Twitter definiert den Journalismus neu

Ob man es liebt oder hasst, Twitter hat Nachrichtenerfassung und -konsum neu erfunden. - Twitter ist am 7. November 2013 an die Börse gegangen und furios gestartet. Die junge Firma ist heute ca. 25 Mrd US$ wert. Doch soll hier nicht über Geld sondern über den Einfluss gesprochen werden, den Twitter seit Gründung vor etwa sieben Jahren ausübt. Im Durchschnitt werden pro Tag 500 Mio Tweets versandt. Für etwa 40% der Nutzer dient Twitter als „Nachrichtenquelle für persönliche Vorlieben“.

von John Jewell - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
---
Twitter hat als „Nachrichtenquelle“ definitiv neue Wege gebahnt, Nachrichten zu erfassen, zu verteilen und zu konsumieren.
Die Story des Jahres, die Enthüllungen von Edward Snowden über die Bespitzelungspraktiken amerikanischer und britischer Geheimdienste liefert hierfür ein Lehrbeispiel. Der CEO für News und Medien des „Guardian“ kommentierte: „Die Story wurde von uns losgetreten und verbreitete sich über Twitter. Es dauerte eine Stunde, bis alle Nachrichtensender Sondermeldungen schalteten.“
Twitter lenkt den Verkehr auf die Seiten des Guardian selbst von Leuten, die die Druckversion gar nicht kennen. Nicky Wolf stellt in The Atlantic heraus, dass am 10. Juni, dem Tag, nachdem Snowden seine Identität auf der Website des Guardian kundgetan hatte, 6,97 Mio Browser Verbindung mit der Website des „Guardian“ aufnahmen. „Am 10. Juni waren, erstmalig in der Geschichte des Blattes, die Zahl der Zugriffe aus den USA höher, als die aus England.
So hat Twitter die globale Reichweite des Guardian in bisher kaum erreichbare Marktsegmente gesteigert und den Schlüssel zum Geschäftsmodell mit den neuen Nachrichtenquellen geliefert. Neue Märkte aufzutun, ist natürlich oberstes Ziel der Werbebranche.
Die Redaktion im sozialen Netzwerk

Die Sozialen Netzwerke haben Einfluss auf die Redaktionen genommen; sie beschleunigen die Berichterstattung und erlauben Rückgriff auf einen erweiterten Pool von Quellen und Materialien. Die Folge der Omnipräsenz von Twitter ist, dass die Aufgabe der Journalisten sich signifikant geändert hat. Twitter „arbeitet“ rund um die Uhr und dies muss nun auch ein Journalist, der eingehende Updates liest, postet und retweeted.
Dabei befindet er sich oft in feindlicher Umgebung, wie der Journalist und Blogger Amy Cassell bemerkt:
„Ein kleiner Fehler kann sich verschlimmern, da sich viele Möchtegern-Investigatoren sofort auf die Kommentare stürzen und die Informationen nachrecherchieren. Korrekturen sind dann nicht mehr im Nachgang möglich, sie geschehen in Echtzeit vor den Augen der Welt. Das bedeutet aber auch, dass die Leserschaft mit falscher Berichterstattung hart ins Gericht geht. Deshalb sollte man sicher gehen, dass die Aussagen hieb- und stichfest sind. Wo früher Korrespondenten nur über Leserbriefe ansprechbar waren, wird heute deren journalistische Allwissenheit heftig in Frage gestellt.“
Nachrichten auf Twitter stammen entweder von Beteiligten oder Beobachtern eines bestimmten Ereignisses. Dabei wird der Journalist oft zum Übersetzer, der auf die Ereignisse schnell und wiederholt reagiert, nachdem er sich durch die Schwaden von Informationen und Meinungen gekämpft hat, bevor er seinen eigenen Bericht formuliert.
Nach dem Technologie-Journalisten Alex Masters ist die Interaktion mit Twitter identisch mit Nachrichtenübermittlung. Redaktionen verlassen sich zu einem guten Teil auf Informationen der „Crowd“, der großen Gruppe also, die das soziale Netzwerk bilden, um „in Echtzeit Neuigkeiten, Reaktionen und Meinungen zu transportieren“. Man muss sich vor Augen halten, wie erbarmungslos dieser Prozess ist, sodass man schon mit dem modernen Reporter Mitleid bekommen kann.
Ersetzt Twitter die Nachrichten?

