Das Tagebuch der Anne Frank

von José García
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Über Anne Frank sind bereits mehrere Spielfilme zumeist aus dem angelsächsischen Sprachbereich gedreht worden. Filmemacher Fred Breinersdorfer (Drehbuch) und Hans Steinbichler (Regie) bleiben in ihrem neuen Film so nah wie möglich an der Vorlage, am weltberühmten Tagebuch. Daher auch der Filmtitel „Das Tagebuch der Anne Frank“. Selbst für Leser, die das Tagebuch kennen, bietet der Film jedoch auch Neues. Denn das Drehbuch entstand nach einer von den redaktionellen Eingriffen durch Anne Franks Vater Otto befreiten Ausgabe. So tritt beispielsweise das schwierige Verhältnis Annes zu ihrer Mutter im Film deutlich hervor.
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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Hans Steinbichler
Darsteller: Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkaz, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
Land, Jahr: Deutschland 2015
Laufzeit: 128 Minuten
Genre: Historischer Film
Publikum: Jugendliche (FSK ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: --
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Nach einem Prolog in Sils Maria im Jahre 1935, in dem Otto Frank (Ulrich Noethen) den in der Schweiz lebenden Verwandten von den Plänen einer Emigration in die Niederlande erzählt, beginnt „Das Tagebuch der Anne Frank“ mit dem Umzug der Familie nach Amsterdam. Otto und Edith Frank (Martina Gedeck) schenken Anne (Lea von Acken) zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch, in dem sie mit wachem Auge und mit schriftstellerischer Begabung immer wieder von ihrem Alltag Zeugnis ablegt. Dabei spielt insbesondere die beginnende Ausgrenzung der Juden in den besetzten Niederlanden aus der Sicht Annes und ihrer Schwester Margot (Stella Kunkat) eine zentrale Rolle. Kernstück des Tagebuchs und des Filmes ist die Beschreibung des Alltags im sogenannten Hinterhaus des Firmensitzes von Otto Frank in der Prinsengracht 263. Die etwas mehr als 50 qm-Wohnung teilt sich die Familie Frank ab Juli 1942 mit der dreiköpfigen Familie „van Daan“: Vater Hans (André Jung), Mutter Petronella (Margarita Broich) und Peter (Leonard Carow), später auch mit dem Zahnarzt Albert Dussel (Arthur Klemt). Hier leben die acht Hinterhaus-Bewohner nicht nur in beengten Verhältnissen mit den im Film teilweise detailliert beschriebenen Einschränkungen, sondern auch in ständiger Angst vor Bombenangriffen und vor Denunziation.

Mit einer natürlich wirkenden Lea von Acken in der Hauptrolle gelingt es dem Spielfilm, nicht nur die Atmosphäre der Beengtheit und der Bedrohung wiederzugeben, sondern auch den Reifungsprozess einer Jugendlichen abzubilden, die trotz der schwierigen Verhältnisse ganz normale Pubertätsprobleme mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe vereinte.

Interview mit Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Otto-Frank-Darsteller Ulrich Noethen über „Das Tagebuch der Anne Frank“

Über Anne Frank wurden bereits mehrere Filme gedreht, zuletzt der Fernsehfilm „Meine Tochter Anne Frank“. Worin unterscheidet sich „Das Tagebuch der Anne Frank“ von ihnen?

Fred Breinersdorfer: Bei den bisherigen Filmen gab es immer Raum für freie Interpretation. Ich habe mich gefragt: Warum ist das Tagebuch nach wie vor nicht nur Schullektüre, warum lesen es weltweit in unglaublicher Zahl Jugendliche, obwohl es heißt, sie würden lieber Games spielen oder im Internet unterwegs sein? Das Geheimnis muss schon in dem Buch liegen. Ich wollte sehr subjektiv die Geschichte der Anne Frank erzählen aus dem, was sie schreibt. Daher auch die Originalzitate. Zusammen mit Regisseur Hans Steinbichler kam später der Blick in die Kamera hinzu – ein wichtiges Stilmittel, um das Publikum anzusprechen.

Ulrich Noethen: Mit „Das Tagebuch der Anne Frank“ wird zum ersten Mal ein Kinofilm aus deutscher Produktion zu dem Thema gedreht. Die Familie Frank war eine Frankfurter Familie, und was mit ihr geschehen ist, ist Teil unserer deutschen Geschichte. Wir wollen ein jugendliches Publikum mit einer heutigen Filmsprache ansprechen.

Macht es für Sie einen Unterschied, dass es sich nicht um eine fiktive Geschichte, sondern um eine historische Gestalt handelt? Spüren Sie da eine besondere Verantwortung?

