Manche Werte können nur Väter vermitteln

Manche Werte können nur Väter vermitteln
In einem Interview mit Prof. Horst Petri, Arzt für Neurologie und Psychatrie sowie Kinder- und Jugendpychatrie an der Freien Universität Berlin, wird deutlich, dass Väter eine wesentlichen Rolle in der Erziehung spielen. Das Fehlen der Vätern hat meist tiefgreifende negative Folgen für die psychische Stabilität der Kinder.
Das Interview führte Regina Kesselring vom Schweizer Familienmagazin "wir eltern"
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wir eltern: Warum brauchen Kinder einen Vater?
> Prof. Dr. Horst Petri: Früher glaubte man, der Vater sei frühestens ab dem Schulalter bedeutsam für die Kinder. Heute weiß man, dass er schon im ersten Lebensjahr ganz wichtige Funktionen erfüllt, und zwar in der Dreiecksbildung Mutter – Vater – Kind. Bei dem schwierigen Prozess, bei dem sich das Kind aus der Symbiose mit der Mutter löst, muss der Vater die damit verbundenen Trennungsängste sozusagen abpuffern. Er bietet gleichzeitig schon sehr früh ein männliches Identifikationsobjekt. Die Mutter unterstützt eher das Bindungsverhalten, den gefühlsmäßigen Austausch, die Sprache, die Fürsorge, während der Vater sehr früh Erkundungsverhalten und Expansionswünsche der Kinder unterstützt. Das sind grundlegende Unterschiede, und das Kind braucht beides.
Geschlechterunterschiede in der Erziehung aufzuheben. Ist das falsch?
> Es ist wichtig, ein gegenseitiges Verständnis der Geschlechter herzustellen. Die ganzen Versuche, die Geschlechter anzugleichen, sind fehlgeschlagen. Es gibt bei Mädchen und Jungen angeborene Verhaltensmuster, die sehr unterschiedlich sind. Im Ansatz der Feminismusdebatte wurde vor allem auf die negative Seite des Männlichen fokussiert, das Männliche geriet in Verruf. Wenn Jungen aber wie Mädchen werden sollen, erzeugt das eher Widerstand, weil sie in ihrer Männlichkeit gebrochen werden. Das wirkt sich auf das Bindungsverhalten zum anderen Geschlecht negativ aus und erzeugt Angst, Hass, Protest, Ablehnung, das Gefühl, von Frauen bevormundet zu werden. Ich bin aber optimistisch und denke, dass wir diese Phase hinter uns haben. Es gibt jetzt mehr Bemühungen, nicht nur Gleichberechtigung, sondern auch Gleichwertigkeit der Geschlechter anzustreben.
Dennoch findet gerade im Zusammenhang mit Scheidungen oft eine Vaterentwertung statt. Wie wirkt sich das aus?
> Verheerend. Aus den Zerwürfnissen entsteht das Trennungstrauma beim Kind und nicht in erster Linie daraus, dass der Vater weggeht. Wenn es Eltern gelingt, kooperativ miteinander die Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, ein regelmäßiger Kontakt zum Vater möglich ist, muss die Trennung keine Langzeitwirkung nach sich ziehen. Leider ist das die Ausnahme. Für viele Menschen ist eine Scheidung eben doch ein Schock, mit dem sie nicht umgehen können. Für Kinder ist das schrecklich, denn sie bekommen ein Loyalitätsproblem, lehnen von sich aus den Vater ab, weil sie merken, dass die Mutter nicht damit klarkommt.
Sind es die Väter, die ihre Familien von sich aus verlassen?
> Das kann man so nicht sagen. Rein statistisch gesehen geht die Scheidung eher von den Frauen aus. Aber das sagt nichts aus, weil man nicht weiß, ob die Männer schon vorher gegangen sind und die Frauen nur mutiger sind, diesen Schritt zu tun, weil sie damit zur Selbstbefreiung beitragen und sich gleichzeitig auch finanziell besser absichern. Ich glaube nicht, dass Männer sich eher trennen wollen als Frauen. Männer neigen ja zu konservativen Lösungen. Sie gehen zwar, wollen sich aber nicht scheiden lassen. Oder sie wollen sich auch nicht trennen, weil ihre Ansprüche an die Ehe nicht so hoch sind wie bei Frauen.
HEUTE WEIß MAN, DASS DER VATER SCHON IM ERSTEN LEBENSJAHR GANZ WICHTIGE FUNKTIONEN ERFÜLLT. DER VATER HAT EINE GANZ EIGENE FUNKTION, DIE VON DER MUTTER NICHT ERSETZBAR IST. EINE FRAU KANN KEIN MANN SEIN.
Ist es ein Unterschied für das Vaterbild, ob ein Vater freiwillig die Familie verlässt oder stirbt?
> Auf jeden Fall. Stirbt der Vater, bleibt er als positives Vaterbild erhalten. Gleichzeitig bleibt die innere Beziehung der Eltern bestehen, so dass die Kinder ihn als positives Identifikationsobjekt verinnerlichen können. Das ist für die innere Strukturbildung sehr wichtig. Während bei einer freiwilligen Trennung nicht nur das äußere, sondern auch das innere Familiengefüge zerbricht. Dadurch entsteht bei den Kindern ein negatives Vaterbild.
Viele Väter gründen eine Zweitfamilie. Es muss für Kinder besonders schwierig sein, wenn er weggeht, um für andere Kinder anwesend zu sein.