Es gibt einige, die der Meinung sind, Twitter trage zur Trivialisierung des Journalismus bei. Es sei für die Journaille bequem und einfach, auf heiße Twitter-Nachrichten zu warten.
Schaut man sich die Zeitschriften der letzten Wochen einmal genauer an, kann man tatsächlich zu dieser Überzeugung kommen. Der Twitter Schlagabtausch zwischen Lord Sugar und Nick Clegg fand seinen Weg in den Politikteil des Guardian und mehrere Zeitungen publizierten die meist geschmacklosen Tweets bekannter oder weniger bekannter Persönlichkeiten zu den jüngsten, verheerenden Stürmen in England.
Dies sind nur zwei Beispiele für viele, die der US-Medienanalyst Jeff Sonderman so beschreibt: „Es ist möglich, Twitter als Nachrichtenquelle zum Nachteil journalistischer Arbeit überzustrapazieren; und es ist genauso möglich, triviale „Tweet-Knüller“ zum Schaden einfühlsamen Journalismus auszuschlachten.“
„Doch“, sagt er weiter „die Lösung ist nicht, Twitter nicht zu nutzen, sondern Twitter nicht so zu nutzen.“ Vielleicht ist dies der richtige Weg. Die Art und Weise, wie Twitter genutzt wird, definiert den Wert und man sollte diese Plattform auf keinen Fall unterschätzen.
Es gibt eine Menge Beispiele für die Nützlichkeit sozialer Medien. Die bekannteste war wohl die Mobilisierung von lokalen, wie internationalen Unterstützern durch Twitter im sog. arabischen Frühling 2011. In England war es wohl der Telefon-Abhörskandal, der eine Kampagne auf Twitter auslöste, die Werbetreibende aufforderte, keine Anzeigen mehr in „News of the World“ zu schalten, was den Niedergang des Blattes beschleunigte. Durch die Enthüllungen ernsthaft verstört, distanzierten sich nach und nach große Firmen von „News of the World“. Einen Tag nachdem der Guardian die Story brachte, stoppten neben anderen General Motors, Mitsubishi Motors, Die Co-Operative und Lloyds Bank ihre Werbung in der Zeitung.
Im Mai startete das Everyday Sexism Projekt „Frauen, Aktion und Medien“ eine internationale Kampagne gegen Facebook-Inhalte, die nach ihrer Auffassung Vergewaltigung und häusliche Gewalt begünstigten. Nach mehr als 60,000 Tweets an #FBrape hashtag und weiteren, koordinierten Aktionen, die die Werbetreibenden zum Ziel hatten, sah sich Facebook gezwungen, in einem offiziellen Statement zu versprechen, jedem einzelnen Vorwurf von Everyday Sexism nachzugehen.
Obwohl dies Beispiele für Aktivismus und nicht Journalismus sind, sind es doch Informationsquellen. Jede Nachrichtenagentur, die Inhalte der sozialen Medien im arabischen Frühling ignoriert oder komplett missachtet hätte, hätte sich der Primärquellen von Nachrichten in Wort, Bild und Schrift begeben, eine unvorstellbare Situation.
Die Bedeutung von Twitter für den Journalismus ist evident. Paul Lewis, Washington Korrespondent des Guardian und Gewinner der besten Twitter-Feeds der Online Media Awards, sagte 2012: „Twitter ist der digitale Fußabdruck von Ereignissen, die auf der Welt passieren. Wenn Twitter so omnipräsent wird wie Mobiltelefone, z. Zt. etwa 4 Mrd weltweit, wäre es gigantisch. Für einen Journalisten, der Dinge publizieren möchte, die andere geheim halten wollen, ist das eine absolut spannende Entwicklung.
---
Dr. John Jewell ist Director of Undergraduate Studies an der Cardiff University, BA für Journalismus, Medien und Kulturelle Studien. Weder arbeitet er, noch berät er, noch besitzt er Anteile von Firmen oder erhält deren Unterstützung, oder die von Organisationen, die einen möglichen Nutzen von diesem Beitrag haben könnten und unterhält auch keine diesbezüglichen Kontakte.
Taxonomy upgrade extras: