tragende Funktion.)
  • Mehr nehmen als geben führt beim Einzelnen zur Vereinsamung und gesellschaftlich betrachtet zum Zerreißen des sozialen Netzes (Immer mehr Menschen suchen die Vorteilsnahme zu lasten Anderer.).

Jede zu leicht gemachte Annehmlichkeit des Heranwachsens führt auf Dauer zu Unfähigkeit und Schlaffheit. Die Spaßgesellschaft entlarvt sich so zum Übungsterrain für Ego-Taktiker und produziert täglich neu genuss-süchtige Kinder und Jugendliche. Hier ein Beleg dieses Trends: „Es macht keinen Spaß, sich gegenseitig zu helfen“ , meinten 77 % der 14 bis 29jährigen innerhalb einer großen Befragung im Jahre 2000. Sinnstiftendes bleibt so auf der Strecke.
Somit ergehen sich in unseren Tagen immer mehr Zeitgenossen in der Inaktivität und dösen der nächsten Unterstützungsdosis zwischen „Hotel Mama“ und „Vater Staat“ entgegen. Solange jedoch der Automatismus dieser Versorgungs-Pipeline nicht gekappt wird, kann auch keine Eigenverantwortung wachsen. So wird ein Nothilfe-Prinzip ausgehöhlt, denn ein Sozialstaat kann nur funktionieren, wenn Viele durch ihren Beitrag soviel Mittel erbringen, dass für wirklich Bedürftige auch eine finanzielle Unterstützung möglich ist. Es ist „Zeit, von den Pflichten zu sprechen!“ So titelt Altkanzler Helmut Schmidt im ZEIT-DOSSIER vom Oktober 1997 seinen Beitrag zur Wiedergeburt der Verantwortlichkeit. Denn „eine weitgehende permissive Erziehung orientierte sich allzu einseitig an den Grundrechten, von Grundpflichten ist kaum die Rede. Rücksichtslose egoistische ‚Selbstverwirklichung‘ erscheint als Ideal, Gemeinwohl dagegen eher als bloße Phrase.“
Demnach ist es ein folgenschweres Missverständnis, wenn Freiheit als Anspruch gedeutet wird, um Rechte und Vorteile ohne eine äquivalente Bringpflicht leben zu können. Stattdessen hat jeder Mensch eine primäre Selbstsorgepflicht, haben Eltern eine Erziehungspflicht, Kinder eine Lernpflicht, alle Familienangehörigen – je nach Alter differierend – eine Mitsorgepflicht, Erwerbstätige eine Arbeitspflicht, Betriebe eine Fürsorgepflicht, alle eine Mitgestaltungs-Pflicht gegenüber der Gemeinschaft und letztlich hat die Solidargemeinschaft eine Hilfepflicht in Notlagen. Ein Fazit: Wer Freiheit ohne die Pflicht zur Eigenverantwortung lebt, produziert Dekadenz, ob sich diese nun als Gewalt oder Ohnmacht äußert.
Und je verlockender die Angebote einer Spaßgesellschaft sind, je stabiler müssen Kinder und Jugendliche werden, um in ihr nicht unter zu gehen: Entweder, um durch das Erbringen von Leistung kräftig mithalten zu können, oder um sich den verschiedenen Verlockungen gegenüber resistent verhalten zu können. Egal ob Mithalten oder Abgrenzung das Ziel ist: Wer Kinder und Jugendliche sich selbst überlässt oder sie verwöhnend in Watte packt bzw. mit Konsumgütern zuschüttet, der provoziert den Crash. Dieser findet täglich statt, eher unbemerkt in Versagen, Misslingen und Aufgeben, manchmal auch als öffentlicher Gewalt-Exzess.
(wird fortgesetzt)
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Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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