True Grit

True Grit
Totgesagte leben länger. Dies gilt etwa auch für ein Kinogenre, das mit der Geschichte des Hollywood-Films am engsten verknüpft ist: den Western. Nachdem jahrzehntelang dieses klassische Genre erschöpft zu sein schien, machten sich Anfang der neunziger Jahre zwei Regisseure daran, den Western wiederzubeleben: Sowohl Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt” (1990) als auch Clint Eastwoods „Erbarmungslos” (1992) knüpften an die zwei Spielfilme von John Ford an, die eine Welle der Entmythologisierung des „Wilden Westens“ in Gang setzten: „Der schwarze Falke“ („The Searchers“, 1956) und „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (1961) vollzogen bereits im Ansatz den Paradigmenwechsel, den Costner und Eastwood etwa dreißig Jahre später fortführten.
Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Darsteller: Hailee Steinfeld, Jeff Bridges, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper, Domhnall Gleeson, Leon Russom, Elizabeth Marvel, Ed Corbin
Land, Jahr: USA 2010
Laufzeit: 110 Minuten
Genre: Western
Publikum: Jugendliche (FSK ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: Gewalt

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

In seinem Regiedebüt zeichnete Kevin Costner den „weißen Mann” nicht als Held, der gegen den Widerstand der Ureinwohner die Zivilisation in den „Wilden Westen” bringt, sondern als Zerstörer einer Idylle. Clint Eastwood wiederum kritisierte die Selbstjustiz, stellte das Töten und erst recht die Tötung aus Rache durch die Zuschaustellung der Folgen der Gewalt in Frage. Spätere Versuche, zum „klassischen Western“ zurückzukehren, etwa Kevin Costners „Open Range – Weites Land” oder James Mangolds „Todeszug nach Yuma“, waren an der Kinokasse nicht besonders erfolgreich.
Nun haben sich die Regisseurbrüder Joel und Ethan Coen eines klassischen Westernstoffs angenommen, der bereits einmal verfilmt wurde: Henry Hathaway brachte „True Grit“, den Roman von Charles Portis, im Jahre 1969 auf die Kinoleinwand. Die Hauptrolle in Hathaways, in Deutschland unter dem Titel „Der Marshall“ bekannter Adaption spielte kein Geringerer als John Wayne, der für diese Rolle zudem seinen einzigen Oscar erhielt.
Der nun anlaufende „True Grit“ erzählt von der 14-jährigen Mattie Ross (Hailee Steinfeld), die fest entschlossen ist, den kaltblütigen Mord an ihrem Vater nicht ungesühnt zu lassen. Da sie von den Behörden keine rechte Unterstützung erfährt, will Mattie den feigen Mörder Tom Chaney (Josh Brolin) mit eigenen Mitteln seiner gerechten Strafe zuführen. Deshalb engagiert sie einen Mann mit „true grit“ („echtem Schneid“, daher der Filmtitel), den trunksüchtigen und raubeinigen U.S. Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges), der es mit dem Gesetz selbst alles andere als genau nimmt. Widerwillig lässt er sich von Mattie überreden, sie auf die Jagd nach Chaney mitzunehmen – quer durch die gesetzlosen Weiten der Prärie. Zu den beiden gesellt sich der Texas Ranger LaBoeuf (Matt Damon), der ebenfalls den Schurken stellen will, um eine Kopfprämie zu kassieren, die auf Chaney wegen eines weiteren Mordes ausgesetzt ist.
„True Grit“ besitzt sehr klassische Elemente vor allem auf der visuellen Ebene: Kameramann Roger Deakins fängt die sprichwörtliche Weite der amerikanischen Prärie in Panoramabilder von epischer Kraft ein. Der Zuschauer erlebt in „True Grit“ ein Wiedersehen mit den Sehgewohnheiten des klassischen Westerns: in der sorgfältig komponierten Gerichtsverhandlung, im Bild des Mannes auf der Veranda, im Duell zu Pferd einer gegen vier, oder auch im Ritt durch die weite Prärie. Der exquisite Soundtrack von Carter Burwell konterkariert jedoch die typischen Western-Bilder, insbesondere auch durch die Filmmusik, die Burwell der Ritt-Szene unterlegt.
Einen Gegensatz zur männerdominierten Westernwelt liefern Joel und Ethan Coen darüber hinaus dadurch, dass „True Grit“ konsequent aus dem Blickwinkel des 14-jährigen Mädchens erzählt wird. Die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 13 Jahre alte Hailee Steinfeld spielt die Mischung aus Naivität und aus der Trauer um ihren Vater geschürter Entschlossenheit mit erstaunlicher Leinwandpräsenz. Für ihr herausragendes Spiel wurde sie bereits für den Oscar als Beste Nebendarstellerin nominiert. Ebenfalls nominiert für den Oscar wurde Jeff Bridges, der kurioserweise die Augenklappe auf dem rechten Auge trägt, während sie John Wayne in Henry Hathaways Film links trug. Sein versoffener Marshall, der unter der raubeinigen Oberfläche das Herz am rechten Fleck hat, steht dem von John Wayne gespielten Marshall Reuben J. „Rooster“ Cogburn in nichts nach.
Wie unzählige Western handelt der Film der Coen-Brüder von Rache und Vergeltung oder auch von Schuld und Sühne. Nicht von ungefähr steht am Filmbeginn ein Bibelzitat aus den Sprichwörtern: „Der Gottlose flieht, auch wenn niemand ihn jagt“ (in der Einheitsübersetzung: „Der Frevler flieht, auch wenn ihn keiner verfolgt“). Im Gegensatz zu anderen Western-Wiederbelebungsversuchen ist „True Grit“ allerdings schon jetzt an der Kinokasse äußerst erfolgreich: Allein in den Vereinigten Staaten, wo der Film am 22. Dezember startete, spielte er bei Produktionskosten von 38 Millionen Dollar bereits mehr als 160 Millionen ein. Der Film, der die gerade zu Ende gegangene Berlinale eröffnete, ist darüber hinaus für zehn Oscars nominiert.

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