Ulrich Noethen: Eine reale Person kann interessanter sein, weil ich als Hintergrund ein gelebtes Leben mit den Brüchen in einer Biografie habe. Früher habe ich mehr Skrupel gehabt. Ich habe gedacht: Wenn der Mensch wüsste, dass er von einem Schauspieler verkörpert wird, dreht er sich vielleicht im Grab um. Aber es geht darum, der Nachwelt ein Bild von ihm zu geben. Es hat mit Verantwortung zu tun, aber auch mit der großen Freude daran, Geschichte zu erzählen.

Fred Breinersdorfer: Es ist natürlich eine große Verantwortung gegenüber sowohl der historischen Person als auch dem Zuschauer. Denn er verlässt sich darauf, dass die Filmemacher versuchen, so authentisch wie möglich zu sein. Wir haben uns entschieden, aus dem Tagebuch zu erzählen, wobei uns eine historisch-kritische Ausgabe zur Verfügung stand. Denn Otto Frank nahm nach dem Krieg erhebliche redaktionelle Eingriffe vor, insbesondere was die jugendliche Sexualität, aber auch das sehr gespannte Verhältnis zwischen Tochter und Mutter betrifft. In dieser Form konnte erstmals jetzt erzählt werden.

Ist nicht gerade auch die Normalität, die aus dem Tagebuch spricht, was nachdenklich macht?

Ulrich Noethen: Das ist es eben. Anne Frank, klug, frech, ungerecht, wach und sehr talentiert – was wäre aus ihr für eine Schriftstellerin geworden! Was sie geschrieben hat, ist nicht nur klug und gut beobachtet, sondern auch gut zu Papier gebracht. Dieses Talent konnte sich nicht entfalten.

Fred Breinersdorfer: Anne Frank war ein ganz normales Mädchen, mit normalen Pubertätsproblemen und mit einer großen schriftstellerischen Begabung. Deshalb endet der Film mit dem Traum, den sie kurz vor dem Verrat des Verstecks hatte: Dass sie überleben wird als Schriftstellerin. Wenn Sie überlebt hätte, wäre sie heute 86 Jahre alt. Sie könnte als Herausgeberin einer großen Zeitung arbeiten. Ursprünglich wollten wir diesen Traum visualisieren und eine solche Rahmenhandlung entwickeln. Dagegen sprach aber: Wie sollte diese Fiktion damit übereinstimmen, möglichst getreu am Tagebuch zu bleiben?

Könnte sogar die Aussage des Filmes sein, zu zeigen, was aus ihr hätte werden können?

Ulrich Noethen: Ich wünsche mir, dass die Leute im Kino nachempfinden, und vielleicht einen Gedanken darauf verwenden, was aus dem Mädchen hätte werden können. Und ich selbst würde mich fragen, was hat das mit mir zu tun, heute? Ich finde schon, dass man Parallelen zu dieser Geschichte finden kann.

Fred Breinersdorfer: Für junge Leute liefert diese Figur, die von Lea von Acken so toll gespielt wird, eine Identifikationsfläche. Mir war die Auseinandersetzung mit ihrem geliebten Vater sehr wichtig, wo sie sagt: „Ich liebe Dich mehr als Mutter“ und „Du hast mir keine Vorschriften mehr zu machen. Ich weiß selber, was für mich gut ist.“ Pubertierende könne ja ungerecht gegenüber ihrer Umwelt sein. Sie durchlebte diese Probleme in einer ungemein schwierigen Lage ständiger Konfrontation mit möglichem Verrat und Tod. Daran kann jeder emotional die Dimension der eigenen Probleme ablesen.

Können Sie ein wenig konkretisieren, wie der Film junge Menschen ansprechen soll?

Ulrich Noethen: Uns war es wichtig, sie nicht auf einen Sockel zu stellen. Ihr Tagebuch steht exemplarisch für viele Opfer des Holocausts. Wir wollten aber keine Heiligen-Legende. Sie scheint ja in ihrer Ikonenhaftigkeit viele andere Opfer zu überstrahlen, und es gibt Stimmen, die davon sprechen, die Familie Frank sei in ihrem Versteck in der Prinsengracht auf eine Art „privilegiert“ gewesen. Wir wollten ein Mädchen in Not, Bedrückung und Lebensgefahr zeigen, das sehr heutig ist, bei dem sich junge Menschen heute sagen können: „Die kenne ich, die ist wie ein Mädchen aus meiner Klasse“.

Fred Breinersdorfer: Mit der These, dass die Menschen im Hinterhaus privilegiert waren, bin ich keinesfalls einverstanden. Ihre ständige Bedrohung durch den Tod macht das schon deutlich. Deshalb war es mir auch wichtig, dass der Film mit einem Bombenangriff der Alliierten beginnt, um die Rüstungsindustrie zu treffen, die in Amsterdam in der Hand der Nazis war und gleichzeitig die Versteckten bedroht hat. Die Not und Qual der Menschen in den KZs haben Anne, ihre Familie und ihre Schicksalsgenossen zusätzlich monatelang durchlitten – bis zum qualvollen Tod. Nur Otto Frank hat überlebt. Von Privilegien kann da doch nicht die Rede sein!