Spielzeug, Schnickschnack und das Recht auf Langeweile

Spielzeug, Schnickschnack und das Recht auf Langeweile
Ich sah es nicht zum ersten Mal: vor ein paar Tagen überholte uns ein anderes Auto, am Steuer eine Frau, ein Kleinkind auf der Rückbank im Kindersitz – nichts Ungewöhnliches, bis auf die Augen des Kindes, die den Bildschirm mit den Cartoons fixierten, der an der Rückseite des Fahrersitzes angebracht war.
von Erin Manning aus dem Englischen übersetzt von Horst Niederehe
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Außer dem Kind und der Fahrerin, wohl seiner Mutter, saß niemand im Wagen, doch gab es noch einen weiteren Bildschirm an der Rückseite des Beifahrersitzes, sodass beim Transport zweier Kinder jedes sein eigenes Unterhaltungsprogramm genießen konnte. Es scheint, als ginge nichts mehr ohne den „Schnuller“ eines persönlichen Bespaßungsprogramms. Als ich zu Hause davon erzählte, berichtete mein Mann, der mit den Töchtern einkaufen war, von einer Frau in der Warteschlange vor der Kasse des Supermarktes, die ihren beiden Jungen Videospiele in die Hand drückte, um ihnen die Wartezeit zu verkürzen, und von einem kleinen Mädchen im Kindersitz eines Einkaufswagens, dass fasziniert einen Film auf einem winzigen Bildschirm in ihrer Hand verfolgte.
Nicht nur Kinder sind von derlei Spielzeug fasziniert. Für die Jüngeren sind sicher Videospiele und tragbare Videoplayer attraktiv, doch auch Erwachsene haben ihre Spielzeuge: Mobiltelefone, PDA’s mit Internet Zugang, Handheld-Computer etc., alle dafür geschaffen, ihrem Besitzer die Zeit in einer Warteschlange zu verkürzen, bei Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln abzulenken, oder langweilige Pausen zu überbrücken.
Es scheint, als hätten die Menschen des 21. Jahrhunderts ein neues Menschenrecht für sich entdeckt, nämlich niemals auch nur einen Augenblick lang auf die permanente Berieselung mit Unterhaltung und Information verzichten zu müssen. Wann immer uns Überdruss packt, brauchen wir nur unseren elektronischen Schnuller, der uns sicher über die Runden hilft.
Doch wenn wir dieses „Menschenrecht“ für uns reklamieren, laufen wir Gefahr, ein wertvolleres und sehr persönliches Recht aufzugeben: das Recht auf inspirierende Langweile.
Die Kinder früherer Generationen hatten viel Zeit für solche Langweile, der sie häufig ausgeliefert waren: auf langen Autofahrten, in der Schule, als Begleitung Erwachsener beim Einkaufen oder zum Besuch bei Verwandten und Freunden und ähnlichen Gelegenheiten.
Natürlich bereitet diese Langeweile oft Missvergnügen; die Kinder weinen, zanken, oder prügeln sich aufmerksamkeitsheischend, was möglichst schnell unterbunden wird. Doch so schwer Langweile zu ertragen war, sie hat uns gelehrt, als Erwachsene Ausdauer, Geduld, Höflichkeit und Gelassenheit an den Tag zu legen.
Über diese, manchmal lästigen, alltäglichen Erfahrungen hinaus erschließt jedoch die Langeweile schöpferische Potenziale; ein ganz normaler und durchaus willkommener Vorgang in der Entwicklung des Kindes. Ein gelangweiltes Kind ist eben auch ein kreatives Kind, das noch nicht seinen Einfallsreichtum ausgelebt hat.
Müßige, kreative Langeweile und Bedarf sind Wegbereiter von Erfindungen.
Man stelle sich vor: ein gelangweiltes Kind zu Besuch bei der Großmutter, die einen zum Klettern geeigneten Baum im Garten hat; klare Sache, das Kind muss dort hinaufklettern- und in seinem Gedächtnis wird immer die Erinnerung bleiben, dass es einen großen Baum in Omas Garten erklettert hat. Es wird die Erinnerung an eine mutige und tapfere Tat wertschätzen und dieser Wert wird keinesfalls vermindert, wenn der junge Mann Jahre später auf einem Bild sieht, dass der mächtige Baum, den er bezwungen hatte, in Wirklichkeit ein ziemlich kleines Bäumchen war.
Aber natürlich gibt es auch Zeiten, in denen das Kind sowohl gelangweilt, als auch in den Möglichkeiten zur Aktivität eingeschränkt ist, wie eben auf einer Autofahrt, oder in der Warteschlange vor der Supermarkt-Kasse. Wenn das Kind schon gelernt hat, seine Phantasie spielen zu lassen, wird es ihm nicht schwer fallen, seine Umgebung mit einzubeziehen: ein kleiner Junge mag sich vielleicht die Einkaufswagen als stählerne Drachen vorstellen, die den tapferen Ritter bedrängen, der sie alle vernichten will. Ein kleines Mädchen mag hingegen die Wagen als Kutschen sehen, die vor der Zugbrücke des Schlosses Aufstellung nehmen, um wunderschön gekleidete Prinzessinnen zum Ball zu bringen.
Aus solchen oft romantischen und phantastischen Gedanken erwachsen Beobachtungsfähigkeit, Erinnerungsvermögen, Gesprächsimpulse, Ideenaustausch, alles natürlich zunächst noch sehr kindhaft, aber nach und nach heranreifend und sich entfaltend in Inspirationen, Ideen, Herausforderungen, anregenden und bildenden Hobbys, Freundschaften mit vielschichtigen, interessanten Mitmenschen und viele erfüllende Erlebnisse.
Der vierjährige in seinem Autositz, der wissen möchte, warum der Himmel blau ist, wird vielleicht als zehnjähriger ein Buch in der Bibliothek ausleihen, das ihm den Aufbau der Erdatmosphäre altersgerecht erklärt, er könnte aber ebenso gut als zehnjähriger stundenlang auf der Couch herumhängen und auf den Bildschirm starren.
Natürlich ist nicht alles nur schwarz oder weiß. Ob man es nun mag, oder nicht: wir leben in einer Zeit, die uns allen möglichen Informationen in einer Weise aussetzt, der wir uns kaum entziehen können und unseren Kindern bleibt nichts anderes übrig, als zu lernen, damit umzugehen. Doch wenn ich sehe, dass Kinder mit allen möglichen elektronischen Spielzeugen versorgt werden, nur um bei ihnen keine Langeweile aufkommen zu lassen, machen die Erwachsenen deutlich, dass Langeweile das schlimmste Unglück ist, das einen treffen kann.
Ich frage mich dann: wo ist noch Platz in der Welt für Kreativität und Vorstellungskraft, wenn die elektronischen Schnuller die Entwicklungsphase einschläfern, die mehr als jede andere, dem suchenden Streben des grenzenlosen Geistes aufregende Impulse bietet.
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