Abschied von der Spaßpädagogik! (4)

Abschied von der Spaßpädagogik! (4)
Sich auf eine Leben in Spaß und Kurzweil einzustellen und in der Glitzerwelt eines ausufernden Konsumangebotes mithalten wollen, scheint für die Mehrheit unserer Gesellschaft das ultimative Muss zu sein. Dabei wird auch verdrängt, dass die Bedeutsamste und nachhaltigste gesellschaftliche Leistung innerhalb der Lebensweitergabe die Erziehung unserer Kinder ist, weil sie über unsere Zukunft entscheidet. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, benötigen Eltern neben der entsprechenden Zeit auch eine angemessene Qualifizierung.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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>Teil2
>Teil3

Ein Brückenschlag zwischen Dauerspaß und Lebensernst
Nur so können sie für ihr Aufgabenspektrum zwischen biologischer, emotionaler, sozialer und fertigkeitsorientierter Lebensvorbereitung gut gerüstet sein, um die ihnen anvertrauten Kinder liebevoll-konsequent ins Leben zu führen! Dies gilt erst recht für die Kleinkind-Erziehung. Fachleute der unterschiedlichsten Richtungen verkünden übereinstimmend, dass die ersten 3 Lebensjahre die entscheidendsten sind. Daher gilt gerade für diese Lebensphase: Kinder brauchen Elternhäuser und keine Verschiebebahnhöfe zwischen öffentlich finanzierter Ganztagsbetreuung und familiärem Nachtquartier.
Bei dieser Aufgabe, die Zukunft unserer Gesellschaft abzusichern, erhalten funktionsfähige Schulen eine herausragende Bedeutung, denn einer qualifizierten Erziehung und Bildung ist höchste Priorität im Hinblick auf die wirtschaftliche und politische Kraft des Standortes Deutschland einzuräumen. Denn Schule ist der Ort, wo Kenntnisse, eigenständiges Denken und kompetentes Handeln erlernt werden sollen. Findet dies in einem abgestimmten Erziehungskonzept statt, kann so Bildung wachsen. Zur Gewährleistung gehören: eine angemessene Ausstattung, fähige Lehrer, engagierte Eltern und lernbereite Schüler. Mangelt es in einem Bereich, wird sofort der Gesamterfolg reduziert.
Dabei ist herauszustellen: Eine fördernd-herausfordernde Schule darf, aber muss nicht Spaß machen. Mühe gehört in der Regel zu jedem Lernen dazu. Guter Unterricht kann aber nur in einer durch Bereitschaft, Offenheit, Konzentration und Rücksicht geprägten Lernatmosphäre stattfinden. Die Ergebnisse der Pisa-Studie entpuppen sich auf diesem Hintergrund zum Bilanz-Bericht von Fehlentwicklungen und Unvermögen. Denn spaß-verwöhnte, leistungsungeübte, medial zugemüllte, verhaltensauffällige, von einer Glitzerwelt abgelenkte und übermüdete Kinder können wirklich den dargebotenen Lernstoff nur mangelhaft aufnehmen. Denn Kinder brauchen für ihre Entwicklung keine Sturzbäche der Ablenkung, sondern körperliche, geistige und soziale Herausforderungen! Aber anstelle von sorgfältiger Analyse setzt schillernder Aktionismus ein.
Ein Volk, welches ‘Live-Style’ und ‘trendy sein’ zur Lebensmaxime macht, kurzatmig von Vergnügen zu Vergnügen kollabiert, pausenlos durch neue Werbe-Attacken willige Käufer braucht, per Essen und Trinken aufs - auch per Körpergewicht feststellbar - Prinzip eines Lebens in Fülle setzt, schafft desaströse Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Einigen sich Eltern, Kindergärten und Schulen nicht auf gemeinsame Erziehungskonzepte, werden Kinder und Jugendliche im Gewirr der staatlich tolerierten Leer-Räume orientierungslos.