> Auch da kommt es wieder darauf an, wie man damit umgeht. Manche sehen in den Patchworkfamilien den Untergang, andere sehen darin das Familienmodell der Zukunft, weil die Kinder damit viel mehr Alternativen haben, um sich zu identifizieren. So einfach kann man es sich aber nicht machen. Es geht darum, wie die Ursprungseltern mit der Trennung umgehen und wie die neuen Partner mit den neuen Kindern. Das sind ja komplizierte Konstellationen, die sehr viel Reife und Souveränität erfordern. Für mich besteht kein Anlass zur Idealisierung der Patchworkfamilie. Das Klassische ist eigentlich das natürliche Modell. Die Bindungsforschung weist nach, dass schon bei der Geburt und im ersten Lebensjahr in einem rapiden Tempo ganz tiefe Verbindungen entstehen, die nicht zu löschen sind.
Ist nicht auch das Modell der Kleinfamilie ungeeignet, um Verluste aufzufangen?
> Je dünner und löchriger ein Familiennetz ist, desto negativer wirkt sich der Verlust eines Elternteils aus. Die Entwicklung geht ja sogar hin zur Kleinstfamilie mit Mutter und einem Kind. Dadurch entfallen ganz wichtige Stützpfeiler, die ein Kind braucht. Ob es der leibliche Vater ist, der Onkel oder ein Bruder. Heute sind deshalb vermehrt soziale Väter gefordert. Es wird in Zukunft darauf ankommen, ob Männer generell ihre väterlich-fürsorgenden Anteile mehr entwickeln können, so dass sie sich sowohl in neuen Partnerschaften mit fremden Kindern als auch bei der gesamten Sozialisation in der Schule usw. als positive Ersatzväter anbieten können.
Viele Mütter versuchen, den Vater zu ersetzen. Geht das?
> Nein. Das ist insofern eine heikle Frage, als vielfach eine kämpferische Parole daraus gemacht wurde. Im Stil von: Ohne Väter geht alles viel besser. Der Vater hat aber eine ganz eigene Funktion, die von der Mutter nicht ersetzbar ist. Deswegen sind Väter so wichtig. Eine Frau kann kein Mann sein. Es gibt Geschlechterunterschiede, darüber gibt’s heute keinen Zweifel mehr, auch wenn das zum Teil noch geleugnet wird. Die Mutter kann sich bemühen, den Vater in irgendeiner positiven Form für das Kind zu erhalten. Geregelte Besuche zu ermöglichen, ein positives Bild zu erhalten, das ist sinnvoll, aber ersetzen kann sie den Vater nicht.
ES GIBT GESCHLECHTERUNTERSCHIEDE, DARÜBER GIBT’S HEUTE KEINEN ZWEIFELMEHR, AUCH WENN DAS ZUM TEILNOCH GELEUGNET WIRD. ES GIBT BEI MÄDCHEN UND JUNGEN ANGEBORENE VERHALTENSMUSTER, DIE SEHR UNTERSCHIEDLICH SIND.
Wirkt sich die Abwesenheit des Vaters auf Jungen und Mädchen unterschiedlich aus?
> Der Verlust ist immer ein Trauma. Jungen und Mädchen verarbeiten Traumen allerdings unterschiedlich. Mädchen verarbeiten Konflikte mehr nach innen und entwickeln eher psychosomatische Störungen, während Jungen tendenziell nach außen agieren und oft sozial schwieriges Verhalten zeigen. Jungen fehlen die inneren Haltestrukturen und sozialen Wertcodierungen, die ihnen nur Vaterfiguren vermitteln können: Mut, Risikobereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit, soziale Verantwortung, Fairplay, Leistungsbezogenheit, männliches Selbstvertrauen. Für beide Geschlechter trifft zu, dass ihr weibliches bzw. männliches Identitätsgefühl durch den Vaterverlust in gleicher Weise geschwächt wird. Sowohl der Sohn, der sich nicht mit dem Vater identifizieren kann, als auch das Mädchen, das für die eigene Weiblichkeit den Vater als Spiegel braucht und in ihrer Andersartigkeit, ihrer Weiblichkeit akzeptiert werden will, leidet.
Hat die heutige Gewaltbereitschaft männlicher Jugendlicher mit der stärker verbreiteten Vaterentbehrung zu tun?
> Das liegt nahe. Es gibt Statistiken über die Häufigkeit von Kriminalität, Verwahrlosung , Süchten bei Männern, die vaterlos aufgewachsen sind oder oft auch ein negatives Männerbild durch Ersatzväter vermittelt bekamen. Ich denke, da besteht ein Zusammenhang.
Reicht allein die physische Anwesenheit eines Vaters?
> Oft werde ich gefragt, was besser sei, ein gewalttätiger Vater oder gar keiner. Es ist klar, dass pathologische, gewalttätige oder verwahrloste Väter negative Auswirkungen auf ihre Kinder haben.
Wie sieht es mit dem Vater aus, der zwar vor- handen ist, sich aber kaum um seine Kinder kümmert?
> Viele Männer haben nicht die nötige emotionale Einfühlung oder konnten die väterliche Identität nicht entwickeln. Aber dennoch: So defizitär ein Vater auch sein mag, ist seine Anwesenheit von Vorteil. Die Kinder können sich an ihm orientieren, und er sorgt für die Familie. Der emotionale Mangel ist nicht zu v e rgleichen mit einem Vater, der überhaupt nicht da ist.
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