Erfährt die Erziehungsleistung von Eltern, Erziehern und Lehrkräften keine angemessene gesellschaftliche Rückendeckung, fehlt den Handelnden die Kraft, Kinder und Jugendliche mit Umsicht und Konsequenz in ein selbstverantwortliches Leben zu führen. Denn aus einer schwachen Erziehungsposition heraus werden keinesfalls Sozialkompetenz, Selbstverantwortung, Mut, Stärke, Motivation, Kreativität und Konfliktfähigkeit zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen in Partnerschaft, Familie, Beruf und Gesellschaft wachsen. Fördern Gewerbe und Handel nicht die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit angemessener, sollten sie sich auf leistungsreduzierte Arbeitnehmer und Konsumenten einstellen. Setzt dieser Kurswechsel nicht ein, geraten noch mehr perspektivlose Nesthocker unvorbereitet als Berufstätige in einen aggressiven Wettbewerb innerhalb globaler Wirtschaftsstrukturen. Für Menschen mit wenig Können und Wollen bleiben dann nur Randpositionen oder Bauchlandungen.
Kinder und Jugendliche brauchen starke Sparringspartner und keine Weichlinge, Spaßsucher oder Opportunisten. Stattdessen ist die nachwachsende Generation zu ermutigen, in angemessener Weise das Erbringen von Leistung zu erlernen. Weiterhin muss früh akzeptiert werden, dass andere mitunter mehr können. Dies kann eine kräftige Portion Frustrationstoleranz erleichtern. Andererseits sollten eigene Leistungen nicht zur Überheblichkeit führen. Schließlich müssen alle genügend Stabilität besitzen, um sich gegenüber den Verlockungen einer Spaß-Konsumgesellschaft auch deutlich abgrenzen zu können.
Klarheit gibt Orientierung, Auseinandersetzung ist die Basis, um Grenzen auszutesten und eigene Standpunkte zu entwickeln, um diese profiliert ins Leben zu tragen. Kein Mangel an elterlicher Zuwendungs-Zeit lässt sich mit Konsum und Geld ausgleichen. Wer sich jedoch als Eltern, Erzieher oder Lehrer an den Lustkriterien einer Spaß-Gesellschaft orientiert, deformiert sich selbst nicht nur zum Rundum-Animateur sondern gaukelt dem Nachwuchs auch noch vor, eine optisch nette Fassade sei ein stabiles Lebenskonzept.
Setzt hier kein Kurswechsel ein, kann selbst ein rasanter Stopp des andauernden Gebärstreiks nicht die Zukunft unseres Sozialsystems retten, denn nur zu Eigentätigkeit und Selbstverantwortung erzogene Leistungsträger taugen für eine Absicherung der Zukunft. Weiterführend ist es, einen seit Jahrzehnten verpönten Grundsatz neu in den Blick zu nehmen: Je mehr sich Jemand etwas leisten will, je umfangreicher muss seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Erbringung von Leistung ausgeprägt sein. Mangelt es hier an Mut und Stärke, wird unsere Zukunft düster sein.
‚Zehn Jahre wird sie alt, die Spaßgesellschaft, aber es geht ihr gar nicht gut. Denn ihr ist zwischenzeitlich der Spaß gründlich vergangen’, so die FAZ vom 23.1.2003. Denn angesichts von steigender Arbeitslosigkeit, schrumpfender Wirtschaft und weltweitem Terrorismus kommen vielen eher die Tränen. „Schluss mit dauernd lustig!“ - „Die Spaß-Gesellschaft hat ausgelacht, die Sehnsucht nach Wärme, Sinn und Persönlichkeit nimmt zu,“ - so die aktuelle Prognose von Trendforschern. Da wird die Refrain-Einleitung des schon in die Jahre gekommenen rheinischen Karneval-Hit’s: ‚Ein bisschen Spaß muss sein’ zum Zeit-Zeichen eines Hoffen machenden Neubeginns. Denn wer sich für den anstehenden Brückenschlag zwischen Dauer-Spaß und Lebens-Ernst engagiert, greift das - auch in Politiker-Reden wieder häufiger auftauchende - Prinzip der Eigenverantwortlichkeit auf und wirkt mit an einer Zukunft in Zufriedenheit und Gerechtigkeit. Albert Schweizers Mahnung wirkt da wie ein letzter Aufruf: „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst.“
(Schluss)
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Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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